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GEORGE ORWELL

MEIN KATALONIEN

Answer not a fool according to his folly, lest thou be
like unto him.
Answer a fool according to his folly, lest he be wise in
his own conceit.

PROVERBS XXVI, 5-6

Einen Tag, ehe ich in die Miliz eintrat, sah ich in der Lenin-Kaserne in Barcelona einen italienischen Milizsoldaten, der vor dem Offizierstisch stand.

Er war ein zдher Bursche, fьnf- oder sechsundzwanzig Jahre alt, mit rцtlichgelbem Haar und krдftigen Schultern. Seine lederne Schirmmьtze hatte er grimmig ьber ein Auge gezogen. Ich sah von der Seite, wie er, mit dem Kinn auf der Brust und einem verwirrten Stirnrunzeln, auf eine Karte starrte, die einer der Offiziere offen auf dem Tisch liegen hatte. Etwas in diesem Gesicht rьhrte mich tief. Es war das Gesicht eines Mannes, der einen Mord begehen oder sein Leben fьr einen Freund wegwerfen wьrde. Es war ein Gesicht, das man bei einem Anarchisten erwartete, obwohl er sehr wahrscheinlich ein Kommunist war. Offenherzigkeit und Wildheit lagen darin und gleichzeitig auch die rьhrende Ehrfurcht, die des Schreibens und Lesens unkundige Menschen ihren vermeintlichen Vorgesetzten entgegenbringen. Es war klar, dass er aus der Karte nicht klug werden konnte, sicherlich hielt er Kartenlesen fьr ein erstaunliches intellektuelles Kunststьck. Ich weiЯ kaum, warum, aber ich habe selten jemand gesehen — ich meine einen Mann —, fьr den ich eine solch unmittelbare Zuneigung empfand. Wдhrend man sich am Tisch unterhielt, verriet eine Bemerkung, dass ich ein Auslдnder war. Der Italiener hob seinen Kopf und sagte schnell: »Italiano?«

Ich antwortete in meinem schlechten Spanisch: »No, ingles; y tu?«

»Italiano.«

Als wir hinausgingen, schritt er quer durch das Zimmer und packte meine Hand mit hartem Griff. Seltsam, welche Zuneigung man fьr einen Fremden fьhlen kann! Es war so, als ob es seiner und meiner Seele fьr einen Augenblick gelungen sei, den Abgrund der Sprache und Tradition zu ьberbrьcken und sich in vцlliger Vertrautheit zu treffen. Ich hoffte, dass er mich genauso gut leiden mцge wie ich ihn. Ich wusste aber auch, dass ich ihn nie wieder sehen durfte, um an meinem ersten Eindruck von ihm festzuhalten. Es ist kaum nцtig zu erwдhnen, dass ich ihn wirklich nie wieder sah. In Spanien hatte man dauernd derartige Begegnungen.

Ich erwдhne diesen italienischen Milizsoldaten, da er in meiner Erinnerung lebendig geblieben ist. In seiner schдbigen Uniform und mit seinem grimmigen, rьhrenden Gesicht ist er fьr mich ein typisches Bild der besonderen Atmosphдre jener Zeit. Er ist mit all meinen Erinnerungen an diesen Abschnitt des Krieges verknьpft: den roten Fahnen in Barcelona; den schlechten Zьgen, die mit armselig ausgerьsteten Soldaten an die Front krochen; den grauen, vom Krieg angeschlagenen Stдdten hinter der Frontlinie und den schlammigen, eiskalten Schьtzengrдben in den Bergen.

Das war Ende Dezember 1936. Kaum sieben Monate sind bis heute, wдhrend ich darьber schreibe, vergangen, und doch ist es ein Abschnitt, der schon in eine gewaltige Entfernung zurьckgewichen ist. Spдtere Ereignisse haben diese Zeit viel nachhaltiger verwischt als etwa meine Erinnerungen an 1935 oder sagen wir 1905. Ich war nach Spanien gekommen, um Zeitungsartikel zu schreiben. Aber ich war fast sofort in die Miliz eingetreten, denn bei der damaligen Lage schien es das einzig Denkbare zu sein, was man tun konnte. Die Anarchisten besaЯen im Grunde genommen noch immer die Kontrolle ьber Katalonien, und die Revolution war weiter in vollem Gange. Wer von Anfang an dort gewesen war, mochte vielleicht schon im Dezember oder Januar annehmen, dass sich die Revolutionsperiode ihrem Ende nдherte. Wenn man aber gerade aus England kam, hatte der Anblick von Barcelona etwas Ьberraschen- des und Ьberwдltigendes. Zum ersten Mal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saЯ. Die Arbeiter hatten sich praktisch jedes grцЯeren Gebдudes bemдchtigt und es mit roten Fahnen oder der rot und schwarzen Fahne der Anarchisten behдngt. Auf jede Wand hatte man Hammer und Sichel oder die Anfangsbuchstaben der Revolutionsparteien gekritzelt. Fast jede Kirche hatte man ausgerдumt und ihre Bilder verbrannt. Hier und dort zerstцrten Arbeitstrupps systematisch die Kirchen. Jeder Laden und jedes Cafe trugen eine Inschrift, dass sie kollektiviert worden seien. Man hatte sogar die Schuhputzer kollektiviert und ihre Kдsten rot und schwarz gestrichen. Kellner und Ladenaufseher schauten jedem aufrecht ins Gesicht und behandelten ihn als ebenbьrtig. Unterwьrfige, ja auch fцrmliche Redewendungen waren vorьbergehend verschwunden. Niemand sagte »Senor« oder »Don« oder sogar »Usted«. Man sprach einander mit »Kamerad« und »du« an und sagte »Salud!« statt »Buenos dias«. Trinkgelder waren schon seit Primo de Riveras Zeiten verboten. Eins meiner allerersten Erlebnisse war eine Strafpredigt, die mir ein Hotelmanager hielt, als ich versuchte, dem Liftboy ein Trinkgeld zu geben. Private Autos gab es nicht mehr, sie waren alle requiriert worden. Sдmtliche StraЯenbahnen, Taxis und die meisten anderen Transportmittel hatte man rot und schwarz angestrichen. Ьberall leuchteten revolutionдre Plakate in hellem Rot und Blau von den Wдnden, so dass die vereinzelt ьbrig gebliebenen Reklamen daneben wie Lehmkleckse aussahen. Auf der Rambla, der breiten HauptstraЯe der Stadt, in der groЯe Menschenmengen stдndig auf und ab strцmten, rцhrten tagsьber und bis spдt in die Nacht Lautsprecher revolutionдre Lieder. Das Seltsamste von allem aber war das Aussehen der Menge. Nach dem дuЯeren Bild zu urteilen, hatten die wohlhabenden Klassen in dieser Stadt praktisch aufgehцrt zu existieren. AuЯer wenigen Frauen und Auslдndern gab es ьberhaupt keine »gutangezogenen« Leute. Praktisch trug jeder grobe Arbeiterkleidung, blaue Overalls oder irgendein der Milizuniform дhnliches Kleidungsstьck. All das war seltsam und rьhrend. Es gab vieles, was ich nicht verstand. In gewisser Hinsicht gefiel es mir sogar nicht. Aber ich erkannte sofort die Situation, fьr die zu kдmpfen sich lohnte. AuЯerdem glaubte ich, dass wirklich alles so sei, wie es aussah, dass dies tatsдchlich ein Arbeiterstaat wдre und dass die ganze Bourgeoisie entweder geflohen, getцtet worden oder freiwillig auf die Seite der Arbeiter ьbergetreten sei.

Ich erkannte nicht, dass sich viele wohlhabende Bьrger einfach still verhielten und vorьbergehend als Proletarier verkleideten.

Gleichzeitig mit diesen Eindrьcken spьrte man etwas vom ьblen Einfluss des Krieges. Die Stadt machte einen schlechten, ungepflegten Eindruck, die Boulevards und Gebдude waren in einem dьrftigen Zustand, bei Nacht waren die StraЯen aus Furcht vor Luftangriffen nur schwach beleuchtet, die Lдden waren meist armselig und halb leer. Fleisch war rar und Milch praktisch nicht zu erhalten, es gab kaum Kohle, Zucker oder Benzin, und Brot war wirklich sehr knapp. Schon zu dieser Zeit waren die Schlangen der Leute, die sich nach Brot anstellten, oft mehrere hundert Meter lang. Doch soweit man es beurteilen konnte, waren die Leute zufrieden und hoffnungsvoll. Es gab keine Arbeitslosigkeit, und die Lebenskosten waren immer noch дuЯerst niedrig. Auffallend mittellose Leute sah man nur selten und Bettler auЯer den Zigeunern nie. Vor allen Dingen aber glaubte man an die Revolution und die Zukunft. Man hatte das Gefьhl, plцtzlich in einer Дra der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie ein Rдdchen in der kapitalistischen Maschine. In den Friseurlдden hingen Anschlдge der Anarchisten (die Friseure waren meistens Anarchisten), in denen ernsthaft erklдrt wurde, die

Friseure seien nun keine Sklaven mehr. Farbige Plakate in den StraЯen forderten die Prostituierten auf, sich von der Prostitution abzuwenden. Die Art, in der die idealistischen Spanier die abgedroschenen Phrasen der Revolution wцrtlich nahmen, hatte fьr jeden Angehцrigen der abgebrьhten, hцhnischen Welt der englisch sprechenden Vцlker etwas Rьhrendes. Man verkaufte damals in den StraЯen fьr wenige Centimos recht naive revolutionдre Balladen ьber die proletarische Brьderschaft oder die Bosheit Mussolinis. Ich habe цfters gesehen, wie ein des Lesens fast unkundiger Milizsoldat eine dieser Balladen kaufte, mit viel Mьhe die Worte buchstabierte und sie dann, wenn er dahinter gekommen war, zu der passenden Melodie sang.

Wдhrend der ganzen Zeit war ich in der Lenin-Kaserne, angeblich, um fьr die Front ausgebildet zu werden. Als ich in die Miliz eintrat, hatte man mir gesagt, dass ich am nдchsten Tag zur Front geschickt werden solle. Aber in Wirklichkeit musste ich warten, bis eine neue centuria zusammengestellt wurde. Die Arbeitermiliz, in aller Eile zu Beginn des Krieges von den Gewerkschaften aufgestellt, hatte man bis jetzt noch nicht nach dem Vorbild der regulдren Armee organisiert. Kommandoeinheiten waren der >Zug< (seccion) mit etwa dreiЯig Mann, die centuria mit etwa hundert Mann und die >Kolonne< (columna), praktisch nichts anderes als eine groЯe Zahl Soldaten. Die Lenin-Kaserne bestand aus mehreren groЯartigen Steinbauten, einer Reitschule und weitlдufigen, gepflasterten Hцfen. Sie war frьher als Kavalleriekaserne benutzt worden, die man wдhrend der Kдmpfe im Juli erobert hatte. Meine centuria schlief in einem der Stдlle unter den Steinkrippen, auf denen noch die Namen der Kavalleristen standen, die die Pferde zu versorgen hatten. Die Pferde hatte man erbeutet und an die Front geschickt, aber die Stдlle stanken noch immer nach Pferdepisse und verfaultem Hafer. Ich blieb ungefдhr eine Woche in der Kaserne. Ich erinnere mich hauptsдchlich an den Pferdegeruch, die ungeschickten Trompetensignale (unsere Trompeter waren alle Amateure — ich hцrte zum ersten Male die richtigen spanischen Trompetensignale, als ich vor der faschistischen Linie auf sie lauschte), das Trapp-trapp der mit Nдgeln beschlagenen Stiefelsohlen auf dem Kasernenhof, die langen Morgenparaden im winterlichen Sonnenschein und die wilden FuЯballspiele auf dem Kies der Reitschule mit fьnfzig Mann auf jeder Seite. In der Kaserne lagen vielleicht tausend Mann und etwa zwanzig Frauen, auЯerdem die Frauen der Milizsoldaten, die das Essen kochten. Einige Frauen dienten immer noch in der Miliz, aber nicht mehr viele. In den ersten Schlachten hatten sie ganz selbstverstдndlich Seite an Seite mit den Mдnnern gekдmpft. Wдhrend einer Revolution scheint das eine natьrliche Sache zu sein. Jetzt aber дnderten sich die Ansichten schon. Die Milizsoldaten mussten aus der Reitschule gehalten werden, wдhrend die Frauen dort exerzierten, denn sie lachten ьber die Frauen und brachten sie aus dem Konzept. Ein paar Monate vorher hдtte niemand etwas Komisches dabei gefunden, dass eine Frau mit einem Gewehr umging-

Die ganze Kaserne befand sich in einem schmutzigen, chaotischen Zustand, in den die Miliz jedes Gebдude versetzte, das sie bewohnte. Das war wohl eines der Nebenprodukte der Revolution. In jeder Ecke fand man haufenweise zerschlagene Mцbel, zerrissene Sдttel, Kavalleriehelme aus Messing, leere Sдbelscheiden und verfaulende Verpflegung. Lebensmittel wurden fьrchterlich vergeudet, besonders das Brot. Nach jeder Mahlzeit wurde allein aus meiner Stube ein Korb voll Brot weggeworfen, eine schimpfliche Sache, wenn gleichzeitig die Zivilbevцlkerung danach darbte. Wir aЯen aus stдndig schmierigen kleinen Blechpfannen und saЯen an langen Tischplatten, die man auf Bцcke gelegt hatte. Wir tranken aus einem scheuЯlichen GefдЯ, das man porron nannte. Ein porron ist eine Glasflasche mit einer spitzen Tьlle, aus der ein dьnner Strahl Wein spritzt, wenn man die Flasche kippt. So kann man aus einiger Entfernung trinken, ohne die Flasche mit den Lippen zu berьhren, und sie kann von Hand zu Hand weitergereicht werden. Sobald ich einen porron in Gebrauch sah, streikte ich und verlangte einen Trinkbecher. In meinen Augen дhnelten diese Trinkflaschen allzu sehr Bettflaschen, besonders, wenn sie mit WeiЯwein gefьllt waren.

Nach und nach wurden Uniformen an die Rekruten ausgegeben, und da wir in Spanien waren, wurde alles einzeln verteilt, so dass niemand genau wusste, wer was erhalten hatte. Manches, was wir am nцtigsten gebrauchten, wie etwa Koppel und Patronentaschen, wurde erst im letzten Augenblick ausgegeben, als der Zug, der uns an die Front bringen sollte, schon wartete. Ich habe von einer »Uniform« der Miliz gesprochen, das erweckt wahrscheinlich einen falschen Eindruck. Es war eigentlich keine Uniform, und vielleicht wдre >Multiform< der richtige Name dafьr. Die Einkleidung jedes einzelnen erfolgte zwar nach demselben allgemeinen Plan, aber man erhielt nicht in zwei Fдllen das gleiche. Praktisch trug jeder in der Armee Kordkniehosen, aber damit hцrte die Uniformitдt auf. Einige trugen Wickelgamaschen, andere Kordgamaschen, wieder andere lederne Gamaschen oder hohe Stiefel. Jeder trug eine Jacke mit ReiЯverschluss, aber einige der Jacken waren aus Leder, andere aus Wolle und in allen erdenklichen Farben. Die Form der Mьtzen war genauso unterschiedlich wie die Leute, die sie trugen. Normalerweise schmьckte man die Mьtze vorne mit einem Parteiabzeichen, auЯerdem band sich fast jeder ein rotes oder rot-schwarzes Taschentuch um den Hals. Eine Milizkolonne war damals ein auЯergewцhnlich bunter Haufen. Aber man musste die Kleidung eben dann verteilen, wenn sie von der einen oder anderen Fabrik ьberstьrzt geliefert wurde. In Anbetracht der ganzen Umstдnde war es nicht einmal eine so schlechte Kleidung. Hem- den und Socken allerdings waren aus miserabler Baumwolle, vollstдndig nutzlos bei Kдlte. Ich wage nicht auszudenken, was die Milizsoldaten wдhrend der ersten Monate erduldet haben mьssen, als noch nichts organisiert war. Ich erinnere mich daran, dass ich einmal eine etwa zwei Monate alte Zeitung las, in der ein P.O.U.M-Fьhrer (Anm.: Arbeiterpartei der marxistischen Einigung (Partido Obrero de Unificacion Marxista).) nach dem Besuch der Front schrieb, er wolle sich darum kьmmern, dass »jeder Milizsoldat eine Decke bekommt«. Dieser Satz lдsst einen schaudern, wenn man jemals in einem Schьtzengraben geschlafen hat.

Nachdem ich zwei Tage in der Kaserne war, begann man mit der >Instruktion<, wie man es komisch genug nannte. Anfangs gab es schreckliche Szenen des Durcheinanders. Die Rekruten waren hauptsдchlich sechzehn- oder siebzehnjдhrige Jungen aus den Armutsvierteln Barcelonas, voll revolutionдrer Begeisterung, aber vollstдndig ahnungslos in bezug auf die Anforderungen eines Krieges. Es war sogar unmцglich, sie in Reih und Glied aufzustellen. Disziplin existierte nicht: wenn ein Befehl einem Mann nicht gefiel, trat er aus dem Glied vor und argumentierte heftig mit dem Offizier. Der Leutnant, der uns ausbildete, war ein untersetzter, angenehmer junger Mann mit einem frischen Gesicht, der vorher als Offizier in der regulдren Armee gedient hatte. Mit seiner feschen Haltung und in seiner blitzblanken Uniform sah er immer noch wie ein Armeeoffizier aus. Sonderbarerweise war er ein ernster und glьhender Sozialist. Mehr noch als die Leute selbst bestand er auf vollstдndiger sozialer Gleichheit zwischen allen Rдngen. Ich erinnere mich, wie er schmerzlich ьberrascht war, als ihn ein unwissender Rekrut mit »Senor« anredete. »Was! Senor! Wer ruft mich Senor? Sind wir nicht alle Kameraden?« Ich bezweifle, dass ihm diese Haltung seine Arbeit erleichterte. Unterdessen erhielten die ungeschliffenen Rekruten keinerlei militдrische Ausbildung, die ihnen in irgendeiner Weise nьtzlich sein konnte. Man hatte mir gesagt, dass Auslдnder an der Instruktion nicht teilnehmen mьssten. Ich hatte bemerkt, dass die Spanier felsenfest daran glaubten, alle Auslдnder wьssten mehr von militдrischen Dingen als sie selbst. Aber natьrlich ging ich mit den anderen zum Dienst. Ich wollte vor allem die Bedienung eines Maschinengewehrs lernen. Ich hatte noch nie Gelegenheit gehabt, damit umzugehen. Zu meiner Bestьrzung erfuhr ich, dass man uns nichts ьber den Gebrauch dieser Waffe beibringen werde. Die so genannte Instruktion erschцpfte sich in einem vцllig veralteten und geistlosen Exerzierdienst. Rechts um, links um, ganze Abteilung kehrt, Parademarsch in Dreierreihen und der ganze ьbrige nutzlose Unsinn, den ich schon gelernt hatte, als ich fьnfzehn Jahre alt war. Das war wirklich eine unglaubliche Art, um eine Armee fьr den Kleinkrieg auszubilden. Wenn man nur einige Tage zur Verfьgung hat, um einen Soldaten auszubilden, ist es eigentlich selbstverstдndlich, ihm das beizubringen, was er wirklich braucht: wie man in Deckung geht, wie man in offenem Gelдnde vorgeht, wie man auf Wache zieht und wie man eine Befestigung errichtet — vor allem aber, wie man seine Waffen gebraucht. Aber man zeigte diesem Haufen eifriger Kinder, die in wenigen Tagen an die Front geworfen werden sollten, nicht einmal, wie man ein Gewehr abfeuert oder den Sicherungsstift aus einer Handgranate herauszieht. Damals begriff ich noch nicht, dass dies nur geschah, weil man keine Waffen hatte. In der P.O.U.M.-Miliz war der Mangel an Gewehren so hoffnungslos, dass die frischen Truppen, wenn sie zur Front kamen, ihre Gewehre immer von den Truppen ьbernehmen mussten, die sie ablцsten. Ich glaube, in der ganzen Lenin-Kaserne gab es nur die Gewehre, die von den Wachtposten benutzt wurden.

Obwohl wir fьr normale Begriffe ein noch vollstдndig undisziplinierter Haufen waren, glaubte man nach einigen Tagen, wir seien schon so weit, dass wir uns in der Цffentlichkeit sehen lassen kцnnten. So lieЯ man uns morgens in die цffentlichen Gдrten auf dem Hьgel jenseits der Plaza de Espana marschieren. Hier war der gemeinsame Ьbungsplatz aller Parteimilizen, auЯerdem der Carabineros und der ersten Einheiten der neu aufgestellten Volksarmee. In den цffentlichen Gдrten bot sich ein merkwьrdiges und ermutigendes Bild. Steif marschierten die Soldaten in Abteilungen und Kompanien zwischen den abgezirkelten Blumenbeeten die Wege und Alleen auf und ab. Sie warfen ihre Brust heraus und versuchten verzweifelt, wie Soldaten auszusehen. Alle waren ohne Waffen, und keiner hatte eine komplette Uniform, obwohl bei den meisten die Milizuniform wenigstens stьckweise vorhanden war. Die Prozedur blieb sich meistens ziemlich gleich. Drei Stunden lang stolzierten wir auf und ab (der spanische Marschschritt ist sehr kurz und schnell), dann machten wir halt, verlieЯen unsere Formation und strцmten durstig zu einem Lebensmittelladen auf halbem Wege hьgelabwдrts. Dieser Laden machte ein blьhendes Geschдft mit billigem Wein. Jeder war sehr freundlich zu mir. Als Englдnder wurde ich wie eine Art Kuriositдt betrachtet. Die Carabinero-Offiziere hielten viel von mir und luden mich zu manchem Glas Wein ein. Unterdessen lieЯ ich nicht locker, unseren Leutnant, sooft ich ihn erwischte, zu beschwцren, mich im Gebrauch des Maschinengewehrs zu unterrichten. Ich zog mein Hugo-Wцrterbuch aus der Tasche und fiel in meinem abscheulichen Spanisch ьber ihn her:

»Yo se manejar fusil. No se manejar ametralladora. Quiero aprender ametralladora. Cudndo vamos aprender ametralladora?«

Die Antwort war stets ein gequдltes Lдcheln und das Versprechen, der Unterricht am Maschinengewehr werde manana beginnen. Selbstverstдndlich kam manana nie. So vergingen mehrere Tage, und die Rekruten lernten, beim Marschieren Schritt zu halten und fast elegant Haltung anzunehmen. Aber wenn sie wussten, aus welchem Ende des Gewehrs die Kugel kam, so war das schon ihr ganzes Wissen. Eines Tages gesellte sich ein bewaffneter Carabinero zu uns, als wir gerade Halt machten, und erlaubte uns, sein Gewehr zu untersuchen. Es stellte sich heraus, dass in meiner gesamten Abteilung niemand auЯer mir auch nur wusste, wie man ein Gewehr lдdt, geschweige denn, wie man damit zielt.

Wдhrend der ganzen Zeit hatte ich die ьblichen Mьhen mit der spanischen Sprache. In der Kaserne gab es auЯer mir nur noch einen Englдnder, und selbst unter den Offizieren sprach niemand ein Wort Franzцsisch. Die Sache wurde fьr mich auch dadurch nicht leichter, dass meine Kameraden untereinander normalerweise katalanisch sprachen. Die einzige Art, mich ьberhaupt verstдndlich zu machen, bestand darin, ьberall ein kleines Lexikon mit mir herumzutragen, das ich in Krisenmomenten geschwind aus meiner Tasche hervorzauberte. Aber ich mцchte dennoch eher ein Auslдnder in Spanien sein als in den meisten anderen Lдndern. Wie leicht ist es, in Spanien Freunde zu gewinnen! Schon nach ein oder zwei Tagen riefen mich viele Milizsoldaten bei meinem Vornamen, weihten mich in alle Tricks ein und ьberschьtteten mich mit ihrer Gastfreundschaft. Ich schreibe kein Propagandabuch, und ich mцchte auch nicht die P.O.U.M.-Miliz idealisieren. Das ganze Milizsystem hatte ernste Fehler, und die Leute selbst waren ein zusammengewьrfelter Haufen, denn zu dieser Zeit lieЯ die freiwillige Rekrutierung nach, und viele der besten Mдnner waren schon an der Front oder tot. Ein bestimmter Prozentsatz unter uns war immer vollstдndig nutzlos. Fьnfzehnjдhrige Jungen wurden von ihren Eltern ganz offen nur deshalb zum Eintritt in die Armee gebracht, um die zehn Peseten tдglich zu verdienen, die ein Milizsoldat als Lohn erhielt; gleichzeitig aber auch wegen des Brotes, das die Milizangehцrigen so reichlich bekamen und das sie nach Hause zu ihren Eltern schmuggeln konnten. Aber ich mцchte den sehen, der nicht mit mir ьbereinstimmt, wenn er unter die spanische Arbeiterklasse gerдt wie ich — ich sollte vielleicht sagen, unter die katalanische Arbeiterklasse, da ich auЯer mit einigen Aragoniern und Andalusiern nur mit Katalanen zusammenkam —, der dann nicht von ihrer grundsдtzlichen Anstдndigkeit beeindruckt ist; vor allem von ihrer Aufrichtigkeit und ihrer GroЯzьgigkeit. Die spanische Freigebigkeit, im gewцhnlichen Sinn des Wortes, kann einen manchmal fast in Verlegenheit bringen. Wenn man einen Spanier um eine Zigarette bittet, zwingt er einem das ganze Pдckchen auf. Und darьber hinaus gibt es noch GroЯzьgigkeit in einem tieferen Sinn, eine wahre GroЯmьtigkeit der Gesinnung, der ich immer wieder unter den aussichtslosesten Umstдnden begegnet bin. Einige Journalisten und andere Auslдnder, die wдhrend des Bьrgerkrieges durch Spanien gereist sind, haben erklдrt, dass die Spanier insgeheim bitter eifersьchtig auf die auslдndische Hilfe waren. Ich kann nur sagen, dass ich niemals etwas Derartiges beobachtet habe. Ich entsinne mich, dass, wenige Tage bevor ich die Kaserne verlieЯ, eine Gruppe von Mдnnern auf Urlaub von der Front zurьckkam. Sie unterhielten sich angeregt ьber ihre Erfahrungen und waren voller Begeisterung ьber franzцsische Truppen, die bei Huesca neben ihnen gelegen hatten. Sie sagten, die Franzosen seien sehr tapfer gewesen, und fьgten enthusiastisch hinzu: „Mas valientes que nosotros" -»Tapferer, als wir es sind!« Natьrlich дuЯerte ich Bedenken, worauf sie erklдrten, die Franzosen verstьnden mehr von der Kriegskunst — sie kцnnten besser mit Bomben, Maschinengewehren und dergleichen umgehen. Gleichwohl war die Bemerkung bezeichnend. Ein Englдnder wьrde sich eher die Hand abschneiden, als so etwas zu sagen.

Jeder Auslдnder, der in der Miliz diente, verbrachte die ersten Wochen damit, die Spanier liebenzulernen und sich gleichzeitig ьber einige ihrer Eigenschaften zu дrgern. An der Front erreichte meine eigene Verдrgerung manchmal den Gipfel der Wut. Die Spanier sind in vielen Dingen sehr geschickt, aber nicht im Kriegfьhren. Ohne Ausnahme sind alle Auslдnder ьber ihre Unfдhigkeit erschrocken, vor allem ihre unbeschreibliche Unpьnktlichkeit. Kein Auslдnder wird es vermeiden kцnnen, ein spanisches Wort zu lernen, es heiЯt manana — >morgen<. Wenn es nur irgendwie mцglich ist, wird eine Arbeit von heute auf manana verschoben. Das ist so weltbekannt, dass sogar die Spanier selbst Witze darьber machen. In Spanien ereignet sich nichts zur angesetzten Zeit; sei es eine Mahlzeit oder eine Schlacht. In der Regel geschieht alles zu spдt. Nur rein zufдllig — damit man sich selbst darauf nicht verlassen kann, dass sich etwas spдt ereignet — geschieht es manchmal zu frьh. Ein Zug, der um acht Uhr abfahren soll, wird normalerweise irgendwann zwischen neun und zehn abfahren, aber vielleicht einmal in der Woche fдhrt er dank einer persцnlichen Laune des Lokomotivfьhrers um halb acht ab. So etwas kann natьrlich ein wenig anstrengend sein. Theoretisch jedoch bewundere ich die Spanier, weil sie unsere nordeuropдische Zeitneurose nicht teilen; aber unglьcklicherweise bin ich selbst davon befallen.

Nach endlosen Gerьchten, mananas und Verzцgerungen erhielten wir plцtzlich den Befehl, uns innerhalb von zwei Stunden zur Front in Marsch zu setzen, als ein groЯer Teil unserer Ausrьstung noch nicht ausgegeben war. Auf der Kammer gab es furchtbare Tumulte; zum Schluss musste eine groЯe Anzahl Leute ohne ihre volle Ausrьstung abmarschieren. Die Kaserne war rasch voller Frauen, die aus dem Boden zu wachsen schienen und ihrem Mannsvolk halfen, ihre Decken zusammenzurollen und ihre Rucksдcke zu packen. Es war sehr demьtigend fьr mich, dass mir ein spanisches Mдdchen, die Frau von Williams, dem anderen englischen Milizsoldaten, zeigen musste, wie ich meine neuen ledernen Patronentaschen anzuschnallen hatte. Sie war ein liebenswьrdiges, dunkelдugiges und hцchst weibliches Geschцpf. Sie sah aus, als ob ihre Lebensarbeit darin bestьnde, eine Wiege zu schaukeln. In Wirklichkeit aber hatte sie bei den StraЯenschlachten im Juli tapfer gefochten. Augenblicklich trug sie ein Baby mit sich, das gerade zehn Monate nach Ausbruch des Krieges zur Welt gekommen und vielleicht hinter den Barrikaden gezeugt worden war.

Der Zug sollte um acht abfahren, und es war etwa zehn nach acht, als es den geplagten, schwitzenden Offizieren gelang, uns auf dem Kasernenhof aufzustellen. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die von Fackeln erleuchtete Szene: das Getьmmel und die Aufregung, die roten Fahnen, die im Fackellicht flatterten, die Reihen der Milizsoldaten mit ihren Rucksдcken auf dem Rьcken und ihren gerollten Decken, die sie wie Patronengurte ьber der Schulter trugen; und das Geschrei und das Klappern der Stiefel und Blechessnдpfe und dann schlieЯlich ein gewaltiges und schlieЯlich erfolgreiches Ruhezischen; und dann ein politischer Kommissar, der unter einem riesigen, rauschenden roten Banner stand und uns eine Ansprache auf katalanisch hielt. Endlich lieЯ man uns zum Bahnhof marschieren, indem wir die lдngste Route von etwa fьnf oder sechs Kilometern einschlugen, um uns der ganzen Stadt zu zeigen. In der Rambla mussten wir Halt machen, wдhrend eine herbeigeholte Kapelle irgendwelche Revolutionslieder spielte. Noch einmal Heldenrummel — Geschrei und Begeisterung, ьberall rote und rot-schwarze Fahnen, freundliche Volksmassen, die sich auf dem Bьrgersteig drдngten, um uns zu sehen, Frauen, die aus den Fenstern winkten. Wie natьrlich schien damals alles; wie entfernt und unwahrscheinlich heute! Der Zug war so dicht mit Mдnnern voll gepackt, dass selbst auf dem FuЯboden kaum Platz war, geschweige denn auf den Sitzen. Im letzten Moment lief Williams' Frau am Bahnsteig entlang und gab uns eine Flasche Wein und ein drittel Meter der knallroten Wurst, die nach Seife schmeckt und Durchfall bewirkt. Der Zug kroch mit der normalen Kriegsgeschwindigkeit von weniger als zwanzig Kilometern in der Stunde aus Katalonien hinaus und auf das Plateau von Aragonien hinauf.

Barbastro sah цde und zerstцrt aus, obwohl es weit hinter der Front lag. In Gruppen schlenderten die Milizsoldaten mit ihren schlechten Uniformen die StraЯen auf und ab und versuchten, sich warm zu halten. An einer baufдlligen Wand fand ich ein Plakat aus dem Vorjahr, das ankьndigte, am Soundsovielten wьrden »sechs stattliche Stiere« in der Arena getцtet. Wie verloren sahen die verblichenen Farben aus! Wo waren die stattlichen Stiere und die stattlichen Stierkдmpfer jetzt? Es schien, dass es heute selbst in Barcelona kaum noch Stierkдmpfe gab; aus irgendeinem Grund waren die besten Matadore alle Faschisten.

Meine Kompanie wurde auf Lastwagen nach Sietamo geschickt, von dort weiter westlich nach Alcubierre, das gerade hinter der Front gegenьber von Saragossa lag. Dreimal hatte man um Sietamo gekдmpft, ehe es im Oktober von den Anarchisten endgьltig erobert wurde. Teile der Stadt waren durch Granatfeuer zertrьmmert und die meisten Hдuser durch die Einschlдge der Gewehrkugeln wie von Pockennarben ьbersдt.

Wir befanden uns jetzt etwa vierhundertfьnfzig Meter ьber Meereshцhe. Es war scheuЯlich kalt, dazu dichter Nebel, der aus dem Nichts heraufwirbelte. Der Lastwagenfahrer verfuhr sich zwischen Sietamo und Alcubierre (das war eines der typischen Merkmale dieses Krieges), und wir irrten stundenlang durch den Nebel. Spдt in der Nacht erreichten wir Alcubierre. Jemand fьhrte uns durch schlammigen Morast in einen Maultierstall, wo wir uns in die Spreu eingruben und sofort einschliefen. Spreu ist zum Schlafen nicht schlecht, wenn sie sauber ist, nicht so gut wie Heu, aber besser als Stroh. Erst beim Morgenlicht entdeckte ich, dass die Spreu voller Brotkrusten, zerrissener Zeitungen, Knochen, toter Ratten und schartiger Milchbьchsen war.

Wir waren jetzt nahe an der Front, nahe genug, um den charakteristischen Geruch des Krieges zu riechen — nach meiner Erfahrung ein Gestank von Exkrementen und verfaulenden Lebensmitteln. Alcubierre war nie von der Artillerie beschossen worden und befand sich in einem besseren Zustand als die meisten Dцrfer unmittelbar hinter der Front. Aber ich glaube, dass man selbst in Friedenszeiten nicht durch diesen Teil von Spanien reisen konnte, ohne von dem besonders armseligen Elend der aragonischen Dцrfer betroffen zu sein. Sie sind wie Festungen gebaut. Eine Menge mittelmдЯiger, kleiner Hдuser aus Lehm und Stein drдngt sich um die Kirche, und selbst im Frьhling sieht man kaum irgendwo eine Blume. Die Hдuser haben keine Gдrten, nur Hinterhцfe, in denen magere Hьhner ьber Haufen von Maultiermist rutschen. Es war ein widerliches Wetter, abwechselnd Nebel und Regen. Die engen Landwege hatten sich in einen See von Schlamm verwandelt, der stellenweise bis zu sechzig Zentimeter tief war. Durch diesen Schlamm wьhlten sich die Lastwagen mit rasend drehenden Rдdern und fьhrten die Bauern ihre schwerfдlligen Karren, die von Maultiergespannen gezogen wurden, manchmal sechs in einer Reihe und immer voreinander gespannt. Das stдndige Kommen und Gehen der Truppen hatte das Dorf in einen Zustand unaussprechlichen Schmutzes versetzt. Irgendeine Toilette oder eine Art Kanalisation besaЯ es nicht und hatte es nie besessen, daher fand man auch nicht einen Quadratmeter, wo man gehen konnte, ohne darauf achten zu mьssen, wohin man trat. Die Kirche hatte man schon seit langem als Latrine benutzt, ebenso aber auch alle Felder im Umkreis von etwa vierhundert Metern. Ich denke nie an meine ersten zwei Kriegsmonate, ohne mich an winterliche Stoppelfelder zu erinnern, deren Rдnder mit Kot ьberkrustet waren. Zwei Tage vergingen, und immer noch wurden keine Gewehre an uns ausgegeben. Wenn man im Comite de Guerra gewesen war und eine Reihe Lцcher in der Wand besichtigt hatte — Einschlдge der Gewehrsalven, durch die hier Faschisten erschossen wurden —, hatte man alle Sehenswьrdigkeiten gesehen, die es in Alcubierre gab. DrauЯen an der Front war offensichtlich alles ruhig, nur wenige Verwundete kamen ins Dorf. Die grцЯte Aufregung rief die Ankunft faschistischer Deserteure hervor, die unter Bewachung von der Front gebracht wurden. Viele der Truppen, die uns an diesem Teil der Front gegenьberlagen, waren gar keine Faschisten, sondern nur unglьckliche Dienstpflichtige, die gerade in der Armee dienten, als der Krieg ausbrach, und die nun eifrig bemьht waren zu fliehen. Gelegentlich wagten kleine Gruppen, zu unserer Linie hinьberzuschlьpfen. Ohne Zweifel wдren noch mehr geflohen, wenn ihre Verwandten nicht auf faschistischem Gebiet gewohnt hдtten. Diese Deserteure waren die ersten >richtigen< Faschisten, die ich je zu Gesicht bekam. Es fiel mir auf, dass sie sich in nichts von uns unterschieden, auЯer dass sie Khaki-Overalls trugen. Wenn sie bei uns ankamen, waren sie immer heiЯhungrig — eine natьrliche Sache, nachdem sie sich ein oder zwei Tage im Niemandsland herumgedrьckt hatten. Aber diese Tatsache wurde triumphierend als eine Bestдtigung dafьr angesehen, dass die faschistischen Truppen Hunger litten. Ich schaute zu, wie einer von ihnen in einem Bauernhaus gefьttert wurde. Es war ein erbarmungswьrdiger Anblick. Der groЯe zwanzigjдhrige Junge, vom Wetter gebrдunt und die Kleider in Lumpen, duckte sich vor dem Feuer und schaufelte mit verzweifelter Eile ein Kochgeschirr voll Stew in sich hinein. Wдhrend der ganzen Zeit flogen seine Augen nervцs im Kreis der Milizsoldaten umher, die dabeistanden und ihn beobachteten. Ich denke, er glaubte wohl immer noch, dass wir blutdьrstige >Rote< seien und ihn erschieЯen wьrden, sobald er seine Mahlzeit beendet habe. Die bewaffneten Mдnner, die ihn bewachten, klopften ihm auf die Schulter und versuchten ihn zu beruhigen. An einem denkwьrdigen Tag kamen fьnfzehn Deserteure in einem einzigen Trupp. Man fьhrte sie im Triumph durch das Dorf, und ein Mann ritt auf einem weiЯen Pferd vor ihnen her. Es gelang mir, ein ziemlich unscharfes Foto aufzunehmen, das mir spдter gestohlen wurde.

Am dritten Morgen unseres Aufenthaltes in Alcubierre kamen die Gewehre an. Ein Sergeant mit plumpem, dunkelgelbem Gesicht verteilte sie im Maultierstall. Ich erschrak vor Entsetzen, als ich sah, was man mir in die Hand drьckte. Es war ein deutsches Mausergewehr aus dem Jahr 1896 -mehr als vierzig Jahre alt! Es war rostig, das Schloss klemmte, und der hцlzerne Laufschutz war zersplittert. Ein Blick in die Mьndung zeigte, dass der Lauf zerfressen und ein hoffnungsloser Fall war. Die meisten der anderen Gewehre waren genauso schlecht, einige sogar noch schlechter, und niemand machte den Versuch, die besten Waffen den Mдnnern zu geben, die damit umzugehen wussten. Das beste Gewehr der Sammlung, nur zehn Jahre alt, gab man einem einfдltigen kleinen fьnfzehnjдhrigen Scheusal, von dem jeder wusste, dass er ein maricon (Homosexueller) war. Der Sergeant gab uns fьnf Minuten »Instruktion«, die darin bestand, uns zu erklдren, wie man ein Gewehr lud und wie man den Bolzen herausnahm. Viele Milizsoldaten hatten nie zuvor ein Gewehr in der Hand gehabt, und ich vermute, dass sehr wenige wussten, wozu das Visier da war. Patronen wurden ausgeteilt, jeweils fьnfzig pro Mann. Dann traten wir in Reih und Glied an, schulterten unsere Ausrьstung und setzten uns zu der etwa viereinhalb Kilometer entfernten Front in Bewegung.

Die centuria, achtzig Mдnner und mehrere Hunde, bewegte sich in unregelmдЯigen Windungen die StraЯe hinauf. Jede Milizkolonne hatte sich zumindest einen Hund als Maskottchen zugelegt. Einem dieser elenden Viecher, das mit uns marschierte, hatte man P.O.U.M. in groЯen Buchstaben aufgebrannt, und es schlich daher, als ob es wьsste, dass etwas mit seinem Aussehen nicht in Ordnung sei. An der Spitze der Kolonne auf einem schwarzen Pferd ritt Georges Kopp, der stдmmige belgische Comandante, neben der roten Fahne. Etwas weiter vorne ritt ein Junge der rдuberдhnlichen Milizkavallerie stolz auf und ab. Jede kleine Anhцhe galoppierte er hinauf und setzte sich auf der Hцhe in malerischer Haltung in Positur. Wдhrend der Revolution hatte man die vorzьglichen Pferde der spanischen Kavallerie in groЯer Zahl erbeutet und der Miliz ьbergeben, die sie natьrlich fleiЯig zu Tode ritt.

Die StraЯe zog sich zwischen gelben, unfruchtbaren Feldern dahin, die seit der Ernte des letzten Jahres unberьhrt geblieben waren. Vor uns lag die niedrige Sierra, die sich zwischen Alcubierre und Saragossa erstreckt. Wir kamen jetzt nдher an die Front, nдher heran an die Bomben, die Maschinengewehre und den Schlamm. Insgeheim hatte ich Angst. Ich wusste, dass die Front zur Zeit ruhig war, aber im Gegensatz zu den meisten Mдnnern neben mir war ich alt genug, mich an den Weltkrieg zu erinnern, wenn auch nicht so alt, um mitgekдmpft zu haben. Krieg bedeutete fьr mich donnernde Geschosse und herumschwirrende Stahlsplitter. Vor allem bedeutete es Schlamm, Lдuse, Hunger und Kдlte. Es ist merkwьrdig, aber ich fьrchtete mich vor der Kдlte mehr als vor dem Feind. Der Gedanke daran hatte mich wдhrend der ganzen Dauer meines Aufenthaltes in Barcelona heimgesucht. Ich hatte sogar nachts wach gelegen und an die Kдlte in den Schьtzengrдben gedacht, an die Alarmbereitschaft wдhrend der grдsslichen Morgendдmmerung, die langen Stunden des Wacheschiebens mit einem reifbedeckten Gewehr und den eisigen Schlamm, der ьber meine Stiefelrдnder laufen wьrde. Ich gebe auch zu, dass ich eine Art Grausen spьrte, wenn ich mir die Leute ansah, mit denen ich marschierte. Man kann sich unmцglich vorstellen, welch ein elender Haufen wir waren. Wir zogen zerstreut dahin, mit weniger Zusammenhalt als eine Herde Schafe. Wir waren noch keine drei Kilometer marschiert, als man das Ende der Kolonne schon nicht mehr sehen konnte. Gut die Hдlfte der so genannten Mдnner waren Kinder — und ich meine wцrtlich Kinder, sechzehn Jahre alt, wenn es hoch kam. Doch sie waren alle glьcklich und aufgeregt von der Aussicht, endlich an die Front zu kommen. Als wir uns der Kampflinie nдherten, begannen die Jungen unter der roten Fahne an der Spitze zu rufen: »Visca P.O.U.M.!«, »Fascistas — maricones!« und so fort. Ein Geschrei, das kriegerisch und drohend sein sollte, da es aber aus diesen kindlichen Kehlen kam, so pathetisch klang wie die Schreie von Kдtzchen. Es schien schrecklich, dass dieser Haufen zerlumpter Kinder, die abgenutzte Gewehre trugen, von denen sie nicht wussten, wie sie bedient wurden, die Verteidiger der Republik sein sollten. Ich erinnere mich, dass ich neugierig war, was geschehen wьrde, wenn ein faschistisches Flugzeug ьber uns wegflцge — ob der Flieger es ьberhaupt fьr nцtig halten wьrde hinabzustoЯen, um uns mit einer Runde seines Maschinengewehrs zu ьberschьtten. Sicherlich konnte er sogar aus der Luft sehen, dass wir keine richtigen Soldaten waren.

Als die StraЯe die Sierra erreichte, zweigten wir nach rechts ab und kletterten einen schmalen Maultierpfad hoch, der sich um die Flanke des Berges herumwand. Die Hьgel in diesem Teil Spaniens haben eine eigentьmliche Form, nдmlich die Gestalt von Hufeisen mit flachen Kuppen und sehr steilen Abhдngen, die in riesige Schluchten hinabstьrzen. Auf den oberen Hдngen wдchst nichts auЯer verkьmmerten Stauden und Heidekraut, dazwischen lugen ьberall die weiЯen Umrisse des Kalksteins hervor. Die vorderste Stellung bestand hier nicht aus einer zusammenhдngenden Linie von Schьtzengrдben, das wдre in einem solch bergigen Gelдnde unmцglich gewesen. Es war einfach eine Kette befestigter Posten, die man jeweils >Stellung< nannte und die auf jeder Hьgelkuppe saЯen. In einiger Entfernung konnte man unsere >Stellung< auf dem Scheitelpunkt des Hufeisens sehen: eine zerfetzte Barrikade aus Sandsдcken, eine flatternde rote Fahne und der Rauch der Feuer in den Unterstдnden. Wenn man etwas nдher kam, konnte man einen ekelerregenden, sьЯlichen Gestank riechen, der sich noch viele Wochen hinterher in meiner Nase hielt. Unmittelbar hinter der Stellung war der Mьll vieler Monate in die Schlucht gekippt worden — eine tiefe Schwдre aus Brotkrusten, Kot und rostigen Blechdosen.

Die Kompanie, die wir ablцsten, packte gerade ihre Ausrьstung zusammen. Die Leute hatten drei Monate an der Front gelegen. Schlamm backte an ihren Uniformen, ihre Stiefel fielen auseinander, und ihre Gesichter waren grцЯtenteils von Bдrten bedeckt. Der Hauptmann, der den Befehl ьber die Stellung hatte, kroch aus seinem Unterstand und begrьЯte uns. Er hieЯ Levinski, aber jeder kannte ihn unter dem Namen Benjamin. Von Geburt war er ein polnischer Jude, aber seine Muttersprache war Franzцsisch. Der kleine junge Kerl, etwa fьnfundzwanzig Jahre alt, hatte straffes schwarzes Haar und ein bleiches, lebhaftes Gesicht, das wдhrend dieser Periode des Krieges immer sehr schmutzig war. Einige verirrte Kugeln pfiffen hoch ьber unseren Kцpfen. Die Stellung bestand aus einer halbkreisfцrmigen Einfriedigung mit einem Durchmesser von etwa fьnfzig Metern und einer Brustwehr, die teilweise aus Sandsдcken und teilweise aus Kalksteinbrocken bestand. DreiЯig oder vierzig Unterstдnde verliefen wie Rattenlцcher in den Boden. Williams, ich selbst und Williams' spanischer Schwager stьrzten uns sofort auf den nдchsten unbesetzten Unterstand, der bewohnbar aussah. Irgendwo vor uns knallte von Zeit zu Zeit ein Gewehr und verursachte ein merkwьrdig rollendes Echo zwischen den steinigen Hьgeln. Wir hatten gerade unser Gepдck hingeworfen und krochen aus dem Unterstand hinaus, als es wiederum knallte und eines der Kinder unserer Kompanie von der Brustwehr zurьckstьrzte, das Gesicht voll von Blut. Er hatte sein Gewehr abgefeuert und es irgendwie fertig gebracht, das Schloss herauszusprengen. Seine Kopfhaut war durch die Splitter der explodierenden Patronenhьlse zerfetzt worden. Er war unser erster Verwundeter, und zwar durch eigenes Verschulden.

Am Nachmittag zogen wir zum ersten Mal auf Wache, und Benjamin zeigte uns die ganze Stellung. Vor der Brustwehr lief ein System von engen, aus dem Fels gehauenen Schьtzengrдben mit дuЯerst primitiven SchieЯscharten, die aus Kalksteinhaufen bestanden. Zwцlf Wachtposten standen an verschiedenen Punkten im Schьtzengraben und hinter der inneren Brustwehr. Vor dem Schьtzengraben lag Stacheldraht, und dann glitt der Abhang in eine anscheinend bodenlose Schlucht hinab. Gegenьber lagen nackte Hьgel, stellenweise schiere Felsklippen, grau und winterlich, nirgendwo Leben, nicht einmal ein Vogel. Ich spдhte vorsichtig durch eine SchieЯscharte und versuchte, den faschistischen Schьtzengraben zu finden. »Wo ist der Feind?«

Benjamin winkte ausholend mit seiner Hand. »Dort drьben.« (Benjamin sprach englisch — aber ein furchtbares Englisch.)

»Aber wo?«

Meiner Vorstellung vom Schьtzengrabenkrieg entsprechend sollten die Faschisten fьnfzig oder hundert Meter weit entfernt liegen. Ich sah nichts — anscheinend waren ihre Schьtzengrдben sehr gut versteckt. Dann sah ich erschrocken und entsetzt, wohin Benjamin zeigte: zur gegenьberliegenden Hьgelkuppe. Jenseits der Schlucht, mindestens siebenhundert Meter weit weg, die dьnnen Umrisse einer Brustwehr und eine rot-gelbe Fahne — die faschistische Stellung. Ich war unbeschreiblich enttдuscht. Wir waren ihnen nirgendwo nahe! Auf diese Entfernung waren unsere Gewehre vollstдndig nutzlos. In diesem Augenblick ertцnte ein aufgeregtes Geschrei. Uns gegenьber krochen zwei Faschisten, graue Figuren in weiter Entfernung, den nackten Abhang hinauf. Benjamin ergriff das Gewehr des neben uns stehenden Mannes, zielte und drьckte ab. Klick! Ein Versager; ich hielt es fьr ein schlechtes Omen.

Die neuen Wachtposten waren kaum im Schьtzengraben, als sie schon ein fьrchterliches Gewehrfeuer ins Ungewisse abschossen. Ich konnte sehen, wie sich die Faschisten, winzig wie Ameisen, hinter ihrer Brustwehr hin und her bewegten. Manchmal stand ein schwarzer Punkt, ein Kopf, einen Moment still, unverschдmt zur Schau gestellt. Es hatte augenscheinlich keinen Zweck zu schieЯen. Aber sogleich verlieЯ der Wachtposten zu meiner Linken in typisch spanischer Weise seine Position, kam auf meine Seite und drдngte mich zu schieЯen. Ich versuchte ihm zu erklдren, dass man auf diese Entfernung und mit diesen Gewehren einen Mann nur durch einen Zufall treffen kцnnte. Aber er war eben ein Kind und zeigte weiter mit seinem Gewehr auf einen der Punkte, ungeduldig die Zдhne fletschend wie ein Hund, der erwartet, dass man einen Kieselstein wirft. SchlieЯlich stellte ich mein Visier auf siebenhundert Meter ein und feuerte. Der Punkt verschwand. Ich hoffte, der Schuss ging nahe genug, um ihn zum Springen zu bringen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit einem Gewehr auf ein menschliches Wesen schoss.

Nun, nachdem ich die Front gesehen hatte, war ich grьndlich angeekelt. Das nannte man Krieg! Und wir hatten sogar kaum Berьhrung mit dem Feind! Ich versuchte nicht einmal, meinen Kopf unter dem Rand des Schьtzengrabens zu halten. Aber eine kurze Weile spдter schoss eine Kugel mit einem bцsartigen Knall an meinem Ohr vorbei und schlug in die Rьckenwehr hinter mir ein. Ach! Ich duckte mich. Mein Leben lang hatte ich mir geschworen, mich nicht zu ducken, wenn zum ersten Male eine Kugel ьber mich hinwegflцge. Aber die Bewegung scheint instinktiv zu sein, und fast jeder tut es mindestens einmal.

Im Schьtzengrabenkrieg sind fьnf Dinge wichtig: Brennholz, Lebensmittel, Tabak, Kerzen und der Feind. Im Winter an der Saragossa-Front waren sie in dieser Reihenfolge wichtig, und der Feind war schlechterdings das letzte. Niemand kьmmerte sich um den Feind, auЯer bei Nacht, wenn ein Ьberraschungsangriff jederzeit denkbar war. Die Gegner waren einfach weit entfernte schwarze Insekten, die man gelegentlich hin und her springen sah. Die eigentliche Hauptbeschдftigung beider Armeen bestand in dem Versuch, sich warm zu halten.

Ich sollte beilдufig sagen, dass ich wдhrend meines ganzen Aufenthaltes in Spanien sehr wenig richtige Kдmpfe sah. Ich war von Januar bis Mai an der Front in Aragonien, und zwischen Januar und Ende Mдrz ereignete sich an dieser Front auЯer bei Teruel wenig oder gar nichts. Im Mдrz kam es zu heftigen Kдmpfen in der Nдhe von Huesca, aber ich selbst spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Spдter im Juni erfolgte der verhдngnisvolle Angriff auf Huesca, bei dem einige tausend Mann an einem einzigen Tag getцtet wurden. Aber ich war schon verwundet worden und kampfunfдhig, ehe dieser Angriff stattfand. Mir selbst stieЯen nur selten die Dinge zu, die man sich normalerweise als die Schrecken des Krieges vorstellt.

Kein Flugzeug lieЯ je eine Bombe auch nur in meine Nдhe fallen. Ich glaube nicht, dass eine Granate je nдher als fьnfzig Meter von mir entfernt explodierte, und ich geriet nur einmal in einen Kampf Mann gegen Mann (obwohl ich sagen mцchte, einmal ist einmal zuviel). Natьrlich lag ich oft unter schwerem Maschinengewehrfeuer, aber normalerweise auf groЯe Entfernung. Selbst bei Huesca war man im allgemeinen sicher, wenn man Vernunft und Vorsicht walten lieЯ.

Hier oben in den Hьgeln um Saragossa war es einfach eine Mischung von Langeweile und Unbehagen am Stellungskrieg. Das Leben war so ohne Ereignisse wie bei einem Bьroangestellten in der Stadt und fast genauso regelmдЯig. Wache schieben, Spдhtrupps, graben — graben, Spдhtrupps, Wache schieben. Auf jeder Hьgelkuppe, ob faschistisch oder loyalistisch, zitterte ein Haufen zerlumpter, schmutziger Mдnner rund um ihre Fahne und versuchte, sich warm zu halten. Und bei Tag und Nacht wanderten sinnlose Kugeln ьber die leeren Tдler hinweg, und nur durch irgendeinen seltenen, unwahrscheinlichen Zufall fanden sie ihr Ziel in einem menschlichen Kцrper.

Oft schaute ich ьber die Winterlandschaft hinweg und wunderte mich ьber die Nutzlosigkeit des Ganzen. Welche Ergebnislosigkeit einer solchen Art von Krieg! Frьher, ungefдhr im Oktober, hatte es wilde Kдmpfe um alle diese Hьgel gegeben. Dann aber wurden aus Mangel an Menschen und Waffen, besonders an Artillerie, groЯzьgige Operationen unmцglich, und jede Armee hatte sich auf den Hьgelkuppen eingegraben und festgesetzt, die sie erobert hatte. Rechts von uns war ein kleiner Vorposten, auch von der P.O.U.M. besetzt, und auf dem Vorwerk zu unserer Linken, in der Richtung sieben des Uhrzeigers, eine P.S.U.C.-Stellung, die einem grцЯeren Vorwerk mit verschiedenen kleinen, ьber den Gipfel verstreuten faschistischen Positionen gegenьberlag. Die so genannte Kampflinie ging im Zickzack hin und her und formte ein Muster, das unverstдndlich gewesen wдre, hдtte nicht jede Stellung ihre Fahne gezeigt. Die Fahnen der P.O.U.M. und P.S.U.C. waren rot, die der Anarchisten rot und schwarz. Die Faschisten zeigten gewцhnlich die monarchistische Flagge (rot-gelb-rot), aber gelegentlich fьhrten sie auch die Fahne der Republik (rot-gelb-purpurn)(Anm.: In einer nach Orwells Tod in seinen Papieren gefundenen Druckfehler-Verbesserung steht: »Bin nun nicht ganz sicher, ob ich jemals sah, dass die Faschisten die republikanische Flagge zeigten, obwohl ich glaube, dass sie sie manchmal mit einem kleinen aufgesetzten Hakenkreuz fьhrten.«). Die Szenerie war groЯartig, wenn man vergessen konnte, dass jeder Berggipfel von Truppen besetzt und deshalb mit Blechbьchsen ьbersдt und von Kot ьberkrustet war. Rechts von uns bog die Sierra nach Sьdosten und gab Raum fьr das weite, gerippte Tal, das sich nach Huesca hinьberzog. In der Mitte der Ebene lagen einige winzige Kuben verstreut wie nach einem Wьrfelspiel. Das war die Stadt Robres, die in der Hand der Loyalisten war. Morgens war das Tal oft unter Wolkenmeeren versteckt, aus denen die Hьgel sich flach und blau erhoben. Sie gaben der Landschaft eine seltsame Дhnlichkeit mit einem fotografischen Negativ. Jenseits von Huesca lagen noch mehrere Hьgel von der gleichen Art wie unsere. Sie waren mit einem Schneemuster gestreift, das von Tag zu Tag wechselte. In groЯer Entfernung schienen die riesigen Gipfel der Pyrenдen, auf denen der Schnee niemals schmilzt, im Nichts zu schweben. Selbst unten in der Ebene sah alles tot und leer aus. Die Hьgel uns gegenьber waren grau und runzelig wie die Haut von Elefanten.

Der Himmel war fast immer ohne Vцgel. Ich glaube kaum, dass ich jemals ein Land gesehen habe, wo es so wenig Vцgel gab. Die einzigen Vцgel, die man manchmal sah, waren eine Art Elstern und Ketten von Rebhьhnern, die uns nachts durch ihr plцtzliches Schwirren aufschreckten, sowie sehr selten Adler, die langsam ьber uns hinwegsegelten, normalerweise verfolgt von Gewehrschьssen, die sie nicht zu bemerken geruhten.

Nachts und bei nebligem Wetter wurden Spдhtrupps in das Tal zwischen uns und den Faschisten hinausgesandt. Diese Unternehmungen waren nicht beliebt, es war zu kalt, und man konnte zu leicht umkommen. So fand ich bald heraus, dass ich die Erlaubnis erhielt, auf Spдhtrupps zu gehen, sooft ich wollte. In den riesigen zerklьfteten Schluchten gab es keinerlei Pfade oder Wege. Man konnte sich ьberhaupt nur zurechtfinden, wenn man mehrere aufeinanderfolgende Erkundungen unternahm und sich jedes Mal neue Markierungen merkte. In direkter Linie lag der nдchste faschistische Posten siebenhundert Meter von unserem eigenen entfernt, aber auf der einzig gangbaren Route betrug die Entfernung zweieinhalb Kilometer. Es war ein ziemlicher SpaЯ, in den dunklen Tдlern herumzustreifen, wдhrend verirrte Kugeln hoch ьber dem Kopf hin- und herflogen und dabei wie Schnepfen pfiffen. Besser als das Dunkel der Nacht war der dichte Nebel, der sich oft den ganzen Tag ьber hielt und sich um die Hьgelkuppen legte, die Tдler aber klar lieЯ. Wenn man nahe an den faschistischen Grдben war, musste man im Schneckentempo kriechen. Es war sehr schwierig, sich gerдuschlos an den Abhдngen zwischen knackenden Bьschen und klickenden Kalksteinen ohne Gerдusch zu bewegen. Erst beim dritten oder vierten Versuch gelang es mir, meinen Weg zu der faschistischen Kampflinie zu finden. Der Nebel war sehr dicht, und ich kroch an den Stacheldraht heran, um zu lauschen. Ich konnte die Faschisten in ihrem Graben sprechen und singen hцren. Dann vernahm ich zu meiner Bestьrzung, wie einige von ihnen den Hьgel herunter auf mich zukamen. Ich duckte mich hinter einen Busch, der plцtzlich sehr klein erschien, und versuchte, mein Gewehr ohne Lдrm zu spannen. Aber sie bogen ab, und ich sah sie nicht einmal. Hinter dem Busch, wo ich mich verborgen hatte, fand ich verschiedene Spuren frьherer Kдmpfe: einen Haufen leerer Patronenhьlsen, eine Lederkappe, darin das Loch einer Gewehrkugel, und eine rote Fahne, augenscheinlich eine der unseren. Ich nahm sie mit zurьck zur Stellung, wo sie gefьhllos zerrissen und als Putzlappen gebraucht wurde.

Sobald wir an der Front angekommen waren, hatte man mich zum Korporal oder cabo, wie es hieЯ, ernannt, und mir das Kommando ьber eine Abteilung von zwцlf Mann ьbertragen. Das war, besonders am Anfang, kein eintrдgliches Amt. Die centuria war ein ungeьbter Haufen und bestand hauptsдchlich aus Jungen unter zwanzig. Manchmal begegnete man in der Miliz Kindern, die nicht дlter als elf oder zwцlf waren. Gewцhnlich handelte es sich um Flьchtlinge aus dem faschistischen Gebiet, die man zu Milizsoldaten gemacht hatte, da das der einfachste Weg war, um fьr sie zu sorgen. In der Regel wurden sie in der Etappe mit leichter Arbeit beschдftigt, aber gelegentlich gelang es ihnen, sich bis zur Front durchzuschleichen, wo sie zu einer цffentlichen Gefahr wurden. Ich erinnere mich an ein kleines Scheusal, das eine Handgranate »zum SpaЯ« in das Feuer im Unterstand warf. Am Monte Pocero war, glaube ich, niemand jьnger als fьnfzehn, aber das Durchschnittsalter muss gut unter zwanzig gewesen sein. Jungen in diesem Alter sollten niemals in der Kampflinie eingesetzt werden, denn sie kцnnen den Mangel an Schlaf, der mit dem Schьtzengrabenkrieg untrennbar verbunden ist, nicht vertragen. Zunдchst war es fast unmцglich, unsere Stellung wдhrend der Nacht anstдndig zu bewachen. Die bejammernswerten Kinder meiner Abteilung waren nur auf die Beine zu bringen, indem man sie mit den FьЯen zuerst aus ihren Unterstдnden zerrte. Sobald man den Rьcken drehte, verlieЯen sie ihre Posten und schlьpften wieder in den Unterstand. Oder aber sie lehnten sich trotz der fьrchterlichen Kдlte an die Wand des Schьtzengrabens und fielen sofort in Schlaf. Zum Glьck war der Gegner wenig unternehmungslustig. Wдhrend mancher Nдchte glaubte ich, zwanzig mit Luftgewehren bewaffnete Pfadfinder hдtten unsere Stellung erstьrmen kцnnen oder vielleicht auch zwanzig mit Federballschlдgern bewaffnete Pfadfinderinnen.

Zu dieser Zeit und noch fьr eine ganze Weile baute sich die katalanische Miliz nach dem gleichen Prinzip auf wie schon zu Beginn des Krieges. In den ersten Tagen der Revolte Francos wurde die Miliz von verschiedenen Gewerkschaften und politischen Parteien schnell zusammengestellt. Jede Einheit war vor allem eine politische Organisation, die ihrer Partei den gleichen Gehorsam schuldete wie der Zentralregierung. Als die Volksarmee, eine nichtpolitische Armee, mehr oder minder nach den ьblichen Vorbildern organisiert, zu Beginn des Jahres 1937 aufgestellt wurde, vereinigte man theoretisch die Parteimilizen mit ihr. Lange Zeit jedoch vollzog sich dieser Wechsel nur auf dem Papier. Die Truppen der neuen Volksarmee kamen in nennenswertem Umfang nicht vor Juni an die Front in Aragonien, und bis dahin blieb das Milizsystem unverдndert. Der wesentliche Punkt dieses Systems war die soziale Gleichheit zwischen Offizieren und Soldaten. Jeder, vom General bis zum einfachen Soldaten, erhielt den gleichen Sold, aЯ die gleiche Verpflegung, trug die gleiche Kleidung und verkehrte mit den anderen auf der Grundlage vцlliger Gleichheit. Falls man den General, der die Division befehligte, auf den Rьcken klopfte und ihn um eine Zigarette bitten wollte, konnte man das tun, und niemand hдtte es als merkwьrdig empfunden. Theoretisch war jedenfalls jede Milizeinheit eine Demokratie und nicht eine Hierarchie. Es herrschte Einigkeit darьber, dass Befehle befolgt werden mussten, aber es war ebenso selbstverstдndlich, dass ein Befehl von Kamerad zu Kamerad und nicht von Vorgesetzten an Untergebene erteilt wurde. Es gab Offiziere und Unteroffiziere, aber keine militдrischen Rдnge im normalen Sinn, keine Titel, keine Dienstabzeichen, kein Hackenzusammenschlagen und kein GrьЯen. Sie hatten versucht, in den Milizen eine Art einstweiliges Arbeitsmodell der klassenlosen Gesellschaft zu schaffen. Natьrlich gab es dort keine vollstдndige Gleichheit, aber es war die grцЯte Annдherung daran, die ich je gesehen oder in Kriegszeiten fьr mцglich gehalten hatte.

Aber ich gebe zu, dass mich die Verhдltnisse an der Front beim ersten Eindruck sehr erschreckten. Wie war es mцglich, dass der Krieg mit einer derartigen Armee gewonnen werden konnte? Das sagte damals jeder, und obwohl es stimmte, war es doch unvernьnftig, denn die Milizen konnten unter den gegebenen Umstдnden nicht viel besser sein, als sie waren. Eine moderne, mechanisierte Armee springt nicht aus dem Boden. Wenn die Regierung gewartet hдtte, bis ausgebildete Truppen zur Verfьgung standen, hдtte man Franco nie widerstehen kцnnen. Spдter gehцrte es zum guten Ton, die Milizen zu beschimpfen. Deshalb tat man so, als ob die Fehler, die auf den Mangel an Ausbildung und Waffen zurьckzufьhren waren, das Ergebnis des Systems der Gleichheit seien. In Wirklichkeit war eine neu zusammengestellte Milizabteilung nicht etwa deshalb ein undisziplinierter Haufen, weil die Offiziere ihre Soldaten »Kameraden« nannten, sondern weil neue Truppen immer ein undisziplinierter Haufen sind. In der Praxis ist die demokratisch->revolutionдre< Art der Disziplin zuverlдssiger, als man erwarten sollte. Disziplin ist in einer Arbeiterarmee theoretisch freiwillig. Sie basiert auf der Loyalitдt gegenьber der Klasse, wдhrend die Disziplin einer bьrgerlichen, wehrpflichtigen Armee letzten Endes auf der Furcht beruht. (Die Volksarmee, die an Stelle der Milizen trat, war ein Mittelding zwischen den beiden Typen.) Drohungen und Beschimpfungen, die in einer normalen Armee ьblich sind, hдtte in den Milizen niemand auch nur fьr einen Augenblick ertragen. Es gab die normalen militдrischen Strafen, sie wurden aber nur bei sehr schwerwiegenden Vergehen zu Hilfe genommen. Wenn ein Soldat sich weigerte, einen Befehl zu befolgen, war es nicht ьblich, ihn sofort bestrafen zu lassen; zunдchst appellierte man im Namen der Kameradschaft an seine Vernunft. Zynische Menschen, die keine Erfahrung im Umgang mit Soldaten haben, werden sofort sagen, dass es so niemals >geht<, aber tatsдchlich >geht< es auf die Dauer. Mit der Zeit verbesserte sich die Disziplin selbst der schlimmsten Abteilungen in der Miliz sichtlich. Im Januar bekam ich beinahe graue Haare vor Anstrengung, um ein Dutzend roher Rekruten zu den geforderten Aufgaben anzuhalten. Im Mai befehligte ich fьr kurze Zeit als diensttuender Leutnant dreiЯig Mann, Englдnder und Spanier. Wir alle hatten monatelang unter Beschuss gelegen, und ich hatte niemals die geringste Schwierigkeit, dass ein Befehl befolgt wurde oder sich die Soldaten freiwillig fьr eine gefдhrliche Aufgabe meldeten. >Revolutionдre< Disziplin ist vom politischen Bewusstsein abhдngig — von dem Verstдndnis dafьr, warum Befehle befolgt werden mьssen. Es dauert einige Zeit, bis sich diese Einsicht verbreitet, aber es dauert auch einige Zeit, einen Mann auf dem Kasernenhof zu einem Automaten zu drillen. Die Journalisten, die das Milizsystem verhцhnten, dachten selten darьber nach, dass die Milizen die Front halten mussten, wдhrend die Volksarmee in der Etappe ausgebildet wurde. Es ist ein Beweis fьr die Stдrke der revolutionдren Disziplin, dass die Milizen ьberhaupt drauЯen aushielten. Denn etwa bis zum Juni 1937 hielt sie nichts an der Front als ihre Klassenloyalitдt. Einzelne Deserteure konnte man erschieЯen — sie wurden gelegentlich erschossen —, aber wenn tausend Mann sich entschieden hдtten, geschlossen von der Front abzuziehen, gab es keine Macht, sie aufzuhalten. Unter den gleichen Umstдnden wдre eine wehrpflichtige Armee — nach Entfernung der Feldpolizei — dahingeschmolzen. Aber die Milizen hielten die Front, obwohl sie, weiЯ Gott, sehr wenig Siege errangen; ja selbst die individuelle Fahnenflucht war nicht alltдglich. Wдhrend vier oder fьnf Monaten, hцrte ich in der P.O.U.M.-Miliz nur einmal, dass vier Soldaten desertierten. Zwei von ihnen waren ziemlich wahrscheinlich Spione, die sich hatten anwerben lassen, um Informationen zu erlangen. Anfangs war ich entmutigt und aufgebracht ьber das offensichtliche Chaos, den allgemeinen Mangel an Ausbildung und die Tatsache, dass man oft fьnf Minuten lang argumentieren musste, ehe ein Befehl befolgt wurde. Meine Ansichten stammten aus der britischen Armee, und sicherlich hatten die spanischen Milizen sehr wenig mit der britischen Armee gemeinsam. Aber in Anbetracht der Umstдnde waren sie bessere Truppen, als man mit Recht hдtte erwarten kцnnen.

Unterdessen: Brennholz — immer Brennholz. Fьr diese ganze Zeit gibt es wahrscheinlich in meinem Tagebuch keine Eintragung, in der nicht Brennholz erwдhnt wird oder, besser gesagt, der Mangel daran. Wir befanden uns sechshundert bis tausend Meter ьber Meereshцhe, es war mitten im Winter, und die Kдlte war unaussprechlich. Die Temperatur war nicht besonders niedrig, wдhrend vieler Nдchte fror es nicht einmal, und die winterblasse Sonne schien oft mittags eine Stunde lang. Aber ich versichere, selbst wenn es nicht richtig kalt war, dass es mir so erschien. Manchmal zerrten mir pfeifende Winde die Mьtze vom Kopf und wirbelten mein Haar nach allen Seiten.

Manchmal gab es Nebel, der sich wie eine Flьssigkeit in den Schьtzengraben ergoss und mich bis auf die Knochen zu durchdringen schien. Es regnete hдufig, und selbst eine Viertelstunde Regen genьgte, die Lage unertrдglich zu machen. Die dьnne Erdhaut ьber dem Kalkgestein verwandelte sich rasch in eine schlьpfrige Schmiere, und da man sich immer am Abhang bewegte, war es unmцglich, sich fest auf den FьЯen zu halten. Ich bin oft wдhrend dunkler Nдchte auf eine Entfernung von zwanzig Metern ein halb Dutzend Mal hingefallen. Das aber war gefдhrlich, denn eine Folge war, dass sich das Schloss des Gewehres durch den Schlamm verklemmte. Tagelang waren Kleider, Stiefel, Decken und Gewehr mehr oder weniger mit Schlamm ьberzogen. Ich hatte so viele dicke Kleidung mitgebracht, wie ich tragen konnte, aber viele Soldaten hatten schrecklich wenig anzuziehen. Es gab nur zwцlf Wachtmдntel fьr die ganze Garnison von etwa hundert Mann. Sie mussten von Wachtposten zu Wachtposten weitergegeben werden, und die meisten Soldaten hatten nur eine Decke. Wдhrend einer eisigen Nacht schrieb ich eine Liste aller der Kleider, die ich gerade trug, in mein Tagebuch. Sie ist interessant, da sie zeigt, welche Menge an Kleidung der menschliche Kцrper tragen kann. Ich war beladen mit einer dicken Weste und einer Hose, einem Flanellhemd, zwei Pullovern, einer Wolljacke, einer Jacke aus Schweinsleder, Kordreithosen, Wickelgamaschen, dicken Socken, Stiefeln, einem festen Trenchcoat, einer wollenen Halsbinde, gefьtterten Handschuhen und einer wollenen Kappe. Trotzdem zitterte ich wie Espenlaub. Aber ich gebe zu, dass ich ungewцhnlich empfindlich gegen Kдlte bin. Brennholz war das einzige, worauf es wirklich ankam. Die Sache mit dem Brennholz war die, dass es praktisch kein Brennholz gab. Unser elender Berg hatte selbst in seiner besten Zeit nicht viel Vegetation, und monatelang waren frierende Milizsoldaten auf ihm herumgestreift, mit dem Ergebnis, dass jedes Stьck Holz, dicker als ein Finger, schon lange verbrannt worden war. Wenn wir nicht gerade aЯen, schliefen, Wache schoben oder Arbeitsdienst machten, waren wir im Tal hinter der Stellung, um Brennmaterial zu stibitzen. Alle meine Erinnerungen an diese Zeit sind Erinnerungen daran, wie wir auf dem brьchigen Kalkgestein, das die Schuhe in Stьcke schnitt, an fast senkrechten Abhдngen hinauf und hinab kletterten und uns begierig auf jeden winzigen Holzzweig stьrzten. Wenn drei Leute so zwei Stunden suchten, konnten sie genug Brennmaterial sammeln, um ein Feuer im Unterstand etwa eine Stunde lang in Brand zu halten. Der Eifer unserer Brennholzsuche verwandelte uns alle in Botaniker. Wir klassifizierten jede Pflanze, die auf dem Berg wuchs, nach ihren Brennqualitдten: die verschiedenen Heidekrдuter und Kresse waren gut, um ein Feuer in Gang zu setzen, aber sie verbrannten in wenigen Minuten; der wilde Rosmarin- und der winzige Stechginsterbusch brannten nur dann, wenn das Feuer schon richtig entflammt war; der verkrьppelte Eichbaum, kleiner als ein Stachelbeerstrauch, war praktisch unbrennbar. Es gab eine Art vertrockneten Rieds, das gut war, um ein Feuer zu entflammen, aber es wuchs nur auf der Hьgelkuppe zur Linken unserer Stellung, und man konnte nur unter Beschuss dorthin gehen, um es zu sammeln. Wenn die faschistischen Maschinengewehrschьtzen jemanden sahen, gaben sie ihm ganz allein eine Runde Beschuss. Normalerweise zielten sie hoch, und die Kugeln zwitscherten wie Vцgel ьber unsere Kцpfe. Aber manchmal prasselten und splitterten sie unangenehm nah im Kalkgestein, worauf man sich auf sein Gesicht warf. Doch dann sammelte jeder sein Ried weiter, denn im Vergleich zum Brennholz gab es nichts mehr von Bedeutung.

Neben der Kдlte schienen andere Unannehmlichkeiten geringfьgig zu sein. Natьrlich waren wir alle stдndig schmutzig. Unser Wasser kam, wie unser Essen, auf dem Rьcken von Maultieren von Alcubierre, und der Anteil jedes einzelnen betrug etwas mehr als ein Liter pro Tag. Es war ein scheuЯliches Wasser, kaum durchsichtiger als Milch. Theoretisch war es nur zum Trinken, aber ich stahl mir immer ein Kochgeschirr voll, um mich morgens zu waschen. An einem Tag wusch ich mich, und am nдchsten rasierte ich mich; fьr beide gab es nie genug Wasser. Die Stellung stank abscheulich, und auЯerhalb der kleinen Umfriedung der Befestigung lag ьberall Kot. Einige Milizsoldaten verrichteten ihre Notdurft gewцhnlich im Schьtzengraben, eine ekelhafte Sache, wenn man wдhrend der Dunkelheit herumlaufen musste. Aber der Schmutz plagte mich nie. Schmutz ist etwas, worьber sich die Leute zu sehr aufregen. Es ist erstaunlich, wie sehr man sich daran gewцhnt, ohne ein Taschentuch auszukommen und aus dem gleichen Kochgeschirr zu essen, in dem man sich auch wдscht. Nach ein oder zwei Tagen war es nicht einmal mehr schwierig, in den Kleidern zu schlafen. Es war natьrlich unmцglich, wдhrend der Nacht die Kleider und besonders die Stiefel auszuziehen. Man musste bereit sein, bei einem Angriff sofort herauszuspringen. In achtzig Nдchten zog ich meine Kleider dreimal aus, obwohl es mir auch manchmal gelang, sie sogar wдhrend des Tages auszuziehen. Fьr Lдuse war es noch zu kalt, aber Ratten und Mдuse gab es im Ьberfluss. Es wird oft gesagt, dass man Ratten und Mдuse nicht am gleichen Ort findet, aber sie sind doch zusammen da, wenn es genug Nahrung fьr sie gibt.

Im ьbrigen ging es uns nicht so schlecht. Das Essen war recht gut, und es gab viel Wein. Zigaretten wurden noch immer mit einem Pдckchen pro Tag ausgegeben. Streichhцlzer gab es jeden zweiten Tag, und wir erhielten auch Kerzen. Es waren sehr dьnne Kerzen, so wie auf einem Weihnachtskuchen, und die gдngige Meinung war, man habe sie in den Kirchen erbeutet. Jeder Unterstand erhielt tдglich eine etwa acht Zentimeter lange Kerze, sie brannte ungefдhr zwanzig Minuten lang. Zu jener Zeit war es noch mцglich, Kerzen zu kaufen, und ich hatte mir einige Pfund davon mitgebracht. Spдter machte der Mangel an Streichhцlzern und Kerzen das Leben sehr schwierig. Man versteht erst, wie wichtig diese Dinge sind, wenn man sie nicht mehr hat. So bedeutet zum Beispiel die Mцglichkeit, wдhrend eines Nachtalarms ein Licht anzuzьnden, wenn jeder im Unterstand nach seinem Gewehr sucht und auf das Gesicht seines Nachbarn tritt, genau den Unterschied zwischen Leben und Tod. Jeder Milizsoldat besaЯ ein Zunderfeuerzeug und einige Meter gelben Docht. Neben dem Gewehr war das sein wichtigster Besitz. Zunderfeuerzeuge hatten den groЯen Vorteil, dass man sie auch im Wind anschlagen konnte, aber sie schwelten und waren unbrauchbar, ein Feuer anzuzьnden. Als der Mangel an Streichhцlzern am schlimmsten war, konnte man eine Flamme nur entzьnden, indem man die Kugel aus einer Patrone herauszog und das SchieЯpulver mit einem Zunderfeuerzeug entflammte.

Wir fьhrten ein auЯergewцhnliches Leben — eine auЯergewцhnliche Art des Krieges, wenn man es Krieg nennen konnte. Die ganze Miliz rieb sich an der Untдtigkeit auf und klagte dauernd, um zu erfahren, warum man uns nicht erlaube anzugreifen. Aber es war vollstдndig klar, dass es noch auf lange Zeit keine Schlacht geben wьrde, auЯer wenn der Feind sie begдnne. Georges Kopp war wдhrend seiner hдufigen Inspektionstouren vцllig offen mit uns.

»Das ist kein Krieg«, pflegte er zu sagen, »das ist eine komische Oper mit einem Tod von Zeit zu Zeit.« Tatsдchlich hatte der Stillstand an der Front in Aragonien politische Ursachen, von denen ich zu jener Zeit wenig wusste. Jedoch die rein militдrischen Schwierigkeiten — ganz abgesehen vom Mangel an Reserven — waren fьr jeden offensichtlich.

Zunдchst war es die Natur des Landes. Die Frontlinien, unsere und die der Faschisten, lagen in Stellungen von ungeheurer, natьrlicher Stдrke, denen man sich in der Regel nur von einer Seite nдhern konnte. Sind erst ein paar Schьtzengrдben ausgehoben, kцnnen solche Stellungen von der Infanterie, auЯer durch eine ьberwдltigende Ьberlegenheit, nicht genommen werden. In unserer eigenen und den meisten umliegenden Stellungen konnte ein Dutzend Leute mit zwei Maschinengewehren ein ganzes Bataillon abhalten. So wie wir auf der Hьgelkuppe saЯen, hдtten wir ein ideales Ziel fьr die Artillerie abgeben kцnnen. Aber es gab keine Artillerie. Manchmal schaute ich ьber die Landschaft und sehnte mich — oh, wie leidenschaftlich — nach ein paar Batterien Artillerie. Man hдtte die feindlichen Stellungen eine nach der anderen zerstцren kцnnen, so leicht, wie man Nьsse mit einem Hammer zerschmettert. Aber auf unserer Seite waren einfach keine Kanonen vorhanden. Den Faschisten gelang es von Zeit zu Zeit, ein oder zwei Kanonen aus Saragossa an die Front zu bringen und sehr wenige Granaten abzuschieЯen, so wenige, dass sie sich nicht einmal auf die Entfernung einschieЯen konnten, und harmlos stьrzten die Granaten in die leeren Schluchten. Gegen Maschinengewehre und ohne Artillerie kann man nur drei Dinge tun: sich in sicherer Entfernung — sagen wir vierhundert Meter — eingraben, ьber die offene Flдche vorgehen und abgeschlachtet werden oder kleine nдchtliche Angriffe machen, die an der allgemeinen Lage nichts дndern. Praktisch sind die Alternativen Stillstand oder Selbstmord.

AuЯerdem fehlte es uns vollstдndig an Kriegsmaterial jeder Art. Nur mit groЯer Mьhe kann man sich vorstellen, wie schlecht die Milizen zu jener Zeit ausgerьstet waren. Jedes O.T.C. (Offiziersausbildungskorps) einer Internatsschule in England дhnelt eher einer modernen Armee, als wir es taten. Der schlechte Zustand unserer Waffen war so verblьffend, dass es sich lohnt, darьber im einzelnen zu berichten.

Die gesamte Artillerie an diesem Abschnitt der Front bestand aus vier Grabengranatwerfern mit fьnfzehn Schuss fьr jeden einzelnen. Natьrlich waren sie zu wertvoll, um abgefeuert zu werden, und so hielt man die Granatwerfer in Alcubierre. Maschinengewehre hatten wir im Verhдltnis von etwa eines auf fьnfzig Mann. Es waren altmodische Maschinengewehre, aber einigermaЯen genau bis auf drei-oder vierhundert Meter Entfernung. Ьber diese Entfernung hinaus konnten wir nur Gewehre benutzen, und die meisten dieser Gewehre waren Schrott. Drei Typen Gewehre waren in Benutzung. Das erste war das lange Mausergewehr. Gewehre dieser Art waren selten weniger als zwanzig Jahre alt, und ihr Visier war so brauchbar wie ein zerbrochener Geschwindigkeitsanzeiger. Bei den meisten waren die Zьge hoffnungslos verrostet, aber eins von zehn Gewehren war nicht schlecht. Dann gab es das kurze Mausergewehr oder mousqueton, in Wirklichkeit eine Kavalleriewaffe. Diese Gewehre waren beliebter als die anderen, denn man konnte sie leichter tragen, und sie waren weniger unnьtz im Schьtzengraben, auЯerdem waren sie verhдltnismдЯig neu und sahen brauchbar aus. In Wirklichkeit waren aber auch sie fast nutzlos. Man hatte sie aus wieder zusammengebauten Teilen gemacht; kein Verschluss gehцrte zu dem Gewehr, auf dem er saЯ. Bei Dreiviertel der Gewehre konnte man damit rechnen, dass er sich nach fьnf Schьssen sperrte. Es gab auch einige Winchestergewehre. Man konnte recht gut damit schieЯen, aber sie waren enorm ungenau, und da die Patronen keine Patronenrahmen hatten, konnte man jeweils nur einen Schuss abfeuern. Munition war so knapp, dass jeder Soldat, der an die Front kam, nur fьnfzig Schuss erhielt. Die meisten davon waren auЯerordentlich schlecht. Die in Spanien hergestellten Patronen waren wiedergefьllte Hьlsen und klemmten selbst in den besten Gewehren. Die mexikanischen Patronen waren besser und wurden deshalb fьr die Maschinengewehre reserviert. Am besten war die in Deutschland hergestellte Munition, aber da sie nur von Gefangenen und Deserteuren kam, gab es nicht viel davon. Fьr den Notfall verwahrte ich in meiner Tasche immer einen Patronenrahmen mit deutscher oder mexikanischer Munition. In der Praxis aber schoss ich im Notfall selten mit meinem Gewehr. Ich hatte zuviel Angst, dass das scheuЯliche Ding klemmen wьrde, und auЯerdem wollte ich auf jeden Fall noch einige Schьsse aufheben, die wirklich losgingen.

Wir hatten keine Stahlhelme, keine Bajonette und kaum Revolver oder Pistolen und nicht mehr als eine Handgranate auf fьnf oder zehn Leute. Die zu dieser Zeit gebrдuchliche Handgranate war ein fьrchterliches Ding, unter dem Namen >F.A.I.-Bombe< bekannt. Die Anarchisten hatten sie wдhrend der ersten Tage des Krieges hergestellt. Sie funktionierte nach dem Prinzip der Millschen Handgranate, aber der Zьndhebel wurde nicht durch einen Stift, sondern durch ein Stьck Klebestreifen heruntergehalten. Man zerriss den Klebestreifen und musste dann mit grцЯtmцglicher Schnelligkeit die Handgranate wegwerfen. Es hieЯ von diesen Handgranaten, sie seien >unparteiisch<: sie tцteten den Mann, auf den man sie warf, und den Mann, der sie warf. Es gab noch verschiedene andere Typen, die noch primitiver, aber wahrscheinlich etwas weniger gefдhrlich fьr den Werfer waren. Erst spдt im Mдrz sah ich eine Handgranate, die zu werfen sich lohnte.

AuЯer diesen Waffen fehlten auch alle kleineren Hilfsmittel fьr einen Krieg. Wir hatten zum Beispiel keine Karten oder Plдne. Spanien ist nie richtig vermessen worden, und die einzigen detaillierten Karten dieser Gegend waren alte Militдrkarten, die fast alle im Besitz der Faschisten waren. Wir hatten keine Entfernungsmesser, keine Fernrohre, keine Grabenspiegel, keine Feldstecher (auЯer solchen, die einigen von uns privat gehцrten), keine Lichtsignale oder >Very<-Lichter (bunte Signalraketen), keine Drahtscheren, keine Gerдte fьr den Waffenmeister und kaum irgendwelches Reinigungsmaterial. Die Spanier hatten anscheinend nie von einer Gewehrlauf-Reinigungskette gehцrt und guckten sehr ьberrascht, als ich eine konstruierte. Wenn man sein Gewehr sдubern lassen wollte, brachte man es zum Unteroffizier, der eine lange bronzene Stange hatte, die immer verbogen war und deshalb den Lauf zerkratzte. Es gab nicht einmal Gewehrцl. Man schmierte sein Gewehr mit Olivenцl ein, wenn man es auftreiben konnte. Manchmal habe ich mein Gewehr mit Vaseline, mit Cold Cream (kьhlende Fettsalbe) und sogar mit Schinkenspeck eingefettet. Ferner gab es keine Laternen oder elektrische Taschenlampen. Ich glaube, zu dieser Zeit gab es an unserem ganzen Frontabschnitt nicht eine einzige elektrische Taschenlampe. Man konnte sie erst in Barcelona und selbst dort nur unter Schwierigkeiten kaufen.

Wдhrend die Zeit verging und das planlose Gewehrfeuer ьber die Hьgel knatterte, fragte ich mich mit wachsendem Skeptizismus, ob sich jemals etwas ereignen wьrde, was ein wenig Leben oder besser ein bisschen Tod in diesen schielenden Krieg brдchte. Wir kдmpften gegen die Lungenentzьndung, aber nicht gegen Soldaten. Wenn die Schьtzengrдben mehr als fьnfhundert Meter auseinander liegen, wird niemand getroffen, es sei denn durch einen Zufall. Natьrlich gab es Verletzte und Tote, aber die meisten durch eigene Schuld. Wenn ich mich recht erinnere, wurden die ersten fьnf Verwundeten, die ich in Spanien sah, alle durch unsere eigenen Waffen verletzt, nicht absichtlich, aber durch einen Unfall oder durch Unvorsichtigkeit. Unsere ausgeleierten Gewehre waren eine Gefahr fьr sich. Einige hatten die bцse Angewohnheit loszugehen, wenn man mit dem Kolben auf den Boden stieЯ. Ich sah, wie sich so ein Mann durch die Hand schoss. In der Dunkelheit schossen die unausgebildeten Rekruten immer aufeinander. Eines Abends, als die Dдmmerung kaum eingesetzt hatte, schoss ein Wachtposten aus einer Entfernung von zwanzig Meter auf mich. Er schoss etwa einen Meter vorbei, und wer weiЯ, wie oft die spanische Qualitдt der SchieЯkunst mein Leben gerettet hat. Ein anderes Mal war ich zur Erkundung in den Nebel hinausgegangen und hatte vorher den Wachtkommandanten sorgfдltig gewarnt. Aber als ich zurьckkam, stolperte ich ьber einen Busch, und der ьberraschte Wachtposten rief, die Faschisten kдmen. Ich hцrte voller Vergnьgen, wie der Wachtkommandant befahl, jeder solle schnelles Feuer in meine Richtung erцffnen. Natьrlich warf ich mich hin, und die Kugeln flogen, ohne mich zu verletzen, ьber mich hinweg. Nichts wird einen Spanier, zumindest einen jungen Spanier, davon ьberzeugen, dass Gewehre gefдhrlich sind. Einmal, einige Zeit nach diesem Vorfall, fotografierte ich einige Schьtzen mit ihrem Maschinengewehr, das direkt auf mich gerichtet war.

»SchieЯt nicht«, sagte ich halb im Scherz, als ich meine Kamera einstellte.

»O nein, wir werden nicht schieЯen.«

Im nдchsten Augenblick gab es einen fьrchterlichen Donner, und der Kugelregen zischte so nahe an meinem Gesicht vorbei, dass meine Wange von den Pulverkцrnern verletzt wurde. Es war ohne Absicht geschehen, aber die Maschinengewehrschьtzen hielten es fьr einen groЯartigen Witz. Nur einige Tage frьher jedoch hatten sie gesehen, wie ein Maultiertreiber aus Versehen von einem politischen Abgeordneten erschossen wurde, als er mit einer automatischen Pistole Unfug trieb und dabei fьnf Kugeln in die Lunge des Maultiertreibers jagte.

Eine gewisse Gefahr waren auch die schwierigen Paroleworte, die von der Armee zu dieser Zeit gebraucht wurden. Es waren jene langweiligen doppelten Paroleworte, bei denen ein Wort das andere beantworten muss. Normalerweise waren sie erhebend und revolutionдr, so wie etwa cultura — progreso oder seremos — invencibles. Oft war es unmцglich, den unwissenden Wachtposten beizubringen, diese hochtrabenden Worte zu behalten. Ich erinnere mich, dass eines Nachts die Parole hieЯ: Cataluna — eroica. Ein mondgesichtiger Bauernjunge mit Namen Jaime Domenech nдherte sich mir sehr verwirrt und bat mich um eine Erklдrung:

»Eroica — was heiЯt eroica?«

Ich erklдrte ihm, es bedeute das gleiche wie valiente. Etwas spдter stolperte er in der Dunkelheit durch den Schьtzengraben, und der Wachtposten rief ihm zu:

»Alto! Cataluna!«

»Valiente!« rief Jaime, ьberzeugt, dass er das richtige Wort sage.

Peng!

Aber der Wachtposten schoss an ihm vorbei. In diesem Kriege schoss immer jeder an jedem vorbei, wenn es irgendwie menschenmцglich war.

Nachdem ich etwa drei Wochen an der Front gelegen hatte, kam eine Abteilung von zwanzig oder dreiЯig Mann in Alcubierre an, die von der I.L.P. (Independent Labour Party) aus England geschickt wurden. Um die Englдnder an diesem Frontabschnitt zusammenzuhalten, leitete man Williams und mich zu ihnen. Unsere neue Stellung lag bei Monte Oscuro, einige Kilometer weiter westlich und in Sichtweite von Saragossa.

Die Stellung saЯ hoch auf dem Kalkgestein wie auf der Schneide einer Rasierklinge. Die Unterstдnde waren waagerecht in die Klippen gebohrt, Nester von Uferschwalben. Sie gingen ьber eine erstaunliche Entfernung hinweg in den Boden. Im Inneren waren sie pechschwarz und so niedrig, dass man nicht einmal darin knien, geschweige denn stehen konnte. Auf den Hьgelkuppen zu unserer Linken lagen zwei weitere P.O.U.M.-Stellungen. Eine davon faszinierte jeden Soldaten in der ganzen Kampflinie, denn dort gab es drei weibliche Angehцrige der Miliz, die das Essen kochten. Diese Frauen waren nicht gerade schцn, aber es erwies sich als notwendig, den Soldaten anderer Kompanien den Zugang zu dieser Stellung zu verbieten. Fьnfhundert Meter weiter auf unserer Rechten lag eine Stellung der P.S.U.C. an einer Kurve der StraЯe nach Alcubierre. Genau an dieser Stelle ging die StraЯe in andere Hдnde ьber. Nachts sah man die Lichter unserer Nachschub-Lastwagen, die sich aus Alcubierre herauswanden, und gleichzeitig die Lichter der faschistischen Wagen, die von Saragossa kamen. Man konnte Saragossa selbst sehen: eine dьnne Lichterkette gleich den erleuchteten Bullaugen eines Schiffes, neunzehn Kilometer sьdwestwдrts. Die Regierungstruppen hatten seit August 1936 aus der gleichen Entfernung dort hinьbergestarrt, und sie starren immer noch dorthin.

Wir waren etwa dreiЯig Englдnder, einschlieЯlich eines Spaniers (Ramуn, der Schwager von Williams), und ein Dutzend spanischer Maschinengewehrschьtzen. AuЯer den unvermeidlichen vereinzelten Abenteurern — wie jeder weiЯ, zieht der Krieg Rauhbeine an — waren die Englдnder sowohl kцrperlich wie auch geistig eine auЯergewцhnlich gute Gruppe. Bob Smillie — der Enkel des berьhmten Bergarbeiterfьhrers — war vielleicht der beste der ganzen Meute. In Valencia fand er spдter einen unglьcklichen und sinnlosen Tod. Es ist bezeichnend fьr den spanischen Charakter, dass die Englдnder und Spanier trotz der Sprachschwierigkeiten immer so gut miteinander auskamen. Wir entdeckten, dass alle Spanier zwei englische Ausdrьcke kannten. Einer lautete »O. K., baby«, der andere war ein Wort, das die Huren von Barcelona im Umgang mit englischen Seeleuten gebrauchten, und ich vermute, der Setzer wьrde es nicht drucken.

Wieder einmal ereignete sich an der ganzen Front nichts. Nur das vereinzelte Pfeifen von Kugeln und, sehr selten, das Krachen eines faschistischen Granatwerfers, worauf alle zum obersten Schьtzengraben stьrzten, um zu sehen, auf welchem Hьgel die Granaten explodierten. Der Gegner war uns hier etwas nдher, vielleicht drei- oder vierhundert Meter weit weg. Seine nдchste Stellung lag uns genau gegenьber, und zwar war es ein Maschinengewehrnest, dessen Sehschlitz uns dauernd in Versuchung fьhrte, Patronen zu verschwenden. Die Faschisten machten sich selten die Mьhe, mit Gewehren zu schieЯen, aber sie ьberschьtteten jeden, der sich zur Schau stellte, mit einem sehr genau gezielten Maschinengewehrfeuer. Trotzdem dauerte es mehr als zehn Tage, ehe wir den ersten Verlust hatten. Die uns gegenьberliegenden Truppen waren Spanier, aber nach Aussagen von Deserteuren befanden sich unter ihnen etliche deutsche Unteroffiziere. Einige Zeit vorher waren dort auch Mauren — arme Teufel, wie mьssen sie die Kдlte gespьrt haben —, ein toter Maure lag drauЯen im Niemandsland, eine der Sehenswьrdigkeiten dieser Stellung. Etwa eineinhalb bis drei Kilometer links von uns endete der zusammenhдngende Verlauf der Front. Dort gab es ein Stьck niedrigliegendes, dichtbewaldetes Land, das weder den Faschisten noch uns gehцrte. Sowohl wir als auch sie schickten am Tage Spдhtrupps dorthin. Das war kein schlechter SpaЯ, eine Art Pfadfinderьbung, obwohl ich niemals einen faschistischen Spдhtrupp nдher als in einer Entfernung von mehreren hundert Metern sah. Wenn man mцglichst viel auf dem Bauch kroch, konnte man sich seinen Weg stellenweise durch die faschistischen Linien bahnen und sogar ein Bauernhaus sehen, auf dem eine monarchistische Fahne flatterte. Es war das цrtliche faschistische Hauptquartier. Gelegentlich feuerten wir eine Gewehrsalve darauf ab und schlьpften in Deckung, ehe die Maschinengewehre uns entdecken konnten. Ich hoffe, wir zerbrachen ein paar Fenster, aber es lag gut achthundert Meter weit fort, und bei unseren Gewehren wusste man nicht einmal mit Sicherheit, ob man auf diese Entfernung ein Haus traf.

Das Wetter war meistens klar und kalt. Manchmal mittags sonnig, aber immer kalt. Hier und da fand man im Erdreich des Abhangs grьne Spitzen, wilde Krokusse oder Iris, die ans Licht drдngten. Offenbar kam der Frьhling, aber er kam sehr langsam. Die Nдchte waren kдlter denn je. Wenn wir in den frьhen Morgenstunden von der Wache zurьckkehrten, kratzten wir zusammen, was noch vom Feuer in der Kochstelle ьbrig war, und stellten uns in die rotglьhende Asche. Das war schlecht fьr unsere Stiefel, aber sehr gut fьr unsere FьЯe. An manchem Morgen lohnte der Anblick der Morgendдmmerung ьber den Bergspitzen fast, zu solch gottloser Stunde nicht im Bett zu sein. Ich hasse Berge, selbst wenn sie groЯartig aussehen. Aber manchmal war es der Mьhe wert, den Anbruch des Morgengrauens hinter den Hьgelspitzen in unserem Rьcken, die ersten schmalen goldenen Strahlen, die wie Schwerter durch die Dunkelheit schnitten, und dann das wachsende Licht und das Meer karmesinfarbener Wolken, die sich in eine unabsehbare Ferne hinaus erstreckten, zu beobachten, selbst wenn man die ganze Nacht aufgewesen war, die FьЯe von den Knien abwдrts kein Gefьhl mehr hatten und man mьrrisch darьber nachdachte, dass keine Hoffnung bestand, innerhalb der nдchsten drei Stunden etwas zu essen zu bekommen. Ich sah die Morgendдmmerung in diesem Feldzug цfter als in meinem ganzen ьbrigen Leben — oder auch wдhrend des Teils meines Lebens, der, wie ich hoffe, noch vor mir liegt.

Wir hatten hier nicht genьgend Leute, und das bedeutete lдngere Wachen und mehr Arbeitsdienst. Ich litt ein wenig unter Mangel an Schlaf, das ist aber selbst wдhrend der ruhigsten Zeit eines Krieges unvermeidlich. Neben dem Wachdienst und den Spдhtrupps gab es dauernd Nachtalarm und SchieЯbereitschaft. Auf jeden Fall kann man in einem abscheulichen Bodenloch nicht richtig schlafen, wenn die FьЯe vor Kдlte schmerzen. Ich glaube aber nicht, dass ich wдhrend meiner ersten drei oder vier Monate an der Front mehr als ein dutzendmal jeweils vierundzwanzig Stunden ohne jeden Schlaf blieb. Andererseits erlebte ich sicher kein Dutzend Nдchte mit ununterbrochenem Schlaf. Zwanzig bis dreiЯig Stunden Schlaf in einer Woche war eine ganz normale Menge. Die Auswirkungen waren nicht so schlecht, wie man vermuten mцchte. Man wurde allmдhlich sehr abgestumpft, und es wurde immer schwieriger statt leichter, die Hьgel hinauf- und hinunterzuklettern. Aber man fьhlte sich wohl und war immer hungrig — Himmel, wie hungrig! Jedes Essen schien gut, selbst die ewigen Stangenbohnen, deren Anblick schlieЯlich jeder in Spanien hassen lernte. Was wir, wenn ьberhaupt, an Wasser bekamen, wurde kilometerweit auf dem Rьcken von Maultieren oder kleinen, geplagten Eseln herbeigebracht. Aus irgendeinem Grunde behandelten die Bauern in Aragonien ihre Maultiere sehr gut, die Esel aber abscheulich. Wenn ein Esel sich weigerte weiterzugehen, war es durchaus ьblich, ihn in die Geschlechtsteile zu treten. Jetzt wurden keine Kerzen mehr ausgegeben, und auch Streichhцlzer waren knapp. Die Spanier lehrten uns, wie man Lampen fьr Olivenцl aus Dosen fьr kondensierte Milch, einem Patronenrahmen und einem Stьckchen Lumpen macht. Wenn man Olivenцl hatte, was nicht oft vorkam, brannten diese Dinger unter rauchigem Flackern ungefдhr ein Viertel so hell wie ein Kerzenlicht, aber gerade genug, um bei diesem Licht das Gewehr zu finden.

Es gab anscheinend keine Hoffnung auf richtige Kдmpfe. Als wir Monte Pocero verlieЯen, hatte ich meine Patronen gezдhlt und festgestellt, dass ich wдhrend fast drei Wochen nur drei Schьsse auf den Feind abgegeben hatte. Es heiЯt, man brauche tausend Kugeln, um einen Mann zu tцten. Bei dem Tempo wьrde es zwanzig Jahre dauern, bis ich meinen ersten Faschisten getцtet hдtte. Bei Monte Oscuro lagen sich die Kampflinien nдher, und man feuerte цfter, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich nie jemanden getroffen habe. Tatsдchlich war an dieser Front und zu dieser Zeit des Krieges die wirkliche Waffe nicht das Gewehr, sondern das Megaphon. Da man den Feind nicht tцten konnte, schrie man statt dessen zu ihm hinьber. Diese Methode der Kriegfьhrung ist so auЯergewцhnlich, dass ich sie beschreiben muss.

Dort, wo sich die Kampflinien auf Rufweite gegenьberlagen, gab es immer allerhand Geschrei von Schьtzengraben zu Schьtzengraben. Von uns: »Fascistas — maricones!« Von den Faschisten: »Viva Espana! Viva Franco!« — oder wenn sie wussten, dass ihnen Englдnder gegenьberlagen: »Geht nach Hause, ihr Englдnder! Wir wollen keine Fremden hier!« Auf der Regierungsseite, in den Parteimilizen, hatte man das Propagandageschrei zur Unterminierung der geg- nerischen Moral zu einer richtigen Technik entwickelt. In jeder gьnstig gelegenen Stellung wurden Soldaten, gewцhnlich Maschinengewehrschьtzen, als »Schreier vom Dienst« abkommandiert und mit Megaphonen ausgerьstet. Im allgemeinen verkьndeten sie einen festgelegten Text voller revolutionдrer Tцne, worin den faschistischen Soldaten erklдrt wurde, dass sie bloЯ Sцldlinge des internationalen Kapitalismus seien, dass sie gegen ihre eigene Klasse kдmpften und so fort, und man beschwor sie, auf unsere Seite zu kommen. Diese Parolen wurden von sich ununterbrochen ablцsenden Propagandisten wiederholt, manchmal dauerte es fast die ganze Nacht. Es ist kaum zu bezweifeln, dass dies eine Wirkung ausьbte. Jeder stimmte damit ьberein, dass die vereinzelt zu uns kommenden faschistischen Deserteure teilweise durch diese Parolen beeinflusst wurden. Wenn man sich vorstellt, dass irgendein armer Teufel — sehr wahrscheinlich ein sozialistisches oder anarchistisches Gewerkschaftsmitglied, gegen seinen Willen zur Wehrpflicht gezwungen — auf seinem Wachtposten fror, so musste die Parole »Kдmpfe nicht gegen deine eigene Klasse!«, die dauernd durch die Nacht klang, vielleicht gerade die schmale Grenze zwischen Fahnenflucht und Aushalten bei ihm berьhren. Natьrlich stimmt dieses Verfahren nicht mit der englischen Anschauung vom Krieg ьberein. Ich gebe zu, dass ich erstaunt und empцrt war, als ich zum ersten Mal sah, wie es gemacht wurde. Man denke sich, ein Versuch, den Feind zu ьberreden, statt ihn zu erschieЯen! Heute jedoch bin ich der Meinung, dass es in jeder Hinsicht eine legitime Kriegslist war. Im gewцhnlichen Stellungskrieg ist es ohne Artillerie дuЯerst schwierig, dem Feind Verluste beizubringen, ohne sie in gleicher Hцhe selbst zu erleiden. Um so besser ist es, wenn man eine bestimmte Anzahl von Gegnern ausschalten kann, indem man sie zur Fahnenflucht ьberredet. Deserteure sind sogar nьtzlicher als Leichen, denn sie kцnnen Informationen geben. Aber anfangs brachte uns das alles zur Verzweiflung. Es gab uns das Gefьhl, dass die Spanier ihren Krieg nicht genьgend ernst nдhmen. Der Mann, der die Parolen auf dem P.S.U.C.-Posten rechts unterhalb von uns hinьberschrie, war ein Kьnstler in seinem Beruf. Statt revolutionдre Losungen zu verbreiten, erzдhlte er manchmal den Faschisten, wie viel besser als sie wir ernдhrt wьrden. Sein Bericht ьber die Rationen auf der Regierungsseite neigte dazu, ein bisschen phantasiereich zu sein: »Toast mit Butter!« -man konnte seine Stimme als Echo ьber das einsame Tal schallen hцren. »Wir setzen uns hier gerade hin und essen gebutterten Toast! Liebliche Schnitten mit gebuttertem Toast!« Ich zweifle nicht, dass er wдhrend der letzten Wochen oder Monate genau wie jeder von uns Butter nicht gesehen hatte. Aber wahrscheinlich lieЯ in einer eiskalten Nacht die Ankьndigung von gebuttertem Toast vielen Faschisten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sogar mir lief es im Mund zusammen, obwohl ich wusste, dass er log.

Im Februar sahen wir eines Tages, wie sich uns ein faschistisches Flugzeug nдherte. Wie gewцhnlich wurde ein Maschinengewehr nach drauЯen gezerrt und sein Lauf aufwдrts gerichtet. Jeder lag auf dem Rьcken, um gut zielen zu kцnnen. Unsere isolierten Stellungen waren keine Bombe wert, und in der Regel machten die wenigen faschistischen Flugzeuge, die ьber uns hinwegflogen, einen Bogen um uns herum, um dem Maschinengewehrfeuer zu entgehen. Dieses Mal kam das Flugzeug gerade ьber uns hinweg, aber zu hoch, als dass es sich gelohnt hдtte, darauf zu schieЯen. Es fielen auch keine Bomben, sondern weiЯe, glitzernde Dinger heraus, die sich in der Luft dauernd ьberschlugen. Einige flatterten in unsere Stellung herab. Es waren faschistische Zeitungen, Nummern des Heraldo de Aragon, die den Fall von Malaga ankьndigten.

Wдhrend dieser Nacht unternahmen die Faschisten einen ziemlich fruchtlosen Angriff. Ich legte mich gerade todmьde nieder, als ein dichter Kugelregen ьber unsere Kцpfe hinwegpfiff und jemand in den Unterstand rief: »Sie greifen an!« Ich riss mein Gewehr an mich und schlitterte auf meinen Posten auf dem Gipfel der Stellung, neben dem Maschinengewehr. Es war vollstдndig dunkel, und drauЯen herrschte ein teuflischer Lдrm. Ich glaube, das Feuer aus fьnf Maschinengewehren richtete sich auf uns, und man hцrte eine Reihe heftiger Explosionen, die davon herrьhrten, dass die Faschisten in idiotischer Weise Handgranaten ьber ihre eigene Brustwehr warfen. Es war vollstдndig dunkel. Links von uns unten im Tal konnte ich die grьnlichen Blitze von Gewehrfeuer sehen, dort streifte eine kleine faschistische Abteilung, vermutlich ein Spдhtrupp, herum. In der Dunkelheit flogen die Kugeln um uns herum, krach — zack -krach. Ein paar Granaten rauschten ьber uns hinweg, aber sie fielen nicht in unserer Nдhe nieder, und die meisten explodierten nicht (wie es in diesem Krieg ьblich war). Mir war nicht wohl zumute, als von der Hьgelkuppe hinter uns noch ein weiteres Maschinengewehr das Feuer erцffnete -tatsдchlich hatte man ein Maschinengewehr dorthin gebracht, um uns zu helfen. Aber damals sah es so aus, als seien wir umzingelt. In diesem Augenblick klemmte unser eigenes Maschinengewehr, so wie es immer mit diesen verfluchten Patronen klemmte, und der Ladestock war in der undurchdringlichen Finsternis unauffindbar. Anscheinend konnte man nichts tun, als stillzuhalten und auf sich schieЯen zu lassen. Die spanischen Maschinengewehrschьtzen hielten es fьr unter ihrer Wьrde, in Deckung zu gehen, ja, in der Tat stellten sie sich absichtlich heraus, und so musste ich das gleiche tun. Unbedeutend, wie es sein mochte, war doch das ganze Erlebnis sehr aufschlussreich. Es war das erste Mal, dass ich im eigentlichen Sinne unter Feuer gelegen hatte, und zu meiner Demьtigung merkte ich, dass ich schreckliche Angst hatte. Man empfindet, wenn man unter heftigem Feuer liegt, immer das gleiche, nicht so sehr, dass man Angst hat, getroffen zu werden, als vielmehr Angst davor, dass man nicht weiЯ, wo man getroffen wird. Man fragt sich die ganze Zeit, wo einen die Kugel erwischen wird, und das gibt dem gesamten Kцrper eine fast unangenehme Empfindlichkeit.

Nach ein oder zwei Stunden etwa ebbte das SchieЯen allmдhlich ab und legte sich schlieЯlich vollstдndig. Unterdessen hatten wir nur einen Verlust. Die Faschisten hatten ein paar Maschinengewehre ins Niemandsland vorverlegt, aber sie hatten sich in sicherer Entfernung gehalten und machten keinen Versuch, unsere Befestigung anzugreifen. Tatsдchlich griffen sie ьberhaupt nicht an, sondern verschwendeten nur Patronen und machten einen begeisterten Lдrm, um den Fall von Malaga zu feiern.

Die hauptsдchliche Bedeutung dieses Vorfalls bestand darin, dass er mich lehrte, die Kriegsnachrichten in den Zeitungen mit etwas unglдubigeren Augen zu lesen. Ein oder zwei Tage spдter verцffentlichten die Zeitungen und der Rundfunk Berichte ьber einen riesigen Angriff mit Kavallerie und Tanks (einen senkrechten Abhang hinauf), der von den heroischen Englдndern abgeschlagen worden sei.

Als die Faschisten uns berichteten, Malaga sei gefallen, hielten wir es fьr eine Lьge. Aber am nдchsten Tag gab es ьberzeugendere Gerьchte, und es muss ein oder zwei Tage spдter gewesen sein, dass es offiziell zugegeben wurde. Allmдhlich kam die ganze schimpfliche Geschichte heraus — wie die Stadt, ohne einen Schuss abzufeuern, evakuiert wurde und wie die Wut der Italiener sich nicht auf die Truppen gerichtet hatte, die abgezogen waren, sondern auf die bejammernswerte Zivilbevцlkerung, die teilweise ьber mehr als hundertfьnfzig Kilometer verfolgt und mit Maschinengewehren niedergemacht wurde. Diese Nachricht bewirkte an der ganzen Front eine Art Abkьhlung, denn was auch immer die Wahrheit gewesen sein mag, jedermann in der Miliz glaubte, dass der Verlust von Malaga die Folge von Verrat war. Damals hцrte ich zum ersten Mal das Gerede von Verrat oder getrennten Zielen. Das weckte in meinem Gehirn die ersten vagen Zweifel an diesem Krieg, in dem bisher das Richtige und das Falsche auseinander zuhalten so wundervoll einfach zu sein schien.

Mitte Februar verlieЯen wir Monte Oscuro und wurden zusammen mit allen P.O.U.M.-Truppen dieses Abschnitts der Armee einverleibt, die Huesca belagerte. Das bedeutete eine Reise von achtzig Kilometern auf dem Lastwagen ьber die winterliche Ebene, wo die beschnittenen Rebstцcke noch nicht ausschlugen und die Halme des Winterroggens gerade durch den brцckligen Boden sprieЯten. Vier Kilometer vor unseren neuen Schьtzengrдben glitzerte Huesca klein und klar wie eine Stadt von Puppenhдusern. Vor Monaten, nach der Eroberung Sietamos, hatte der General, der die Regierungstruppen befehligte, gut aufgelegt gesagt: »Morgen werden wir in Huesca Kaffee trinken.« Es stellte sich heraus, dass er unrecht hatte. Blutige Angriffe wurden gefьhrt, aber die Stadt fiel nicht, und der Ausspruch »Morgen werden wir in Huesca Kaffee trinken« wurde zu einem stдndigen Witz in der ganzen Armee. Wenn ich jemals nach Spanien zurьckgehe, werde ich darauf bestehen, eine Tasse Kaffee in Huesca zu trinken.

Цstlich von Huesca ereignete sich bis spдt in den Mдrz hinein nichts — fast buchstдblich nichts. Wir lagen zwцlfhundert Meter weit vom Gegner entfernt. Als die Faschisten nach Huesca zurьckgetrieben wurden, hatten sich die Truppen der republikanischen Armee, die diesen Frontabschnitt hielten, bei ihrem Vormarsch nicht ьbereifrig gezeigt, und so formte sich die Front hier wie eine Tasche. Spдter musste sie vorverlegt werden — sicher unter Beschuss eine heikle Sache —, aber augenblicklich hдtte der Feind ebenso gut gar nicht vorhanden sein kцnnen. Unsere einzige Beschдftigung bestand darin, uns warm zu halten und genug zu essen zu bekommen. Tatsдchlich gab es einiges, was mich wдhrend dieser Zeit interessierte, und ich werde spдter davon berichten. Aber ich halte mich wohl enger an den Ablauf der Ereignisse, wenn ich hier zunдchst versuche, eine Darstellung der innenpolitischen Situation auf der Regierungsseite zu geben.

Anfangs hatte ich mich wenig um die politische Seite des Krieges gekьmmert, aber ungefдhr um diese Zeit begann ich meine Aufmerksamkeit auch darauf zu richten. Wer nicht an den Wirrnissen der Parteipolitik interessiert ist, ьberschlдgt am besten die nдchsten Seiten. Aus diesem Grund bemьhe ich mich auch, die politische Seite dieser Erzдhlung in getrennten Kapiteln zu halten. Es wдre darьber hinaus ganz unmцglich, nur unter rein militдrischen Gesichtspunkten ьber den Spanischen Krieg zu schreiben. Es war nдmlich vor allen Dingen ein politischer Krieg. Kein Ereignis, besonders aus den ersten Jahren, ist verstдndlich ohne eine gewisse Kenntnis von dem Kampf zwischen den Parteien, der sich hinter der Frontlinie der Regierungsseite abspielte. Als ich nach Spanien kam, und auch einige Zeit spдter, interessierte ich mich nicht nur nicht fьr die politische Situation, sondern sie kam mir nicht einmal zum Bewusstsein. Ich wusste, dass es Krieg gab, aber ich hatte keine Ahnung, was fьr eine Art von Krieg das war. Wenn man mich gefragt hдtte, warum ich mich der Miliz angeschlossen hatte, so wьrde ich geantwortet haben: »Um gegen den Faschismus zu kдmpfen.« Wenn man mich gefragt hдtte, wofьr ich kдmpfte, wьrde ich geantwortet haben: »Fьr allgemeine Anstдndigkeit.« Ich hatte mich mit der Version von News Chronicle — New Statesman abgefunden, die diesen Krieg als die Verteidigung der Zivilisation gegen den verrьckten Aufstand einer Armee von reaktionдren Obristen vom Typ des Colonel Blimp (Anm.: Karikaturgestalt von David Low als Sinnbild des reaktionдren Englдnders.) im Solde Hitlers schilderten. Die revolutionдre Atmosphдre von Barcelona hatte mich sehr stark gefesselt, aber ich hatte keinen Versuch gemacht, sie zu verstehen.

Das Kaleidoskop der politischen Parteien und Gewerkschaften mit ihren langweiligen Namen — P.S.U.C, P.O.U.M., F.A.I., C.N.T., U.G.T., J.C.I., J.S.U., A.I.T. — brachte mich nur in Verzweiflung. Auf den ersten Blick sah es so aus, als leide ganz Spanien an einer Abkьrzungspest. Ich wusste, dass die Gruppe, in der ich diente, P.O.U.M. hieЯ (ich hatte mich der P.O.U.M.-Miliz und keiner anderen nur deshalb angeschlossen, weil ich in Barcelona zufдllig mit I.L.P.-Papieren ankam). Aber ich hatte keine Ahnung, dass es zwischen den politischen Parteien ernstliche Unterschiede gab. Wenn jemand bei Monte Pocero auf die Stellung zu unserer Linken zeigte und sagte: »Das sind die Sozialisten« (also die P.S.U.C), war ich verwirrt und sagte: »Sind wir nicht alle Sozialisten?« Ich fand es idiotisch, dass Leute, die um ihr Leben kдmpften, verschiedenen Parteien angehцren sollten. Meine Einstellung lautete immer: »Warum kцnnen wir nicht all diesen politischen Unsinn fallenlassen und einfach mit dem Krieg weitermachen?« Das war natьrlich die richtige >antifaschistische< Haltung, die von den englischen Zeitungen sehr sorgfдltig verbreitet wurde, hauptsдchlich um die Leute davon abzuhalten, die wahre Natur des Kampfes zu begreifen. In Spanien jedoch, besonders in Katalonien, konnte niemand diese Ansicht lange aufrechterhalten. Jeder auch noch so Uneinsichtige musste frьher oder spдter Partei ergreifen. Selbst wenn man fьr die politischen Parteien und ihre sich befehdenden Ansichten nichts ьbrig hatte, konnte man nicht ьbersehen, wie eng das eigene Schicksal damit verknьpft war. Als Milizsoldat war man ein Soldat gegen Franco, aber man war auch eine Schachfigur in dem riesigen Kampf, der zwischen zwei politischen Theorien ausgefochten wurde. Wenn ich am Berghang verzweifelt nach Brennholz suchte und mich wunderte, ob das wirklich Krieg war oder ob die News Chronicle ihn nur erfunden hдtte, als ich mich vor dem Feuer der kommunistischen Maschinengewehre wдhrend des Aufruhrs in Barcelona duckte und als ich schlieЯlich mit der Polizei auf meinen Fersen aus Spanien floh — geschah das, weil ich in der P.O.U.M.-Miliz diente und nicht in der P.S.U.C. So groЯ ist der Unterschied zwischen zwei Abkьrzungen!

Um die verschiedenen Auffassungen auf der Regierungsseite zu verstehen, muss man sich daran erinnern, wie der Krieg ausbrach. Als die Kдmpfe am 18. Juli begannen, spьrte wahrscheinlich jeder Antifaschist in Europa eine erregende Hoffnung, denn hier stand anscheinend endlich die Demokratie gegen den Faschismus auf. Wдhrend der letzten Jahre hatten sich die demokratischen Staaten Schritt fьr Schritt dem Faschismus unterworfen. Man hatte den Japanern erlaubt, in der Mandschurei zu tun, was sie wollten. Hitler war zur Macht gekommen und fuhr fort, die politischen Gegner aller Schattierungen zu massakrieren. Mussolini hatte die Abessinier bombardiert, wдhrend dreiundfьnfzig Nationen (ich glaube, es waren dreiundfьnfzig) abseits standen und fromme Sprьche von sich gaben. Aber als Franco versuchte, eine gemдЯigt links orientierte Regierung zu stьrzen, lehnten sich entgegen allen Erwartungen die spanischen Menschen gegen ihn auf. Es schien — vielleicht war es sogar — die Wende der Flut.

Aber es gab gewisse Einzelheiten, die sich der allgemeinen Aufmerksamkeit entzogen. Zunдchst einmal konnte man Franco strenggenommen nicht mit Hitler oder Mussolini vergleichen. Sein Aufstieg war eine militдrische Meuterei, die von der Aristokratie und der Kirche unterstьtzt wurde, und vor allem war es besonders am Anfang weniger ein Versuch, den Faschismus durchzusetzen, als den Feudalismus wiederherzustellen. Das bedeutete, dass sich nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch verschiedene Kreise der liberalen Bourgeoisie gegen Franco stellten - gerade jene Leute, die den Faschismus in seiner moderneren Form sonst unterstьtzen. Noch wichtiger war, dass die spanische Arbeiterklasse Franco nicht, wie es vielleicht denkbar gewesen wдre, im Namen der Demokratie und des Status quo widerstand. Ihr Widerstand wurde begleitet, oder man kцnnte fast sagen, er nдhrte sich eigentlich aus einem kompromisslosen revolutionдren Aufbegehren. Die Bauern bemдchtigten sich des Grund und Bodens, viele Fabriken und der grцЯte Teil des Transportsystems wurden von den Gewerkschaften ьbernommen, Kirchen wurden zerstцrt und die Priester weggetrieben oder getцtet. Unter dem Beifall des katholischen Klerus konnte die Daily Mail Franco als einen Patrioten darstellen, der sein Land von einer Horde teuflischer »Roter« befreite.

Wдhrend der ersten Kriegsmonate waren Francos wirkliche Gegner weniger die Regierung als die Gewerkschaften. Sobald die Revolution ausbrach, antworteten die organisierten Arbeiter in den Stдdten mit der Ausrufung des Generalstreiks und verlangten dann Waffen aus den цffentlichen Arsenalen, die sie nach einigen Kдmpfen auch erhielten. Falls sie nicht spontan und mehr oder weniger unabhдngig gehandelt hдtten, wдre es gut denkbar, dass niemand Franco widerstanden hдtte. Natьrlich gibt es darьber keine Gewissheit, aber es gibt zumindest Grьnde, es anzunehmen. Die Regierung hatte wenig oder gar keine Versuche unternommen, dem Aufruhr zuvorzukommen, den man so lange Zeit vorausgesehen hatte. Als die Schwierigkeiten begannen, war ihre Haltung schwach und zцgernd; ja so schwach, dass es in Spanien an einem Tag drei Premierminister gab (Anm.: Quiroga, Barrios und Giral. Die beiden ersten weigerten sich, Waffen an die Gewerkschaften zu verteilen.). AuЯerdem wurde die Bewaffnung der Arbeiter, vermutlich der einzige Schritt, die unmittelbare Situation zu retten, nur unwillig und als Antwort auf den ungestьmen Tumult des Volkes vollzogen. Aber schlieЯlich wurden die Waffen doch verteilt. In den groЯen Stдdten Ostspaniens wurden die Faschisten durch eine gewaltige Anstrengung zurьckgeschlagen, vor allem durch die Arbeiterklasse, die von einigen bewaffneten Truppen (der Guardia de Asalto und so weiter) unterstьtzt wurden, die der Regierung treu geblieben waren. Es war eine Anstrengung, deren wahrscheinlich nur Menschen fдhig sind, die mit einer revolutionдren Absicht kдmpfen, das heiЯt, die daran glauben, fьr etwas Besseres zu kдmpfen als fьr den Status quo. Es wird angenommen, dass in den verschiedenen Zentren der Revolution an einem Tag dreitausend Menschen in den StraЯen umkamen. Mдnner und Frauen rannten, nur mit Dynamitstдben bewaffnet, ьber offene Plдtze und stьrmten Gebдude, die von geьbten Soldaten mit Maschinengewehren verteidigt wurden. Maschinengewehrnester, die die Faschisten an strategischen Stellen aufgestellt hatten, wurden zerstцrt, indem Taxis mit einer Geschwindigkeit von hundert Kilometern auf sie zurasten. Selbst wenn man nichts von der Landergreifung durch die Bauern gehцrt hatte, von der Einrichtung цrtlicher Sowjets und so weiter, konnte man kaum glauben, dass die Anarchisten und Sozialisten, die das Rьckgrat des Widerstandes waren, so etwas taten, um die kapitalistische Demokratie zu erhalten. Besonders nach Ansicht der Anarchisten war die Demokratie ja nichts weiter als eine zentralisierte Lьgenmaschine.

Inzwischen hatten die Arbeiter Waffen in Hдnden und weigerten sich, sie zu diesem Zeitpunkt wieder abzugeben. (Selbst ein Jahr spдter wurde ьberschlдgig festgestellt, dass die anarchistischen Syndikalisten in Katalonien dreiЯigtausend Gewehre besaЯen.) Die Gьter der groЯen profaschistischen Landbesitzer wurden vielerorts von den Bauern erobert. Zusammen mit der Kollektivierung der Industrie und des Transportwesens machte man den Versuch, die ersten Anfдnge einer Arbeiterregierung zu bilden. Es wurden цrtlich Ausschьsse eingesetzt, Arbeiterpatrouillen sollten die alte prokapitalistische Polizeimacht ersetzen, die Arbeitermiliz baute auf den Gewerkschaften auf und so weiter. Natьrlich war dieser Prozess nicht einheitlich und machte in Katalonien grцЯere Fortschritte als anderswo. Es gab Gegenden, wo die Institutionen der цrtlichen Regierungsgewalt fast unberьhrt blieben, und andere, wo sie Seite an Seite mit den Revolutionskomitees existierten. An einigen Orten wurden unabhдngige, anarchistische Kommunen errichtet; einige bestanden ein Jahr lang, bis sie mit Gewalt durch die Zentralregierung unterdrьckt wurden. In Katalonien lag die tatsдchliche Gewalt wдhrend der ersten Monate in den Hдnden der anarchistischen Syndikalisten, die die meisten Schlьsselindustrien kontrollierten. Was sich in Spanien ereignet hatte, war tatsдchlich nicht nur ein Bьrgerkrieg, sondern der Beginn einer Revolution. Die antifaschistische Presse auЯerhalb Spaniens hat sich besonders bemьht, diese Tatsache zu verschleiern. Die Streitfrage wurde auf die Formel »Faschismus gegen Demokratie« zusammengedrдngt und der revolutionдre Aspekt so gut wie mцglich verborgen. In England, wo die Presse zentralisierter ist und die Цffentlichkeit leichter als sonst wo betrogen werden kann, erhielten nur zwei Versionen des Spanischen Krieges irgendeine nennenswerte Publizitдt: die Version der Rechtsgerichteten, wonach christliche Patrioten gegen bluttriefende Bolschewisten kдmpften, und die Version der Linksgerichteten, wonach republikanische Gentlemen eine militдrische Revolte unterdrьckten. Der Hauptstreitpunkt wurde mit Erfolg verschwiegen.

Dafьr gab es verschiedene Grьnde. Zunдchst einmal wurden von der profaschistischen Presse erschreckende Lьgen ьber Grдueltaten verbreitet, und wohlmeinende Propagandisten dachten ohne Zweifel, dass sie der spanischen Regierung halfen, wenn sie verschleierten, dass Spanien >rot geworden< war. Aber der Hauptgrund war folgender: AuЯer kleinen revolutionдren Gruppen, die in allen Lдndern existieren, war die ganze Welt entschlossen, eine Revolution in Spanien zu verhьten. Besonders die kommunistische Partei, mit der Sowjetunion im Rьcken, hatte ihr ganzes Gewicht gegen die Revolution geworfen. Die kommunistische These lautete, eine Revolution zu diesem Zeitpunkt sei lebensgefдhrlich, und man dьrfe nicht darauf hinwirken, in Spanien eine Kontrolle durch die Arbeiterschaft zu verwirklichen, sondern eine Bourgeoisdemokratie. Es braucht kaum erklдrt zu werden, warum die Meinung der >liberalen< Kapitalisten in die gleiche Richtung zielte. Fremdes Kapital war in Spanien sehr stark investiert. So waren zum Beispiel in der StraЯenbahngesellschaft Barcelona zehn Millionen britisches Kapital, inzwischen aber hatten die Gewerkschaften in Katalonien das ganze Transportwesen ьbernommen. Falls die Revolution fortschritt, wьrde es entweder gar keine Kompensation oder nur sehr wenig geben. Ging aber die kapitalistische Republik siegreich aus dem Kampf hervor, wдren die auslдndischen Investitionen sicher gewesen. Da die Revolution jedenfalls zertrьmmert werden musste, vereinfachte es alles sehr, wenn man vorgab, dass keine Revolution stattgefunden habe. Auf diese Weise konnte die wirkliche Bedeutung jedes Ereignisses verschwiegen werden. Jeder Wechsel in der Macht von den Gewerkschaften zur Zentralregierung lieЯ sich als ein notwendiger Schritt zur militдrischen Reorganisation darstellen. Die so geschaffene Situation war дuЯerst seltsam. AuЯerhalb Spaniens erkannten nur wenige Leute, dass es eine Revolution gab; im Inneren Spaniens zweifelte niemand daran. Selbst die Zeitungen der P.S.U.C., kontrolliert von den Kommunisten und mehr oder weniger einer antirevolutionдren Politik verschrieben, sprachen ьber »unsere glorreiche Revolution«. Wдhrenddessen schrieb die kommunistische Presse im Ausland, dass es nirgendwo auch nur ein Zeichen von Revolution gдbe. Die Ьbernahme der Fabriken, die Einsetzung von Arbeiterrдten und so weiter war nicht geschehen oder war nach einer anderen Lesart geschehen, hatte aber »keine politische Bedeutung«. Nach dem Daily Worker (6. August 1936) waren diejenigen, die sagten, dass das spanische Volk fьr eine soziale Revolution oder irgend etwas anderes als die Bourgeoisdemokratie kдmpfe, »ausgesprochen lьgnerische Schufte«. Andererseits erklдrte Juan Lopez, ein Mitglied der Regierung von Valencia, im Februar 1937, »das spanische Volk vergieЯt sein Blut nicht fьr die demokratische Republik und seine Verfassung auf dem Papier, sondern fьr ... eine Revolution«. So mochte es den Anschein haben, dass die ausgesprochen lьgnerischen Schufte sogar Mitglieder der Regierung waren, fьr die zu kдmpfen man uns aufgefordert hatte. Einige der auslдndischen antifaschistischen Zeitungen lieЯen sich sogar zu der erbarmungswьrdigen Lьge herab, dass Kirchen nur dann angegriffen wurden, wenn sie als faschistische Befestigungen dienten. Tatsдchlich wurden die Kirchen ьberall geplьndert, und zwar in einer selbstverstдndlichen Weise, da man sehr genau verstand, dass die spanische Kirche ein Teil des kapitalistischen Theaters war. Im Verlauf von sechs Monaten sah ich in Spanien nur zwei unzerstцrte Kirchen. Bis zum Juli 1937 erlaubte man nicht, dass eine Kirche geцffnet und Gottesdienste abgehalten wurden, auЯer ein oder zwei protestantischen Kirchen in Madrid.

Aber im Grunde genommen war es nur der Beginn einer Revolution und nicht deren Vollendung. Selbst wenn die Arbeiter, sicherlich in Katalonien und mцglicherweise auch sonst wo, die Macht gehabt hдtten, so etwas zu tun, stьrzten oder verdrдngten sie die Regierung nicht. Offensichtlich konnten sie es nicht tun, solange Franco gegen das Tor hдmmerte und Teile des Mittelstandes auf seiner Seite waren. Das Land befand sich in einem Stadium des Ьbergangs, und es war mцglich, dass es sich entweder in der Richtung des Sozialismus entwickelte oder aber zu einer normalen kapitalistischen Republik zurьckkehrte. Die Bauern hatten jetzt das meiste Land, und sie wьrden es wahrscheinlich behalten, es sei denn, Franco errдnge den Sieg. Alle groЯen Industrien waren kollektiviert worden. Ob sie aber kollektiviert blieben oder ob der Kapitalismus wieder eingefьhrt wьrde, hing schlieЯlich davon ab, welche Gruppe die Kontrolle gewinnen wьrde. Fьr den Anfang konnte man sicher sagen, dass sowohl die Zentralregierung als auch die Generalidad de Catalufia (die halbautonome katalanische Landesregierung) die Arbeiterklasse reprдsentierten. An der Spitze der Regierung stand Caballero, ein Sozialist des linken Flьgels, die Minister waren Vertreter der U.G.T. (Sozialistische Gewerkschaften) und der C.N.T. (Syndikalistische Gewerkschaften, die von den Anarchisten kontrolliert wurden). Eine Zeitlang wurde die katalanische Generalidad praktisch von einem antifaschistischen Verteidigungskomitee ersetzt (Anm.: Comitй Central de Milicias Antifascistas. Die Delegierten wurden im Verhдltnis zur Mitgliedschaft ihrer Organisationen gewдhlt. Neun Delegierte vertraten die Gewerkschaften, drei die katalanische liberale Partei und zwei die verschiedenen marxistischen Parteien (P.O.U.M., Kommunisten und andere).), das hauptsдchlich aus Delegierten der Gewerkschaften bestand. Spдter wurde das Verteidigungskomitee aufgelцst und die Generalidad neu gebildet, um die Gewerkschaften und die verschiedenen linksgerichteten Parteien zu vertreten. Aber jede der folgenden Umbildungen brachte die Regierung weiter nach rechts. Zunдchst wurde die P.O.U.M. von der Generalidad ausgestoЯen. Sechs Monate spдter wurde Caballero durch den rechtsgerichteten Sozialisten Negrin ersetzt. Kurze Zeit spдter wurde die C.N.T. aus der Zentralregierung ausgeschlossen, dann die U.G.T. Danach wurde die C.N.T. aus der Generalidad entfernt, und ein Jahr nach Ausbruch des Krieges und der Revolution gab es schlieЯlich eine Regierung, die vollstдndig von rechtsgerichteten Sozialisten, Liberalen und Kommunisten gebildet wurde.

Der allgemeine Umschwung nach rechts begann ungefдhr im Oktober und November 1936, als die UdSSR anfing, die Zentralregierung mit Waffen zu versorgen, und als die Macht von den Anarchisten auf die Kommunisten ьberging. AuЯer Russland und Mexiko besaЯ kein anderes Land den Anstand, der Zentralregierung zu Hilfe zu kommen, und Mexiko konnte aus einleuchtenden Grьnden Waffen nicht in groЯen Mengen liefern. So waren also die Russen in der Lage, die Bedingungen zu diktieren. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass diese Bedingungen vor allem lauteten: »Verhindert die Revolution, oder ihr bekommt keine Waffen.« So wurde die erste MaЯnahme gegen die revolutionдren Elemente, nдmlich die Verdrдngung der P.O.U.M. aus der katalanischen Generalidad, nach Befehlen der UdSSR durchgefьhrt. Man hat abgeleugnet, dass die russische Regierung irgendeinen direkten Druck ausgeьbt habe. Aber diese Tatsache ist nicht von groЯer Bedeutung, denn man kann annehmen, dass die kommunistischen Parteien aller Lдnder die russische Politik ausfьhren. Es wird aber nicht geleugnet, dass die kommunistische Partei die hauptsдchliche Triebkraft zunдchst gegen die P.O.U.M., spдter gegen die Anarchisten, den von Caballero gefьhrten Flьgel der Sozialisten und allgemein gegen eine revolutionдre Politik war. Nachdem sich die UdSSR einmal eingemischt hatte, war der Triumph der kommunistischen Partei gesichert. Zunдchst wurde das kommunistische Prestige dadurch enorm gehoben, dass man Russland gegenьber dankbar war fьr die Waffen und die Tatsache, dass die kommunistische Partei besonders nach Ankunft der Internationalen Brigade den Anschein erweckte, als kцnnte sie den Krieg gewinnen. Zweitens wurden die russischen Waffen durch die kommunistische Partei oder die mit ihr verbьndeten Parteien ausgeliefert, und sie achteten darauf, dass ihre politischen Gegner sowenig wie mцglich davon erhielten (Anm.: Das war der Grund dafьr, dass es an der aragonischen Front so wenig russische Waffen gab, da die Truppen dort hauptsдchlich Anarchisten waren. Bis zum April 1937 sah ich als einzige russische Waffe — mit Ausnahme einiger Flugzeuge, die vielleicht russisch waren, vielleicht aber auch nicht — nur eine einzelne Maschinenpistole.). Drittens gelang es den Kommunisten durch die Verkьndung einer nichtrevolutionдren Politik, alle diejenigen um sich zu scharen, die von Extremisten verscheucht worden waren. Es war beispielsweise leicht, die wohlhabenderen Bauern gegen die Kollektivierungspolitik der Anarchisten zu sammeln. Die Mitgliedschaft der Partei wuchs gewaltig an, der Zufluss speiste sich hauptsдchlich aus dem Mittelstand: Ladenbesitzer, Beamte, Armeeoffiziere, wohlhabende Bauern und so weiter, und so weiter. Im Grunde genommen war der Krieg ein Dreieckskampf. Das Ringen mit Franco musste fortgesetzt werden, aber gleichzeitig war es das Ziel der Zentralregierung, alle Macht zurьckzugewinnen, die noch in den Hдnden der Gewerkschaften verblieben war. Dies geschah durch eine Reihe kleiner Manцver, es war eine Politik der Nadelstiche, wie es jemand genannt hat, und man tat es, im ganzen gesehen, sehr klug. Es gab keine allgemeine, offene Gegenrevolution, und bis zum Mai 1937 war es nicht einmal nцtig, Gewalt anzuwenden. Man konnte die Arbeiter immer durch ein Argument zur Rдson bringen, das fast zu augenfдllig ist, um es zu nennen: »Wenn ihr dieses oder jenes nicht tut, werden wir den Krieg verlieren.« In jedem Fall natьrlich verlangte anscheinend die militдrische Notwendigkeit, etwas aufzugeben, das die Arbeiter 1936 fьr sich errungen hatten. Aber dieses Argument war immer stichhaltig, denn das letzte, was die Revolutionsparteien wьnschten, war, den Krieg zu verlieren. Verlor man den Krieg, wьrden Demokratie und Revolution, Sozialismus und Anarchismus zu bedeutungslosen Worten. Die Anarchisten, die einzige Revolutionspartei, deren GrцЯe von Bedeutung war, wurden gezwungen, Stьck fьr Stьck nachzugeben. Das Fortschreiten der Kollektivierung wurde angehalten, die цrtlichen Ausschьsse wurden entfernt, die Arbeiterpatrouillen wurden aufgelцst, die Polizeikrдfte der Vorkriegszeit wurden, weitgehend verstдrkt und schwer bewaffnet, wieder eingesetzt, und verschiedene Schlьsselindustrien, die unter der Kontrolle der Gewerkschaften gestanden hatten, wurden von der Regierung ьbernommen. (Die Ьbernahme des Telefonamtes von Barcelona, die zu den Maikдmpfen gefьhrt hatte, war ein Beispiel dieser Entwicklung.) SchlieЯlich, und das war das allerwichtigste, wurden die Milizeinheiten der Arbeiter, die sich auf die Gewerkschaften grьndeten, allmдhlich auseinandergebrochen und in die neue Volksarmee aufgeteilt. Das war eine >unpolitische< Armee, sie hatte einen halben Bourgeoischarakter. Es gab unterschiedlichen Sold, eine privilegierte Offizierskaste und so weiter, und so weiter. Unter den besonderen Umstдnden war das tatsдchlich ein entscheidender Schritt. In Katalonien vollzog man ihn allerdings spдter als an anderen Orten, denn hier waren die Revolutionsparteien am stдrksten. Offensichtlich bestand die einzige Garantie fьr die Arbeiter, ihre Errungenschaften zu festigen, nur darin, einen Teil ihrer Streitkrдfte unter ihrer eigenen Kontrolle zu haben. Wie gewцhnlich wurde auch das Auseinanderbrechen der Miliz im Namen militдrischer Leistungsfдhigkeit vollzogen, und niemand leugnete, dass eine grьndliche militдrische Reorganisation notwendig war. Es wдre aber durchaus mцglich gewesen, die Miliz zu reorganisieren und leistungsfдhiger zu machen und sie gleichzeitig unter der direkten Kontrolle der Gewerkschaften zu belassen. Der Hauptzweck des Wechsels lag darin, dafьr zu sorgen, dass die Anarchisten keine eigenen Waffen mehr besaЯen. AuЯerdem war der demokratische Geist der Miliz ein Brutnest fьr revolutionдre Ideen. Die Kommunisten wussten das sehr genau und schimpften ohne Unterlass und erbittert ьber die P.O.U.M. und das anarchistische Prinzip des gleichen Lohns fьr alle Rдnge. Es fand eine allgemeine >Verbьrgerlichung< statt, eine absichtliche Zerstцrung des Gleichheitsgeistes aus den ersten Monaten der Revolution. Alles ereignete sich so geschwind, dass Leute, die Spanien innerhalb von wenigen Monaten mehrmals besucht hatten, erklдrten, dass sie anscheinend kaum das gleiche Land besuchten. Was an der Oberflдche und fьr eine kurze Weile ein Arbeiterstaat zu sein schien, verwandelte sich vor den eigenen Augen in eine herkцmmliche Bourgeoisrepublik mit der normalen Unterscheidung von reich und arm. Im Herbst 1937 erklдrte der >Sozialist< Negrin in цffentlichen Ansprachen, dass »wir privates Eigentum respektieren«, und Mitglieder des Cortes, die zu Beginn des Krieges aus dem Land fliehen mussten, da man sie faschistischer Sympathien verdдchtigte, kehrten nach Spanien zurьck.

Man kann den ganzen Vorgang leicht verstehen, wenn man sich daran erinnert, dass er aus der zeitweiligen Allianz herrьhrt, die der Faschismus in verschiedenen Formen der Bourgeoisie und den Arbeitern aufzwingt. Dieses Bьndnis, bekannt als Volksfront, ist eigentlich eine Allianz zwischen Feinden, und es erscheint als wahrscheinlich, dass es immer damit enden muss, dass ein Partner den anderen verschlingt. Das einzige unerwartete Merkmal an der spanischen Lage — und auЯerhalb Spaniens hat es in erheblichem Umfange Missverstдndnisse hervorgerufen - besteht darin, dass unter den Parteien auf der Seite der Zentralregierung die Kommunisten nicht auf der extremen Linken, sondern auf der extremen Rechten standen. In Wirklichkeit sollte das nicht ьberraschen, denn die Taktik der kommunistischen Partei in anderen Lдndern, besonders in Frankreich, hat klar gezeigt, dass man den offiziellen Kommunismus zumindest zur Zeit als eine antirevolutionдre Kraft betrachten muss. Die ganze Kominternpolitik ist jetzt der Verteidigung der UdSSR untergeordnet (entschuldbar, wenn man die Weltsituation betrachtet), und diese Verteidigung beruht auf einem System militдrischer Bьndnisse. Vornehmlich hat sich die UdSSR mit Frankreich, einem kapitalistisch-imperialistischen Land, verbьndet. Dieses Bьndnis nьtzt Russland wenig, es sei denn, der franzцsische Kapitalismus ist stark. Darum muss die kommunistische Politik in Frankreich antirevolutionдr sein. Das heiЯt nicht nur, dass die franzцsischen Kommunisten hinter der Trikolore hermarschieren und die Marseillaise singen, sondern, und das ist noch wichtiger, sie mussten jegliche wirksame Agitation in den franzцsischen Kolonien fallenlassen. Vor weniger als drei Jahren erklдrte Thorez, der Sekretдr der franzцsischen kommunistischen Partei, die franzцsischen Arbeiter kцnnten nie zu einem Kampf gegen ihre deutschen Kameraden angestachelt werden (Anm.: In der Deputiertenkammer im Mдrz 1935.). Heute ist er in Frankreich einer der laut-halsigsten Patrioten. Der Schlьssel zum Verhalten der kommunistischen Partei in irgendeinem Lande ist die tatsдchliche oder potentielle militдrische Beziehung dieses Landes zur UdSSR. In England zum Beispiel ist die Lage noch ungewiss, deshalb ist die englische kommunistische Partei der Nationalregierung gegenьber immer noch feindlich eingestellt und widersetzte sich angeblich der Aufrьstung. Wenn aber GroЯbritannien ein Bьndnis oder ein militдrisches Abkommen mit der UdSSR abschlieЯt, werden die englischen дhnlich den franzцsischen Kommunisten keine andere Wahl haben, als gute Patrioten und Imperialisten zu werden. Dafьr gibt es schon erste Anzeichen. In Spanien wurde die kommunistische >Linie< zweifellos durch die Tatsache beeinflusst, dass Frankreich als Verbьndeter Russlands sich gegen einen revolutionдren Nachbarn wenden und Himmel und Erde in Bewegung setzen wьrde, um die Befreiung Spanisch-Marokkos zu verhindern. Die Daily Mail, mit ihren Geschichten einer von Moskau finanzierten roten Revolution, hatte diesmal noch mehr unrecht als gewцhnlich. In Wirklichkeit waren es die Kommunisten, die vor allen anderen in Spanien eine Revolution verhinderten. Als die Krдfte der Rechten spдter im vollen Besitz der Kontrolle waren, zeigten sich die Kommunisten willig, bei der Jagd auf revolutionдre Fьhrer noch ein gutes Stьck weiter als die Liberalen zu gehen (Anm.: Der beste Bericht ьber das Wechselspiel zwischen den Parteien auf der Regierungsseite ist Franz Borkenaus The Spanish Cockpit. Es ist das weitaus aufschlussreichste Buch, das bis jetzt ьber den Spanischen Krieg erschienen ist.).

Ich habe versucht, den allgemeinen Ablauf der spanischen Revolution wдhrend des ersten Jahres zu skizzieren, denn das erleichtert das Verstдndnis der Situation fьr jeden einzelnen Augenblick. Aber ich mцchte nicht den Eindruck erwecken, als ob ich im Februar schon die gleichen Ansichten gehabt hдtte, wie ich sie hier geschildert habe. Vor allem hatten die Ereignisse, die mir die Augen цffneten, noch nicht stattgefunden, und meine Sympathien lagen jedenfalls etwas anders als heute. Das kam zum Teil daher, weil mich die politische Seite des Krieges langweilte, und ich opponierte natьrlich gegen die Ansichten, die ich am hдufigsten hцrte, das heiЯt die Ansichten der P.O.U.M.-I.L.P. Die Englдnder, mit denen ich augenblicklich zusammen lebte, waren die Mitglieder der I.L.P, einige auch der KP. Die meisten von ihnen waren politisch viel besser unterrichtet als ich selbst. Wдhrend vieler Wochen dieser langweiligen Zeit, als vor Huesca nichts geschah, fand ich mich selbst mitten in einer politischen Diskussion, die praktisch niemals endete. In der zugigen, ьbel riechenden Scheune des Bauernhauses, in dem wir einquartiert waren, in der stickigen Dunkelheit der Unterstдnde und wдhrend der kalten Mitternachtsstunden hinter der Brustwehr wurde endlos ьber die miteinander in Konflikt liegenden Partei->Linien< debattiert. Auch die Spanier taten nichts anderes. Die meisten Zeitungen, die wir zu Gesicht bekamen, beschдftigten sich auch vorwiegend mit dem Kampf zwischen den Parteien. Man musste taub oder schwachsinnig sein, um nicht etwa zu begreifen, wofьr sich die verschiedenen Parteien einsetzten.

Es gab nur drei Parteien von politisch-theoretischer Bedeutung, die P.S.U.C., die P.O.U.M. und die C.N.T.-F.A.I., ungenau als Anarchisten bezeichnet. Ich beschreibe zuerst die P.S.U.C., da sie die bedeutendste war. Es war die Partei, die zum Schluss triumphierte, und selbst zu dieser Zeit war sie schon sichtbar im Aufstieg.

Es ist notwendig zu erklдren, dass in Wirklichkeit die kommunistische Parteilinie gemeint ist, wenn man von der P.S.U.C.>Linie< spricht. Die P.S.U.C. (Partido Socialista Unificado de Catalufia) war die sozialistische Partei Kataloniens. Sie war zu Beginn des Krieges durch den Zusammenschluss verschiedener marxistischer Parteien, einschlieЯlich der katalanischen kommunistischen Partei, gegrьndet worden. Aber sie stand jetzt vollstдndig unter kommunistischer Kontrolle und gehцrte zur Dritten Internationale. Nirgendwo sonst in Spanien hatte es eine formale Einigung zwischen Sozialisten und Kommunisten gegeben. Aber man konnte annehmen, dass ьberall der kommunistische und der rechtssozialistische Standpunkt identisch waren. Grob gesprochen war die P.S.U.C. das politische Organ der U.G.T. (Union General de Trabajadores), der sozialistischen Gewerkschaften. Die Mitgliederzahl dieser Gewerkschaften betrug jetzt in ganz Spanien etwa eineinhalb Millionen. Darunter befanden sich groЯe Teile der Handarbeiter, aber seit dem Ausbruch des Krieges waren sie auch durch den Zustrom aus dem Mittelstand angeschwollen. Denn wдhrend der ersten Revolutionstage hatten es viele Leute als nьtzlich empfunden, sich entweder der U.G.T. oder der C.N.T. anzuschlieЯen. Die beiden Gewerkschaftsblocks deckten sich zum Teil, aber unter den beiden war die C.N.T. eindeutiger eine Organisation der Arbeiterklasse. Deshalb war die P.S.U.C. teilweise eine Partei der Arbeiter und teilweise der kleinen Bourgeoisie, der Ladenbesitzer, der Beamten und der wohlhabenderen Bauern.

Die >Linie< der P.S.U.C., die in der kommunistischen und prokommunistischen Presse der ganzen Welt gepredigt wurde, lautete ungefдhr so:

»Im Augenblick ist nichts von Bedeutung, als den Krieg zu gewinnen. Ohne Sieg in diesem Krieg ist alles andere bedeutungslos. Darum ist es nicht der richtige Augenblick, davon zu sprechen, die Revolution voranzutreiben. Wir kцnnen es uns nicht leisten, uns die Bauern zu entfremden, indem wir ihnen die Kollektivierung aufzwingen, und wir kцnnen es uns auch nicht leisten, die Mittelklasse abzuschrecken, die auf unserer Seite kдmpft. Vor allem mьssen wir um der Leistung willen das ganze revolutionдre Chaos beseitigen. An Stelle von цrtlichen Ausschьssen brauchen wir eine starke Zentralregierung und eine richtig ausgebildete, voll leistungsfдhige Armee unter einem einheitlichen Kommando. Es ist mehr als nutzlos, sich an die Ьberreste einer Kontrolle durch die Arbeiter zu halten und revolutionдre Phrasen nachzuplappern. Das ist nicht nur hinderlich, sondern sogar konterrevolutionдr und fьhrt zu Aufspaltungen, die die Faschisten gegen uns benutzen kцnnen. In diesem Stadium kдmpfen wir nicht fьr die Diktatur des Proletariats, wir kдmpfen fьr die parlamentarische Demokratie.

Wer versucht, den Bьrgerkrieg in eine soziale Revolution zu verwandeln, spielt in die Hдnde der Faschisten und ist in der Wirkung, wenn nicht sogar in der Absicht, ein Verrдter.«

Die Parteilinie der P.O.U.M. unterschied sich hiervon in jedem Punkt, auЯer der Forderung natьrlich, dass es wichtig sei, den Krieg zu gewinnen. Die P.O.U.M. war eine jener sezessionistischen kommunistischen Parteien, die wдhrend der letzten Jahre in vielen Lдndern als Resultat der Opposition gegen den >Stalinismus< entstanden sind, also als Antwort auf einen wirklichen oder scheinbaren Wechsel in der kommunistischen Politik. Sie bestand teilweise aus ehemaligen Kommunisten und teilweise aus einer ehemaligen anderen Partei, dem Block der Arbeiter und Bauern. ZahlenmдЯig war sie eine kleine Partei (Anm.: Die Mitgliedszahlen der P.O.U.M. betrugen im Juli 1936 10 000, Dezember 1936 70000, Juni 1937 40000. Diese Zahlen stammen aber aus P.O.U.M.-Quellen. Eine gegnerisdie Schдtzung wьrde sie wahrscheinlich durch vier teilen. Das einzige, was sich mit einiger Gewissheit ьber die Mitgliedszahlen der politischen Parteien Spaniens sagen lдsst, ist, dass jede Partei ihre eigene Stдrke ьberschдtzt.). Sie hatte auЯerhalb Kataloniens nicht viel Einfluss und war hauptsдchlich deshalb wichtig, weil sie eine ungewцhnlich groЯe Anzahl politisch ьberzeugter Mitglieder hatte. Ihre Hochburg in Katalonien war Lerida. Sie vertrat keinen besonderen Block der Gewerkschaften.

Die Milizsoldaten der P.O.U.M. waren hauptsдchlich Mitglieder der C.N.T., aber die eigentlichen Parteimitglieder gehцrten meistens der U.G.T. an. Aber nur in der C.N.T. hatte die P.O.U.M. einen gewissen Einfluss. Die Parteilinie der P.O.U.M. lautete ungefдhr so:

»Es ist Unsinn, davon zu sprechen, dem Faschismus durch eine Bourgeois->Demokratie< entgegenzutreten. Bourgeois->Demokratie< ist nur ein anderer Name fьr Kapitalismus, genauso wie der Faschismus. Im Namen der Demokratie gegen den Faschismus zu kдmpfen, heiЯt, im Namen einer Form des Kapitalismus gegen eine zweite zu kдmpfen, die sich zu jeder Zeit in die erste verwandeln kann. Die einzig wirkliche Alternative zum Faschismus ist die Ausьbung der Kontrolle durch die Arbeiter. Wer sich irgendein kleineres Ziel als dieses setzt, wird entweder Franco den Sieg aushдndigen oder im besten Falle den Faschismus durch die Hintertьr hereinlassen. Vorlдufig mьssen die Arbeiter an jedem Stьckchen festhalten, das sie errungen haben. Wenn sie irgend etwas wieder der halbbьrgerlichen Regierung ьberlassen, kцnnen sie sicher sein, dass sie betrogen werden. Die Milizeinheiten und die Polizeikrдfte der Arbeiter mьssen in ihrer augenblicklichen Form erhalten bleiben, und jedem Versuch, sie zu verbьrgerlichen, muss Widerstand geleistet werden. Wenn die Arbeiter die Streitkrдfte nicht kontrollieren, werden die Streitkrдfte die Arbeiter kontrollieren. Der Krieg und die Revolution sind untrennbar.«

Die anarchistische Einstellung lдsst sich weniger leicht definieren. Der ungenaue Begriff Anarchisten wird jedenfalls benutzt, um eine Vielzahl von Leuten mit sehr unterschiedlichen Ansichten zu bezeichnen. Der riesige Block der Gewerkschaften der C.N.T. (Confederacion Nacional de Trabajadores) mit rund zwei Millionen Mitgliedern hatte als politisches Organ die F.A.I. (Federacion Anarquista Iberica), eine durchaus anarchistische Organisation. Aber selbst die Mitglieder der F.A.I. waren zwar, wie vielleicht die meisten Spanier, von der anarchistischen Philosophie angehaucht, aber nicht notwendigerweise Anarchisten im reinsten Sinne. Besonders seit Beginn des Krieges hatten sie sich mehr in die Richtung des gewцhnlichen Sozialismus bewegt, weil die Umstдnde sie gezwungen hatten, an einer zentralisierten Verwaltung teilzunehmen und sogar ihre sдmtlichen Prinzipien zu brechen, indem sie in die Regierung eintraten. Trotzdem unterschieden sie sich von den Kommunisten grundsдtzlich dadurch, dass sie wie die P.O.U.M. die Kontrolle durch die Arbeiter verwirklichen wollten und nicht eine parlamentarische Demokratie. Sie akzeptierten das Schlagwort der P.O.U.M.: »Der Krieg und die Revolution sind untrennbar«, obwohl sie weniger dogmatisch darьber dachten. Grob gesagt, hieЯen die Ziele der C.N.T.-F.A.I.:

1. Ausьbung der direkten Kontrolle ьber die Industrie durch die Arbeiter in den einzelnen Industriezweigen, also im Transportwesen, in den Textilfabriken und so weiter;

2. Regierung in der Form цrtlicher Ausschьsse und Widerstand gegen jegliche Form zentralisierter autoritдrer Regierungsgewalt; 3. kompromisslose Gegnerschaft gegen die Bourgeoisie und die Kirche.

Der letzte Punkt, obwohl der am wenigsten prдzise, war der bedeutendste. Die Anarchisten waren genau das Gegenteil der meisten so genannten Revolutionдre, weil ihre Prinzipien zwar ziemlich vage, ihr Hass auf Privilegien und Ungerechtigkeit dagegen vollstдndig echt war. Weltanschaulich sind Kommunismus und Anarchismus polare Gegensдtze. In der Praxis, das heiЯt in bezug auf die beabsichtigte Gesellschaftsform, liegt der Unterschied hauptsдchlich in der Betonung, aber er ist nicht zu ьberbrьcken. Die Kommunisten betonen immer den Zentralismus und den Nutzeffekt, die Anarchisten Freiheit und Gleichheit. Der Anarchismus ist in Spanien tief verwurzelt und wird wahrscheinlich den Kommunismus ьberdauern, wenn der russische Einfluss zurьckgenommen wird. Gerade die Anarchisten hatten wдhrend der ersten zwei Kriegsmonate die Lage mehr als irgend jemand gerettet, und selbst lange Zeit danach waren die Milizeinheiten der Anarchisten trotz ihrer schlechten Disziplin offenkundig die besten Kдmpfer unter den rein spanischen Truppen. Ab Februar 1937 konnte man bis zu einem gewissen Grade die Anarchisten und die P.O.U.M. als eine Einheit ansehen. Hдtten die Anarchisten, die P.O.U.M. und der linke Flьgel der Sozialisten zu Beginn genьgend Verstand gehabt, sich zusammengetan und eine realistische Politik durchgefьhrt, wдre der Krieg mцglicherweise anders verlaufen. Das war aber zu Beginn dieses Kampfes, als die Revolutionsparteien das Spiel in Hдnden zu haben schienen, unmцglich. Zwischen den Anarchisten und Sozialisten standen uralte Eifersьchte. Die Anhдnger der P.O.U.M. waren als Marxisten skeptisch gegenьber den Anarchisten, wдhrend vom rein anarchistischen Standpunkt aus der >Trotzkismus< der P.O.U.M. dem >Stalinismus< der Kommunisten kaum vorzuziehen war. Trotzdem bewirkte die kommunistische Taktik ein Zusammengehen der beiden Parteien.

Als die P.O.U.M. sich im Mai an den unheilvollen Kдmpfen in Barcelona beteiligte, geschah dies hauptsдchlich in einem Gefьhl des Beistandes fьr die C.N.T., und als spдter die P.O.U.M. unterdrьckt wurde, wagten es allein die Anarchisten, eine Stimme zu ihrer Verteidigung zu erheben.

Grob gesprochen hatten sich die Krдfte etwa so gegliedert: auf der einen Seite die C.N.T.-F.A.I., die P.O.U.M. und der Flьgel der Sozialisten, die fьr die Kontrolle durch die Arbeiter waren; auf der anderen Seite der rechte Flьgel der Sozialisten, die Liberalen und die Kommunisten, die sich fьr eine Zentralregierung und eine militarisierte Armee einsetzten.

Es ist leicht verstдndlich, warum ich zu dieser Zeit den kommunistischen Standpunkt dem der P.O.U.M. vorzog. Nach dem gesunden Menschenverstand, der nur die nahe Zukunft im Auge hat, besaЯen die Kommunisten eine entschiedene, praktische Politik, also offensichtlich eine bessere Politik. Sicher waren auЯerdem die tagtдgliche Politik der P.O.U.M., ihre Propaganda und so weiter unaussprechlich schlecht. Das war sicher so, denn sonst hдtten sie eine grцЯere Gefolgschaft anziehen mьssen. Den Ausschlag aber gab -so schien es mir —, dass die Kommunisten in diesem Krieg vorankamen, wдhrend wir und die Anarchisten stillstanden. Dieses Gefьhl hatte zu jener Zeit jeder. Die Kommunisten hatten die Macht und einen groЯen Zuwachs ihrer Mitgliedschaft teilweise dadurch gewonnen, weil sie sich, die Revolutionдre bekдmpfend, an die Mittelklasse wandten, aber teilweise auch, weil sie die einzigen Leute waren, die aussahen, als ob sie fдhig seien, den Krieg zu gewinnen. Die russischen Waffen und die groЯartige Verteidigung Madrids durch Truppen, die hauptsдchlich unter kommunistischer Kontrolle standen, hatte die Kommunisten zu den Helden Spaniens gemacht. Jedes russische Flugzeug, das ьber unsere Kцpfe flog, war, wie es jemand einmal ausdrьckte, kommunistische Propaganda. Der revolutionдre Ьbereifer der P.O.U.M. erschien mir ziemlich fruchtlos, obwohl ich seine Logik einsah. Denn schlieЯlich kam es in diesem Krieg allein auf den Sieg an.

Wдhrenddessen aber tobte ьberall der teuflische Kampf zwischen den Parteien, in Zeitungen, Flugblдttern, auf Plakaten und in Bьchern. Ich bekam damals vor allem die P.O.U.M.-Zeitungen La Batalla und Adelante zu Gesicht. Ich fand ihre endlose Krittelei an der »konterrevolutionдren« P.S.U.C. ermьdend und pedantisch. Als ich spдter die Presse der P.S.U.C. und der Kommunisten etwas nдher studierte, erkannte ich, dass die P.O.U.M. im Vergleich zu ihren Feinden beinahe tadellos war. AuЯerdem waren ihre Mцglichkeiten sehr beschrдnkt. Im Gegensatz zu den Kommunisten fanden sie in der Presse auЯerhalb ihres eigenen Landes keine Unterstьtzung, und in Spanien selbst waren sie in einem gewaltigen Nachteil, weil die Zensur der Presse hauptsдchlich von Kommunisten ausgeьbt wurde. Das bedeutete, dass die Zeitungen der P.O.U.M. hдufig unterdrьckt oder bestraft werden konnten, wenn sie etwas Schдdliches sagten. Man muss auЯerdem fair sein und sagen, dass die P.O.U.M. sich nicht in persцnlichen Angriffen erging, obwohl sie endlose Predigten ьber die Revolution hielt und Lenin bis zum Erbrechen zitierte. AuЯerdem beschrдnkte sie ihre Polemik vor allem auf Zeitungsartikel. Ihre groЯen, bunten Plakate, die fьr eine breitere Цffentlichkeit entworfen waren (Plakate sind in Spanien mit seiner grцЯtenteils des Lesens unkundigen Bevцlkerung wichtig), griffen nicht die gegnerischen Parteien an, sondern hatten einfach antifaschistische oder abstrakte revolutionдre Inhalte. Das galt auch fьr die Lieder, die die Milizsoldaten sangen. Die Anschuldigungen der Kommunisten dagegen waren eine ganz andere Sache. Ich werde mich spдter in diesem Buch damit noch befassen mьssen. An dieser Stelle kann ich die kommunistischen Angriffe nur kurz andeuten.

Nach auЯen war der Streit zwischen den Kommunisten und der P.O.U.M. nur eine taktische Frage. Die P.O.U.M. setzte sich fьr die sofortige Revolution ein, die Kommunisten nicht. So weit, so gut, dafьr konnte man auf beiden Seiten viel sagen. Darьber hinaus behaupteten die Kommunisten, die Propaganda der P.O.U.M. entzweie und schwдche die Regierungstruppen und gefдhrde so den Sieg in diesem Krieg. Auch dieses Argument enthдlt einen wahren Kern, obwohl ich letzten Endes nicht damit einverstanden bin. Aber hier zeigte sich die Eigentьmlichkeit der kommunistischen Taktik. Anfangs noch vorsichtig, dann aber lauter behaupteten sie, die P.O.U.M. zersplittere die Regierungstruppen nicht allein durch ihre schlechte Urteilskraft, sondern durch wohlьberlegte Absicht. Die P.O.U.M. wurde als eine Bande verkleideter Faschisten angeprangert, die von Franco und Hitler bezahlt seien und eine pseudorevolutionдre Politik verfolgten, um so der faschistischen Sache zu helfen; die P.O.U.M. sei eine >trotzkistische< Organisation und die >Fьnfte Kolonne Francos<. Das hieЯ also, dass Zehntausende von Arbeitern einschlieЯlich der acht- oder zehntausend Soldaten, die in den Schьtzengrдben froren, und Hunderte von Auslдndern, die nach Spanien gekommen waren, um gegen den Faschismus zu kдmpfen, und oft ihren Lebensunterhalt und ihre Nationalitдt aufgegeben hatten, einfach vom Feind bezahlte Verrдter waren. Diese Geschichte aber wurde in ganz Spanien durch Plakate und дhnliches verbreitet und in der kommunistischen und prokommunistischen Presse der ganzen Welt stдndig wiederholt. Ich kцnnte ein halbes Dutzend Bьcher mit Zitaten fьllen, wenn ich mir vorgenommen hдtte, sie zu sammeln.

So sagten sie also von uns, wir seien Trotzkisten, Faschisten, Verrдter, Mцrder, Feiglinge, Spione und so weiter. Ich gebe zu, dass das nicht angenehm war, besonders wenn man an einige der Leute dachte, die dafьr verantwortlich waren. Es ist nicht schцn, wenn man sieht, wie ein fьnfzehnjдhriger spanischer Junge auf einer Bahre aus der Front getragen wird, mit seinem verwirrten, weiЯen Gesicht unter der Decke hervorschaut, und man sich dann die gewissenlosen Leute in London und Paris vorstellt, die Broschьren schreiben, um nachzuweisen, dass dieser Junge ein verkappter Faschist sei. Es ist einer der scheuЯlichsten Zьge des Krieges, dass alle Kriegspropaganda, alles Geschrei, alle Lьgen und aller Hass stдndig von Leuten kommen, die nicht mitkдmpfen. Die Milizsoldaten der P.S.U.C., die ich an der Front kennenlernte, oder die Kommunisten aus der Internationalen Brigade, die ich von Zeit zu Zeit traf, bezeichneten mich niemals als Trotzkisten oder Verrдter; so etwas ьberlieЯen sie den Journalisten hinter der Front. Die Leute, die Broschьren gegen uns schrieben und uns in den Zeitungen beschimpften, blieben wohlbehьtet zu Hause. Schlimmstenfalls aber saЯen sie in den Zeitungsredaktionen von Valencia, Hunderte von Kilometern von Kugelregen und Schlamm entfernt. Der Kampf zwischen den Parteien wurde mit Verleumdung geschьrt, dazu kamen wie ьblich die gewцhnlichen Kriegsgeschichten, man rьhrte die Propagandatrommeln, erzдhlte Heldentaten und schmдhte den Feind. Das alles war das Werk von Leuten, die nicht kдmpften und die in vielen Fдllen lieber zweihundert Kilometer gelaufen wдren, als sich am Kampf zu beteiligen. Als eine der traurigsten Wirkungen dieses Krieges erkannte ich, dass die Presse der Linken bis ins kleinste genauso falsch und unehrlich ist wie die der Rechten (Anm.: Ich mцchte als einzige Ausnahme den Manchester Guardian nennen. Im Zusammenhang mit diesem Buch musste ich die Archivbдnde einer ganzen Anzahl englischer Zeitungen durchblдttern. Allein der Manchester Guardian unter unseren grцЯeren Zeitungen hinterlдsst in mir einen wachsenden Respekt fьr seine Ehrlichkeit.). Ich bin ernsthaft davon ьberzeugt, dass sich dieser Krieg auf unserer Seite, also der Zentralregierung, von den normalen, imperialistischen Kriegen unterschied. Das hдtte man jedoch nach der Art der Kriegspropaganda niemals annehmen kцnnen. Kaum hatten die Kдmpfe begonnen, tauchten die Zeitungen der Rechten und der Linken gleichzeitig in dieselbe Senkgrube von Beschimpfungen. Wir alle erinnern uns an das Plakat der Daily Mail mit der Ьberschrift »Rote kreuzigen Nonnen«. Nach den Worten des Daily Worker hingegen setzte sich die Fremdenlegion Francos aus »Mцrdern, weiЯen Sklavenhдndlern, Rauschgiftsьchtigen und dem Ausschuss jedes europдischen Landes« zusammen. Selbst noch im Oktober 1937 traktierte uns der New Statesman mit Geschichten von faschistischen Barrikaden, die man aus den Kцrpern lebendiger Kinder errichtet habe (ein sehr unpraktisches Material, um Barrikaden daraus zu machen). Mr. Arthur Bryant erklдrte gleichzeitig, dass es im loyalistischen Spanien durchaus ьblich sei, die FьЯe eines konservativen Geschдftsmannes einfach abzusдgen. Leute, die solche Geschichten schreiben, beteiligen sich nie am Kampf. Vielleicht glauben sie, so zu schreiben sei ein Ersatz fьr das Kдmpfen. Das ist in allen Kriegen immer das gleiche. Die Soldaten kдmpfen, die Journalisten schreiben, und kein wahrer Patriot kommt je einem Schьtzengraben an der Front nahe, auЯer auf ganz kurzen Propagandatouren. Manchmal trцstete es mich zu wissen, dass das Flugzeug die Bedingungen eines Krieges дndert. Vielleicht sehen wir im nдchsten Krieg etwas, was es nie zuvor in der Geschichte gegeben hat: einen Sдbelrassler mit einem Kugelloch im Bauch.

Vom journalistischen Standpunkt aus war dieser Krieg wie alle anderen Kriege ein Schauspiel. Aber in Spanien gab es einen Unterschied. Wenn normalerweise die Journalisten ihre mцrderischen Schmдhungen fьr den Feind reservieren, kamen im Laufe der Zeit die Kommunisten und die P.O.U.M.-Leute dazu, erbitterter voneinander als von den Faschisten zu schreiben. Trotzdem konnte ich mich damals nicht dazu aufraffen, das alles sehr ernst zu nehmen. Der Kampf zwischen den Parteien war дrgerlich und sogar widerwдrtig, aber er kam mir vor wie ein hдuslicher Hader. Ich glaubte nicht, dass er irgend etwas дndern wьrde oder dass es wirklich unьberbrьckbare Unterschiede in der Politik gebe. Es leuchtete mir ein, dass sich die Kommunisten und die Liberalen vorgenommen hatten, die Revolution nicht weiter fortschreiten zu lassen. Ich konnte jedoch nicht begreifen, dass sie fдhig sein kцnnten, sie zurьckzudrehen.

Dafьr gab es gute Grьnde. Wдhrend der ganzen Zeit war ich an der Front, und an der Front verдnderte sich die gesellschaftliche oder politische Atmosphдre nicht. Ich hatte Barcelona Anfang Januar verlassen und trat meinen Urlaub nicht vor Ende April an. Wдhrend dieser ganzen Zeit, ja selbst spдter noch, blieben die Bedingungen in diesem Teil von Aragonien, der von den Anarchisten und den Truppen der P.O.U.M. kontrolliert wurde, die gleichen, zumindest nach auЯen hin. Die revolutionдre Atmosphдre blieb so, wie ich sie am Anfang kennen gelernt hatte. Generale und einfache Soldaten, Bauern und Milizsoldaten begegneten sich als ebenbьrtig, jeder erhielt den gleichen Lohn, trug die gleiche Kleidung, aЯ die gleiche Nahrung und nannte jeden anderen du und Kamerad. Es gab keine Klasse der Bosse, keine Klasse der Lakaien, keine Bettler, keine Prostituierten, keine Rechtsanwдlte, keine Priester, keine Speichelleckerei und keine Unterwьrfigkeit. Ich atmete die Luft der Gleichheit und war einfдltig genug, mir vorzustellen, dass sie in ganz Spanien existierte. Es fiel mir nicht auf, dass ich mehr oder minder zufдllig unter dem revolutionдrsten Teil der spanischen Arbeiterklasse isoliert war. Ich neigte dazu, ьber meine politisch besser unterrichteten Kameraden zu lachen, wenn sie mir erzдhlten, dass man dem Krieg gegenьber nicht eine rein militдrische Haltung einnehmen kцnne oder dass es nur die Wahl zwischen Revolution und Faschismus gebe. Im groЯen und ganzen akzeptierte ich die kommunistische Ansicht, die man mit den Worten zusammenfassen kann: »Wir kцnnen nicht ьber die Revolution sprechen, ehe wir nicht den Krieg gewonnen haben.« Und ich stimmte nicht mit der Ansicht der P.O.U.M. ьberein, die ungefдhr lautete: »Wir mьssen vorwдrts gehen oder wir gehen zurьck.« Wenn ich mich spдter dazu entschloss, den Standpunkt der P.O.U.M. als den richtigen anzusehen, jedenfalls als richtiger als den der Kommunisten, geschah dies nicht aus rein theoretischen Grьnden.

Auf dem Papier machte sich die Sache der Kommunisten gut aus. Leider aber erschwerten sie durch ihr tatsдchliches Verhalten den Glauben daran, dass sie ihre Sache mit gutem Willen vorantrieben. Der oft wiederholte Leitspruch »Zuerst der Krieg und dann die Revolution« war leeres Geschwдtz, obwohl der gewцhnliche P.S.U.C.-Milizsoldat davon ьberzeugt war und ehrlich meinte, die Revolution kцnne weitergefьhrt werden, wenn der Krieg gewonnen sei. Die Kommunisten bemьhten sich nicht etwa, die spanische Revolution auf einen besser geeigneten Zeitpunkt zu verschieben, sondern sorgten dafьr, dass sie nie stattfдnde. Das wurde mit der Zeit immer deutlicher, als sie die Macht in zunehmendem MaЯe den Hдnden der Arbeiterklasse entwanden und als mehr und mehr Revolutionдre aller Schattierungen ins Gefдngnis geworfen wurden. Jede MaЯnahme wurde im Namen der militдrischen Notwendigkeit vollzogen, denn dieser Vorwand lag sozusagen griffbereit. Aber tatsдchlich lief alles darauf hinaus, die Arbeiter aus einer gьnstigen Position zu verdrдngen und sie in eine Position hineinzumanцvrieren, in der es ihnen im Moment, da der Krieg vorbei war, unmцglich sein wьrde, der Wiedereinfьhrung des Kapitalismus zu widerstehen. Ich mцchte klarmachen, dass ich damit nichts gegen den einfachen Kommunisten sagen will, vor allem nicht gegen die vielen tausend Kommunisten, die bei Madrid so heroisch starben. Aber sie lenkten nicht die Parteipolitik. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Mдnner in den oberen Rдngen handelten, ohne ihre Augen offen zu haben.

Aber schlieЯlich war es schon der Mьhe wert, diesen Krieg zu gewinnen, selbst wenn die Revolution nicht erfolgreich war. Zum Schluss kamen mir Zweifel, ob auf lange Sicht die kommunistische Politik auf den Sieg abzielte. Sehr wenige Menschen scheinen darьber nachgedacht zu haben, dass in verschiedenen Abschnitten des Krieges eine unterschiedliche Politik angebracht sein kцnnte. Vermutlich retteten die Anarchisten wдhrend der ersten zwei Monate die Lage, aber sie waren unfдhig, ьber eine bestimmte Zeit hinaus den Widerstand zu organisieren. Wahrscheinlich retteten im Oktober bis Dezember die Kommunisten die Lage, aber es war wieder eine ganz andere Sache, den Krieg vollstдndig zu gewinnen. Fraglos wurde in England die kommunistische Kriegspolitik anerkannt, denn nur sehr wenig kritische ДuЯerungen waren wirklich verцffentlicht worden. Die allgemeinen Grundlinien klangen auЯerdem so realistisch und wirkungsvoll, so etwa, dass man das revolutionдre Chaos beseitigen, die Produktion ankurbeln und die Armee nach militдrischen Grundsдtzen aufbauen mьsse. Es lohnt sich, auf die diesen Prinzipien innewohnende Schwдche hinzuweisen.

Um jede revolutionдre Tendenz im Zaum zu halten und den Krieg soweit wie mцglich zu einem normalen Krieg zu machen, wurde es notwendig, die tatsдchlich existierenden strategischen Gelegenheiten vorьbergehen zu lassen. Ich habe schon beschrieben, wie wir an der aragonischen Front bewaffnet oder, besser gesagt, nicht bewaffnet waren. Es bestehen wenig Zweifel, dass die Waffen absichtlich zurьckgehalten wurden, damit mцglichst wenig in die Hдnde der Anarchisten gelangten, die sie spдter zu revolutionдren Zwecken benutzen kцnnten. Folglich fand die groЯe aragonische Offensive nie statt, die Franco gezwungen hдtte, sich von Bilbao, ja vielleicht sogar von Madrid zurьckzuziehen. Das war aber eine verhдltnismдЯig kleine Angelegenheit. Viel wichtiger war, dass in dem Augenblick, da man den Krieg erst einmal auf den Begriff eines >Krieges fьr die Demokratie< beschrдnkte, es unmцglich wurde, in grцЯerem MaЯstabe an die Hilfe der Arbeiterklasse anderer Lдnder zu appellieren. Wenn wir den Tatsachen ins Gesicht sehen, mьssen wir zugeben, dass die Arbeiterklasse der Welt den Spanischen Krieg mit einer gewissen Gleichgьltigkeit betrachtet hat. Zehntausende kamen einzeln, um mitzukдmpfen, aber viele Millionen blieben apathisch zurьck. Man nimmt an, dass wдhrend des ersten Kriegsjahres die gesamte britische Bevцlkerung etwa eine Viertelmillion Pfund fьr verschiedene Spanien-Hilfsfonds gestiftet hat, das ist wahrscheinlich halb soviel, wie sie in einer einzigen Woche ausgab, um ins Kino zu gehen. In Wirklichkeit hдtte die Arbeiterklasse der demokratischen Lдnder ihren spanischen Kameraden durch industrielle Aktionen helfen kцnnen, durch Streiks und Boykotts. Dazu zeigten sich aber nicht einmal Ansдtze. Die Fьhrer der Arbeiterbewegung und der Kommunisten erklдrten ьberall, so etwas sei undenkbar. Ohne Zweifel hatten sie recht, solange sie lauthals beteuerten, dass das >rote< Spanien nicht >rot< sei. Seit 1914-18 hat der >Krieg fьr die Demokratie< einen bцsen Beigeschmack. Jahrelang hatten die Kommunisten selbst den militanten Arbeitern in allen Lдndern beigebracht, dass Demokratie ein hцflicher Name fьr Kapitalismus sei. Es ist keine gute Taktik, wenn man zuerst sagt: »Demokratie ist ein Schwindel« und dann: »Kдmpft fьr die Demokratie!« Hдtten sie, mit dem riesigen Ansehen Sowjetrusslands hinter sich, die Arbeiter der Welt nicht im Namen eines demokratischen Spaniens, sondern eines revolutionдren Spaniens aufgerufen, kann man sich kaum vorstellen, dass eine Antwort ausgeblieben wдre.

Das Wichtigste aber ist, dass eine nichtrevolutionдre Politik es schwer, wenn nicht sogar unmцglich machte, einen Schlag gegen Francos Hinterland zu fьhren. Im Sommer 1937 kontrollierte Franco einen grцЯeren Teil der Bevцlkerung als die Regierung, sogar viel grцЯer, wenn man auch die Kolonien mitzдhlt. Er tat das mit der gleichen Anzahl Truppen. Wie jedermann weiЯ, ist es unmцglich, mit einer feindlichen Bevцlkerung im Rьcken eine Armee im Feld zu halten, ohne eine gleich groЯe Armee zur Bewachung der Verbindungswege und zur Unterdrьckung von Sabotage und so weiter zu haben. Offensichtlich gab es also keine richtige volkstьmliche Bewegung im Rьcken Francos. Es war undenkbar, dass die Bevцlkerung in seinem Herrschaftsbereich, jedenfalls die Arbeiter in den Stдdten und die дrmeren Bauern, Franco gern hatten oder sogar seine Regierung wьnschten. Aber der Vorzug der Zentralregierung wurde mit jedem Schritt zur Rechten hin weniger offensichtlich — Marokko gab den Ausschlag. Warum gab es keine Revolution in Marokko? Franco versuchte, dort eine berьchtigte Diktatur einzurichten, und die Mauren zogen ihn tatsдchlich der Volksfrontregierung vor! Die harte Wahrheit ist, dass kein Versuch gemacht wurde, einen Aufruhr in Marokko anzustiften, denn das hдtte bedeutet, dem Krieg wieder eine revolutionдre Konstruktion zu geben. Die erste Notwendigkeit wдre gewesen, die Freiheit Marokkos zu verkьnden, um die Mauren von den guten Absichten zu ьberzeugen. Wir kцnnen uns vorstellen, wie sich die Franzosen darьber gefreut hдtten! Die beste strategische Gelegenheit des Krieges wurde weggeworfen in der vagen Hoffnung, so den franzцsisch-britischen Kapitalismus zu besдnftigen. Die gesamte Tendenz der kommunistischen Politik bestand darin, den Krieg auf einen normalen, nichtrevolutionдren Krieg zu reduzieren, in dem die Zentralregierung sehr stark benachteiligt war. Denn ein Krieg dieser Art muss durch mechanische Mittel, das heiЯt letzten Endes durch einen unbegrenzten Waffennachschub gewonnen werden. Der Hauptwaffenlieferant der Zentralregierung, die UdSSR, hatte aber im Vergleich mit Italien und Deutschland einen groЯen geographischen Nachteil. Vielleicht war die Losung der P.O.U.M. und der Anarchisten »Der Krieg und die Revolution sind untrennbar« weniger visionдr, als es klang.

Ich habe meine Grьnde dargelegt, warum ich glaubte, die kommunistische, antirevolutionдre Politik sei falsch gewesen. Ich hoffe jedoch nicht, dass sich mein Urteil im Hinblick auf ihre Auswirkung auf den Krieg als richtig erweist. Ich hoffe tausendmal, dass mein Urteil falsch ist. Ich mцchte gerne sehen, dass dieser Krieg durch jedes nur mцgliche Mittel gewonnen wird, und wir kцnnen natьrlich nicht sagen, was sich ereignen wird. Die Regierung wird sich vielleicht wieder der Linken zuwenden. Vielleicht revoltieren die Mauren aus eigener Initiative. England mag sich dazu entschlieЯen, Italien aufzukaufen. Vielleicht kann der Krieg auch durch direkte militдrische MaЯnahmen gewonnen werden. All das kann man nicht wissen. Ich lasse die oben geschilderten Ansichten stehen, wie sie sind, und die Zukunft wird zeigen, ob ich recht oder unrecht gehabt habe. Aber im Februar 1937 sah ich die Dinge nicht ganz im gleichen Licht. Ich war des Nichtstuns an der aragonischen Front mьde und war mir vor allen Dingen darьber im klaren, dass ich meinen gerechten Anteil am Kampf noch nicht geleistet hatte. Ich entsann mich des Rekrutierungsplakates in Barcelona, das die Passanten mahnend fragte: »Was hast Du fьr die Demokratie getan?«, und ich fьhlte, dass ich nur antworten kцnnte: »Ich habe meine Rationen in Empfang genommen.« Als ich mich der Miliz anschloss, hatte ich mir selbst das Versprechen gegeben, einen Faschisten zu tцten. Wenn schlieЯlich jeder von uns einen tцtete, wьrden sie bald ausgerottet sein. Aber bisher hatte ich noch niemanden getцtet, und es gab kaum eine Chance dazu. AuЯerdem wollte ich natьrlich nach Madrid gehen. Jeder in der Armee, wie auch seine politischen Ansichten lauten mochten, wollte nach Madrid gehen. Das bedeutete fьr mich wahrscheinlich einen Wechsel zur Internationalen Brigade. Denn die P.O.U.M. hatte jetzt nur wenig Truppen bei Madrid, und auch die Anarchisten hatten nicht mehr soviel wie frьher.

Im Augenblick musste man natьrlich an der Front bleiben, aber ich sagte jedem, dass ich beim nдchsten Urlaub nach Mцglichkeit zur Internationalen Brigade ьberwechseln wьrde. Das hieЯ, ich musste mich unter kommunistische Kontrolle stellen. Verschiedene Leute versuchten, mir diesen Gedanken auszureden, aber niemand versuchte, sich in meine persцnlichen Angelegenheiten einzumischen. Man muss fairerweise zugeben, dass es in der P.O.U.M. sehr wenig Gewissenszwang gab, vielleicht nicht genug, wenn man sich der besonderen Umstдnde erinnert. Wenn nicht jemand gerade profaschistisch war, wurde er nicht zur Rechenschaft gezogen, falls er die falschen politischen Ansichten hatte. Ich verbrachte einen Teil meiner Zeit in der Miliz damit, die Ansichten der P.O.U.M. heftig zu kritisieren, aber ich hatte deshalb niemals Schwierigkeiten. Man ьbte nicht einmal einen Druck auf jemand aus, politisches Mitglied der Partei zu werden, obwohl ich glaube, dass die Mehrheit der Milizsoldaten ihr beitrat. Ich selbst wurde nie Mitglied der Partei, was ich hinterher, als die P.O.U.M. unterdrьckt wurde, sehr bedauerte.

Wдhrend der ganzen Zeit absolvierten wir unsere tдgliche, genauer gesagt, nдchtliche Runde. Es war die ьbliche Beschдftigung: Wache schieben, Spдhtrupps unternehmen, Schьtzengrдben ausheben und dazu Schlamm, Regen, heulende Winde und gelegentlich Schnee. Erst spдt im April wurden die Nдchte spьrbar wдrmer. Hier auf der Hochebene waren die Mдrztage grцЯtenteils wie ein englischer Mдrz, mit strahlend blauem Himmel und stдndigem Wind. Die Wintergerste stand dreiЯig Zentimeter hoch, auf den Kirschbдumen bildeten sich rosa Knospen, denn die Front verlief hier durch verlassene Obstgдrten und Gemьsegдrten. Wenn man in den Wassergrдben suchte, konnte man Veilchen und eine Art wilder Hyazinthen finden, die wie eine bescheidene Abart der Sternhyazinthe aussahen. Unmittelbar hinter der Front floss ein wunderschцner grьner, schдumender Bach, es war das erste klare Wasser, das ich seit meiner Ankunft an der Front gesehen hatte.

Eines Tages biss ich die Zдhne zusammen und schlьpfte in den Fluss, um mein erstes Bad nach sechs Wochen zu nehmen. Es war allerdings ein kurzes Bad, denn das Wasser war vor allem Schneewasser und nur wenig ьber dem Gefrierpunkt.

Wдhrend dieser Zeit ereignete sich nichts, es ereignete sich ьberhaupt nie etwas. Die Englдnder pflegten zu sagen, dies sei kein Krieg, sondern eine verdammte Pantomime. Wir lagen nur selten unter dem direkten Beschuss der Faschisten. Die einzige Gefahr drohte durch verirrte Kugeln, die aus verschiedenen Richtungen kamen, da die Front sich auf beiden Seiten nach vorne ausbuchtete. Die Verluste wurden zu dieser Zeit nur von Irrlдufern verursacht. Arthur Clinton wurde von einer geheimnisvollen Kugel getroffen, die seine linke Schulter zerschmetterte und seinen Arm, wie ich befьrchtete, fьr immer unbrauchbar machte. Wir hatten gelegentlich Artilleriebeschuss, aber er war auЯergewцhnlich unwirksam. Das Heulen und Krachen der Granaten galt in Wirklichkeit als eine milde Ablenkung. Die Faschisten feuerten ihre Granaten nie auf unsere Brustwehr. Einige hundert Meter hinter uns stand ein Landhaus, La Granja genannt. Seine groЯen landwirtschaftlichen Gebдude dienten als Lager, Hauptquartier und Kьche fьr diesen Frontabschnitt. Die faschistischen Artillerieschьtzen zielten auf diese Gebдude. Aber sie lagen fьnf oder sechs Kilometer weit weg und zielten nie genau genug, um mehr als die Fenster zu zerschmettern oder die Wдnde anzukratzen. Man war nur dann in Gefahr, wenn man gerade die StraЯe hinaufkam, wenn der Beschuss anfing und die Granaten auf beiden Seiten in die Felder schlugen. Man lernte beinahe am ersten Tag die geheimnisvolle Kunst, aus dem Pfeifen der Granaten zu erkennen, wie nah sie einschlagen wьrden. Die Granaten, die die Faschisten damals abfeuerten, waren jдmmerlich schlecht. Obwohl sie ein Kaliber von hundertfьnfzig Millimeter hatten, war der Krater eines Einschlages nur etwa zwei Meter breit und eineinviertel Meter tief, unter vier Granaten explodierte mindestens eine nicht. Man erzдhlte sich darum die ьblichen romantischen Geschichten von Sabotage in den faschistischen Fabriken und von Granaten, die nicht explodierten und statt Sprengstoff ein Stьck Papier enthielten, auf dem stand: »Rotfront«. Ich habe nie etwas Derartiges gesehen. In Wirklichkeit waren die Granaten hoffnungslos alt. Jemand fand eine bronzene Zьnderkappe, auf der ein Datum eingestempelt war: es war 1917. Die Kanonen der Faschisten hatten das gleiche Fabrikat und Kaliber wie unsere eigenen, und die nicht explodierten Granaten wurden oft wiederhergerichtet und zurьckgeschossen. Man erzдhlte sich, es gebe eine alte Granate, die es schon zu einem Spitznamen gebracht habe, tдglich hin- und herreise, aber nie explodiere.

Nachts wurden kleine Spдhtrupps ins Niemandsland geschickt, um in den Grдben nahe der faschistischen Linie zu liegen und auf Gerдusche (Hornsignale, Hupen und so weiter) zu horchen, die auf Bewegungen in Huesca schlieЯen lieЯen. Wir beobachteten ein stдndiges Kommen und Gehen der faschistischen Truppen und konnten ihre Zahl nach den Berichten der Lauscher einigermaЯen genau feststellen. Wir waren vor allem angewiesen worden, ьber das Lдuten der Kirchenglocken zu berichten. Es schien, dass die Faschisten jedes Mal zur Messe gingen, ehe sie in die Schlacht zogen. Zwischen den Feldern und Obstgдrten lagen verlassene Lehmhьtten, und es war ungefдhrlich, sie beim Licht eines Streichholzes zu durchforschen, nachdem man die Fenster aufgebrochen hatte. Manchmal fand man wertvolle Beutestьcke, wie zum Beispiel ein Beil oder eine faschistische Wasserflasche (die besser als unsere waren und deshalb sehr gesucht wurden). Man konnte auch wдhrend des Tages die Gegend erkunden, aber das musste meistens auf allen vieren kriechend geschehen. Es war ein eigenartiges Gefьhl, in diesen leeren, fruchtbaren Feldern herumzukriechen, in denen gerade zur Erntezeit jede Arbeit aufgehцrt hatte. Die Ernte des letzten Jahres war niemals angerьhrt worden. Die ungeschnittenen Reben wanden sich auf dem Boden entlang, die Maiskolben waren auf den Stengeln so hart wie Stein geworden, die Zucker- und Runkelrьben waren zu riesigen, hцlzernen Klumpen verwachsen. Wie die Bauern beide Armeen verflucht haben mьssen! Manchmal suchten einige Mдnner im Niemandsland nach Kartoffeln. Ungefдhr anderthalb Kilometer auf unserer Rechten, wo die Linien nдher beieinander verliefen, gab es ein Feld mit Kartoffeln, das sowohl von den Faschisten wie auch von uns besucht wurde. Wir gingen tagsьber dorthin, sie nur bei Nacht, denn es wurde von unseren Maschinengewehren beherrscht.

Eines Nachts kamen sie zu unserem Verdruss en masse heraus und rдumten das ganze Feld. Ein Stьck weiter weg entdeckten wir ein anderes, aber dort gab es praktisch keine Deckung, und man musste die Kartoffeln auf dem Bauch liegend ausgraben — eine ermьdende Arbeit. Wenn ihre Maschinengewehrschьtzen uns entdeckten, mussten wir uns flach wie eine Ratte machen, die unter einer Tьr durchschlьpft, wдhrend die Kugeln die Erdklumpen wenige Meter hinter uns zerfetzten. Es schien aber damals der Mьhe wert zu sein. Kartoffeln wurden sehr rar. Wenn man einen Sack voll hatte, konnte man sie zur Kьche bringen und sie gegen eine Wasserflasche voll Kaffee eintauschen.

Aber es ereignete sich immer noch nichts, und es sah auch nicht so aus, als ob sich etwas ereignen wьrde. »Wann werden wir angreifen? Warum greifen wir nicht an?« lauteten die Fragen, die man Tag und Nacht sowohl von den Spaniern wie auch von den Englдndern hцrte. Wenn man weiЯ, was kдmpfen bedeutet, klingt es eigenartig, dass Soldaten kдmpfen mцchten, und doch wollen sie es zweifellos. Im Schьtzengrabenkrieg gibt es drei Dinge, wonach sich alle Soldaten sehnen: eine Schlacht, mehr Zigaretten und einen einwцchigen Urlaub. Wir waren jetzt etwas besser als vorher bewaffnet. Jeder Soldat hatte hundertfьnfzig Patronen Munition anstatt fьnfzig. Nach und nach erhielten wir Bajonette, Stahlhelme und einige Handgranaten. Wir hцrten das ewige Gerьcht von einer bevorstehenden Schlacht. Ich glaube heute, es wurde absichtlich in Umlauf gesetzt, um die Moral der Truppe hochzuhalten. Man brauchte nicht viel militдrische Kenntnisse zu haben, um zu sehen, dass es auf dieser Seite von Huesca keine grцЯeren Kampfhandlungen geben werde, zumindest nicht zu jener Zeit. Der strategisch wichtige Punkt war die StraЯe nach Jaca, sie lag auf der anderen Seite.

Als die Anarchisten spдter ihren Angriff auf die StraЯe nach Jaca begannen, war es unsere Aufgabe, hinhaltende Angriffe zu unternehmen und die Faschisten zu zwingen, Truppen von der anderen Seite abzuziehen.

Wдhrend der ganzen Zeit, also etwa sechs Wochen lang, gab es nur ein Ereignis an unserem Frontabschnitt. Damals griffen unsere StoЯtruppen Manicomio an, eine nicht mehr benutzte Irrenanstalt, die die Faschisten in eine Festung umgewandelt hatten. In der P.O.U.M. dienten mehrere hundert deutsche Flьchtlinge. Man hatte sie in einem besonderen Bataillon, dem Batallon de Choque, zusammengefasst. Vom militдrischen Standpunkt aus hatten sie im Vergleich mit der ьbrigen Miliz recht unterschiedliche Qualifikationen. Sie waren wirklich mehr als irgend jemand, den ich in Spanien sah, Soldaten, mit Ausnahme der Sturmgarde und einem Teil der Internationalen Brigade. Der Angriff wurde wie gewцhnlich verdorben. Ich frage mich, wie viele Operationen in diesem Kriege wohl auf der Regierungsseite nicht verdorben wurden? Die StoЯtruppen nahmen Manicomio im Sturm. Aber die Truppen, ich habe vergessen, zu welcher Milizeinheit sie gehцrten, die sie unterstьtzen sollten, indem sie die benachbarten Hьgel, die Manicomio beherrschten, nehmen sollten, wurden ziemlich bцse zurьckgeschlagen. Der Kapitдn, der sie anfьhrte, war einer jener regulдren Armeeoffiziere einer etwas zweifelhaften Loyalitдt, auf deren weiteren Diensten die Zentralregierung bestand. Aus Furcht oder Verrat warnte er die Faschisten, indem er eine Handgranate warf, als er zweihundert Meter weit von ihnen entfernt war. Es bereitet mir eine Genugtuung zu berichten, dass seine Leute ihn auf der Stelle erschossen. Aber der Ьberraschungsangriff war keine Ьberraschung mehr, und die Milizsoldaten wurden durch heftiges Feuer niedergemдht und vom Hьgel heruntergetrieben. So mussten die StoЯtruppen beim Anbruch der Nacht Manicomio wieder aufgeben. Die ganze Nacht hindurch fuhren die Ambulanzwagen die abscheuliche StraЯe nach Sietamo hinunter und tцteten dabei die Schwerverwundeten durch die schьttelnde Fahrt.

Jetzt waren wir alle verlaust, denn trotz der Kдlte war es dafьr schon warm genug. Ich habe ziemliche Erfahrungen mit kцrperlichem Ungeziefer jeder Art gemacht, aber an absoluter Gemeinheit schlдgt die Laus alles, was mir je begegnet ist. Andere Insekten, wie beispielsweise die Mьcken, machen einem mehr zu schaffen, aber sie sind wenigstens keine Dauerbewohner. Die menschliche Laus gleicht etwa einem winzigen Krebs und lebt hauptsдchlich in den Hosen. Es gibt kaum eine Mцglichkeit, sie loszuwerden, auЯer dass man seine Kleidung verbrennt. Sie legt ihre glitzernd weiЯen Eier, die wie winzige Reiskцrner aussehen, in die Hosennдhte, und daraus kriechen junge Lдuse aus und brьten selbst mit schrecklicher Geschwindigkeit neue Familien aus. Ich glaube, es wдre nьtzlich fьr die Pazifisten, ihre Flugblдtter mit vergrцЯerten Fotografien von Lдusen zu illustrieren. Das ist wahrhaftig die Glorie des Krieges! Im Krieg sind alle Soldaten verlaust, wenigstens wenn es warm genug ist. Die Mдnner, die bei Verdun, bei Waterloo, bei Flodden, bei Senlac und bei den Thermopylen kдmpften -jeder von ihnen hatte Lдuse, die ьber seine Hoden krochen. Wir kamen dem Viehzeug ein wenig bei, indem wir ihre Eier ausbrannten und so oft, wie wir den Mut dazu aufbrachten, badeten. AuЯer Lдusen hдtte mich nichts in den eiskalten Fluss treiben kцnnen.

Alles wurde knapp — Stiefel, Kleidung, Tabak, Seife, Kerzen, Streichhцlzer und Olivenцl. Unsere Uniformen lцsten sich in Stьcke auf, und viele Mдnner hatten keine Stiefel mehr, sondern nur Sandalen mit Sohlen aus Stricken. Ьberall fand man ganze Haufen zerschlissener Stiefel. Einmal nдhrten wir ein Feuer im Unterstand zwei Tage lang fast nur mit Stiefeln, die kein schlechter Brennstoff sind. Zu diesem Zeitpunkt war meine Frau in Barcelona und schickte mir Tee, Schokolade, ja sogar Zigarren, wenn sie so etwas bekommen konnte. Aber selbst in Barcelona wurde alles knapp, besonders der Tabak. Tee war eine Gottesgabe, obwohl wir nie Milch und selten etwas Zucker hatten. Aus England wurden stдndig Pakete an die Mдnner in der Truppe geschickt, aber sie kamen nie an. Nahrungsmittel, Kleidung, Zigaretten — alles wurde entweder von der Post nicht angenommen oder in Frankreich beschlagnahmt. Seltsamerweise gelang es als einziger Firma den Armee- und Marinelдden, meiner Frau ein Paket mit Tee zu schicken, in einem denkwьrdigen Fall sogar eine Bьchse mit Keks. Die arme alte Armee und Marine! Sie taten nobel ihre Pflicht, aber vielleicht hдtten sie sich besser gefьhlt, wenn ihre Sachen auf Francos Seite der Barrikaden gegangen wдren. Das schlimmste von allem war der Mangel an Tabak. Zu Beginn des Krieges hatte man uns tдglich ein Pдckchen Zigaretten gegeben, dann wurde die Ration auf acht Zigaretten am Tag vermindert, dann auf fьnf. SchlieЯlich gab es zehn mцrderische Tage, an denen ьberhaupt kein Tabak ausgegeben wurde. Zum ersten Mal sah ich in Spanien, was man jeden Tag in London sieht, wie nдmlich Leute Kippen aufsammeln.

Gegen Ende Mдrz hatte ich eine Blutvergiftung an der Hand, die geschient und in eine Schlinge gelegt werden musste. Ich musste zum Hospital gehen, aber es lohnte sich nicht, mich wegen solch einer kleinen Verletzung nach Sietamo zu schicken, und so blieb ich im so genannten Hospital von Monflorite, das nur eine Behandlungsstation fьr Verwundete war. Ich blieb dort etwa zehn Tage, einen Teil der Zeit verbrachte ich im Bett. Die practicantes (Krankenhelfer) stahlen praktisch jeden Wertgegenstand, den ich besaЯ, einschlieЯlich meiner Kamera und aller meiner Fotografien. Jeder stahl an der Front, das war eine unvermeidbare Folge des Mangels, aber die Leute im Hospital waren immer die schlimmsten. Im Hospital in Barcelona erzдhlte mir spдter ein Amerikaner, der gekommen war, um sich der Internationalen Brigade anzuschlieЯen, dass sein Schiff von einem italienischen Unterseeboot torpediert wurde. Als man ihn verwundet an die Kьste brachte und in einen Krankenwagen hob, stahlen die Krankentrдger sogar seine Armbanduhr.

Wдhrend mein Arm in einer Binde lag, verbrachte ich einige glьckliche Tage damit, durch die Landschaft zu spazieren. Monflorite war das ьbliche Gewirr von Lehm- und Steinhьtten mit engen, gewundenen Gassen, die von Lastwagen aufgewьhlt worden waren, bis sie wie Mondkrater aussahen. Die Kirche war ziemlich zerstцrt worden, aber sie wurde jetzt als Militдrlager benutzt. In der ganzen Nachbarschaft gab es nur zwei grцЯere Bauernhдuser, Torre Lorenzo und Torre Fabian, und nur zwei wirklich groЯe Gebдude, vermutlich die Hдuser der Landbesitzer, die einst ьber diese Landschaft geherrscht hatten. Ihr Wohlstand spiegelte sich in den erbдrmlichen Hьtten der Bauern. Direkt hinter dem Fluss, ganz in der Nдhe der Frontlinie, stand eine riesige Getreidemьhle mit einem dazugehцrigen Landhaus. Es war eine Schande zu sehen, wie die riesige, teure Maschine nun ungenutzt verrostete, die hцlzernen Mehlrutschen abgerissen und als Brennholz verwandt wurden. Spдter schickte man einige Trupps auf Lastwagen, um das Anwesen systematisch abzureiЯen und Brennholz fьr die weiter zurьckliegenden Truppen zu gewinnen. Sie zerschmetterten die Bodenbohlen eines Raumes, indem sie eine Handgranate hineinwarfen. La Granja, unser Lager und unsere Kьche, war mцglicherweise frьher einmal ein Konvent gewesen. Es gab dort riesige Hцfe und Nebengebдude, die eine Flдche von viertausend Quadratmetern bedeckten, auЯerdem Stдlle fьr dreiЯig oder vierzig Pferde. Die Landhдuser in diesem Teil Spaniens sind vom architektonischen Standpunkt gesehen nicht interessant. Aber ihre Farmgebдude aus gekдlktem Stein mit runden Bцgen und groЯartigen Dachbalken sind prдchtige Anwesen, die nach einem Plan gebaut werden, der wahrscheinlich ьber Jahrhunderte hinweg nicht geдndert wurde. Manchmal ьberkam mich eine gewisse schleichende Sympathie fьr die ehemaligen faschistischen Besitzer, wenn ich sah, wie die Miliz die eroberten Gebдude behandelte. In La Granja war jeder unbenutzte Raum in eine Latrine verwandelt worden — ein scheuЯliches Schlachtfeld zerschlagener Mцbel und Exkremente. In der kleinen Kirche daneben waren die Wдnde von Granatlцchern durchbohrt und der Boden fuЯhoch unter Mist begraben. Im groЯen Hof, wo die Kцche ihre Rationen austeilten, war das Durcheinander von rostigen Bьchsen, Schlamm, Maultiermist und faulenden Lebensmitteln ekelhaft. Es unterstrich das alte Armeelied:

Wir haben Ratten,
Ratten in Kammern und Kasematten,
Ratten so groЯ wie Katzen!

Die Ratten in La Granja waren wirklich so groЯ wie Katzen oder doch fast so groЯ; enorme, aufgedunsene Kreaturen, die ьber die Unrathaufen watschelten und so schamlos waren, dass sie nicht einmal wegliefen, es sei denn, man schoss auf sie.

Endlich war der Frьhling da. Das Blau des Himmels war weicher, die Luft wurde plцtzlich linde. Die Frцsche paarten sich lдrmend in den Wassergrдben. Rund um die Trinkstellen der Maultiere des Dorfes fand ich ausgezeichnete kleine Frцsche von der GrцЯe eines Pennys, die so glдnzten, dass das frische Gras neben ihnen blass wirkte. Die Bauernburschen gingen mit Eimern hinaus, um Schnecken zu jagen, die sie auf Blechen lebendig rцsteten. Sobald das Wetter besser wurde, kamen die Bauern zum Frьhjahrspflьgen hinaus. Es ist typisch fьr die vollstдndige Ungewissheit, in die die ganze spanische Agrarrevolution gehьllt ist, dass ich niemals genau erfahren konnte, ob das Land hier kollektiviert wurde oder ob es die Bauern einfach unter sich verteilt hatten. Ich vermute, dass es theoretisch kollektiviert worden war, da diese Gegend von der P.O.U.M. und den Anarchisten beherrscht wurde. Jedenfalls waren die Landbesitzer nicht mehr da, wurden die Felder bebaut und schienen die Leute zufrieden zu sein. Ich hцrte nie auf, mich ьber die Freundlichkeit der Bauern uns gegenьber zu wundern. Einigen der дlteren unter ihnen muss der Krieg sinnlos erschienen sein, denn offensichtlich brachte er nur Mangel an allem und ein trьbes, langweiliges Leben fьr jeden. Selbst in den besten Zeiten hassen die Bauern, wenn Truppen bei ihnen einquartiert werden. Aber sie waren unterschiedslos freundlich. Ich vermute, die Erklдrung dafьr war, dass wir, so unertrдglich wir in mancher Hinsicht auch sein mochten, doch zwischen ihnen und ihren ehemaligen Landbesitzern standen. Ein Bьrgerkrieg ist eine eigenartige Sache: Huesca war keine acht Kilometer weit weg; es war der Markt fьr diese Leute, sie alle hatten dort Verwandte, jede Woche ihres Lebens waren sie dorthin gegangen, um ihr Geflьgel und ihre Gemьse zu verkaufen; nun aber lag seit acht Monaten eine unьberwindbare Barriere aus Stacheldraht und Maschinengewehren dazwischen. Manchmal vergaЯen sie das. So sprach ich einmal zu einer alten Frau, die eine dieser winzigen eisernen Lampen trug, in denen die Spanier Olivenцl brennen. »Wo kann ich solch eine Lampe kaufen?« sagte ich. »In Huesca«, sagte sie, ohne nachzudenken, und dann lachten wir beide. Die Dorfmдdchen waren prдchtige, lebhafte Geschцpfe mit kohlschwarzem Haar, schwingendem Gang und aufrichtigem, direktem Benehmen, wahrscheinlich ein Nebenprodukt der Revolution.

Mдnner in zerlumpten blauen Hemden, schwarzen Kordhosen und breitrandigen Strohhьten pflьgten die Felder mit Gespannen von Maultieren, deren Ohren rhythmisch hin und her schwangen. Ihre Pflьge waren elende Dinger, die den Boden aufwьhlten, aber keine richtige Furche zogen. Sдmtliche landwirtschaftlichen Maschinen waren bedauernswert veraltet, bedingt durch den hohen Preis aller aus Eisen hergestellten Gegenstдnde. So wurde beispielsweise eine zerbrochene Pflugschar zusammengestьckelt und erneut zusammengestьckelt, bis sie manchmal nur noch aus Stьcken bestand. Rechen und Mistgabeln wurden aus Holz gemacht. Spaten waren diesen Leuten, die selten ein Paar Stiefel besaЯen, unbekannt. Sie gruben ihre Felder mit einer schwerfдlligen Hacke um, wie sie in Indien benutzt wird. Sie hatten eine Egge, die an das spдte Steinzeitalter erinnerte. Sie bestand aus zusammengefьgten Brettern und hatte ungefдhr die GrцЯe eines Kьchentisches. In die Bretter waren Hunderte von Lцchern gebrannt und in jedes Loch ein Stьck Feuerstein geklemmt worden, der genauso wie von den Menschen vor zehntausend Jahren zurechtgeschlagen worden war. Ich erinnere mich, wie ich fast vor Schrecken erstarrte, als ich zum ersten Mal in einer zerschlagenen Hьtte im Niemandsland ein derartiges Instrument fand. Ich musste eine Weile ьberlegen, ehe ich begriff, dass es eine Egge war. Es wurde mir ьbel, wenn ich an die Arbeit dachte, die in der Herstellung eines solchen Apparates steckte, und wenn ich mir die Armut vorstellte, die Feuerstein statt Stahl benutzen musste. Seitdem betrachte ich die Industrialisierung mit immer grцЯerem Wohlwollen. Aber in diesem Dorf gab es auch zwei moderne landwirtschaftliche Traktoren, die zweifellos auf einem Gut eines groЯen Landbesitzers erbeutet worden waren.

Ein- oder zweimal wanderte ich zu dem kleinen, von Mauern eingefassten Kirchhof hinaus, der etwa zwei Kilometer auЯerhalb des Dorfes lag. Die an der Front Gefallenen wurden normalerweise nach Sietamo gebracht. Hier lagen die Toten des Dorfes. Er unterschied sich auf merkwьrdige Weise von einem englischen Friedhof. Hier gab es keine Achtung vor den Toten. Alles war mit Bьschen und hohem Gras ьberwachsen, ьberall lagen menschliche Knochen umher. Das Ьberraschende aber war, dass religiцse Inschriften auf den Grabsteinen fast vollstдndig fehlten, obwohl sie alle aus der Zeit vor der Revolution stammten. Ich glaube, ich sah nur einmal ein »Bete fьr die Seele des Soundso«, wie es auf katholischen Grдbern ьblich ist. Die meisten Inschriften waren recht weltlich mit komischen Gedichten auf die Tugenden der Verstorbenen. Auf vielleicht einem unter vier oder fьnf Grдbern stand ein kleines Kreuz oder eine formhafte Ehrerbietung fьr den Himmel, die dann von einem fleiЯigen Atheisten mit einem MeiЯel weggeschlagen worden war.

Es fiel mir auf, dass die Einwohner dieser Gegend Spaniens wirklich ohne religiцse Gefьhle sein mussten — ich meine, religiцses Gefьhl im strengglдubigen Sinne. Es ist merkwьrdig, dass ich wдhrend der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Spanien niemals einen Menschen sah, der sich bekreuzigte, obwohl man doch annehmen sollte, dass eine derartige Bewegung, ob mit oder ohne Revolution, zur Gewohnheit wird. Sicherlich wird die spanische Kirche zurьckkommen — nach dem Sprichwort: Die Nacht und die Jesuiten kommen immer wieder —, aber es besteht kein Zweifel daran, dass sie beim Ausbruch der Revolution zusammenbrach und in einem solchen AusmaЯ zerschlagen wurde, wie es unter дhnlichen Umstдnden selbst fьr die todgeweihte Kirche von England undenkbar wдre. Fьr die spanischen Menschen, jedenfalls in Katalonien und Aragonien, war die Kirche schlicht und einfach Schwindel. Mцglicherweise wurde der christliche Glaube in gewissem Umfange vom Anarchismus verdrдngt, dessen Einfluss sehr weit reicht und der ohne Zweifel eine religiцse Fдrbung hat.

Am Tag meiner Rьckkehr aus dem Hospital wurde unsere Linie zu der Stellung vorverlegt, die sie eigentlich haben sollte, etwa tausend Meter weiter vorne an einem kleinen Fluss, der etwa zweihundert Meter vor den faschistischen Linien vorbeifloЯ. Diese Operation hдtte einige Monate frьher durchgefьhrt werden sollen. Es wurde erst jetzt getan, weil die Anarchisten an der StraЯe nach Jaca angriffen. Dadurch, dass wir jetzt auf dieser Seite vorgingen, mussten die Faschisten Truppen abzweigen, um uns hier entgegenzutreten.

Sechzig oder siebzig Stunden lang schliefen wir nicht, und meine Erinnerung verliert sich im Nebelhaften oder vielmehr einer Reihe von Bildern. Horchdienst im Niemandsland, hundert Meter vor der Casa Francesca, einem befestigten Bauernhaus, das ein Stьck der faschistischen Front war. Sieben Stunden lang in einem schrecklichen Sumpf liegen, in einem nach Schilf stinkenden Wasser, in dem der Kцrper allmдhlich tiefer und tiefer einsank: der Geruch der Schilfhalme, die lдhmende Kдlte, die unbeweglichen Sterne an einem schwarzen Himmel, das heisere Quaken der Frцsche. Obwohl es schon April war, hatten wir die kдlteste Nacht, an die ich mich in Spanien erinnern kann. Wenige hundert Meter hinter uns waren Bautrupps eifrig bei der Arbeit, aber hier vorne herrschte vollstдndiges Schweigen, auЯer dem Chor der Frцsche. Wдhrend der ganzen Nacht hцrte ich nur einmal das bekannte Gerдusch, das entsteht, wenn ein Sandsack mit einem Spaten flachgeklopft wird. Es ist eigenartig, wie die Spanier dann und wann eine brillante Organisationstat durchfьhren kцnnen. Die ganze Vorverlegung war wundervoll geplant. In sieben Stunden bauten sechshundert Mann zwцlfhundert Meter Schьtzengrдben und Brustwehren in einer Entfernung von hundertfьnfzig bis dreihundert Meter von der faschistischen Linie. Alles geschah so leise, dass die Faschisten nichts hцrten, und wдhrend der ganzen Nacht gab es nur einen Verlust. Natьrlich gab es am nдchsten Tag mehr. Fьr jeden Mann war eine bestimmte Arbeit vorgesehen, selbst fьr die Kцche, die plцtzlich, als wir fertig waren, ankamen und mit Schnaps versetzten Wein in Eimern brachten.

Dann kam die Morgendдmmerung, und die Faschisten entdeckten plцtzlich, dass wir dort waren. Der viereckige weiЯe Block der Casa Francesca schien sich wie ein Turm ьber uns zu erheben, obwohl er zweihundert Meter weit weg war. Die Maschinengewehre in den von Sandsдcken geschьtzten oberen Fenstern schienen direkt auf uns in die Schьtzengrдben hinabzuzeigen. Wir standen und schauten mit offenem Mund hin und wunderten uns, warum die Faschisten uns nicht sahen. Dann kam ein bцser Kugelregen, und jeder warf sich auf die Knie und grub fieberhaft, um den Schьtzengraben tiefer zu machen und schmale Unterstдnde in die Seitenwдnde zu treiben. Mein Arm lag immer noch in Bandagen, so konnte ich nicht graben und verbrachte den grцЯten Teil des Tages damit, eine Detektivgeschichte zu lesen — ihr Titel hieЯ: Der verlorengegangene Geldleiber. Ich kann mich an die Geschichte nicht mehr erinnern, aber ich kann mich sehr genau daran erinnern, was ich fьhlte, als ich da saЯ und las: den feuchten Lehm auf dem Boden des Schьtzengrabens unter mir; das stдndige Verschieben meiner Beine, um sie aus dem Wege zu nehmen, wenn ein Mann vorbeikam, der den Schьtzengraben entlangeilte, und das Krack, Krack, Krack der Kugeln einen halben Meter ьber meinem Kopf. Thomas Parker erhielt einen Durchschuss am Ende seines Oberschenkels, und er meinte, das bringe ihn nдher an ein Kriegsverdienstkreuz, als ihm lieb sei. Am gesamten Abschnitt hatten wir Verluste, aber nichts im Vergleich zu dem, was uns erwartet hдtte, wenn sie uns in der Nacht beim Umbau der Stellung erwischt hдtten. Ein Deserteur erzдhlte uns spдter, fьnf faschistische Wachtposten seien fьr ihre Unachtsamkeit erschossen worden. Selbst jetzt hдtten sie uns massakrieren kцnnen, wenn sie sich nur entschlossen hдtten, ein paar Mцrser herbeizubringen. Es war eine mьhselige Arbeit, die Verwundeten durch den schmalen, ьberfьllten Schьtzengraben wegzutragen. Ich sah, wie ein armer Teufel, seine Hose dunkel vom Blut, von der Tragbahre hinabgeworfen wurde und in Agonie keuchte. Man musste die Verwundeten ьber eine lange Entfernung hinweg tragen, etwa zwei Kilometer weit, denn selbst wo es eine StraЯe gab, kamen die Ambulanzwagen nie nahe an die Front heran. Wenn sie zu nah kamen, nahmen die Faschisten sie unter Artilleriebeschuss — das ist entschuldbar, denn in einem modernen Krieg hat niemand Skrupel, die Ambulanzwagen zum Transport von Munition zu benutzen.

Dann die nдchste Nacht; wir warteten bei Torre Fabian auf einen Angriff, der im letzten Moment durch Funkbefehl abgeblasen wurde. Wir warteten in einer Scheune, deren Boden aus einer dьnnen Schicht Hдcksel bestand, das ьber einer tiefen Schicht Knochen lag, einer Mischung von Menschen- und Rinderknochen. Der Raum wimmelte von Ratten. Die schmutzigen Kreaturen schwдrmten an allen Ecken und Enden aus dem Boden. Wenn ich etwas ganz besonders hasse, so ist es eine Ratte, die in der Dunkelheit ьber mich lдuft. Aber ich hatte immerhin die Befriedigung, dass ich einer von ihnen einen guten Schlag gab, der sie weit wegschleuderte.

Dann das Warten fьnfzig oder sechzig Meter vor der faschistischen Brustwehr auf den Befehl zum Angriff. Eine lange Kette von Mдnnern, die sich in einen Bewдsserungsgraben gehockt hatte, wдhrend ihre Bajonette ьber das Ende des Grabens hinausschauten und das WeiЯe ihrer Augen durch die Dunkelheit leuchtete. Kopp und Benjamin hatten sich hinter uns hingeduckt, zusammen mit einem Mann, der einen Funkempfдnger auf seinen Schultern trug. Am westlichen Horizont der rцtliche Schein von Mьndungsfeuer, nach einigen Sekunden gefolgt von riesigen Explosionen. Dann hцrten wir ein Piep, Piep, Piep vom Funkgerдt und den geflьsterten Befehl, wir sollten uns zurьckziehen, solange es noch ging. Wir folgten dem Befehl, aber nicht schnell genug. Zwцlf armselige Kinder der J.C.I. (der Jugendliga der P.O.U.M., das Gegenstьck der J.S.U. der P.S.U.C.), die nur vierzig Meter von der faschistischen Brustwehr entfernt lagen, wurden vom Morgengrauen ьberrascht und konnten nicht mehr fliehen. Sie mussten den ganzen Tag ьber dort liegen bleiben und hatten nur Grasbьschel als Deckung, die Faschisten aber schossen jedes Mal auf sie, wenn sie sich nur bewegten. Als die Nacht hereinbrach, waren sieben von ihnen tot, den anderen fьnf gelang es dann, in der Dunkelheit wegzukriechen.

Dann, an vielen aufeinander folgenden Morgen, der Lдrm der anarchistischen Angriffe auf der anderen Seite von Huesca. Immer der gleiche Lдrm. Plцtzlich, in den frьhen Morgenstunden, das einleitende Krachen verschiedener Serien von Granaten, die gleichzeitig explodierten — selbst aus vielen Kilometern Entfernung ein teuflischer, alles erfьllender Krach. Dann der ununterbrochene Lдrm von massiertem Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein schwerer rollender Ton, der eigenartigerweise dem Rollen von Trommeln дhnelt. Allmдhlich breitete sich das SchieЯen in allen Schьtzengrдben aus, die Huesca einschlossen. Wir stolperten in den Graben und lehnten schlдfrig an der Brustwehr, wдhrend eine unregelmдЯige, sinnlose Kanonade ьber unsere Kцpfe hinwegfegte.

Tagsьber donnerten die Kanonen unregelmдЯig. Torre Fabian, das jetzt als unsere Kьche diente, wurde beschossen und teilweise zerstцrt. Es ist merkwьrdig, dass man sich immer wьnscht, wenn man Artilleriefeuer aus einer sicheren Entfernung beobachtet, der Kanonier mцge sein Ziel treffen, selbst wenn in diesem Ziel das eigene Mittagessen und einige der eigenen Kameraden sind. An jenem Morgen schossen die Faschisten gut — vielleicht besorgten deutsche Kanoniere das Geschдft. Sie gabelten Torre Fabian sorgfдltig ein. Eine Granate darьber hinaus, eine Granate kurz davor und dann zisch-bumm! Berstende Dachsparren flogen nach oben, und ein Stьck Uralit flatterte aus der Luft herab wie ein emporgeschnelltes Paket Spielkarten. Die nдchste Granate schlug die Ecke eines Gebдudes so sauber weg, wie es ein Riese mit einem Messer tun kцnnte. Aber die Kцche lieferten das Dinner pьnktlich ab — ein denkwьrdiges Kunststьck.

Im Verlauf der nдchsten Tage nahm jede der unsichtbaren, aber hцrbaren Kanonen eine ausgeprдgte Persцnlichkeit an. Wir hatten zwei Batterien russischer Fьnfundsiebzig-Millimeter-Kanonen, die dicht hinter uns abgefeuert wurden und die in meiner Vorstellung das Bild eines fetten Mannes hervorriefen, der auf einen Golfball schlдgt. Es waren die ersten russischen Kanonen, die ich damals gesehen oder, besser, gehцrt habe. Die Geschosse hatten eine niedrige Flugbahn und eine sehr hohe Geschwindigkeit, so dass man fast gleichzeitig die Explosion der Kartusche, das Zischen und das Bersten der Granate hцrte. Hinter Monflorite standen zwei sehr schwere Kanonen, die ein paar Mal am Tag mit einem tiefen, gedдmpften Donner schossen, der sich wie das Gebell eines weitentfernten, angeketteten Ungeheuers anhцrte. Oben auf Monte Aragon, der mittelalterlichen Festung, die von den Regierungstruppen im vergangenen Jahr erstьrmt worden war (zum ersten Mal in der Geschichte, wie man sagte) und einen der Zugдnge nach Huesca bewachte, stand eine schwere Kanone, die aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts stammen musste. Ihre groЯen Granaten pfiffen so langsam ьber uns hinweg, dass man das Gefьhl hatte, man kцnnte mit ihnen laufen und Schritt halten. Eine Granate aus dieser Kanone klang ungefдhr so wie ein Mann, der auf einem Fahrrad vorbeifдhrt und pfeift. Die Grabenmцrser machten den teuflischsten Lдrm von allen, obwohl sie klein waren. Ihre Granaten sind eigentlich eine Art Torpedo mit Flьgeln, sie sehen aus wie die Wurfpfeile, mit denen man in englischen Kneipen spielt, und sie haben ungefдhr die GrцЯe einer Literflasche. Sie gehen mit einem teuflischen metallischen Krachen los, so wie wenn eine riesige Kugel aus sprцdem Stahl auf einem Amboss zerschmettert wird. Manchmal flogen unsere Flugzeuge hinьber und warfen Lufttorpedos ab, deren enormer Donner ein Echo hervorrief und die Erde selbst auf eine Entfernung von ьber drei Kilometer zum Zittern brachte. Die explodierenden Granaten aus den faschistischen Flugabwehrkanonen betupften den Himmel mit Wцlkchen wie aus schlechter Wasserfarbe, aber ich sah niemals, dass sie nдher als tausend Meter an ein Flugzeug herankamen. Wenn ein Flugzeug hinabstцЯt und aus seinem Maschinengewehr feuert, hцrt sich der Lдrm von unten wie das Flattern von Flьgeln an. An unserem Frontabschnitt ereignete sich nicht viel. Zweihundert Meter zur Rechten von uns, wo die Faschisten auf hцherem Boden lagen, erwischten ihre Scharfschьtzen einige unserer Kameraden. Zweihundert Meter zur Linken, an der Brьcke ьber den Fluss, spielte sich eine Art Duell ab zwischen den faschistischen Mцrsern und den Mдnnern, die eine Betonbarrikade jenseits der Brьcke bauten. Die bцsen kleinen Granaten zischten herьber, zwing-krach! zwingkrach!, und machten einen doppelt teuflischen Lдrm, wenn sie auf der AsphaltstraЯe landeten. Hundert Meter weiter konnte man in vollstдndiger Sicherheit stehen und die Sдulen aus Erde und Rauch beobachten, die wie Zauberbдume in die Luft sprangen. Die armen Teufel an der Brьcke verbrachten ein gut Teil des Tages damit, sich in die kleinen Schьtzenlцcher zu ducken, die sie an der Seite des Grabens ausgehцhlt hatten. Aber es gab weniger Verluste, als man hдtte erwarten kцnnen, und die Barrikade wuchs gleichmдЯig empor: eine sechzig Zentimeter dicke Mauer aus Beton mit SchieЯscharten fьr zwei Maschinengewehre und ein kleines Feldgeschьtz. Der Beton wurde mit alten Bettgestellen verstдrkt, es war anscheinend das einzige Eisen, das man fьr diesen Zweck auftreiben konnte.

Eines Nachmittags sagte uns Benjamin, er brauche fьnfzehn Freiwillige. Der Angriff auf die faschistische Feldschanze, der bei einer frьheren Gelegenheit abgeblasen worden war, sollte in dieser Nacht durchgefьhrt werden. Ich цlte meine zehn mexikanischen Patronen, beschmierte mein Bajonett mit Lehm (es verrдt die Position, wenn es zuviel funkelt) und packte einen Kanten Brot, ein Stьck rote Wurst und eine Zigarre zusammen, die mir meine Frau aus Barcelona geschickt und die ich lange Zeit aufbewahrt hatte. Jeder Mann erhielt drei Handgranaten. Endlich war es der spanischen Regierung gelungen, eine anstдndige Handgranate zu produzieren. Sie funktionierte nach dem Prinzip der Handgranate von Mills (Anm.: Sir William Mills, 1855-1932, Erfinder einer Eierhandgranate), aber sie hatte statt einem zwei Sicherungsstifte. Nachdem man die Stifte herausgezogen hatte, dauerte es sieben Sekunden, ehe die Bombe explodierte. Ihr Hauptnachteil bestand darin, dass einer der Stifte sehr fest und der andere sehr lose saЯ. Man hatte also entweder die Wahl, beide Stifte an ihrer Stelle zu belassen und im Notfall den festsitzenden nicht herausziehen zu kцnnen oder aber den festsitzenden Stift vorher herauszuziehen und in dauernder Angst zu schweben, ob das Ding in der Tasche explodieren wьrde. Aber es war eine handlich zu werfende, kleine Granate.

Kurz vor Mitternacht fьhrte Benjamin uns fьnfzehn zum Torre Fabian hinunter. Den ganzen Abend lang hatte es unentwegt geregnet. Die Bewдsserungsgrдben liefen ьber, und jedes Mal, wenn man in einen hineinstolperte, stand man bis zur Hьfte im Wasser. Im Hof der Farm wartete eine in der pechschwarzen Dunkelheit und dem strцmenden Regen nur undeutlich erkennbare Gruppe von Mдnnern. Kopp sprach zu uns erst auf spanisch, dann auf englisch und erklдrte uns den Angriffsplan. Die faschistische Linie machte hier einen Bogen wie ein L, und die Brustwehr, die wir angreifen sollten, lag auf dem allmдhlich ansteigenden Boden an der Ecke des L. Ungefдhr dreiЯig von uns, die eine Hдlfte Englдnder und die andere Hдlfte Spanier, sollten unter dem Kommando unseres Bataillonskommandeurs Jorge Roca (ein Bataillon in der Miliz bestand aus ungefдhr vierhundert Mann) und Benjamins hinaufkriechen und die faschistischen Stacheldrahtverhaue durchschneiden. Jorge sollte die erste Handgranate als Signal werfen, dann sollte der Rest von uns eine Serie von Handgranaten hinterherwerfen, die Faschisten aus ihrer Befestigung hinaustreiben und sie in Besitz nehmen, ehe sie sich sammeln konnten. Gleichzeitig sollten siebzig Leute der StoЯtruppe die benachbarte faschistische >Stellung< angreifen, die zweihundert Meter weiter rechts von ihr entfernt lag und durch einen Verbindungsgraben zu erreichen war. Um zu verhindern, dass wir uns in der Dunkelheit gegenseitig anschossen, sollten weiЯe Armbinden getragen werden. In diesem Augenblick kam ein Bote, der sagte, es gдbe keine weiЯen Armbinden. Aus der Dunkelheit heraus schlug jemand mit klagender Stimme vor: »Kцnnten wir nicht dafьr sorgen, dass statt dessen die Faschisten weiЯe Armbinden tragen?« Wir hatten noch ein oder zwei Stunden Zeit. Die Scheune ьber dem Maultierstall war durch Artilleriebeschuss so zerstцrt worden, dass man sich in ihr ohne ein Licht nicht umherbewegen konnte. Die Hдlfte des Bodens war durch eine herabstьrzende Granate weggerissen worden, dort konnte man sechs Meter tief auf die Steine hinabfallen. Jemand fand einen Pickel und stemmte eine zerbrochene Bohle aus dem Boden. In ein paar Minuten hatten wir ein Feuer angezьndet, und unsere durchnдssten Kleider dampften. Ein an derer holte ein Paket Spielkarten hervor. Ein Gerьcht -eins der geheimnisvollen Gerьchte, die im Kriege wie ansteckende Krankheiten auftauchen — machte die Runde, wonach sofort heiЯer Kaffee mit Brandy ausgegeben werden sollte. Begierig stiegen wir die fast zusammenstьrzende Treppe hinunter, tappten in dem dunklen Hof umher und fragten, wo wir den Kaffee erhalten kцnnten. Leider aber gab es keinen Kaffee! Statt dessen rief man uns zusammen, ordnete uns zu einer Linie hintereinander, und dann verschwanden Jorge und Benjamin schnell in der Dunkelheit, wдhrend der Rest von uns folgte.

Es regnete immer noch und war vollstдndig dunkel, aber der Wind hatte aufgehцrt. Der Schlamm war unbeschreiblich. Die Pfade durch die Rьbenfelder bestanden nur aus einer Reihe von Klumpen, schlьpfrig, wie mit Fett eingeschmiert, dazwischen ьberall riesige Pfьtzen. Lange ehe wir an die Stelle kamen, wo wir unsere eigene Brustwehr verlassen sollten, war schon jeder mehrfach gefallen und waren unsere Gewehre mit Schlamm ьberzogen. An der Brustwehr wartete eine kleine Gruppe von Leuten, sie waren unsere Reserve, der Doktor und mehrere Tragbahren. Wir gingen in einer Reihe hintereinander durch die Lьcke in der Brustwehr und wateten durch einen anderen Bewдsserungsgraben. Platsch, glucks! Wieder standen wir bis zur Hдlfte im Wasser, und der schmutzige, schleimige Schlamm ergoss sich ьber unsere Stiefelrдnder. DrauЯen auf dem Gras wartete Jorge, bis wir alle hindurch waren. Vцllig niedergeduckt begann er dann, langsam vorwдrts zu kriechen. Die faschistische Brustwehr lag etwa hundertfьnfzig Meter weit entfernt. Unsere einzige Chance, dorthin zu kommen, bestand darin, uns ohne Lдrm zu bewegen.

Ich war mit Jorge und Benjamin an der Spitze. Wir krochen tief gebьckt, hielten aber unsere Gesichter hoch. So krochen wir, mit jedem Schritt langsamer werdend, in die vollstдndige Dunkelheit hinein. Leicht schlug der Regen in unsere Gesichter. Wenn ich zurьckschaute, konnte ich die Mдnner in meiner Nдhe sehen. Sie waren ein Haufen gekrьmmter Schatten, die wie riesige schwarze Pilze langsam vorwдrts glitten. Aber jedes Mal, wenn ich meinen Kopf hob, wisperte Benjamin dicht neben mir ungestьm in mein Ohr: »Den Kopf runterhalten! Den Kopf runterhalten!« Ich hдtte ihm sagen kцnnen, er brauche sich nicht zu sorgen. Ich wusste aus Erfahrung, dass man in einer dunklen Nacht niemals einen Mann auf eine Entfernung von zwanzig Schritten sehen kann. Viel wichtiger war es, ohne einen Laut vorzugehen. Wenn sie uns einmal hцrten, war es aus mit uns. Sie brauchten nur die Dunkelheit mit ihrem Maschinengewehrfeuer zu zerschneiden, und uns wьrde nichts anderes ьbrig bleiben, als wegzulaufen oder massakriert zu werden.

Es war fast unmцglich, auf dem durchweichten Boden ruhig voranzukommen. Wie man es auch anstellte, die FьЯe blieben im Schlamm stecken, und jeder Schritt, den man machte, war ein Platsch-Platsch, Platsch-Platsch. Das Teuflische aber war, dass der Wind nachgelassen hatte und trotz des Regens die Nacht sehr ruhig war. Gerдusche konnten selbst ьber grцЯere Entfernungen hinweg gehцrt werden. Ich erlebte einen schrecklichen Augenblick, als ich gegen eine Blechdose trat und dachte, jeder Faschist im Umkreis von Kilometern mьsse es gehцrt haben. Aber nein, kein Ton, kein Schuss als Antwort, keine Bewegung in der faschistischen Linie. Wir krochen weiter, immer langsamer. Ich kann gar nicht beschreiben, wie heftig mein Wunsch war, dorthin, also bis auf Handgranaten-Wurfweite, heranzukommen, ehe sie uns hцrten! In einem derartigen Augenblick hat man nicht einmal Furcht, nur den riesigen, hoffnungslosen Wunsch, ьber das dazwischenliegende Gelдnde zu kommen. Bei der Jagd auf wilde Tiere habe ich genau das gleiche gefьhlt, den gleichen qualvollen Wunsch, auf Schussweite heranzukommen, die gleiche traumhafte Gewissheit, dass es unmцglich ist. Wie sich die Entfernung dehnte! Ich kannte das Gelдnde gut, es waren kaum hundertfьnfzig Meter, und doch schienen es eher anderthalb Kilometer zu sein. Wenn man in diesem Tempo kriecht, hat man ein Gefьhl, wie eine Ameise es von den riesigen Unterschieden des Bodens haben mag: ein herrliches Fleckchen weiches Gras hier; ein hдssliches Stьck klebrigen Schlammes dort; die hohen, raschelnden Grдser, die man vermeiden muss; den Haufen Steine, die einen fast die Hoffnung aufgeben lassen, weil es unmцglich erscheint, ohne Lдrm ьber sie hinwegzukommen.

Wir waren so lange vorangekrochen, dass ich nahezu glaubte, wir hдtten den falschen Weg eingeschlagen. Dann wurden in der Dunkelheit dьnne, parallellaufende Linien aus etwas noch Schwдrzerem gerade sichtbar. Es war der дuЯere Drahtverhau (die Faschisten hatten zwei Linien Drahtverhaue). Jorge kniete nieder und wьhlte in seiner Tasche. Er hatte unsere einzige Drahtschere. Schnipp, schnipp. Die herumhдngenden Drдhte wurden vorsichtig zur Seite gehoben. Wir warteten auf die Mдnner am Schluss, damit sie aufschlieЯen konnten. Sie schienen einen entsetzlichen Lдrm zu machen. Es konnten noch fьnfzig Meter bis zur faschistischen Brustwehr sein. Immer tief gebeugt vorwдrts. Mit verstohlenem Schritt setzten wir unseren FuЯ so sanft auf wie eine Katze, die sich einem Mauseloch nдhert, dann eine Pause, um zu horchen, dann ein weiterer Schritt. Einmal hob ich meinen Kopf, schweigend legte Benjamin seine Hand hinter meinen Hals und zerrte mich heftig herunter.

Ich wusste, dass der innere Stacheldraht kaum zwanzig Meter von der Brustwehr entfernt war. Es schien mir undenkbar, dass dreiЯig Mann, ohne gehцrt zu werden, dort hinkommen kцnnten. Schon unser Atem genьgte, um uns zu verraten, aber irgendwie schafften wir es. Man konnte die faschistische Brustwehr jetzt sehen, ein verschwommener schwarzer Erdhьgel, der hoch ьber uns aufragte. Wieder kniete Jorge und hantierte herum. Schnipp, schnipp. Es gab keine Methode, den Draht gerдuschlos durchzuschneiden.

Das war also der innere Drahtverhau. Wir krochen auf allen vieren hindurch, mцglichst noch schneller als vorher. Wenn wir jetzt Zeit hatten, uns zu entfalten, war alles gut. Jorge und Benjamin krochen nach rechts hinьber. Aber die Mдnner hinter uns, die weiter auseinandergeschwдrmt waren, mussten sich in einer Linie hintereinander ordnen, um durch die enge Lьcke im Drahtverhau zu kommen. Genau in diesem Augenblick gab es am faschistischen Grabenrand einen Blitz und Knall. Der Wachtposten hatte uns schlieЯlich doch gehцrt. Jorge balancierte auf einem Knie und schwang seinen Arm wie ein Kegler. Krach! Seine Handgranate platzte irgendwo jenseits der Brustwehr. Sofort, rascher als man es fьr mцglich gehalten hдtte, brach der Donner der Schьsse aus zehn oder zwanzig Gewehren der faschistischen Brustwehr los. So hatten sie also doch auf uns gewartet. Fьr einen Moment konnte man in dem gespenstischen Licht jeden Sandsack sehen. Viel zu weit zurьck warfen die Leute hinter uns ihre Handgranaten, einige fielen vor der Brustwehr nieder. Jedes Schьtzenloch schien Flammenstrahlen auszuspucken. Es ist immer widerlich, wenn man in der Dunkelheit beschossen wird - jedes aufblitzende Gewehr scheint direkt auf einen selbst gerichtet zu sein —, aber die Handgranaten waren das schlimmste. Man kann das Grauen einer in nдchster Nдhe bei Dunkelheit explodierenden Handgranate nicht ermessen, ehe man nicht dabei war. Wдhrend des Tages hцrt man nur den Explosionskrach. In der Dunkelheit sieht man gleichzeitig den blendend roten Feuerschein. Bei der ersten Salve hatte ich mich niedergeworfen. Wдhrend dieser ganzen Zeit lag ich in dem schmierigen Schlamm auf der Seite und zerrte wild an dem Stift meiner Handgranate. Das verdammte Ding wollte nicht herauskommen. SchlieЯlich merkte ich, dass ich ihn in die falsche Richtung drehte. Ich zog den Stift heraus, richtete mich auf meinen Knien auf, schleuderte die Handgranate und warf mich wieder hin. Die Granate zerplatzte zu meiner Rechten, auЯerhalb der Brustwehr. Die Furcht hatte meine Absicht vereitelt. Gerade in diesem Augenblick zerbarst eine andere Handgranate gerade vor mir, so dicht, dass ich die Hitze der Explosion fьhlen konnte. Ich drьckte mich flach auf den Boden und grub mein Gesicht so hart in den Schlamm, dass ich meinen Hals verrenkte und glaubte, ich sei verwundet. Durch das Getцse hindurch hцrte ich eine englische Stimme hinter mir, die gelassen sagte: »Ich bin getroffen.« Die Handgranate hatte tatsдchlich mehrere Leute um mich herum verwundet, ohne mich selbst zu berьhren. Ich erhob mich auf mein Knie und schleuderte meine zweite Handgranate. Ich habe vergessen, wohin sie flog.

Die Faschisten schossen, unsere Leute hinter uns schossen, und ich war mir sehr genau bewusst, dass ich genau in der Mitte dazwischen lag. Ich fьhlte den Luftdruck eines Schusses und begriff, dass ein Mann unmittelbar hinter mir schoss. Ich stand auf und schrie ihn an: »SchieЯ nicht auf mich, du verdammter Idiot!« In diesem Augenblick sah ich, wie Benjamin zehn oder fьnfzehn Meter von mir entfernt mit seinem Arm zu mir herьberwinkte. Ich rannte zu ihm hinьber. Das heiЯt, ich musste das Gelдnde vor den spuckenden Schьtzenlцchern ьberqueren, und wдhrend ich lief, deckte ich meine linke Hand ьber meine Backe. Eine nдrrische Bewegung — als ob man mit der Hand eine Kugel aufhalten kцnnte! —, aber ich hatte Angst, im Gesicht getroffen zu werden. Benjamin hockte auf einem Knie, auf seinem Gesicht lag ein zufriedener, etwas teuflischer Ausdruck, und er schoss mit seiner automatischen Pistole sorgfдltig auf das Mьndungsfeuer. Jorge war bei der ersten Salve verwundet hingefallen und lag irgendwo, wo man ihn nicht sehen konnte. Ich kniete neben Benjamin, zog den Stift aus meiner dritten Handgranate und schleuderte sie fort. Ah! Dieses Mal gab es keinen Zweifel. Die Handgranate krachte in das Innere der Brustwehr, in die Ecke genau neben dem Maschinengewehrnest.

Das faschistische Gewehrfeuer schien sehr plцtzlich nachgelassen zu haben. Benjamin sprang auf seine FьЯe und schrie: »Vorwдrts! Angriff!« Wir stьrzten den kurzen, steilen Hang empor, auf dem die Brustwehr lag. Ich sage »stьrzen<, >poltern> wдre ein besseres Wort, denn man kann wirklich nicht schnell vorankommen, wenn man von Kopf bis FuЯ durchweicht und voller Schlamm ist und von einem schweren Gewehr nebst Bajonett und hundertfьnfzig Patronen niedergezogen wird. Ich erwartete selbstverstдndlich, dass ein Faschist oben auf mich warten wьrde. Wenn er auf diese Entfernung feuerte, konnte er mich nicht verfehlen. Doch irgendwie rechnete ich nicht damit, dass er auf mich schieЯen wьrde, sondern nur versuchen werde, mich mit seinem Bajonett anzugreifen. Ich schien schon vorher das Gefьhl unserer sich kreuzenden Bajonette zu spьren, und ich fragte mich, ob sein Arm stдrker sein werde als meiner. Aber kein Faschist wartete auf mich. Mit einem unbestimmten Gefьhl der Erleichterung erkannte ich, dass es eine niedrige Brustwehr war und die Sandsдcke dem FuЯ einen guten Halt gaben. Normalerweise kommt man schwer ьber sie hinweg. Innen war alles in Stьcke zerschlagen. Ьberall waren Balken herumgeschleudert und lagen verstreut groЯe Scherben Uralit. Unsere Handgranaten hatten alle Hьtten und Unterstдnde zerstцrt. Dennoch war nicht eine Seele zu sehen. Ich dachte, sie lauerten irgendwo unter der Erde, und rief in Englisch (ich konnte im Moment nicht an irgendein spanisches Wort denken): »Kommt heraus! Ergebt euch!« Keine Antwort. Dann sprang ein Mann, eine schemenhafte Figur im Halblicht, ьber das Dach einer der zerstцrten Hьtten und stьrzte nach links weg. Ich rannte ihm nach und stach mein Bajonett ohne Wirkung in die Dunkelheit. Als ich um die Ecke der Hьtte kam, sah ich einen Mann — ich weiЯ nicht, ob es der gleiche Mann war, den ich vorher gesehen hatte —, der den Verbindungsgraben hinauf floh, der zu der anderen faschistischen Stellung fьhrte. Ich muss ihm sehr nah gewesen sein, denn ich konnte ihn sehr deutlich sehen. Er war barhдuptig und schien nichts anzuhaben auЯer einer Decke, die er um seine Schultern gerafft hielt. Hдtte ich geschossen, wьrde ich ihn in Stьcke geblasen haben. Aber aus Furcht, dass wir einander erschieЯen kцnnten, war angeordnet worden, nur die Bajonette zu benutzen, wenn wir einmal innerhalb der Brustwehr seien, und jedenfalls dachte ich selbst niemals daran, zu schieЯen. Statt dessen sprang meine Erinnerung zwanzig Jahre zurьck, und ich dachte an unseren Boxlehrer in der Schule, der mir mit einer anschaulichen Gebдrde zeigte, wie er einen Tьrken bei den Dardanellen mit dem Bajonett erstochen hatte. Ich fasste mein Gewehr an der schmalen Stelle des Kolbens und stieЯ nach dem Rьcken des Mannes. Er war auЯerhalb meiner Reichweite. Noch ein StoЯ: immer noch auЯerhalb meiner Reichweite. Ein kleines Stьck liefen wir so voran, er eilte den Graben hinauf, und ich rannte auf dem Boden oberhalb von ihm, zielte auf seine Schulterblдtter und konnte ihn nie ganz erreichen — eine komische Erinnerung, wenn ich heute daran denke, obwohl ich annehme, dass es ihm weniger komisch erschien.

Natьrlich kannte er das Gelдnde besser als ich und hatte sich bald von mir weggestohlen.

Als ich zurьckkam, war die Stellung voller schreiender Mдnner. Der Lдrm des Gewehrfeuers hatte etwas nachgelassen. Die Faschisten ьberschьtteten uns immer noch mit heftigem Feuer von drei Seiten, aber es kam aus grцЯerer Entfernung. Zur Zeit hatten wir sie vertrieben.

Ich erinnere mich, dass ich wie ein Orakel sagte: »Wir kцnnen diesen Graben eine halbe Stunde lang halten, nicht lдnger.« Ich weiЯ nicht, warum ich gerade eine halbe Stunde sagte. Wenn man ьber die Brustwehr nach rechts sah, konnte man unzдhlige grьne Mьndungsfeuer sehen, die wie

Dolche in die Dunkelheit stachen. Aber sie lagen weit weg, etwa hundert oder zweihundert Meter. Unsere Aufgabe bestand nun darin, die Stellung zu durchsuchen und alles mitzunehmen, was wert war, erbeutet zu werden. Benjamin und einige andere scharrten schon in den Trьmmern einer groЯen Hьtte oder eines Unterstandes in der Mitte der Stellung. Benjamin stolperte aufgeregt durch das zerstцrte Dach und zog am Seilgriff einer Munitionskiste.

»Kameraden! Munition! Viel Munition hier!«

»Wir wollen keine Munition!« sagte eine Stimme, »wir wollen Gewehre.«

Das war richtig. Die Hдlfte unserer Gewehre war durch den Schlamm verklemmt und unbrauchbar. Sie konnten gereinigt werden, aber es war gefдhrlich, in der Dunkelheit den Bolzen aus einem Gewehr zu nehmen, denn man legt ihn irgendwo hin und verliert ihn dann. Ich hatte eine winzige elektrische Taschenlampe, die meine Frau in Barcelona auftreiben konnte, darьber hinaus hatten wir kein erwдhnenswertes Licht bei uns. Einige Mдnner mit brauchbaren Gewehren begannen planlos auf das entfernte Mьndungsfeuer zu schieЯen. Niemand wagte zu schnell zu feuern, denn selbst die besten Gewehre konnten sich verklemmen, wenn sie zu heiЯ wurden. Wir waren sechzehn Leute im Schьtzengraben, einschlieЯlich ein oder zwei Verwundeter. Eine Anzahl Verwundeter, Englдnder und Spanier, lagen drauЯen. Patrick O'Hara, ein Irlдnder aus Belfast, der etwas Ausbildung in Erster Hilfe gehabt hatte, ging mit Verbandspдckchen von einem zum anderen, verband die verwundeten Mдnner und wurde trotz seiner empцrten Rufe »P.O.U.M.!« jedes Mal beschossen, wenn er zur Brustwehr zurьckkehrte.

Wir begannen die Stellung zu durchsuchen. Einige tote Soldaten lagen herum, aber ich hielt mich nicht damit auf, sie zu untersuchen. Ich hatte es auf das Maschinengewehr abgesehen. Als wir drauЯen lagen, hatte ich mich wдhrend der ganzen Zeit etwas gewundert, warum das Maschinengewehr nicht feuerte. Ich leuchtete mit meiner Taschenlampe in das Maschinengewehrnest. Eine bittere Enttдuschung! Das Maschinengewehr war nicht dort. Sein Stativ war da und verschiedene Kдsten mit Munition und Ersatzteilen, aber das Maschinengewehr war fort. Sie mussten es beim ersten Alarm abgeschraubt und weggetragen haben. Ohne Zweifel handelten sie auf Befehl, aber das war dumm und feige, denn wenn sie das Maschinengewehr an seiner Stelle gelassen hдtten, wдre es mцglich gewesen, uns alle abzuschlachten. Wir waren wьtend. Wir hatten uns vorgenommen, ein Maschinengewehr zu erbeuten.

Wir stocherten hier und dort herum, fanden aber nichts von irgendwelchem Wert. Eine Menge faschistischer Handgranaten lag dort — ein sehr schlechtes Modell einer Handgranate, die man zьndete, indem man eine Schnur losriss —, ich steckte ein paar davon als Souvenir in meine Tasche. Es war unmцglich, nicht von dem nackten Elend der faschistischen Unterstдnde betroffen zu sein. Hier gab es kein Durcheinander von zusдtzlichen Uniformstьcken, Bьchern, Lebensmitteln und kleinen persцnlichen Dingen wie in unseren eigenen Unterstдnden. Diese armen, unbezahlten Dienstpflichtigen schienen nichts zu besitzen auЯer Decken und einigen nassen Klumpen Brot. Am дuЯeren Ende lag ein kleiner Unterstand, der zum Teil ьber den Boden ragte und ein winziges Fenster hatte. Wir leuchteten mit der Lampe durch das Fenster und stieЯen sofort einen Freudenruf aus. Ein zylindrischer Gegenstand in einer Lederhьlle, etwa hundertzwanzig Zentimeter hoch und fьnfzehn Zentimeter im Durchmesser, lehnte an der Wand. Offensichtlich war es der Lauf des Maschinengewehres. Wir stьrzten um die Ecke und kamen durch den Eingang hinein, um herauszufinden, dass das Ding in der Lederhьlle nicht ein Maschinengewehr, sondern fьr unsere an Waffen arme Armee noch etwas Wertvolleres war. Es handelte sich um ein riesiges Fernrohr, wahrscheinlich mit mindestens sechzig- oder siebzigfacher VergrцЯerung und einem zusammenklappbaren Stativ. Derartige Fernrohre gab es auf unserer Seite einfach nicht, und wir benцtigten sie verzweifelt. Wir brachten es triumphierend hinaus und lehnten es an die Brustwehr, um es spдter wegzutragen.

In diesem Augenblick schrie jemand, die Faschisten nдherten sich. Bestimmt war der Lдrm des Gewehrfeuers viel lauter geworden. Aber es war offensichtlich, dass die Faschisten nicht von rechts zum Gegenangriff antreten wьrden, denn das hдtte bedeutet, dass sie durch das Niemandsland kommen und ihre eigene Brustwehr angreifen mьssten. Wenn sie ьberhaupt etwas Verstand hatten, wьrden sie uns von der Innenseite der Kampflinie her angreifen. Ich ging auf die andere Seite der Unterstдnde. Die Stellung hatte ungefдhr die Form eines Hufeisens. Die Unterstдnde lagen in der Mitte, so dass wir eine zweite Brustwehr hatten, die uns auf der Linken schьtzte. Aus dieser Richtung kam ein heftiges Feuer, aber das machte nicht soviel aus. Der Gefahrenpunkt lag gerade vor uns, wo es ьberhaupt keinen Schutz gab. Ein Kugelregen flog direkt ьber uns hinweg. Dieser Beschuss musste von der anderen faschistischen Stellung weiter oben an der Kampflinie kommen. Anscheinend hatten die StoЯtrupps sie doch nicht erobert. Aber jetzt war der Lдrm ohrenbetдubend. Es war der ununterbrochene, trommelartige Krach massierten Gewehrfeuers, den ich sonst aus einiger Entfernung gehцrt hatte. Jetzt war ich zum ersten Male mitten darin. Jetzt hatte sich natьrlich die SchieЯerei kilometerweit entlang der ganzen Front ausgebreitet. Douglas Thompson, dessen verwundeter Arm an der Seite unbrauchbar herunterhing, lehnte sich an die Brustwehr und feuerte mit einer Hand auf die Mьndungsblitze. Irgend jemand, dessen Gewehr klemmte, lud fьr ihn. Auf dieser Seite standen vier oder fьnf von uns. Es war klar, dass wir etwas tun mussten. Wir mussten die Sandsдcke von der vorderen Brustwehr wegzerren und eine Barrikade ьber der ungeschьtzten Seite aufschlagen. Und wir mussten schnell sein. Noch lag das Feuer hoch, aber jeden Augenblick konnten sie tiefer gehen. An den Mьndungsblitzen um uns herum konnte ich sehen, dass uns einhundert oder zweihundert Mann gegenьberlagen. Wir begannen die Sandsдcke loszuzerren, trugen sie zwanzig Meter vorwдrts und warfen sie in einem unebenen Haufen zusammen. Das war eine gemeine Arbeit. Die groЯen Sandsдcke wogen jeweils hundert Pfund, und man brauchte das letzte Gramm der eigenen Kraft, um sie loszuzerren. Dann platzte die verfaulte Sackleinwand und die feuchte Erde stьrzte wie eine Kaskade ьber den Hals hinunter und in die Дrmel. Ich erinnere mich an ein Gefьhl tiefer Angst vor dem Chaos, der Dunkelheit, dem entsetzlichen Lдrm, dem Hin- und Herschlittern im Schlamm und dem Kampf mit den berstenden Sandsдcken. Wдhrend der ganzen Zeit behinderte mich mein Gewehr, das ich nicht abzulegen wagte aus Furcht, es zu verlieren. Als wir mit einem Sack zwischen uns dahinstolperten, schrie ich sogar jemandem zu: »Das ist Krieg! Ist er nicht saumдЯig?« Plцtzlich sprang eine Reihe groЯer Figuren ьber die vordere Brustwehr. Als sie nдher kamen, erkannten wir die Uniform der StoЯtruppen und begrьЯten sie, weil wir glaubten, sie kдmen zu unserer Verstдrkung. Aber sie waren nur zu viert, drei Deutsche und ein Spanier. Wir hцrten hinterher, was den StoЯtruppen passiert war. Sie kannten das Gelдnde nicht, und man hatte sie in der Dunkelheit an die falsche Stelle gefьhrt, wo sie sich in den faschistischen Drдhten verfingen und viele von ihnen niedergeschossen wurden. Diese vier hatten sich zu ihrem eigenen Glьck verirrt. Die Deutschen sprachen kein Wort englisch, franzцsisch oder spanisch. Mit Mьhe und vielen Gesten erklдrten wir ihnen, was wir taten, und brachten sie dazu, uns beim Bau der Barrikade zu helfen.

Die Faschisten hatten jetzt ein Maschinengewehr nach vorne gebracht, und man konnte sehen, wie es ein- oder zweihundert Meter weiter weg wie eine Rakete spuckte. Die Kugeln flogen mit dauerndem, hartem Krachen ьber uns hinweg. Es dauerte nicht lange, bis wir genug Sandsдcke zusammengeworfen hatten, um eine niedrige Brustwehr zu schaffen, hinter der sich die wenigen Leute auf dieser Seite der Stellung hinlegen und schieЯen konnten. Ich kniete hinter ihnen. Eine Mцrsergranate zischte herьber und zerkrachte irgendwo im Niemandsland. Das war eine neue Gefahr, aber es wьrde sie einige Minuten in Anspruch nehmen, unsere Entfernung zu finden. Nachdem wir unseren Ringkampf mit den abscheulichen Sandsдcken beendigt hatten, war es irgendwie nicht einmal ein schlechter SpaЯ: der Lдrm, die Dunkelheit, die nдher kommenden Mьndungsfeuer und die Antwort unserer eigenen Leute auf diese Blitze. Man hatte sogar etwas Zeit, um nachzudenken. Ich erinnere mich, wie ich mich fragte, ob ich Angst hдtte, und mich dazu entschloss, dass ich keine habe. Vor dem Schьtzengraben, wo ich wahrscheinlich in geringerer Gefahr geschwebt hatte, war ich halb krank vor Furcht gewesen. Plцtzlich schrie wieder jemand, die Faschisten nдherten sich. Dieses Mal gab es keinen Zweifel, die Mьndungsfeuer kamen viel nдher. Ich sah kaum zwanzig Meter weg einen Blitz. Wahrscheinlich arbeiteten sie sich den Verbindungsgraben herauf. Bei zwanzig Metern waren sie innerhalb der Entfernung, in der man Handgranaten werfen konnte. Wir waren acht oder neun, die sich zusammengedrдngt hatten, und eine einzige wohlgezielte Handgranate konnte uns in Stьcke reiЯen. Bob Smillie, dem das Blut von einer kleinen Wunde im Gesicht herabfloss, richtete sich auf seine Knie auf und schleuderte eine Handgranate. Wir duckten uns und warteten auf die Explosion. Der Zьnder sprьhte rot, wдhrend sie durch die Luft segelte, aber die Handgranate explodierte nicht. (Mindestens ein Viertel dieser Handgranaten waren Versager.) Ich hatte auЯer den faschistischen keine Handgranate mehr ьbrig und wusste nicht, wie sie funktionierten. Ich rief den ьbrigen zu, ob jemand eine Handgranate ьbrig habe. Douglas Moyle fasste in seine Tasche und reichte mir eine herьber. Ich schleuderte sie und warf mich auf mein Gesicht. Durch einen der Glьcksfдlle, die es jedes Jahr einmal gibt, war es mir gelungen, die Handgranate fast genau dort hinzuwerfen, wo das Gewehr aufblitzte. Wir hцrten den Donner der Explosion und sofort danach ein grauenhaftes Aufschreien, Gebrьll und Stцhnen. Einen von ihnen hatten wir jedenfalls erwischt. Ich weiЯ nicht, ob er getцtet wurde, aber sicherlich war er schwer verwundet. Armer Teufel, armer Teufel! Ich fьhlte ein vages Mitleid, als ich ihn schreien hцrte. Aber im gleichen Augenblick sah oder glaubte ich beim dьnnen Licht der Mьndungsfeuer zu sehen, wie eine Gestalt nahe der Stelle stand, wo das Gewehr aufgeblitzt hatte. Ich riss mein Gewehr hoch und feuerte. Noch ein Schrei, aber ich glaube, es war immer noch die Wirkung der Handgranate. Weitere Handgranaten wurden geworfen. Die nдchsten Mьndungsfeuer, die wir sahen, waren schon viel weiter weg, hundert Meter oder mehr. So hatten wir sie zumindest augenblicklich zurьckgetrieben.

Jeder begann zu fluchen und meinte, warum man uns, zum Teufel, keine Verstдrkung schicke. Mit einer Maschinenpistole oder zwanzig Mann mit sauberen Gewehren hдtten wir diese Stellung gegen ein Bataillon halten kцnnen. In diesem Augenblick kletterte Paddy Donovan, nach Benjamin der stellvertretende Kommandeur, ьber die vordere Brustwehr. Er war zurьckgeschickt worden, um Befehle zu empfangen.

»He! Kommt heraus! Alle Mann sofort zurьckziehen!«

»Was?«

»Zurьck! Kommt heraus!«

»Warum?«

»Befehl. So schnell wie mцglich zurьck zu unseren eigenen Linien.«

Die Leute kletterten schon ьber die vordere Brustwehr.

Einige von ihnen mьhten sich mit einer schweren Munitionskiste ab. Meine Gedanken flogen zu dem Fernrohr zurьck, das ich auf der anderen Seite der Stellung an die Brustwehr gelehnt zurьckgelassen hatte. Aber in diesem Augenblick sah ich die vier StoЯtruppler den Verbindungsgraben hinauflaufen. Ich nahm an, sie befolgten irgendeinen unerklдrlichen Befehl, den sie vorher erhalten hatten. Der Graben fьhrte zu der anderen faschistischen Stellung und damit, sollten sie dorthin gelangen, in den sicheren Tod. Sie verschwanden in der Dunkelheit. Ich rannte ihnen nach und versuchte, mich an das spanische Wort fьr >zurьckziehen< zu erinnern. SchlieЯlich rief ich: »Atrбs! Atrбs«, das vielleicht den richtigen Sinn vermittelte. Der Spanier verstand es und brachte die anderen zurьck. Paddy wartete an der Brustwehr.

»Kommt, los, beeilt euch!«

»Aber das Fernrohr!«

»Sch ... auf das Fernrohr! Benjamin wartet drauЯen.«

Wir kletterten hinaus. Paddy hielt den Draht fьr mich zur Seite. Sobald wir aus dem Schutz der faschistischen Brustwehr wegkamen, lagen wir unter teuflischem Feuer, das sich von allen Seiten auf uns zu richten schien. Ich habe keinen Zweifel, dass es teilweise von unserer eigenen Seite kam, denn jetzt schoss jeder an der ganzen Front. Wohin wir uns auch wandten, schoss ein starker Kugelregen an uns vorbei. In der Dunkelheit wurden wir wie eine Schafherde hin und her getrieben. Das wurde nicht leichter dadurch, dass wir eine erbeutete Kiste mit Munition hinter uns herzogen -eine jener Kisten mit 1750 Rahmen, die ungefдhr einen Zentner wiegen —, auЯerdem eine Kiste mit Handgranaten und mehrere faschistische Gewehre. Nach ein paar Minuten hatten wir uns vollstдndig verirrt, obwohl die Entfernung von Brustwehr zu Brustwehr nicht einmal zweihundert Meter betrug und die meisten von uns das Gelдnde kannten. Wir glitten in dem schlammigen Feld umher und wussten nur, dass die Kugeln von beiden Seiten kamen. Es gab keinen Mond, nach dem man sich richten konnte. Aber der Himmel wurde ein wenig heller. Unsere Linien lagen цstlich von Huesca. Ich wollte an Ort und Stelle liegen bleiben, bis uns das erste Licht der Morgendдmmerung zeigte, wo Osten und Westen waren. Aber die anderen waren dagegen. Wir rutschten weiter, дnderten unsere Richtung verschiedene Male und wechselten uns ab, die Munitionskiste mitzuzerren. SchlieЯlich sahen wir vor uns undeutlich die niedrige flache Linie einer Brustwehr. Es konnte unsere eigene, es konnte aber auch die faschistische sein. Niemand hatte die geringste Ahnung, wohin wir gingen. Benjamin kroch auf seinem Bauch durch hohes, weiЯes Unkraut, bis er zwanzig Meter vor der Brustwehr war, und er versuchte, den Wachtposten anzurufen. Der Schrei »Poum!« antwortete ihm. Wir sprangen auf unsere FьЯe, fanden unseren Weg an der Brustwehr entlang, tappten noch einmal durch den Bewдsserungsgraben — platsch, glucks! — und waren in Sicherheit.

Kopp wartete zusammen mit einigen Spaniern innerhalb der Befestigung. Der Doktor und die Tragbahren waren fort. Es schien, dass alle Verwundeten hereingekommen waren, auЯer Jorge und einem unserer eigenen Leute, er hieЯ Hiddlestone, die fehlten. Kopp schritt sehr bleich auf und ab. Selbst die fetten Falten hinten an seinem Nacken waren bleich. Er achtete nicht auf die Kugeln, die ьber die niedrige Brustwehr flogen und in der Nдhe seines Kopfes zerbarsten. Die meisten von uns kauerten sich hinter der Brustwehr in Deckung. Kopp murmelte: »Jorge! Cogno! Jorge!« Und dann in englisch: »Wenn Jorge weg ist, ist es fuurchtbar, fuurchtbar!« Jorge war sein persцnlicher Freund und einer seiner besten Offiziere. Plцtzlich wandte er sich zu uns und fragte nach fьnf Freiwilligen, zwei Englдndern und drei Spaniern, um nach den vermissten Leuten auszuschauen. Moyle und ich meldeten uns freiwillig mit drei Spaniern.

Als wir nach drauЯen kamen, murmelten die Spanier, es

werde gefдhrlich hell. Das war vцllig richtig, der Himmel zeigte schon ein dьnnes Blau. Von der faschistischen Befestigung schallte ein groЯer Lдrm aufgeregter Stimmen herьber. Offensichtlich hatten sie die Stellung mit einer grцЯeren Truppe als vorher wieder besetzt. Wir waren sechzig oder siebzig Meter von ihrer Brustwehr entfernt, als sie uns gesehen oder gehцrt haben mьssen, denn sie feuerten eine schwere Salve zu uns herьber, so dass wir uns auf unsere Gesichter warfen. Einer von ihnen schleuderte eine Handgranate ьber die Brustwehr — ein sicheres Zeichen von Panik. Wir lagen im Gras und warteten auf eine Gelegenheit, um uns weiterzubewegen, als wir hцrten oder zu hцren glaubten, dass die faschistischen Stimmen jetzt viel nдher waren. Ich habe keinen Zweifel, dass es pure Einbildung war, aber zu jener Zeit schien es tatsдchlich so zu sein. Sie hatten die Brustwehr verlassen und kamen auf uns zu. »Lauf!« schrie ich Moyle zu und sprang auf meine FьЯe. Du lieber Himmel, wie ich rannte! Vorher, in der Nacht, hatte ich gedacht, man kцnne von Kopf bis FuЯ durchweicht und mit Gewehr und Patronen beladen nicht laufen. Jetzt erlebte ich, dass man immer laufen kann, wenn man glaubt, fьnfzig oder hundert bewaffnete Leute seien hinter einem her. Aber wenn ich schnell rennen konnte, so waren andere noch schneller. Wдhrend meiner Flucht schoss etwas wie ein Schwarm von Meteoren an mir vorbei. Das waren die drei Spanier, die vor mir gewesen waren. Sie hatten schon unsere Befestigung erreicht, bevor sie anhielten und ich sie einholen konnte. In Wahrheit waren wir vollstдndig mit unseren Nerven fertig. Ich wusste jedoch, dass in der Dдmmerung ein Mann unsichtbar ist, wдhrend fьnf deutlich zu sehen sind. So ging ich allein zurьck. Es gelang mir, bis an den дuЯeren Stacheldraht zu kommen, und ich durchsuchte das Gelдnde, so gut ich konnte. Das war aber nicht sehr grьndlich, denn ich musste auf meinem Bauch liegen. Von Jorge oder Hiddlestone war nichts zu sehen, und so kroch ich zurьck. Spдter erfuhren wir, dass sowohl Jorge wie auch Hiddlestone schon frьher zur Verbandstation gebracht worden waren. Jorge war an der Schulter leicht verwundet worden. Hiddlestone erhielt eine schreckliche Wunde — eine Kugel bohrte sich seinen linken Arm herauf und brach den Knochen an verschiedenen Stellen. Als er hilflos am Boden lag, explodierte eine Handgranate in der Nдhe und verletzte verschiedene andere Teile seines Kцrpers. Es freut mich aber, sagen zu kцnnen, dass er sich erholte. Spдter erzдhlte er mir, dass er sich eine Strecke weit auf seinem Rьcken liegend zurьckarbeitete, dann hielt er sich an einem verwundeten Spanier fest, und sie halfen sich gegenseitig zurьck.

Jetzt wurde es hell. Kilometerweit donnerte an der Front die unregelmдЯige, sinnlose SchieЯerei wie der Regen, der auf einen Regensturm folgt. Ich erinnere mich an den trostlosen Anblick der ganzen Szenerie: an das schlammige Sumpfland, die triefenden Pappeln, das gelbe Wasser am Boden des Schьtzengrabens, die erschцpften Gesichter der Mдnner, unrasiert, mit Schlamm beschmutzt und rauchgeschwдrzt bis zu den Augen. Als ich in meinen Unterstand zurьckkam, schliefen die drei Mдnner, mit denen ich ihn teilte, schon fest. Sie hatten sich mit der ganzen Ausrьstung hingeworfen und hielten die schmutzigen Gewehre an sich geklammert. Im Inneren des Unterstandes wie auch drauЯen war alles durchweicht. Nach langer Suche gelang es mir, genug Stьckchen trockenes Holz zu sammeln, um ein winziges Feuer anzuzьnden. Dann rauchte ich die Zigarre, die ich aufbewahrt hatte und die zu meiner Ьberraschung wдhrend der Nacht nicht zerbrochen war.

Spдter hцrten wir, dass der Angriff ein Erfolg gewesen war, wie das nun einmal so ist. Es war nur ein Ьberfall, um die Faschisten zu zwingen, Truppen von der anderen Seite von Huesca abzuziehen, wo die Anarchisten wieder angriffen. Ich schдtzte, dass die Faschisten hundert oder zweihundert Mann in den Gegenangriff warfen, aber ein Deserteur erzдhlte uns spдter, es seien sechshundert gewesen. Ich vermute, er log — Deserteure versuchen oft aus einleuchtenden Grьnden zu schmeicheln. Die Sache mit dem Fernrohr war ein Jammer. Der Gedanke, dieses wundervolle Beutestьck verloren zu haben, дrgert mich heute noch.

Die Tage und selbst die Nдchte wurden angenehm warm. Auf einem von Kugeln zerzausten Baum vor unserem Graben bildeten sich dicke Kirschentrauben. Das Baden im Fluss hцrte auf, eine Qual zu sein, und wurde fast ein Vergnьgen. Wilde Rosen mit rosa Blьten von der GrцЯe einer Untertasse wucherten ьber die Granatlцcher rund um Torre Fabian. Hinter der Kampflinie traf man Bauern, die wilde Rosen hinter ihren Ohren trugen. Am Abend zogen sie mit grьnen Netzen aus, um Wachteln zu jagen. Man breitet das Netz ьber die Spitzen der Grдser, legt sich dann auf den Boden nieder und macht ein Geschrei wie eine weibliche Wachtel. Jede mдnnliche Wachtel, die in Hцrweite ist, rennt dann herbei, und wenn sie unter dem Netz ist, wirft man einen Stein, um sie zu erschrecken. Dann springt sie in die Luft und verfдngt sich im Netz. Anscheinend wurden nur mдnnliche Wachteln gefangen, was ich fьr unfair hielt.

Neben uns an der Front lag jetzt eine Abteilung Andalusier. Ich weiЯ nicht genau, wie sie an diesen Frontabschnitt kamen. Die gдngige Erklдrung lautete, sie seien so schnell von Malaga fortgelaufen, dass sie vergessen hдtten, in Valencia zu halten. Diese Erklдrung kam natьrlich von den Kataloniern, die es sich angewцhnt hatten, auf die Andalusier wie auf einen Stamm Halbwilder herabzusehen. Sicherlich waren die Andalusier sehr einfдltig. Wenige, ja vielleicht niemand von ihnen konnte lesen, und sie schienen nicht einmal zu wissen, was jeder in Spanien weiЯ, zu welcher politischen Partei er gehцrt. Sie glaubten, sie seien Anarchisten, aber sie waren sich dessen nicht ganz gewiss, vielleicht waren sie Kommunisten. Diese Mдnner sahen knorrig und bдuerlich aus, etwa wie Schafhirten oder Arbeiter aus den Olivenhainen. Die unerbittliche Sonne weiter sьdlich liegender Gefilde hatte ihre Gesichter tief gezeichnet. Sie waren sehr nьtzlich fьr uns, denn sie besaЯen eine auЯerordentliche Geschicklichkeit, den vertrockneten spanischen Tabak zu Zigaretten zu drehen. Man hatte aufgehцrt, Zigaretten auszugeben, aber in Monflorite konnte man gelegentlich Pдckchen mit sehr billigem Tabak kaufen. In Aussehen und Textur glich er gehacktem Hдcksel. Sein Aroma duftete nicht schlecht, aber er war so trocken, dass der Tabak selbst dann, wenn es einem gelungen war, eine Zigarette zu rollen, sofort wieder herausfiel und eine leere Rцhre zurьckblieb. Die Andalusier aber konnten wunderbare Zigaretten drehen und hatten eine besondere Technik, die Enden festzustopfen.

Zwei Englдnder wurden von einem Hitzschlag getroffen. Die deutlichsten Erinnerungen an diese Zeit sind fьr mich die Hitze der Mittagssonne und wie wir halbnackt Sandsдcke schleppten, die unsere Schultern aufrieben, die schon von der Sonne geschunden worden waren; dann unsere lausigen Kleider und Stiefel, die buchstдblich in Fetzen auseinander fielen, und das Ringen mit den Maultieren, die unsere Rationen brachten. Das Gewehrfeuer stцrte sie zwar nicht, aber sie flьchteten, wenn ein Schrapnell in der Luft zerbarst. Und die Moskitos (die gerade lebendig wurden) und die Ratten, die ein цffentliches Дrgernis waren und selbst Lederriemen und Patronentaschen verschlangen. AuЯer einer gelegentlichen Verwundung durch die Kugel eines Scharfschьtzen, den sporadischen Artilleriebeschuss und die Luftangriffe auf Huesca ereignete sich nichts. Nachdem die Bдume jetzt voller Laub waren, hatten wir Anstдnde fьr Scharfschьtzen, дhnlich den Machans (Anm.: Hochsitz bei der Tigerjagd in Indien), in den Pappeln entlang unserer Front errichtet. Auf der anderen Seite von Huesca lieЯen die Angriffe nach. Die Anarchisten hatten schwere Verluste erlitten, und es war ihnen noch nicht gelungen, die StraЯe nach Jaca vollstдndig abzuschneiden. Sie hatten sich auf beiden Seiten so nahe an die StraЯe heranzuschieben vermocht, dass sie diese unter Maschinengewehrfeuer halten und fьr den Verkehr unpassierbar machen konnten. Aber die Lьcke war einen Kilometer breit, und die Faschisten hatten eine GrabenstraЯe konstruiert, eine Art riesigen Schьtzengraben, durch die eine gewisse Anzahl Lastwagen kommen und gehen konnte. Deserteure berichteten, dass es in Huesca viel Munition und wenig Lebensmittel gebe. Aber die Stadt fiel offensichtlich nicht. Wahrscheinlich wдre es unmцglich gewesen, sie mit den zur Verfьgung stehenden fьnfzehntausend schlecht bewaffneten Soldaten zu nehmen. Spдter im Juni brachte die Regierung Truppen von der Front um Madrid und konzentrierte dreiЯigtausend Mann und eine riesige Zahl Flugzeuge auf Huesca, aber die Stadt fiel immer noch nicht.

Als wir auf Urlaub gingen, war ich hundertfьnfzehn Tage an der Front gewesen, und damals schien dieser Zeitraum einer der nutzlosesten meines ganzen Lebens gewesen zu sein. Ich war in die Miliz eingetreten, um gegen den Faschismus zu kдmpfen. Ich hatte jedoch kaum gekдmpft, sondern nur wie ein passives Objekt existiert. Ich tat nichts als Gegenleistung fьr meine Rationen, auЯer dass ich unter der Kдlte und dem Mangel an Schlaf litt. Das ist aber vielleicht in den meisten Kriegen das Schicksal der Mehrzahl der Soldaten. Wenn ich jedoch heute diese ganze Zeit rьckblickend betrachte, bedauere ich sie nicht vollstдndig. Ich wьnsche allerdings, ich hдtte der spanischen Regierung etwas wirkungsvoller dienen kцnnen. Aber von meinem persцnlichen Gesichtspunkt, das heiЯt von dem Gesichtspunkt meiner persцnlichen Entwicklung her gesehen, waren die ersten drei oder vier Monate, die ich an der Front verbrachte, weniger nutzlos, als ich dachte. Sie waren eine Art Interregnum in meinem Leben, vцllig unterschieden von allem, was voraus- gegangen war und was vielleicht auch noch kommen sollte. Diese Zeit lehrte mich Dinge, die ich auf keine andere Weise hдtte lernen kцnnen.

Der wesentlichste Punkt bestand darin, dass ich wдhrend dieser ganzen Zeit isoliert war — denn an der Front war man fast vollstдndig von der AuЯenwelt abgeschnitten: selbst von dem, was sich in Barcelona ereignete, hatte man nur eine verschwommene Vorstellung, und das unter Leuten, die man etwas verallgemeinert und doch nicht zu ungenau als Revolutionдre bezeichnen konnte. Das war das Ergebnis des Milizsystems, das vor 1937 an der aragonischen Front nicht grundlegend geдndert wurde. Die Arbeitermiliz, die auf den Gewerkschaften aufbaute und sich aus Leuten von ungefдhr der gleichen politischen Meinung zusammensetzte, bewirkte, dass an einer Stelle die intensivsten revolutionдren Gefьhle des ganzen Landes zusammenkamen. Ich war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter GrцЯe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewusstsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsдchlich, wenn auch nicht vollstдndig, aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise lieЯe sich wahrhaftig sagen, dass man hier einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, dass die geistige Atmosphдre des Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens — Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boss und so weiter — hatten einfach aufgehцrt zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwдngerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort auЯer den Bauern und uns selbst, und niemand hatte einen Herrn ьber sich. Natьrlich konnte dieser Zustand nicht andauern. Es war einfach ein zeitlich und цrtlich begrenzter Abschnitt in einem gewaltigen Spiel, das augenblicklich auf der ganzen Erdoberflдche gespielt wird. Aber es dauerte lange genug, um jeden, der es erlebte, zu beeindrucken. Wie sehr damals auch geflucht wurde, spдter erkannte jeder, dass er mit etwas Fremdem und Wertvollem in Berьhrung gewesen war. Man hatte in einer Gemeinschaft gelebt, in der die Hoffnung normaler war als die Gleichgьltigkeit oder der Zynismus, wo das Wort Kamerad fьr Kameradschaft stand und nicht, wie in den meisten Lдndern, fьr Schwindel. Man hatte die Luft der Gleichheit eingeatmet. Ich weiЯ sehr genau, wie es heute zum guten Ton gehцrt zu verleugnen, dass der Sozialismus etwas mit Gleichheit zu tun hat. In jedem Land der Welt ist ein ungeheurer Schwarm Parteibonzen und schlauer, kleiner Professoren beschдftigt zu >beweisen<, dass Sozialismus nichts anderes bedeutet als planwirtschaftlichen Staatskapitalismus, in dem das Motiv des Raffens erhalten bleibt. Aber zum Glьck gibt es daneben auch eine Vision des Sozialismus, die sich hiervon gewaltig unterscheidet. Die Idee der Gleichheit zieht den normalen Menschen zum Sozialismus hin. Diese >Mystik< des Sozialismus lдsst ihn sogar seine Haut dafьr riskieren. Fьr die groЯe Mehrheit der Menschen bedeutet der Sozialismus die klassenlose Gesellschaft, oder er bedeutet ihnen ьberhaupt nichts. Unter diesem Gesichtspunkt aber waren die wenigen Monate in der Miliz wertvoll fьr mich. Denn solange die spanischen Milizen sich hielten, waren sie gewissermaЯen der Mikrokosmos einer klassenlosen Gesellschaft. In dieser Gemeinschaft, in der keiner hinter dem Geld herrannte, wo alles knapp war, es aber keine Privilegien und kein Speichellecken mehr gab, fand man vielleicht in groben Umrissen eine Vorschau davon, wie die ersten Schritte des Sozialismus aussehen kцnnten. Statt mir meine Illusionen zu rauben, fesselte mich die- ser Zustand. Die Folge war, dass ich noch viel stдrker als vorher wьnschte, der Sozialismus mцge verwirklicht werden. Teilweise kam das daher, weil ich das Glьck gehabt hatte, unter Spaniern zu leben. Mit ihrer angeborenen Anstдndigkeit und ihrem immer gegenwдrtigen anarchistischen Gefьhl wьrden sie selbst die ersten Stadien des Sozialismus ertrдglicher machen, wenn man ihnen nur eine Chance gдbe.

Natьrlich war ich mir damals kaum der Verдnderungen bewusst, die sich in meinen Gedanken vollzogen. Wie alle von uns dachte ich hauptsдchlich an Langeweile, Hitze, Kдlte, Schmutz, Lдuse, Entbehrung und die gelegentliche Gefahr. Das ist heute ganz anders. Der Zeitabschnitt, der damals so nutzlos und ereignislos zu sein schien, ist heute von groЯer Bedeutung fьr mich. Er unterscheidet sich so sehr von meinem ьbrigen Leben, dass er schon jetzt im Licht einer zauberhaften Qualitдt erscheint, die sich normalerweise nur bei Erinnerungen einstellt, die viele Jahre alt sind. Die Ereignisse selbst waren abscheulich, aber heute sind sie schon eine angenehme Erinnerung, bei der meine Gedanken gerne verweilen. Ich wьnschte, ich kцnnte die Atmosphдre jener Zeit schildern. Ich hoffe jedenfalls, dass ich ein wenig davon in den voraufgehenden Kapiteln dieses Buches vermittelt habe. In meiner Erinnerung fдllt sie zusammen mit der Winterkдlte, den zerlumpten Uniformen der Milizsoldaten, den ovalen spanischen Gesichtern, den Maschinengewehren, die wie Funktasten hдmmerten, dem Geruch von Urin und faulendem Brot, dem Bohnenstew, das nach der Konservenbьchse schmeckte und das wir hastig aus schmutzigen Kochgeschirren hinunterschlangen.

Ich sehe die ganze Zeit in merkwьrdiger Lebendigkeit vor mir. In meiner Erinnerung erlebe ich noch einmal Ereignisse, die zu unwichtig scheinen, um sie wieder wachzurufen. Ich bin wieder im Unterstand am Monte Pocero, auf dem Kalksteinbrocken, der mein Bett war, und der junge Ramon schnarcht, seine Nase zwischen meine Schulterblдtter

gepresst. Ich stolpere den schmutzigen Graben entlang durch den Nebel, der wie kalter Dampf um mich herumwirbelt. Ich hocke auf halber Berghцhe in einer Felsspalte, versuche mein Gleichgewicht zu halten und die Wurzel eines wilden Rosmarinbusches aus der Erde zu zerren. Hoch ьber meinem Kopf pfeifen einige sinnlose Kugeln.

Ich liege zusammen mit Kopp und Bob Edwards und drei Spaniern versteckt unter den kleinen Tannenbдumen auf dem flachen Gelдnde westlich von Monte Oscuro. Eine Gruppe Faschisten klettert wie Ameisen den kahlen, grauen Hьgel auf unserer Rechten hinauf. Nicht weit von uns ertцnt ein Hornsignal von den faschistischen Linien. Kopp schaut mich an und zeigt wie ein Schuljunge mit seiner Nase in die Richtung des Klanges.

Ich stehe in dem schmutzigen Hof bei La Granja, mitten unter dem Haufen Mдnner, die sich mit ihren Blechkochgeschirren um den groЯen Kessel mit Stew drдngen. Der fette und geplagte Koch scheucht sie mit seiner Kelle fort. An einem Tisch in der Nдhe steht ein bдrtiger Mann mit einer gewaltigen automatischen Pistole an seinem Koppel und hackt Brotlaibe in fьnf Stьcke. Hinter mir singt eine Cockney-Stimme (es ist Bill Chambers, mit dem ich mich erbittert stritt und der spдter vor Huesca getцtet wurde):

Wir haben Ratten,
Ratten in Kammern und Kasematten,
Ratten so groЯ wie ...

Eine Granate zischt herьber. Fьnfzehnjдhrige Kinder werfen sich auf ihr Gesicht. Der Koch duckt sich hinter dem Kochkessel. Als die Granate etwa hundert Meter weiter niedergeht und zerknallt, stehen sie alle mit einem einfдltigen Ausdruck wieder auf.

Ich gehe die Reihe der Wachtposten unter den dunklen Zweigen der Pappeln auf und ab. In dem ьberfluteten Graben vor der Stellung paddeln die Ratten und machen einen Lдrm wie Ottern. Wenn die gelbe Morgendдmmerung hinter uns hochzieht, beginnt der andalusische Wachtposten, der sich in seinen Mantel eingehьllt hat, zu singen. Hundert oder zweihundert Meter ьber das Niemandsland hinweg kann man auch den faschistischen Wachtposten singen hцren.

Nach den ьblichen mananas lцste uns am 27. April eine andere Abteilung ab, und wir ьbergaben ihr unsere Gewehre, packten unsere Tornister und marschierten nach Monflorite zurьck. Es tat mir nicht leid, die Front zu verlassen. Die Lдuse vermehrten sich viel schneller in meiner Hose, als ich sie abschlachten konnte, und seit einem Monat hatte ich keine Socken mehr. Von den Sohlen meiner Stiefel war so wenig ьbrig geblieben, dass ich mehr oder minder barfuss marschierte. Ich wьnschte mir ein heiЯes Bad, saubere Kleidung und eine Nacht zwischen Betttьchern leidenschaftlicher, als man sich irgend etwas wьnschen kann, wenn man ein normales zivilisiertes Leben fьhrt. Wir schliefen einige Stunden in einer Scheune in Monflorite, sprangen in den frьhen Morgenstunden auf einen Lastwagen, erreichten den Fьnfuhrzug in Barbastro und — da wir Glьck hatten und einen Eilzug in Lerida erwischten — waren am Sechsundzwanzigsten um drei Uhr nachmittags in Barcelona. Danach aber begann der Kummer.

Von Mandalai im oberen Burma kann man mit der Eisenbahn nach Maimio, der bedeutendsten Bergstation der Provinz am Ende des Shan-Plateaus, reisen. Es ist ein ziemlich eigenartiges Erlebnis. Man beginnt die Reise in der typischen Atmosphдre einer Stadt des Ostens — dem sengenden Sonnenlicht, den staubigen Palmen, dem Geruch von Fischen, Gewьrzen und Knoblauch, den breiigen tropischen Frьchten und dem Schwarm dunkelhдutiger, menschlicher Wesen. Weil man so daran gewцhnt ist, trдgt man diese Atmosphдre mit, wenn man in den Eisenbahnwagen einsteigt. Wenn der Zug in Maimio zwцlfhundert Meter ьber dem Meeresspiegel hдlt, ist man im Geiste immer noch in Mandalai. Aber wenn man aus dem Waggon aussteigt, tritt man in eine vцllig andere Hemisphдre. Plцtzlich atmet man eine kьhle, sьЯe Luft wie in England, und rundherum wachsen grьnes Gras, Farnkraut und Tannenbдume, und die rotwangigen Frauen des Hьgellandes verkaufen Kцrbe mit Erdbeeren.

Ich wurde daran erinnert, als ich nach dreieinhalb Monaten von der Front nach Barcelona zurьckkam. Hier erlebte ich den gleichen jдhen und erschreckenden Wechsel der Atmosphдre. Auf dem ganzen Weg nach Barcelona herrschte im Zug die Atmosphдre der Front: der Schmutz, der Lдrm, die Unbequemlichkeiten, die zerlumpte Kleidung, das Gefьhl der Entbehrung, der Kameradschaft und der Gleichheit. Immer mehr Bauern stiegen an jeder Station der Eisenbahnlinie in den Zug, der schon beim Verlassen von Barbastro voller Milizsoldaten war. Die Bauern brachten Bьndel Gemьse, verдngstigtes Geflьgel, das sie mit dem Kopf nach unten trugen, und Sдcke, die sich am Boden hin und her wanden und in denen ich lebendige Kaninchen entdeckte. Zum Schluss wurde noch eine ziemlich groЯe Schafherde in die Abteile getrieben und in jede freie Ecke gequetscht. Die Milizsoldaten schrieen Revolutionslieder, die das Rattern des Zuges ьbertцnten. Jedem hьbschen Mдdchen lдngs der Bahnlinie warfen sie Kusshдnde zu oder winkten ihm mit ihren roten und schwarzen Taschentьchern. Flaschen mit Wein und Anis, dem schmutzigen aragonischen Schnaps, wanderten von Hand zu Hand. Mit einer spanischen Wasserflasche aus Ziegenhaut lдsst sich ein Schuss Wein quer durch einen Eisenbahnwaggon in den Mund eines Freundes spritzen, so erspart man sich groЯe Umstдnde. Neben mir erzдhlte ein schwarzдugiger fьnfzehnjдhriger Junge sensationelle und zweifellos vцllig unwahre Geschichten von seinen Heldentaten an der Front. Er erzдhlte sie zwei alten Bauern mit lederartigen Gesichtern, die ihm mit offenem Mund zuhцrten. Bald цffneten die Bauern ihre Bьndel und gaben uns etwas klebrigen dunkelroten Wein. Jeder war vцllig glьcklich, glьcklicher, als ich es beschreiben kann. Aber als der Zug durch Sabadell gerollt war und Barcelona erreichte, schritten wir in eine Atmosphдre, die uns und unseresgleichen gegenьber kaum fremder und feindseliger sein konnte, als wenn es Paris oder London gewesen wдre.

Jeder, der wдhrend des Krieges im Abstand von einigen Monaten Barcelona zweimal besuchte, hat sich zu dem auЯerordentlichen Wechsel geдuЯert, der in dieser Zeit stattfand. Ob jemand zuerst im August und dann im Januar hingekommen war oder, wie ich selbst, zuerst im Dezember und dann wieder im April, er sagte merkwьrdigerweise immer das gleiche: Die Atmosphдre der Revolution war verschwunden. Zweifellos sah fьr jeden, der im August dagewesen war, als das Blut in den StraЯen kaum getrocknet und die Miliz in den feinen Hotels einquartiert war, Barcelona im Dezember bьrgerlich aus. Fьr mich glich es, als ich gerade frisch aus England kam, eher einer Arbeiterstadt als irgend etwas sonst, was ich mir vorgestellt hatte. Aber jetzt war die Flut zurьckgerollt.

Es war wieder eine gewцhnliche Stadt, ein wenig vom Krieg gezwickt und zerstцrt, aber sonst ohne ein дuЯeres Zeichen der Vorherrschaft der Arbeiterklasse.

Der Wechsel im Aussehen der Menge war ьberraschend. Die Milizuniform und die blauen Overalls waren fast verschwunden. Jeder schien einen schmucken Sommeranzug zu tragen, auf den sich die spanischen Schneider spezialisiert haben. Ьberall gab es fette, wohlhabende Mдnner, elegante Frauen und rassige Autos. (Es schien so, als gдbe es noch keine Privatwagen. Aber trotzdem schien jeder, der >etwas< war, ьber ein Auto zu verfьgen). Die Offiziere der neuen Volksarmee, ein Typ, der kaum existierte, als ich Barcelona verlieЯ, zeigten sich in ьberraschender Anzahl. In der Volksarmee gab es auf je zehn Mann einen Offizier. Eine gewisse Anzahl dieser Offiziere hatte in der Miliz gedient und war zur technischen Unterweisung aus der Front gezogen worden. Aber die meisten von ihnen waren junge Leute, die die Kriegsschule besucht hatten, statt in die Miliz einzutreten. Ihr Verhдltnis zu den Soldaten war nicht genau das gleiche wie in einer Bourgeoisarmee. Aber in der Volksarmee gab es entschieden soziale Unterschiede, die sich im Unterschied der Bezahlung und der Uniform ausdrьckten.

Die Soldaten trugen eine Art grober brauner Overalls, die Offiziere trugen eine elegante Khakiuniform mit enger Taille. Sie sahen ungefдhr wie die Uniformen der britischen Armeeoffiziere aus, nur noch ьbertriebener. Ich glaube nicht, dass mehr als einer von zwanzig schon an der Front gewesen war. Aber sie alle trugen automatische Pistolen, die sie an ihr Koppel geschnallt hatten, wдhrend wir an der Front weder fьr Geld noch fьr gute Worte eine Pistole bekommen konnten. Als wir die StraЯe hinaufgingen, be-

merkte ich, wie die Leute uns wegen unseres schmutzigen Aussehens anstarrten. Natьrlich boten wir, wie alle Mдnner, die einige Monate in der vordersten Stellung gelegen haben, einen scheuЯlichen Anblick. Ich wusste, dass ich wie eine Vogelscheuche aussah. Meine Lederjacke war ganz zerfetzt, meine wollene Mьtze hatte ihre Form verloren und glitt dauernd ьber eines meiner Augen. Meine Stiefel bestanden fast nur noch aus dem auswдrtsgebogenen Oberteil. Wir alle befanden uns mehr oder weniger im gleichen Zustand, auЯerdem waren wir schmutzig und unrasiert, so dass es nicht verwunderlich war, dass die Leute uns anstarrten. Aber es entsetzte mich ein wenig und brachte mir zum Bewusstsein, dass wдhrend der letzten drei Monate einige eigentьmliche Dinge geschehen waren.

Wдhrend der nдchsten Tage entdeckte ich an zahllosen Anzeichen, dass mein erster Eindruck durchaus nicht falsch gewesen war.

Ein einschneidender Wechsel war ьber die Stadt gekommen. Zwei Tatsachen boten den Schlьssel fьr alles andere. Einmal hatten die Leute — also die Zivilbevцlkerung — sehr viel von ihrem Interesse am Krieg verloren; zum zweiten behauptete sich wieder die normale Unterscheidung der Gesellschaft in reich und arm, Ober- und Unterklasse.

Die allgemeine Gleichgьltigkeit gegenьber dem Krieg war ьberraschend und ziemlich widerwдrtig. Das erschreckte auch die Leute, die von Madrid oder sogar von Valencia nach Barcelona kamen. Zum Teil mochte es damit zusammenhдngen, dass Barcelona von den wirklichen Kдmpfen so weit entfernt war. Ich beobachtete einige Monate spдter das gleiche in Tarragona, wo das normale Leben eines angenehmen Badeortes nahezu ungestцrt weitergefьhrt wurde. Aber es war bezeichnend, dass sich etwa seit Januar der freiwillige Zugang zur Armee in ganz Spanien verringert hatte. Im Februar erlebte Katalonien eine Welle der Begeisterung fьr die erste groЯe Werbung der Volksarmee. Aber sie fьhrte nicht zu einem groЯen Zuwachs bei der Rekrutierung. Der Krieg dauerte gerade ungefдhr sechs Monate, als die spanische Regierung Zuflucht zur Zwangsaushebung nehmen musste. Im Krieg mit einem anderen Land mag das natьrlich hingehen, aber in einem Bьrgerkrieg erscheint es mir ungewцhnlich. Ohne Zweifel hing es zusammen mit der Enttдuschung der revolutionдren Hoffnungen, mit denen der Krieg begonnen hatte. Wдhrend der ersten Kriegswochen hatten die Gewerkschaftsmitglieder sich vor allem deshalb zu Milizen zusammengeschlossen und die Faschisten nach Saragossa zurьckgetrieben, weil sie glaubten, selbst fьr die Kontrolle durch die Arbeiterklasse zu kдmpfen. Aber es wurde immer deutlicher, dass die Kontrolle durch die Arbeiterklasse eine verlorene Sache war. So konnte man die einfachen Leute, besonders das Proletariat in der Stadt, die in jedem Krieg, ob Bьrgerkrieg oder Nationalkrieg, herhalten mьssen, nicht fьr eine gewisse Gleichgьltigkeit kritisieren. Niemand wollte den Krieg verlieren, aber die Mehrheit wьnschte vor allem, dass er zu Ende gehe. Wohin man auch ging, konnte man das bemerken. Ьberall hцrte man die gleiche oberflдchliche Bemerkung: »Dieser Krieg -furchtbar, nicht wahr? Wann geht er zu Ende?« Politisch interessierte Menschen wussten weit mehr ьber die mцrderische Auseinandersetzung zwischen Anarchisten und Kommunisten als ьber den Kampf gegen Franco. Fьr die Masse der Bevцlkerung war das wichtigste der Mangel an Nahrungsmitteln. Unter >der Front< stellte man sich allmдhlich einen sagenhaften, weit entfernten Raum vor, wohin junge Mдnner entschwanden und entweder nicht oder aber nach drei oder vier Monaten mit groЯen Summen Geld in der Tasche zurьckkehrten. (Ein Milizsoldat erhielt gewцhnlich seine ausstehende Lцhnung, wenn er auf Urlaub ging.) Den Verwundeten, selbst wenn sie auf Krьcken humpelten, schenkte man keine besondere Beachtung. Es war nicht mehr fein, der Miliz anzugehцren. Das zeigte sich besonders deutlich in den Lдden, die immer ein Barometer des цffentlichen Geschmacks sind. Als ich zum ersten Mal nach Barcelona kam, hatten sich die Lдden trotz deren Armut und Schдbigkeit auf die Ausrьstung der Milizsoldaten spezialisiert. In allen Schaufenstern lagen Feldmьtzen, Windjacken, Sam-Browne-Koppel, Jagdmesser, Wasserflaschen und Revolverhalter. Jetzt waren die Geschдfte bedeutend vornehmer, aber der Krieg war aus den Auslagen verdrдngt worden.

Als ich spдter meine Ausrьstung kaufte, bevor ich an die Front zurьckging, entdeckte ich sogar, dass bestimmte Dinge, die an der Front dringend gebraucht wurden, nur sehr schwer zu beschaffen waren.

Inzwischen wurde eine systematische Propaganda gegen die Parteimiliz und fьr die Volksarmee betrieben. Die Verhдltnisse waren hier recht merkwьrdig. Seit Februar waren theoretisch die gesamten Streitkrдfte in die Volksarmee ьbergefьhrt worden. Auf dem Papier waren die Milizen nach dem Muster der Volksarmee umgebildet worden, also mit unterschiedlichen Lцhnen, amtlich verцffentlichten Dienstgraden und so weiter. Die Divisionen wurden aus >gemischten Brigaden< gebildet, die teils aus Soldaten der Volksarmee und teils aus der Miliz bestehen sollten. Aber in Wirklichkeit wurden nur die Namen geдndert. So waren jetzt beispielsweise die P.O.U.M.-Truppen, die vorher Lenin-Division genannt wurden, die 29. Division. Bis zum Juni kamen nur sehr wenig Truppen der Volksarmee an die aragonische Front, folglich konnte die Miliz ihre eigene Struktur und ihren besonderen Charakter erhalten. Aber die Propagandisten der Regierung hatten schon auf jede Mauer gemalt: »Wir brauchen eine Volksarmee.« Im Rundfunk und in der kommunistischen Presse lief ununterbrochen und manchmal bцsartig die Hetzkampagne gegen die Miliz, der vorgeworfen wurde, sie sei schlecht ausgebildet, undiszipliniert und so weiter. Die Volksarmee wurde immer mit dem Beiwort >heroisch< beschrieben. Auf Grund eines guten Teils dieser Propaganda musste man den Eindruck gewinnen, es sei schдndlich, freiwillig an die Front gegangen zu sein, und lobenswert, zu warten, bis man eingezogen wьrde. Zur Zeit jedoch hielt die Miliz die Front, wдhrend die Volksarmee in der Etappe ьbte. Das durfte natьrlich sowenig wie mцglich bekannt gemacht werden. Abteilungen der Miliz, die zur Front zurьckkehrten, lieЯ man nicht mehr mit Trommelklang und fliegenden Fahnen durch die StraЯen marschieren. Sie wurden frьh um fьnf Uhr mit der Eisenbahn oder mit Lastwagen hinausgeschmuggelt. Einige Abteilungen der Volksarmee marschierten nun auch zur Front, sie wurden wie vorher mit allen Zeremonien durch die StraЯen geschickt. Aber selbst ihnen gegenьber zeigte man infolge des schwindenden Interesses am Krieg verhдltnismдЯig wenig Begeisterung. In der Zeitungspropaganda wurde erfolgreich die Tatsache ausgeschlachtet, dass die Milizen zumindest auf dem Papier Truppen der Volksarmee waren.

Jedes mцgliche Verdienst ging automatisch auf das Konto der Volksarmee, wдhrend jeder Tadel den Milizen angelastet wurde. Es geschah manchmal, dass dieselben Truppen in der einen Eigenschaft gelobt und in der anderen getadelt wurden.

Ь ber diese Verдnderungen hinaus gab es aber einen bemerkenswerten Wechsel in der Atmosphдre der Gesellschaftsordnung — etwas, das man sich schwer vorstellen kann, es sei denn, man hat es wirklich erlebt. Als ich zum ersten Mal nach Barcelona kam, glaubte ich in einer Stadt zu sein, in der Klassenunterschiede und groЯe Unterschiede im Wohlstand kaum existierten. So sah es tatsдchlich aus. >Feine< Kleider waren etwas Ungewцhnliches, niemand war ein Kriecher oder nahm ein Trinkgeld an. Kellner und Blumenverkдuferinnen und Schuhputzer schauten jedem in die Augen und sprachen ihre Kunden mit >Kamerad< an. Ich hatte nicht begriffen, dass diese Erscheinung vor allem eine Mischung aus Hoffnung und Tarnung war. Die Arbeiterklasse glaubte an eine Revolution, die begonnen, aber nie gefestigt worden war. Die Bourgeoisie hatte Angst und verkleidete sich vorьbergehend unter der Maske der Arbeiter. Wдhrend der ersten Monate der Revolution muss es viele tausend Menschen gegeben haben, die absichtlich Overalls anzogen und revolutionдre Phrasen schrieen, um auf diese Weise ihre Haut zu retten. Jetzt aber kehrte alles wieder zum Normalen zurьck. Die feinen Restaurants und Hotels waren voll reicher Leute, die teure Mahlzeiten herunterschlangen, wдhrend die Lebensmittelpreise fьr die arbeitende Bevцlkerung ohne eine entsprechende Erhцhung der Lцhne phantastisch in die Hцhe gesprungen waren. AuЯer der allgemeinen Teuerung herrschte dauernd Mangel an diesem und jenem, was natьrlich die Armen hдrter traf als die Reichen. Die Restaurants und Hotels hatten anscheinend wenig Schwierigkeiten, zu bekommen, was sie wollten. Aber die Schlangen nach Brot, Olivenцl und anderen Notwendigkeiten in den Quartieren der Arbeiterklasse waren manchmal Hunderte von Metern lang. Zuvor hatte ich ьber die Abwesenheit von Bettlern in Barcelona gestaunt, jetzt sah ich sie in groЯen Mengen. Vor den Delikatessenlдden am oberen Ende der Rambla warteten immer ganze Banden barfьЯiger Kinder, um den hinaustretenden Kдufern nachzulaufen und sie um ein paar Brocken Lebensmittel anzuhalten. Die revolutionдrem Floskeln der Sprache wurden nicht mehr gebraucht. Fremde sprachen jetzt nur selten jemand mit tu und camarada an, normalerweise war es senor und usted. Buenos dias begann salud zu ersetzen. Die Kellner trugen wieder Frackhemden, und die Ladenaufseher machten ihre Bьcklinge in der gewohnten Weise. Meine Frau und ich gingen in ein Strumpfgeschдft in der Rambla, um Strьmpfe zu kaufen. Der Ladenbesitzer verbeugte sich und rieb seine Hдnde, wie man es heute nicht einmal mehr in England tut, obwohl es dort vor zwanzig oder dreiЯig Jahren noch ьblich war. Die Gewohnheit, Trinkgelder zu geben, kam auf eine verstohlene, indirekte Weise wieder in Gebrauch. Die Auflцsung der Arbeiterpatrouillen war angeordnet worden, und die Polizei der Vorkriegstage war wieder auf den StraЯen. Eine Folge davon war, dass die Kabaretts und Bordelle der oberen Klassen, die von den Arbeiterpatrouillen geschlossen worden waren, prompt wieder цffneten (Anm.: Eine Anmerkung Orwells in der Originalausgabe lautete: »Es hieЯ, die Arbeiterpatrouillen hдtten fьnfundsiebzig Prozent der Bordelle geschlossen.« In einer nach seinem Tode gefundenen Korrekturnotiz heiЯt es: »Diese Bemerkung muss geдndert werden. Ich habe keinen einwandfreien Beweis, dass die Prostitution in den ersten Tagen des Krieges um fьnfundsiebzig Prozent zurьckging, und ich glaube, die Anarchisten kollektivierten die Bordelle, unterdrьckten sie aber nicht. Aber es gab eine Kampagne gegen die Prostitution (Plakate und so weiter). Es steht auЯerdem fest, dass die schicken Bordell- und Nacktshows der Kabaretts wдhrend der ersten Monate des Krieges geschlossen wurden und erst wieder цffneten, als der Krieg schon ein Jahr lang andauerte.«). Ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel dafьr, wie sich alles wieder zugunsten der wohlhabenden Klasse ordnete, zeigte der Mangel an Tabak. Fьr die Masse der Bevцlkerung war die Tabakknappheit so verzweifelt, dass mit zerhackten Lakritzwurzeln gefьllte Zigaretten in den StraЯen verkauft wurden. Einmal versuchte ich einige davon. (Viele Leute probierten sie einmal.) Franco beherrschte die Kanarischen Inseln, wo der ganze spanische Tabak angepflanzt wird. Folglich gab es auf der Regierungsseite nur jene Tabakvorrдte, die schon vor dem Krieg dort gelagert hatten. Diese Vorrдte hatten sich so verringert, dass die Tabaklдden nur einmal in der Woche geцffnet wurden. Wenn man ein paar Stunden in einer Schlange gewartet und Glьck hatte, konnte man ein Fьnfundzwanzig-Gramm-Pдckchen Tabak erhalten. Theoretisch erlaubte die Regierung nicht, dass Tabak im Ausland gekauft wurde, denn das bedeutete eine Verminderung der Goldreserven, die fьr Waffen und andere notwendige Gьter eingeteilt werden mussten. In Wirklichkeit gab es stдndig Nachschub an geschmuggelten auslдndischen Zigaretten der teureren Sorten, Lucky Strike und so weiter. Das war natьrlich eine groЯartige Gelegenheit fьr die Profitmacher. Man konnte die geschmuggelten Zigaretten offen in den feinen Hotels und kaum weniger offen in den StraЯen kaufen, vorausgesetzt, dass man zehn Peseten fьr ein Pдckchen bezahlen konnte (den Tagessold eines Milizsoldaten). Der Schmuggel kam den wohlhabenden Leuten zugute und wurde deshalb stillschweigend geduldet. Wenn man Geld hatte, gab es nichts, das man nicht in irgendeiner Qualitдt kaufen konnte, mit der einzigen Ausnahme von Brot, das ziemlich scharf rationiert wurde. Ein paar Monate frьher, als die Arbeiterklasse noch an der Macht war oder es zumindest so schien, wдre dieser offene Kontrast zwischen Wohlstand und Armut unmцglich gewesen. Aber es wдre nicht fair, dies allein dem Wechsel in der politischen Gewalt zuzuschreiben. Zum Teil war es die Folge der Sicherheit des Lebens in Barcelona, wo es auЯer einem gelegentlichen Luftangriff wenig gab, was einen an den Krieg erinnern konnte. Jeder, der in Madrid gewesen war, sagte, dort sei es vollstдndig anders. In Madrid zwang die gemeinsame Gefahr Leute fast jeder Herkunft zu einer Art Kameradschaft. Es sieht abscheulich aus, wenn ein fetter Mann Wachteln isst, wдhrend Kinder um Brot betteln. Aber so etwas sieht man kaum in der Nдhe des Kanonendonners. Ich erinnere mich, dass ich ein oder zwei Tage nach den StraЯenkдmpfen durch eine der vornehmen StraЯen kam und einen SьЯigkeitenladen fand, dessen Schaufenster feinstes Gebдck und Bonbons zu unglaublichen Preisen enthielt. Es war ein Laden, wie man sie in der Bond Street oder der Rue de la Paix sieht. Ich erinnere mich, wie ich einen unbestimmbaren Schrecken und Verwunderung darьber verspьrte, dass man in einem hungrigen, vom Kriege heimgesuchten Land noch Geld auf solche Dinge verschwenden konnte. Aber Gott verhьte, dass ich persцnliche Ьberheblichkeit vorschьtze. Nach mehreren Monaten voll Unbequemlichkeit erfьllte mich ein heiЯhungriger Wunsch nach anstдndigem Essen und Wein, Cocktails, amerikanischen Zigaretten und so weiter. Ich gebe zu, dass ich mich in jeglichem Luxus wдlzte, solange ich das Geld dazu hatte. Wдhrend dieser ersten Woche, ehe die StraЯenkдmpfe begannen, war ich mit verschiedenen Dingen beschдftigt, die auf seltsame Weise Einfluss aufeinander hatten. Zunдchst einmal bemьhte ich mich, wie schon gesagt, es mir so bequem wie mцglich zu machen. Dann fьhlte ich mich wдhrend der ganzen Woche wegen des vielen Essens und Trinkens nicht wohl. Ich war ein wenig benommen, legte mich einen halben Tag ins Bett, stand auf und aЯ ein neues, ьberreichliches Mahl und fьhlte mich dann wieder krank. Zur gleichen Zeit fьhrte ich geheime Verhandlungen, um einen Revolver zu kaufen. Ich wollte unbedingt einen Revolver haben — der im Grabenkampf viel nьtzlicher ist als ein Gewehr —, aber man konnte ihn nur sehr schwer bekommen. Die Regierung verteilte sie an Polizisten und Offiziere der Volksarmee, weigerte sich aber, sie der Miliz zu geben. Man musste sie illegal aus den geheimen Lagern der Anarchisten kaufen. Nach viel Mьhen und Theater gelang es einem meiner anarchistischen Freunde, mir eine kleine, automatische 0,26-Inch-Pistole zu beschaffen; eine schlechte Waffe, die fьr eine Entfernung ьber fьnf Meter nutzlos war, aber dennoch besser als nichts. AuЯerdem unternahm ich gleichzeitig die ersten Bemьhungen, um die P.O.U.M.-Miliz zu verlassen und in eine andere Einheit einzutreten, um sicherzugehen, dass ich an die Front von Madrid geschickt wьrde.

Seit einiger Zeit erzдhlte ich jedem, ich beabsichtige, die P.O.U.M. zu verlassen. Wдre es allein um meine persцnliche Vorliebe gegangen, hдtte ich mich am liebsten den Anarchisten angeschlossen. Wьrde man ein Mitglied der C.N.T., war es mцglich, in die F.A.I.-Miliz einzutreten. Aber man sagte mir, dass mich die F.A.I. eher nach Teruel als nach Madrid schicken wьrde. Wollte ich nach Madrid gehen, so mьsste ich mich der Internationalen Brigade anschlieЯen. Das aber hieЯ, ich musste die Empfehlung eines Mitgliedes der kommunistischen Partei bekommen. Ich suchte einen kommunistischen Freund auf, der in der spanischen Sanitдtstruppe diente, und erklдrte ihm meinen Fall. Er schien sehr darauf bedacht zu sein, mich zu rekrutieren, und fragte mich, ob ich nicht noch einige andere Englдnder von der I.L.P. ьberreden kцnne, mit mir zu kommen. Wдre ich damals in einem besseren Gesundheitszustand gewesen, hдtte ich mich wahrscheinlich sofort entschlossen zuzustimmen. Heute ist es schwer zu sagen, welchen Unterschied es ausgemacht hдtte. Mцglicherweise hдtte man mich nach Albacete geschickt, ehe die Kдmpfe in Barcelona ausbrachen. In diesem Fall hдtte ich die Kдmpfe nicht aus unmittelbarer Nдhe gesehen und vielleicht die offizielle Version als wahr akzeptiert. Andererseits wдre meine Lage unmцglich gewesen, wenn ich noch in Barcelona gewesen wдre. Dann hдtte ich wдhrend des Kampfes unter kommunistischem Kommando gestanden und gleichzeitig das Gefьhl der persцnlichen Loyalitдt fьr meine Kameraden in der P.O.U.M. empfunden. Mir stand jedoch noch eine Woche Urlaub zu, und ich war sehr bemьht, bevor ich an die Front zurьckkehrte, meine Gesundheit zu krдftigen. AuЯerdem musste ich warten — das ist eine der Kleinigkeiten, die immer das Schicksal lenken —, wдhrend der Schuhmacher mir ein neues Paar Stiefel herstellte. (Der ganzen spanischen Armee war es nicht gelungen, ein Paar Stiefel herbeizubringen, die groЯ genug fьr mich waren.) Ich sagte meinem kommunistischen Freund, dass ich einen endgьltigen Entschluss spдter fassen wьrde, in der Zwischenzeit wolle ich mich ein bisschen ausruhen. Ich war sogar der Ansicht, dass wir — meine Frau und ich — fьr zwei oder drei Tage an die See gehen kцnnten. Was fьr eine Idee! Die politische Atmosphдre hдtte mich warnen mьssen, dass das nicht das Richtigste war, was man augenblicklich tun konnte. Denn hinter dem oberflдchlichen Bild der Stadt, hinter dem Luxus und der wachsenden Armut, hinter der scheinbaren Frцhlichkeit der StraЯen mit ihren Blumenstдnden, ihren vielfarbigen Fahnen, ihren Propagandaplakaten und den sich drдngenden Menschenmengen gab es ein unbezweifelbares und schreckliches Gefьhl politischer Rivalitдt und des Hasses. Menschen mit den verschiedensten Anschauungen sagten ahnungsvoll: »In Kьrze wird es Дrger geben.« Die Gefahr war einfach und verstдndlich. Es war der Gegensatz zwischen denen, die die Revolution vorantreiben wollten, und jenen, die sie kontrollieren und verhindern wollten. Letzten Endes also zwischen den Anarchisten und den Kommunisten. Neben der P.S.U.C. und ihren liberalen Verbьndeten gab es politisch keine Macht in Katalonien. Dem gegenьber stand die unbekannte Macht der C.N.T. Sie war weniger gut bewaffnet, und ihre Anhдnger waren weniger eindeutig davon ьberzeugt, was sie wollten, als ihre Feinde. Aber sie waren mдchtig durch ihre Zahl und ihre Vorherrschaft in einigen Schlьsselindustrien. Bei dieser Anordnung der Krдfte musste es zu einer Auseinandersetzung kommen. Vom Standpunkt der Generalidad, die von der P.O.U.M. kontrolliert wurde, bestand die erste Notwendigkeit darin, ihre eigene Position zu sichern und die Waffen aus den Hдnden der C.N.T.-Arbeiter zu nehmen. Wie ich schon vorher gezeigt habe, war im Grunde die Aktion zur Auflцsung der Parteimiliz ein Manцver mit diesem Ziel. Zur gleichen Zeit waren die bewaffneten Polizeistreitkrдfte aus der Vorkriegszeit, die Zivilgarde und so weiter wieder eingesetzt, verstдrkt und bewaffnet worden. Das konnte nur eins bedeuten. Vor allem die Zivilgarde war eine Gendarmerie im normalen, kontinentalen Sinn, die nahezu ein Jahrhundert lang als Leibwache der besitzenden Klasse gedient hatte. In der Zwischenzeit war ein Dekret erlassen worden, wonach alle Waffen, die im Besitz von Privatpersonen waren, zurьckgegeben werden mussten. Natьrlich war diese Anordnung nicht befolgt worden. Es war klar, dass man die Waffen den Anarchisten nur durch Gewalt abnehmen konnte. Wдhrend der ganzen Zeit wurden recht vage und wegen der Zeitungszensur widersprьchliche Gerьchte kolportiert, wonach sich in ganz Katalonien kleinere Kдmpfe abspielten. An verschiedenen Orten hatten die bewaffneten Polizeistreitkrдfte Angriffe auf anarchistische Stьtzpunkte unternommen. Bei Puigcerda an der franzцsischen Grenze hatte man eine Gruppe Carabineros beordert, das Zollhaus zu besetzen, das bis dahin von den Anarchisten kontrolliert wurde, und Antonio Martin, ein bekannter Anarchist, wurde dabei getцtet (Anm.: Korrekturnotiz, die nach Orwells Tod gefunden wurde: »Man hat mir gesagt, dass mein Hinweis auf diesen Vorfall falsch und irrefьhrend ist.«). Дhnliche Vorfдlle hatten sich in Figueras und, so glaube ich, in Tarragona ereignet. In Barcelona hatte es eine Anzahl mehr oder weniger inoffizieller Keilereien in den Arbeitervorstдdten gegeben. Schon seit einiger Zeit hatten sich Mitglieder der C.N.T. und U.G.T. gegenseitig ermordet. Aus verschiedenen Anlдssen folgten groЯe, herausfordernde Begrдbnisse auf diese Morde, die ganz bewusst arrangiert wurden, um den politischen Hass zu schьren. Kurze Zeit vorher war ein Mitglied der C.N.T. ermordet worden, und die C.N.T. brachte einige hunderttausend Mitglieder auf die Beine, um dem Leichenzug zu folgen. Gegen Ende April, gerade als ich nach Barcelona gekommen war, wurde Roldan Cortada, ein prominentes Mitglied der U.G.T., ermordet, vermutlich durch einen Anhдnger der C.N.T. Die Regierung ordnete an, alle Lдden zu schlieЯen, und arrangierte eine riesige Begrдbnisprozession, hauptsдchlich mit Truppen der Volksarmee. Diese Prozession benцtigte zwei Stunden, um an einer Stelle vorbeizumarschieren. Ohne Begeisterung sah ich sie vom Hotelfenster aus. Es war offensichtlich, dass das so genannte Begrдbnis nur eine Schaustellung der Macht war. Noch mehr davon, und es wьrde BlutvergieЯen geben. In der gleichen Nacht wurden meine Frau und ich durch eine Serie Schьsse aus der Richtung der Plaza de Cataluna aufgeweckt, die hundert oder zweihundert Meter entfernt lag. Am nдchsten Tag erfuhren wir, dass man einen C.N.T.-Mann getцtet hatte, vermutlich durch einen Anhдnger der U.G.T. ES war natьrlich durchaus mцglich, dass alle diese Morde durch Provokateure begangen wurden. Man kann die Haltung der auslдndischen, kapitalistischen Presse im kommunistisch-anarchistischen Bruderkampf daran ermessen, wie ьber die Ermordung Roldans groЯ berichtet wurde, wдhrend der andere Mord sorgfдltig verschwiegen wurde.

Der 1. Mai nдherte sich, und man sprach von einer groЯen Demonstration, an der sowohl die C.N.T. als auch die U.G.T. teilnehmen wьrden. Seit einiger Zeit hatten sich die C.N.T.-Fьhrer, gemдЯigter als viele ihrer Gefolgsleute, um eine Versцhnung mit der U.G.T. bemьht. Ja, der Tenor ihrer Politik bestand in dem Versuch, aus den zwei Blцcken der Gewerkschaften eine riesige Koalition zu formen. Man war der Ansicht, dass die C.N.T. und die U.G.T. zusammen marschieren und ihre Solidaritдt zeigen sollten. Aber im letzten Moment wurde die Demonstration abgesagt. Es war vollstдndig klar, dass sie nur zu einem Aufruhr fьhren wьrde. So ereignete sich am 1. Mai nichts. Es war ein seltsamer Zustand. Barcelona, die so genannte Revolutionsstadt, war wahrscheinlich an diesem Tage die einzige Stadt im nichtfaschistischen Europa, wo es keine Feiern gab. Aber ich gebe zu, dass ich sehr erleichtert war. Die I.L.P.-Gruppe sollte in der P.O.U.M.-Abteilung des Umzuges marschieren, und jeder erwartete Unruhen. In einen bedeutungslosen StraЯenkampf verwickelt zu werden war das letzte, was ich mir wьnschte. Hinter einer roten Fahne mit erhebenden Parolen die StraЯe hinaufzumarschieren und dann aus einem der oberen Fenster von einem vцllig Fremden mit einer Maschinenpistole erschossen zu werden, so stelle ich mir jedenfalls einen nьtzlichen Tod nicht vor.

Am 3. Mai gegen Mittag sagte ein Freund, der durch die Hotelhalle ging, beilдufig: »Am Telefonamt hat es einige Unruhen gegeben, wie ich hцre.« Aus irgendeinem Grund schenkte ich ihm damals keine Beachtung.

Als ich am gleichen Nachmittag zwischen drei und vier Uhr etwa in der Mitte der Rambla war, hцrte ich einige Gewehrschьsse. Ich drehte mich um und sah einige Burschen mit Gewehren in den Hдnden und rot-schwarzen Taschentьchern der Anarchisten um den Hals, die eine SeitenstraЯe entlangschlichen, welche von der Rambla nach Norden abzweigt. Sie schossen offensichtlich auf jemand in einem hohen, achteckigen Turm — ich glaube einer Kirche —, der diese SeitenstraЯe beherrschte. Sofort dachte ich: »Nun geht's los.« Aber ich war nicht sonderlich ьberrascht, denn tagelang hatte jeder erwartet, dass »es« jeden Augenblick losgehen werde. Ich war mir im klaren darьber, dass ich sofort ins Hotel zurьckgehen musste, um zu sehen, ob meine Frau in Sicherheit war. Aber die Anarchisten an der Einmьndung der SeitenstraЯe winkten die Leute zurьck und schrieen, sie sollten die Schusslinie nicht ьberqueren. Weitere Schьsse fielen. Die Kugeln, die vom Turm kamen, flogen ьber die StraЯe, und ein Haufen Leute rannte in Panik von der SchieЯerei weg die Rambla hinunter. Entlang der ganzen StraЯe hцrte man ein Schnapp, Schnapp, Schnapp, als die Ladenbesitzer die Stahljalousien vor ihren Schaufenstern herablieЯen. Ich sah, wie zwei Offiziere der Volksarmee, die Hand am Revolver, vorsichtig von Baum zu Baum zurьcksprangen. Vor mir flutete die Menge in die U-Bahn-Station in der Mitte der Rambla, um Deckung zu suchen. Ich entschloss mich sofort, ihnen nicht zu folgen. Es konnte bedeuten, dass man stundenlang unter der Erde gefangen blieb.

In diesem Augenblick lief ein amerikanischer Arzt, der mit mir an der Front gewesen war, auf mich zu und packte mich am Arm. Er war ziemlich aufgeregt.

»Los, wir mьssen zum Hotel >Falcon< hinunter.« (Das Hotel >Falcon< war ein Gдstehaus der P.O.U.M. und wurde hauptsдchlich von Milizsoldaten im Urlaub benutzt.) »Die P.O.U.M.-Leute werden sich dort treffen. Die Unruhen haben begonnen. Wir mьssen zusammenhalten.«

»Aber, zum Teufel, worum geht es denn?« sagte ich.

Der Arzt zog mich am Arm weiter. Er war zu aufgeregt, um mir eine genaue Erklдrung geben zu kцnnen. Anscheinend war er auf der Plaza de Cataluna gewesen, als einige Lastwagen mit bewaffneten Zivilgardisten (Anm.: Eine nach dem Tode Orwells gefundene Korrekturnotiz lautet: »In sдmtlichen Kapiteln werden >Zivilgardisten< erwдhnt. Es sollte ьberall >Sturmgardisten< heiЯen. Ich wurde getдuscht, da die Sturmgardisten in Katalonien eine andere Uniform trugen als diejenigen, die spдter aus Valencia geschickt wurden. AuЯerdem nannten die Spanier alle Verbдnde >la guardia<. Die unbestrittene Tatsache, dass die Zivilgardisten sich, wenn irgend mцglich, Franco anschlцssen (vgl. Anmerkung S. 198), wirft kein schlechtes Licht auf die Sturmgardisten, deren Verband erst nach Beginn der Zweiten Republik aufgestellt wurde. Aber die allgemeine Bemerkung ьber die цffentliche Feindseligkeit gegen >la guardia<, auch gegen ihre Rolle bei den Kдmpfen in Barcelona, sollte stehen bleiben.«) vor dem Telefonamt auffuhren, in dem hauptsдchlich C.N.T.-Arbeiter beschдftigt waren, und es ьberraschend angriffen. Danach waren einige Anarchisten eingetroffen, und es kam zu einem allgemeinen Handgemenge. Ich schloss, dass die Schwierigkeiten frьher am Tage darin bestanden hatten, dass die Regierung verlangte, ihr das Telefonamt zu ьbergeben, was natьrlich verweigert wurde.

Als wir die StraЯe hinuntergingen, raste ein Lastwagen aus der entgegengesetzten Richtung an uns vorbei. Er war voll Anarchisten, die Gewehre in ihren Hдnden hielten. Vorne lag ein zerlumpter Junge auf einem Haufen Matratzen hinter einem leichten Maschinengewehr. Als wir zum Hotel >Falcon< kamen, das am unteren Ende der Rambla lag, brandete eine Menschenmenge in die Empfangshalle. Es herrschte ein groЯes Durcheinander, und niemand schien zu wissen, was er tun sollte. AuЯer der Handvoll StoЯtruppen, die gewцhnlich als Wache des Gebдudes dienten, war niemand bewaffnet. Ich ging hinьber zum Komiteelokal der P.O.U.M., das fast genau gegenьberlag. In einem Zimmer im oberen Stockwerk, wo die Milizsoldaten normalerweise ihre Lцhnung erhielten, drдngte sich ebenfalls die Menge. Ein groЯer, blasser, ziemlich stattlicher, etwa dreiЯigjдhriger Mann in Zivilkleidung versuchte, die Ordnung wiederherzustellen, und verteilte Koppel und Patronentaschen von einem Haufen in der Ecke. Es schien bis jetzt noch keine Gewehre zu geben. Der Arzt war verschwunden — ich glaube, es hatte schon Verlust gegeben und man hatte nach Дrzten gerufen —, aber ein anderer Englдnder war hinzugekommen. In diesem Augenblick begannen der groЯe Mann und einige andere damit, Gewehre aus einem inneren Bьro zu bringen und zu verteilen. Als Auslдndern traute man dem anderen Englдnder und mir selbst nicht so recht, und niemand wollte uns zunдchst ein Gewehr geben. Dann kam ein Milizsoldat, mit dem ich an der Front zusammen gewesen war, und erkannte mich, worauf man uns etwas widerwillig Gewehre und einige Patronenstreifen gab.

Aus einiger Entfernung hцrte man Schьsse, und die StraЯen waren von Menschen vollstдndig leergefegt. Jeder sagte, dass es unmцglich sei, die Rambla hinaufzugehen. Die Zivilgarde hatte Gebдude an beherrschenden Stellen besetzt und schoss auf jeden, der vorbeiging. Ich hдtte riskiert, zum Hotel zurьckzugehen, aber ein Gerьcht wurde laut, wonach das Komiteelokal jeden Augenblick angegriffen werden kцnnte, so dass wir besser zur Verteidigung hier blieben. Im ganzen Gebдude, auf den Treppen und drauЯen auf dem Bьrgersteig standen kleine Menschengruppen und redeten aufgeregt miteinander. Niemand schien genau zu wissen, was eigentlich los war. Ich konnte nur erfahren, dass die Zivilgarde das Telefonamt angegriffen und verschiedene strategische Punkte besetzt hatte, die jene Gebдude beherrschten, die den Arbeitern gehцrten. Man hatte den allgemeinen Eindruck, dass die Zivilgarde es generell auf die C.N.T. und die Arbeiterklasse >abgesehen< habe. Es ist bemerkenswert, dass zu diesem Zeitpunkt niemand der Regierung die Schuld zuzuschieben schien. Die дrmeren Klassen in Barcelona hielten die Zivilgarde eher fьr eine Art Black-and-Tan-Truppe (Anm.: Eine militдrische Einheit, die 1920 von der britischen Regierung nach Irland geschickt wurde). Man schien es fьr selbstverstдndlich zu halten, dass sie diesen Angriff aus eigener Initiative begonnen hatten. Sobald ich hцrte, wie die Dinge standen, fьhlte ich mich erleichtert. Der Streitfall war eindeutig. Auf der einen Seite die C.N.T., auf der anderen Seite die Polizei. Ich mache mir nichts Besonderes aus dem idealisierten >Arbeiter<, wie er sich in den Gedanken des bьrgerlichen Kommunismus spiegelt. Wenn ich aber einen lebendigen Arbeiter aus Fleisch und Blut im Kampf mit seinem natьrlichen Feind, dem Polizisten sehe, brauche ich mich nicht zu fragen, auf wessen Seite ich stehe.

Lange Zeit verging, und in unserem Teil der Stadt schien sich nichts zu ereignen. Ich dachte nicht daran, dass ich ja das Hotel anrufen kцnnte, um herauszufinden, ob es meiner Frau gut gehe. Ich hielt es fьr selbstverstдndlich, dass das Telefonamt nicht mehr arbeitete, obwohl es tatsдchlich nur ein paar Stunden auЯer Aktion war. In den beiden Gebдuden schienen etwa dreihundert Menschen zu sein. Sie waren hauptsдchlich Leute der дrmsten Klasse aus den Hinterhцfen an den Kais. Unter ihnen befand sich eine Reihe Frauen, und einige von ihnen trugen Babys, auЯerdem gab es noch eine Menge zerlumpter kleiner Jungen. Ich nehme an, dass die meisten von ihnen keine Ahnung davon hatten, was vor sich ging, und einfach Schutz suchend in die P.O.U.M.-Gebдude geflohen waren. Ferner waren eine Reihe Urlauber aus der Miliz und eine Handvoll Auslдnder da. Soviel ich schдtzen konnte, gab es nur etwa sechzig Gewehre fьr uns alle. Die Offiziere im oberen Stockwerk wurden unablдssig von einer Menschenmenge belagert, die Gewehre verlangte und der man mitteilte, dass keine mehr ьbrig seien. Die jьngeren Milizburschen schienen die ganze Geschichte fьr eine Art Picknick zu halten. Sie streiften umher und versuchten jedem, der ein Gewehr hatte, dies abzuschmeicheln oder zu stehlen. Es dauerte nicht lange, ehe einer von ihnen mit einem Trick auch mein Gewehr wegnahm und sich sofort aus dem Staube machte. So war ich mit Ausnahme meiner winzigen Pistole, fьr die ich aber nur einen Rahmen Patronen hatte, wieder unbewaffnet.

Es dunkelte, und ich wurde hungrig, anscheinend gab es keine Lebensmittel im >Falcon<. Mein Freund und ich schlьpften hinaus zu seinem Hotel, das nicht weit weg lag, um etwas zum Abendessen zu bekommen. Die StraЯen waren vollstдndig dunkel und ruhig, keine Menschenseele bewegte sich, die Stahljalousien waren vor allen Schaufenstern herabgelassen, aber man hatte noch keine Barrikaden gebaut. Ehe wir in das Hotel hineingelassen wurden, gab es groЯe Schwierigkeiten, da es verschlossen und barrikadiert war. Als wir zurьckkamen, hцrte ich, das Telefonamt funktioniere, und ging an das Telefon im Bьro im oberen Stockwerk, um meine Frau anzurufen. Es war typisch, dass es im ganzen Gebдude kein Telefonbuch gab, auch kannte ich die Nummer des Hotels >Continental< nicht. Nachdem ich vielleicht eine Stunde von Zimmer zu Zimmer gesucht hatte, fand ich schlieЯlich einen Stadtfьhrer, in dem die Nummer stand. Ich konnte keine Verbindung mit meiner Frau bekommen, aber es gelang mir, John McNair, den Vertreter der I.L.P. in Barcelona, zu erreichen. Er sagte mir, dass alles in Ordnung sei und niemand erschossen wurde. Er fragte mich, ob auch im Komiteelokal alles in Ordnung sei. Ich sagte, wir mьssten zufrieden sein, wenn wir nur einige Zigaretten hдtten. Ich hatte das als Witz gemeint, trotzdem erschien McNair eine halbe Stunde spдter mit zwei Pдckchen Lucky Strike. Er hatte sich mutig durch die pechschwarzen StraЯen geschlichen, die nur von anarchistischen Patrouillen durchstreift wurden, die ihn zweimal mit gezogener Pistole angehalten und seine Papiere durchsucht hatten. Ich werde diese kleine mutige Tat nicht vergessen. Wir freuten uns sehr ьber die Zigaretten.

An den meisten Fenstern waren bewaffnete Wachen aufgestellt worden, und unten auf der StraЯe hielt eine kleine Gruppe der StoЯtruppe jeden an, der vorbeiging, und untersuchte ihn. Ein waffenstarrender anarchistischer Patrouillenwagen fuhr vor. Neben dem Fahrer spielte ein hьbsches, dunkelhaariges, etwa achtzehnjдhriges Mдdchen mit einer Maschinenpistole auf ihrem SchoЯ. Ich verbrachte einige Zeit damit, im Gebдude umherzuwandern. Es war ein groЯer, weitlдufiger Platz, dessen Plan man sich unmцglich einprдgen konnte. Ьberall lag der ьbliche Unrat, zerbrochene Mцbel und zerrissenes Papier, die die unvermeidlichen Produkte einer Revolution zu sein scheinen. Im ganzen Gebдude schliefen Menschen. Auf einem zerbrochenen Sofa in einem Flur schnarchten friedlich zwei arme Frauen von den Kais. Dieses Gebдude war ein Kabarett-Theater gewesen, ehe es von der P.O.U.M. besetzt wurde. In verschiedenen Rдumen gab es erhцhte Bьhnen, auf einer stand ein einsamer Flьgel. SchlieЯlich entdeckte ich, was ich gesucht hatte -die Waffenkammer. Ich wusste nicht, wie die ganze Geschichte ausgehen wьrde, und ich wollte unbedingt eine Waffe besitzen. Ich hatte so oft gehцrt, alle rivalisierenden Parteien, die P.S.U.C., die P.O.U.M. und die C.N.T.-F.A.I, hдtten Waffen in Barcelona gehamstert, dass ich nicht glauben konnte, in den zwei wichtigsten Gebдuden der P.O.U.M., die ich gesehen hatte, gebe es nur fьnfzig oder sechzig Gewehre. Der als Waffenkammer dienende Raum war unbewacht und hatte eine dьnne Tьr. Es war fьr mich und einen anderen Englдnder nicht schwierig, sie aufzudrьcken. Als wir hineinkamen, sahen wir, dass es stimmte, was man uns gesagt hatte — es gab keine Waffen mehr. Wir fanden nur etwa zwei Dutzend uralte, kleinkalibrige Gewehre und einige Schrotbьchsen, aber ohne Patronen. Ich ging zum Bьro und fragte, ob man noch zusдtzliche Pistolenmunition habe; sie hatten keine. Sie hatten aber einige Kisten mit Handgranaten, die uns der anarchistische Patrouillenwagen gebracht hatte. Ich steckte ein paar in eine meiner Patronentaschen. Man zьndete diese plumpe Handgranate, indem man eine Art Streichholz ьber die Spitze rieb, sie zьndeten sehr leicht von selbst. Auf dem Boden streckten sich ьberall schlafende Menschen. In einem Raum weinte ein Baby, es weinte ununterbrochen. Obwohl es Mai war, wurde die Nacht kalt. Auf einer Kabarettbьhne hingen noch Vorhдnge; mit meinem Messer trennte ich eine Seite des Vorhanges ab, rollte mich darin ein und schlief ein paar Stunden. Ich erinnere mich, wie mein Schlaf durch den Gedanken an diese abscheulichen Handgranaten gestцrt wurde, die mich in die Luft sprengen wьrden, wenn ich zu heftig auf ihnen herumrollte. Um drei Uhr morgens weckte mich der groЯe, stattliche Mann, der das Kommando zu fьhren schien, gab mir ein Gewehr und stellte mich an eins der Fenster auf Wache. Er sagte mir, dass der Polizeichef Salas, der fьr den Angriff auf das Telefonamt verantwortlich war, in Haft genommen worden sei. Wie wir spдter erfuhren, war er in Wirklichkeit nur von seinem Posten entfernt worden. Trotzdem bestдtigte diese Nachricht den allgemeinen Eindruck, dass die Zivilgarde ohne Befehl gehandelt habe. Sobald es dдmmerte, begannen die Leute unten, zwei Barrikaden zu bauen, eine vor dem Komiteelokal und die andere vor dem Hotel >Falcon<. Die StraЯen Barcelonas sind mit viereckigen Kopfsteinen gepflastert, mit denen man leicht eine Mauer bauen kann. Unter den Pflastersteinen liegt ein grober Kies, der sich gut zum Fьllen von Sandsдcken eignet. Es war ein eigenartiges und wunderbares Bild, wie diese Barrikaden gebaut wurden. Ich hдtte etwas dafьr gegeben, es zu fotografieren. Eine lange Reihe Mдnner, Frauen und ganz kleine Kinder rissen die Pflastersteine mit jener leidenschaftlichen Energie auf, welche die Spanier entfalten, wenn sie sich endgьltig entschlossen haben, mit irgendeiner Arbeit zu beginnen. Sie schleppten sie in Handkarren, die sie irgendwo gefunden hatten, herbei und stolperten unter schweren Sandsдcken hin und her. Im Torweg des Komiteelokals stand ein deutschjьdisches Mдdchen in Milizhosen, deren Knieknцpfe gerade ihre Knцchel bedeckten, und beobachtete alles mit einem Lдcheln. In ein paar Stunden waren die Barrikaden kopfhoch. Schьtzen wurden an den SchieЯscharten postiert, hinter einer Barrikade brannte ein Feuer, und die Leute brieten Eier.

Man hatte mir mein Gewehr wieder weggenommen, und es schien keine nьtzliche Beschдftigung fьr mich zu geben. Ein anderer Englдnder und ich selbst entschlossen uns, zum Hotel >Continental< zurьckzugehen. Weiter weg wurde viel geschossen, aber anscheinend nicht in der Rambla. Auf unserem Wege die StraЯe hinauf schauten wir in den Lebensmittelmarkt hinein. Einige Stдnde hatten geцffnet. Sie wurden von einer Menschenmenge umlagert, es waren Arbeiter aus den Vierteln sьdlich der Rambla. Gerade als wir dorthin kamen, ertцnte drauЯen das laute Krachen von Gewehrfeuer. Einige Glasscheiben im Dach zersplitterten, und die Menge flьchtete zu den rьckwдrtigen Ausgдngen. Aber einige Stдnde blieben offen. Es gelang uns, fьr jeden eine Tasse Kaffee zu bekommen und ein Stьck Ziegenmilchkдse zu kaufen, das ich zu den Handgranaten einsteckte. Ein paar Tage spдter freute ich mich sehr ьber diesen Kдse.

An der StraЯenecke, wo ich am Tage zuvor beobachtet hatte, wie die Anarchisten mit der SchieЯerei begannen, stand jetzt eine Barrikade. Der Mann hinter der Barrikade (ich stand auf der anderen StraЯenseite) rief mir zu, vorsichtig zu sein. Die Zivilgardisten auf dem Kirchturm schossen unterschiedslos auf jeden, der vorbeikam. Ich wartete und ьberquerte dann das offene Stьck im Laufschritt. Und tatsдchlich pfiff eine Kugel unangenehm nahe an mir vorbei. Als ich mich immer noch auf der anderen Seite der StraЯe dem Amtsgebдude der P.O.U.M. nдherte, hцrte ich von einigen Mдnnern der StoЯtrьppe, die im Torweg standen, neue Warnungsschreie, die ich im ersten Augenblick nicht verstand. Zwischen mir und dem Gebдude standen Bдume und ein Zeitungsstand (derartige StraЯen haben in Spanien in der Mitte einen breiten Bьrgersteig), und ich konnte nicht sehen, wohin sie zeigten. Ich ging zum >Continental< hinauf, ьberzeugte mich, dass alles in Ordnung sei, wusch mein Gesicht und ging dann zum Amtsgebдude der P.O.U.M. zurьck (etwa hundert Meter weit die StraЯe hinunter), um nach Befehlen zu fragen. Zu diesem Zeitpunkt war der Lдrm des Gewehr- und Maschinengewehrfeuers aus den verschiedenen Richtungen fast so laut wie der Lдrm einer Schlacht. Ich hatte gerade Kopp gefunden und fragte ihn, was wir tun sollten, als wir von weiter unten eine Reihe schrecklicher Explosionen hцrten. Der Lдrm war so laut, dass ich ьberzeugt war, jemand feuere mit einer Kanone auf uns. In Wirklichkeit waren es nur Handgranaten, die doppelt soviel Krach machen als gewцhnlich, wenn sie zwischen Steingebдuden explodieren.

Kopp warf einen Blick aus dem Fenster, spannte seinen Stock hinter dem Rьcken und sagte: »Wir wollen die Sache einmal untersuchen«, dann schlenderte er in seiner gewohnten, unbekьmmerten Art die Treppe hinunter, wдhrend ich ihm folgte. Direkt vom Torweg aus rollte eine Gruppe der StoЯtruppe Handgranaten so den Bьrgersteig hinunter, als ob sie Kegel spielten. Zwanzig Meter weiter explodierten die Handgranaten mit entsetzlichem, ohrenbetдubendem Krach, der sich mit dem Knallen der Gewehre mischte. In der Mitte der StraЯe schaute ein Kopf hinter einem Zeitungskiosk hervor — es war der Kopf eines amerikanischen Milizsoldaten, den ich gut kannte —, und er sah wie eine Kokosnuss auf der Kirmes aus. Spдter erst begriff ich, was hier eigentlich los war. Neben dem P.O.U.M.-Gebдude lag ein Cafe, darьber ein Hotel, es hieЯ Cafe >Moka<. Am Vortage waren zwanzig oder dreiЯig bewaffnete Zivilgardisten in das Cafe gekommen und hatten es plцtzlich besetzt und sich im Gebдude verschanzt, als die Kдmpfe begannen. Vermutlich hatten sie Befehl erhalten, das Cafe zu besetzen, um von hier aus spдter die P.O.U.M.-Bьros anzugreifen. Frьhmorgens hatten sie versucht hinauszukommen, es wurden Schьsse gewechselt, ein Mann der StoЯtruppe verwundet und ein Zivilgardist getцtet. Die Zivilgardisten waren ins Cafe zurьckgeflьchtet, aber als der Amerikaner die StraЯe hinunterkam, hatten sie das Feuer auf ihn erцffnet, obwohl er nicht bewaffnet war. Der Amerikaner hatte sich hinter den Kiosk in Deckung geworfen, und die Mдnner der StoЯtruppe warfen Handgranaten auf die Zivilgardisten, um sie wieder in das Haus hineinzutreiben.

Kopp erfasste die Situation mit einem Blick, drдngte sich nach vorne und zog einen rothaarigen deutschen Mann der StoЯtruppe zurьck, der gerade den Sicherheitsstift einer Handgranate mit seinen Zдhnen herauszog. Er schrie allen zu, sich vom Torweg zurьckzuziehen, und sagte uns in verschiedenen Sprachen, wir mьssten jedes BlutvergieЯen vermeiden. Dann trat er in das Blickfeld der Zivilgardisten auf den Bьrgersteig hinaus, schnallte groЯtuerisch seine Pistole ab und legte sie auf den Boden. Zwei spanische Milizoffiziere taten das gleiche, und die drei gingen langsam zu dem Torweg, in dem sich die Zivilgardisten zusammendrдngten. Das hдtte ich nicht einmal fьr zwanzig Pfund getan. Sie gingen unbewaffnet auf die Mдnner zu, die vor Angst fast den Verstand verloren hatten und geladene Gewehre in ihren Hдnden hielten. Ein Zivilgardist in Hemdsдrmeln kam aschgrau vor Furcht aus der Tьr heraus, um mit Kopp zu sprechen. Er zeigte ganz aufgeregt auf zwei nicht explodierte Handgranaten, die auf dem Bьrgersteig lagen. Kopp kam zurьck und sagte uns, dass wir besser die Handgranaten zur Explosion brдchten. So wie sie dort lдgen, seien sie fьr jeden, der vorbeikomme, eine Gefahr. Ein Mann der StoЯtruppe schoss sein Gewehr auf eine der Handgranaten ab und brachte sie zur Explosion. Dann feuerte er auf die andere und schoss vorbei. Ich bat ihn, mir sein Gewehr zu geben, kniete nieder und schoss auf die zweite Handgranate. Leider traf ich sie auch nicht. Das war der einzige Schuss, den ich wдhrend der Unruhen abfeuerte. Der Bьrgersteig war mit zerbrochenem Glas des Schildes ьber dem Cafe >Moka< bedeckt. Zwei Wagen, die vor dem Cafe parkten, einer davon Kopps Dienstwagen, waren von Kugeln durchlцchert und ihre Windschutzscheiben von berstenden Handgranaten zertrьmmert worden.

Kopp nahm mich wieder nach oben und erklдrte mir die Lage. Wir mussten die P.O.U.M.-Gebдude im Falle eines Angriffes verteidigen. Aber die Anfьhrer der P.O.U.M. hatten Anweisungen ausgegeben, dass wir in der Defensive bleiben und, wenn irgend mцglich, das Feuer nicht erцffnen sollten. Uns genau gegenьber lag ein Kino, es hieЯ >Poliorama<. Darьber war ein Museum und oben, hoch ьber den Dдchern, ein kleines Observatorium mit zwei Kuppeln. Die Kuppeln beherrschten die StraЯe, und wenn ein paar Mдnner dort mit Gewehren postiert wurden, konnten sie jeden Angriff auf die P.O.U.M.-Gebдude verhindern. Die Hausmeister im Kino waren Mitglieder der C.N.T. und lieЯen uns kommen und gehen. Was die Zivilgardisten im Cafe >Moka< anbelangte, so wьrden sie uns keinen Kummer bereiten. Sie wollten nicht kдmpfen und wьrden glьcklich sein, am Leben zu bleiben und andere leben zu lassen. Kopp wiederholte, unser Befehl laute, nicht zu schieЯen, auЯer wenn man auf uns schieЯe oder unsere Gebдude angreife.

Obwohl er es nicht sagte, vermute ich, dass die Anfьhrer der P.O.U.M. wьtend darьber waren, in diese Geschichte hineingezogen worden zu sein, aber das Gefьhl hatten, der C.N.T. zur Seite stehen zu mьssen.

Man hatte Wachen im Observatorium aufgestellt. Die nдchsten drei Tage und Nдchte verbrachte ich ununterbrochen auf dem Dach des >Poliorama< mit nur kurzen Unterbrechungen, wenn ich ьber die StraЯe zum Hotel lief, um meine Mahlzeiten einzunehmen. Ich war nicht in Gefahr und litt nur unter Hunger und Langeweile, aber dennoch war es einer der unertrдglichsten Abschnitte meines ganzen Lebens. Ich glaube kaum, ein Erlebnis kцnnte ьbler sein, eine grцЯere Enttдuschung bringen oder schlieЯlich auch nervenaufreibender sein als jene bцsen Tage des StraЯenkampfes.

Ich saЯ auf dem Dach und wunderte mich ьber die Unsinnigkeit der ganzen Sache. Aus den kleinen Fenstern im Observatorium konnte man kilometerweit im Umkreis sehen: Blick ьber Blick auf hohe, schlanke Gebдude, Glaskuppeln und phantastisch gewellte Dдcher mit leuchtend grьnen, kupferfarbenen Ziegeln. Nach Osten hinьber sah man das glitzernde blassblaue Meer. Es war mein erster Blick auf das Meer seit meiner Ankunft in Spanien. Die ganze riesige Stadt mit zwei Millionen Menschen war in eine Art gewaltsamer Trдgheit verfallen, einen Alpdruck unbeweglichen Lдrms. Die sonnendurchfluteten StraЯen waren vцllig leer. Es ereignete sich nichts, nur die Kugeln schwirrten zwischen den Barrikaden und den mit Sandsдcken verstellten Fenstern umher. In den StraЯen bewegte sich kein Fahrzeug. Hier und da standen die StraЯenbahnen bewegungslos auf der Rambla, wo die Fahrer hinausgesprungen waren, als die Kдmpfe begannen. Dauernd aber schallte der teuflische Lдrm von Tausenden von Steinbauten zurьck, lief im Kreise umher wie ein tropischer Regen. Krach-krach, ratt-tatt-tatt drцhnte es — manchmal starb der Lдrm bis auf einzelne Schьsse ab, manchmal steigerte er sich zu einem ohrenbetдubenden Gewehrfeuer. Aber er endete nie, solange das Tageslicht anhielt, und begann wieder pьnktlich mit der folgenden Morgendдmmerung.

Was sich, zum Teufel, eigentlich ereignete, wer gegen wen kдmpfte und wer gewann, konnte man zunдchst nur schwer feststellen. Die Einwohner von Barcelona sind an StraЯenkдmpfe gewцhnt und kennen die цrtlichen Gegebenheiten so gut, dass sie durch einen bestimmten Instinkt wissen, welche politische Partei diese oder jene StraЯe oder Bauten halten wird. Ein Auslдnder ist hoffnungslos im Nachteil. Als ich vom Observatorium hinunterschaute, konnte ich begreifen, dass die Rambla, eine der HauptstraЯen der Stadt, gewissermaЯen die Trennungslinie bildete. Die Stadtviertel der Arbeiterklasse rechts von der Rambla waren vollstдndig in Hдnden der Anarchisten. Links der Rambla spielte sich in den unьbersichtlichen NebenstraЯen ein verwirrender Kampf ab, aber auf dieser Seite ьbten die P.S.U.C. und die Zivilgarde mehr oder weniger die Kontrolle aus. Oben, an unserem Ende der Rambla, rund um die Plaza de Cataluna war die Lage so kompliziert, dass niemand sich auskennen konnte, wenn nicht jedes Gebдude eine Parteifahne gehisst hдtte. Das Hauptwahrzeichen war das Hotel >Colon<, das Hauptquartier des P.S.U.C., das die Plaza de Cataluna beherrschte. In einem Fenster in der Nдhe des vorletzten O in der groЯen Aufschrift >Hotel Colon<, die sich ьber die ganze Front erstreckte, hatte man ein Maschinengewehr aufgebaut, das den ganzen Platz mit tцdlicher Wirkung bestreichen konnte. Hundert Meter rechts von uns die Rambla hinunter hielt die J.S.U., der Jugendverband der P.S.U.C. (die Parallele zur Jungen Kommunistischen Liga in England), ein groЯes Kaufhaus besetzt, dessen von Sandsдcken geschьtzte Seitenfenster unserem Observatorium gegenьberlagen. Sie hatten ihre groЯe Fahne eingeholt und die katalonische Nationalflagge aufgezogen. Auf dem Telefonamt, dem Ausgangspunkt der Unruhen, wehten die katalonische Nationalflagge und die anarchistische Flagge Seite an Seite. Man hatte dort einen zeitweiligen Kompromiss geschlossen: das Amt arbeitete ohne Unterbrechung, und aus dem Gebдude wurde nicht geschossen.

In unserer Stellung war es seltsam friedlich. Die Zivilgardisten im Cafe >Moka< hatten die Stahljalousien herabgelassen und die Mцbel des Cafes aufgehдuft, um eine Barrikade zu errichten. Spдter kam ein halbes Dutzend von ihnen auf das Dach uns gegenьber und baute eine weitere Barrikade aus Matratzen, ьber die sie eine katalonische Nationalflagge hдngten. Aber es war eindeutig, dass sie keinen Kampf beginnen wollten, Kopp hatte mit ihnen ein genau festgelegtes Abkommen geschlossen: Wenn sie nicht auf uns schossen, wьrden wir auch nicht auf sie schieЯen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich ziemlich weit mit den Zivilgardisten angefreundet und sie mehrere Male im Cafe >Moka< besucht. Natьrlich hatten sie alles, was es an Trinkbarem im Cafe gab, geplьndert, und so gaben sie Kopp fьnfzehn Flaschen Bier zum Geschenk. Dafьr hatte ihnen Kopp tatsдchlich eines unserer Gewehre gegeben, um eins zu ersetzen, das sie am vorhergehenden Tage verloren hatten. Trotzdem war es ein seltsames Gefьhl, auf diesem Dach zu sitzen. Manchmal langweilte mich die ganze Geschichte, und ich achtete gar nicht auf den hцllischen Lдrm. Ich verbrachte Stunden damit, eine Reihe Bьcher der Penguinbooks zu lesen, die ich glьcklicherweise ein paar Tage vorher gekauft hatte. Manchmal spьrte ich dabei sehr bewusst die bewaffneten Mдnner, die mich aus fьnfzig Meter Entfernung beobachteten. Es war beinahe ein wenig, als sei man wieder im Schьtzengraben. Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich aus Gewohnheit von den Zivilgardisten als »den Faschisten« sprach. Normalerweise waren wir zu sechst oben im Beobachtungsstand. Wir stellten je einen Mann als Wache in jeden der Observatoriumstьrme, und der Rest saЯ auf dem Bleidach darunter, wo es auЯer einer Steinwand keinen Schutz gab. Ich war mir im klaren darьber, dass die Zivilgardisten jeden Augenblick den telefonischen Befehl erhalten kцnnten, das Feuer zu erцffnen. Sie hatten zugestimmt, uns zu warnen, ehe sie das tдten, aber es gab keine Sicherheit, dass sie ihr Abkommen einhalten wьrden. Aber nur einmal sah es so aus, als gebe es Дrger. Einer der Zivilgardisten uns gegenьber kniete nieder und begann ьber die Barrikade zu schieЯen. Ich stand in diesem Augenblick im Observatorium auf Wache. Ich richtete mein Gewehr auf ihn und schrie hinьber:

»He! SchieЯ nur ja nicht auf uns!«

»Was?«

»SchieЯ nur ja nicht auf uns, oder wir schieЯen zurьck!«

»Nein, nein! Ich habe nicht auf euch geschossen. Schau -dort unten!«

Er zeigte mit seinem Gewehr auf eine SeitenstraЯe, die unten an unserem Gebдude vorbeifьhrte. Tatsдchlich drьckte sich dort ein Junge im blauen Overall, mit einem Gewehr in der Hand, um die Ecke. Offenbar hatte er gerade auf die Zivilgardisten auf dem Dach geschossen.

»Ich schoss auf ihn. Er schoss zuerst.« (Ich glaube, das stimmte.)

»Wir wollen euch nicht erschieЯen! Wir sind Arbeiter genau wie ihr.«

Er winkte den antifaschistischen GruЯ herьber, den ich erwiderte. Ich rief hinьber:

»Habt ihr noch Bier ьbrig?«

»Nein. Alles ist weg.«

Am gleichen Tag hob plцtzlich ohne ersichtlichen Grund ein Mann im J.C.U.-Gebдude weiter unten an der StraЯe sein Gewehr und schoss auf mich, als ich mich aus dem Fenster hinauslehnte. Vielleicht war ich ein verlockendes Ziel. Ich schoss nicht zurьck. Obwohl er nur hundert Meter weit entfernt war, ging die Kugel so weit daneben, dass sie nicht einmal das Dach des Observatoriums traf. Wie ьblich hatte mich die spanische SchieЯkunst gerettet. Ich wurde mehrere Male von diesem Gebдude aus beschossen.

Der teuflische Unsinn dieser SchieЯerei ging weiter. Aber soviel ich sehen konnte und nach allem, was ich hцrte, kдmpfte man auf beiden Seiten defensiv. Die Mдnner blieben einfach in ihren Gebдuden oder hinter ihren Barrikaden und feuerten nur auf die ihnen gegenьberliegenden Leute. Ungefдhr achthundert Meter von uns gab es eine StraЯe, wo sich die Hauptbьros der C.N.T. und der U.G.T. fast direkt gegenьberlagen. Das AusmaЯ des Lдrms aus dieser Richtung war phantastisch. Ich ging einen Tag nach den Kдmpfen diese StraЯe hinab, und die Scheiben der Schaufenster waren wie Siebe durchlцchert. (Die meisten der Geschдftsinhaber in Barcelona hatten Papierstreifen kreuzweise ьber ihre Scheiben geklebt, damit sie nicht in tausend Stьcke zersplitterten, wenn sie von einer Kugel getroffen wurden.) Manchmal wurde das Geratter des Gewehr- und Maschinengewehrfeuers noch vom Krachen der Handgranaten unterstrichen. In langen Zeitabschnitten, vielleicht insgesamt zwцlfmal, gab es riesige Explosionen, die ich mir zunдchst nicht erklдren konnte. Sie hцrten sich wie Fliegerbomben an, aber das war unmцglich, weil keine Flugzeuge da waren. Man erzдhlte mir spдter — es ist gut mцglich, dass es die Wahrheit ist —, agents provocateurs hдtten groЯe Mengen Sprengstoff in die Luft gejagt, um den allgemeinen Lдrm und die Panik noch zu vergrцЯern. Es gab jedenfalls kein Artilleriefeuer. Ich horchte darauf, denn mit Kanonenfeuer wдre die ganze Geschichte ernst geworden (Artillerie ist der entscheidende Faktor im StraЯenkampf). Hinterher standen in den Zeitungen wilde Geschichten ьber den StraЯenkampf ganzer Kanonenbatterien, aber niemand konnte ein Gebдude zeigen, das von einer Granate getroffen worden war. Jedenfalls lдsst sich der Lдrm von Kanonenfeuer, wenn man daran gewцhnt ist, nicht ьberhцren.

Fast von Anfang an waren Lebensmittel sehr knapp. Unter Schwierigkeiten und im Schutz der Dunkelheit (denn die Zivilgardisten in der Rambla schossen stдndig) wurde Essen vom Hotel >Falcon< fьr die siebzehn oder zwanzig Milizsoldaten im Amtsgebдude der P.O.U.M. herbeigebracht. Aber das reichte fьr alle kaum aus, und so viele von uns wie mцglich gingen zum Hotel >Continental<, um dort zu essen. Das >Continental< war durch die Generalidad und nicht, wie die meisten anderen Hotels, durch die C.N.T. oder U.G.T. >kollektiviert< worden, und man behandelte es als neutrales Territorium. Kaum hatten die Kдmpfe begonnen, fьllte sich das Hotel bis zum Rande mit einer der auЯerordentlichsten Menschenansammlungen. Darunter fanden sich auslдndische Journalisten, politisch Verdдchtige aller Schattierungen, ein amerikanischer Flugpilot im Dienste der Regierung, verschiedene kommunistische Agenten, einschlieЯlich eines fetten, dьster aussehenden Russen, der ein Agent der Ogpu sein sollte, dessen Spitzname Charlie Chan lautete und der an seinem Gьrtel einen Revolver und eine nette, kleine Handgranate trug, dann einige wohlhabende spanische Familien, die wie Mitlдufer der Faschisten aussahen, zwei oder drei Verwundete der Internationalen Brigade, ein Trupp Lastwagenfahrer riesiger franzцsischer Lastwagen, die eine Ladung Orangen nach Frankreich zurьckbrachten und vom Kampf aufgehalten worden waren, und mehrere Offiziere der Volksarmee. Die Volksarmee blieb als Einheit wдhrend der ganzen Kдmpfe neutral, obwohl einige Soldaten aus den Kasernen flohen und auf eigene Faust an den Kдmpfen teilnahmen. Am Dienstag morgen hatte ich einige von ihnen auf den P.O.U.M.-Barrikaden gesehen. Ehe die Lebensmittelknappheit spьrbar wurde und die Zeitungen den Hass schьrten, hielt man anfangs allgemein die ganze Geschichte fьr einen Scherz. Die Leute sagten, so etwas passiere jedes Jahr in Barcelona. George Tioli, ein italienischer Journalist und groЯer Freund von uns, kam mit blutgetrдnkten Hosen zu uns herein. Er war hinausgegangen, um zu sehen, was sich ereignete. Dabei hatte er einen verwundeten Mann auf dem Bьrgersteig verbunden, als jemand wie im Spiel eine Handgranate nach ihm warf, die ihn aber zum Glьck nicht ernstlich verwundete. Es fдllt mir ein, dass er einmal vorschlug, man solle die Pflastersteine in Barcelona nummerieren, denn damit erspare man sich beim Auf- und Abbau der Barrikaden groЯe Mьhen. Ich erinnere mich auch an ein paar Leute der Internationalen Brigade, die in meinem Hotelzimmer saЯen, als ich mьde, hungrig und schmutzig nach einer Nachtwache zurьckkam. Sie verhielten sich vollstдndig neutral. Wдren sie gute Parteimitglieder gewesen, meine ich, so hдtten sie mich auffordern sollen, die Seite zu wechseln. Zumindest aber hдtten sie mich fesseln und mir die Handgranaten, von denen meine Taschen ьberquollen, abnehmen mьssen. Statt dessen bedauerten sie mich nur, dass ich meinen Urlaub damit verbringen mьsse, auf einem Dach Wache zu schieben. Die allgemeine Einstellung lautete: »Es ist nur eine Auseinandersetzung zwischen den Anarchisten und der Polizei — sie hat ьberhaupt keine Bedeutung.«

Ich glaube, diese Beurteilung kam der Wahrheit trotz des AusmaЯes der Kдmpfe und der vielen Toten nдher als die offizielle Version, nach der es sich um einen im voraus geplanten Aufstand handelte.

Ungefдhr Mittwoch (den 5. Mai) schien sich die Lage zu дndern. Wegen der verschlossenen Lдden sahen die StraЯen gespenstisch aus. Nur wenige FuЯgдnger, die aus irgendeinem Grund gezwungen waren auszugehen, schlichen hin und her und schwenkten weiЯe Taschentьcher. An einer Stelle in der Mitte der Rambla, die vor Kugeln sicher war, riefen einige Verkдufer Zeitungen fьr die leere StraЯe aus. Am Dienstag hatte die anarchistische Zeitung Solidaridad Obrera den Angriff auf das Telefonamt als eine »ungeheure Provokation« (oder mit einem дhnlichen Wort) beschrieben.

Am Mittwoch aber дnderte sie ihren Ton und beschwor alle, zur Arbeit zurьckzukehren. Ьber den Rundfunk verbreiteten die anarchistischen Fьhrer die gleiche Botschaft. Das Bьro der P.O.U.M.-Zeitung La Batalla, das nicht verteidigt worden war, wurde von den Zivilgardisten zur gleichen Zeit wie das Telefonamt ьberfallen und besetzt. Die Zeitung wurde aber an einer anderen Stelle gedruckt und in wenigen Exemplaren verteilt. Ich drдngte jeden, bei den Barrikaden zu bleiben. Die Leute waren geteilter Meinung und ьberlegten sich mit Unbehagen, wie zum Teufel die ganze Geschichte enden solle. Ich bezweifele, dass jemand die Barrikaden schon verlassen hatte. Aber alle waren des sinnlosen Kampfes ьberdrьssig, der wahrscheinlich zu keiner wirklichen Entscheidung fьhren konnte, weil niemand wьnschte, dass er sich zu einem richtigen Bьrgerkrieg entwickele. Das hдtte die Niederlage im Krieg gegen Franco bedeutet. Ich hцrte, wie diese Befьrchtung auf allen Seiten ausgesprochen wurde. Soviel man aus dem Gerede der Leute entnehmen konnte, wollten alle Mitglieder der C.N.T. von Anfang an zwei Dinge erreichen: die Rьckgabe des Telefonamtes und die Entwaffnung der verhassten Zivilgarde. Hдtte die Generalidad diese beiden Forderungen und die Bekдmpfung des Lebensmittel-Schwarzmarktes versprochen, wдren ohne Zweifel die Barrikaden innerhalb von zwei Stunden abgerissen worden. Aber es war augenfдllig, dass die Generalidad nicht nachgeben wollte. Hдssliche Gerьchte wurden kolportiert. Man sagte, die Regierung von Valencia schicke sechstausend Mann, um Barcelona zu besetzen, und fьnftausend Anarchisten und P.O.U.M.-Truppen hдtten die aragonische Front verlassen, um sich ihnen entgegenzustellen. Nur der erste Teil dieser Gerьchte stimmte. Von unserem Wachtposten auf dem Observatoriumsturm sahen wir auch die langen grauen Schatten der Kriegsschiffe, die sich dem Hafen nдherten. Douglas Moyle, der Marinesoldat gewesen war, sagte, sie sдhen wie britische Zerstцrer aus. Es waren tatsдchlich britische Zerstцrer, obwohl wir das erst hinterher erfuhren.

An jenem Abend hцrten wir, dass vierhundert Zivilgardisten sich auf der Plaza de Espana ergeben und ihre Waffen den Anarchisten ausgeliefert hдtten. AuЯerdem hцrten wir ungenaue Berichte, wonach die Vorstдdte (hauptsдchlich die Viertel der Arbeiterklasse) unter der Kontrolle der C.N.T. standen. Es sah so aus, als wьrden wir gewinnen. Aber am gleichen Abend lieЯ Kopp mich zu sich kommen und sagte mir mit ernstem Gesicht, dass die Regierung nach Informationen, die er gerade bekommen habe, die P.O.U.M. fьr ungesetzlich erklдren und den Kriegszustand gegen sie verhдngen wolle. Diese Nachricht versetzte mir einen Schlag. Das war das erste Anzeichen fьr die Auslegung, die man spдter wahrscheinlich der ganzen Geschichte geben wьrde. Ich konnte in groben Umrissen voraussehen, dass man nach Beendigung der Kдmpfe die ganze Schuld der P.O.U.M. zuschieben wьrde, da sie die schwдchste Partei und deshalb der geeignetste Sьndenbock war. Inzwischen war auch unser lokaler Neutralitдtszustand zu Ende. Wenn uns die Regierung den Krieg erklдrte, hatten wir keine andere Wahl, als uns zu verteidigen. Dann konnten wir hier im Amtsgebдude sicher sein, dass die Zivilgardisten nebenan den Befehl erhielten, uns anzugreifen. Kopp wartete am Telefon auf Befehle. Falls wir mit Sicherheit erfuhren, dass die P.O.U.M. geдchtet worden war, mussten wir Vorbereitungen treffen, um das Cafe >Moka< sofort zu besetzen.

Ich erinnere mich an den langen Abend, der wie ein Alpdruck war und den wir damit verbrachten, das Gebдude zu befestigen. Wir lieЯen die Stahljalousie vor dem Haupteingang herunter und bauten dahinter eine Barrikade aus Steinplatten, die von Arbeitern zurьckgelassen worden waren, die Umbauten ausgefьhrt hatten. Wir machten eine Bestandsaufnahme unserer Waffen. EinschlieЯlich der sechs Gewehre auf dem Dach des >Poliorama< gegenьber besaЯen wir einundzwanzig Gewehre. Eins davon war nicht in Ordnung. AuЯerdem hatten wir fьnfzig Rahmen Munition fьr jedes Gewehr und ein paar Dutzend Handgranaten. Sonst hatten wir auЯer einigen Pistolen und Revolvern nichts. Ungefдhr ein Dutzend Mдnner, die meisten von ihnen Deutsche, hatten sich freiwillig fьr einen Angriff auf das Cafe >Moka< gemeldet, wenn es soweit wдre. Wir sollten natьrlich irgendwann frьhmorgens vom Dach aus angreifen und sie ьberraschen. Sie waren in der Ьbermacht, aber unsere Moral war besser, und ohne Zweifel konnten wir das Haus stьrmen, obwohl Menschen dabei wahrscheinlich getцtet werden wьrden. Wir hatten auЯer ein paar Tafeln Schokolade keine Lebensmittel in unserem Gebдude. Ein Gerьcht machte die Runde, dass »sie« die Wasserversorgung abdrehen wьrden. (Niemand wusste, wer »sie« waren. Damit konnte die Regierung gemeint sein, die die Wasserwerke kontrollierte, oder die C.N.T. — niemand wusste es.) Wir verbrachten lange Zeit damit, jedes Becken in den Waschrдumen, jeden Eimer, der uns in die Hдnde fiel und schlieЯlich die fьnfzehn Bierflaschen, die die Zivilgardisten Kopp gegeben hatten und die jetzt leer waren, mit Wasser zu fьllen. Nach rund sechzig Stunden ohne viel Schlaf war ich in einer scheuЯlichen Gemьtsverfassung und hundemьde. Es war jetzt spдt in der Nacht. Hinter der Barrikade im ErdgeschoЯ schliefen ьberall auf dem Boden Leute. Oben gab es ein kleines Zimmer mit einem Sofa, das wir als Verbandstation benutzen wollten, obwohl ich kaum zu sagen brauche, dass es weder Jod noch Verbandzeug im Gebдude gab, wie wir entdeckt hatten. Meine Frau war vom Hotel heruntergekommen, falls wir eine Krankenschwester benцtigten. Ich legte mich mit dem Gefьhl auf das Sofa, dass ich vor dem Angriff auf das >Moka<, bei dem ich wahrscheinlich getцtet werden wьrde, gerne eine halbe Stunde Ruhe haben mцchte. Ich erinnere mich an das unertrдgliche Unbehagen, das mir meine Pistole bereitete, die ich an mein Koppel gebunden hatte und die sich in meine Hьfte drьckte. Als nдchstes erinnere ich mich, wie ich mit einem Ruck aufwachte und meine Frau neben mir stehend fand. Es war helles Tageslicht, nichts war geschehen, die Regierung hatte der P.O.U.M. nicht den Krieg erklдrt, das Wasser war nicht abgedreht worden, und auЯer der gelegentlichen SchieЯerei in den StraЯen war alles normal. Meine Frau sagte, sie habe es nicht ьber sich gebracht, mich aufzuwecken, und habe in einem der vorderen Zimmer in einem Lehnsessel geschlafen.

Am gleichen Nachmittag gab es eine Art Waffenstillstand. Die SchieЯerei hцrte langsam auf, und ьberraschend plцtzlich fьllten sich die StraЯen mit Menschen. Einige Lдden begannen die Jalousien aufzuziehen, und der Markt war mit einer riesigen Menge voll gestopft, die Lebensmittel verlangte, obwohl die Stдnde fast leer waren. Man konnte jedoch beobachten, dass die StraЯenbahnen noch nicht wieder fuhren. Die Zivilgardisten saЯen im >Moka< immer noch hinter Barrikaden. Auf keiner Seite verlieЯ man die befestigten Gebдude. Jeder rannte los und versuchte, Lebensmittel zu kaufen. Und auf jeder Seite hцrte man die gleiche, дngstliche Frage: »Denkst du, es hat aufgehцrt? Glaubst du, es fдngt wieder an?« »Es« — das Gefecht in den StraЯen — wurde jetzt wie eine Naturgewalt betrachtet, wie ein Hurrikan oder ein Erdbeben, von dem alle gleichzeitig betroffen wurden und das aufzuhalten niemand von uns die Krдfte besaЯ. Und richtig, fast sofort danach jagte der plцtzliche Krach von Gewehrfeuer wie ein Wolkenbruch im Juni alle in die Flucht. Ich nehme zwar an, dass der Waffenstillstand einige Stunden gedauert hat, aber das schienen eher Minuten als Stunden gewesen zu sein. Die Stahljalousien rollten wieder herunter, die StraЯen leerten sich wie durch einen Zauberspruch, die Barrikaden waren besetzt und »es« hatte wieder begonnen.

Ich ging mit einem Gefьhl aufgestauter Wut und Abscheu zu meinem Posten auf dem Dach zurьck. In gewisser Weise, vermute ich, macht man Geschichte, wenn man an solchen Ereignissen teilnimmt, und sollte sich Rechtens wie eine historische Gestalt fьhlen. Aber das tut man nie, denn in diesen Augenblicken ьberwiegen die kцrperlichen Einzelheiten immer alles andere. Wдhrend der ganzen Kдmpfe machte ich keine korrekte >Analyse< der Situation, wie sie so leichtfertig von Journalisten Hunderte von Kilometern entfernt gemacht wurde. Ich dachte nicht so sehr ьber Recht und Unrecht dieses elenden, mцrderischen Streites nach, sondern einfach ьber das Unbehagen und die Langeweile, Tag und Nacht auf diesem unertrдglichen Dach zu sitzen, wдhrend unser Hunger stдrker und stдrker wurde, denn niemand von uns hatte seit Montag eine anstдndige Mahlzeit gehabt. Ich dachte dauernd, dass ich, sobald diese Geschichte vorbei war, zur Front zurьckmьsse. Ich hдtte aus der Haut fahren kцnnen. Ich war hundertfьnfzehn Tage an der Front gewesen und heiЯhungrig auf ein bisschen Ruhe und Komfort nach Barcelona zurьckgekommen. Statt dessen musste ich meine Zeit damit verbringen, auf einem Dach den Zivilgardisten gegenьberzusitzen, die genauso gelangweilt waren wie ich und die von Zeit zu Zeit herьberwinkten und mir versicherten, dass sie »Arbeiter« seien. (Womit sie ihre Hoffnung ausdrьckten, ich wьrde nicht auf sie schieЯen.) Sicherlich aber wьrden sie das Feuer erцffnen, falls sie den Befehl dazu erhielten. Wenn das Geschichte war, fьhlte ich mich nicht danach. Es glich vielmehr der schlechten Zeit an der Front, wenn nicht genьgend Soldaten da waren und wir zusдtzliche Stunden Wache schieben mussten. Statt heroisch zu sein, musste man auf seinem Posten bleiben, voller Langeweile, vor Schlaf umfallend und vollstдndig desinteressiert daran, worum es eigentlich ging.

Im Hotel hatte sich unter dem heterogenen Haufen, von welchem die meisten nicht gewagt hatten, ihre Nase aus der Tьre zu stecken, eine scheuЯliche Atmosphдre des Misstrauens gebildet. Verschiedene Leute waren von einer Spionagehysterie angesteckt worden, schlichen umher und wisperten, alle anderen seien Spione der Kommunisten oder der Trotzkisten oder der Anarchisten oder sonst irgendeiner Partei. Der fette russische Agent dagegen knцpfte sich nacheinander jeden auslдndischen Flьchtling vor und erklдrte ihm ьberzeugend, die ganze Geschichte sei eine anarchistische Verschwцrung. Ich beobachtete ihn mit einigem Interesse, denn ich sah zum ersten Mal einen Menschen, dessen Beruf es war, Lьgen zu erzдhlen — es sei denn, man zдhlt die Journalisten mit. Die Parodie auf das feine Hotelleben, die immer noch hinter heruntergelassenen Jalousien mitten im Rattern des Gewehrfeuers weiterging, hatte etwas AbstoЯendes an sich. Man hatte den Speisesaal an der StraЯenseite verlassen, nachdem eine Kugel durch das Fenster geschlagen war und eine Sдule angekratzt hatte. Die Gдste drдngten sich jetzt in einem dunklen Raum nach rьckwдrts zusammen, wo es nie genug Tische fьr alle gab. Die Zahl der Kellner hatte sich verringert. Einige von ihnen waren Mitglieder der C.N.T. und hatten sich dem Generalstreik angeschlossen. Sie hatten sofort ihre Frackhemden abgelegt, aber die Mahlzeiten wurden immer noch unter der Vorspiegelung eines gewissen Zeremoniells serviert. Praktisch gab es jedoch nichts zu essen. An diesem Donnerstag abend bestand der Hauptgang des Diners aus einer Sardine fьr jeden Gast. Tagelang hatte es im Hotel schon kein Brot mehr gegeben, und selbst der Wein wurde so knapp, dass wir immer дlteren Wein zu immer hцherem Preis tranken. Noch einige Tage, nachdem die Kдmpfe vorbei waren, dauerte der Lebensmittelmangel an. Ich erinnere mich, dass meine Frau und ich drei Tage lang zum Frьhstьck nur ein kleines Stьckchen Ziegenmilchkдse ohne Brot und nichts zu trinken bekamen. Nur Orangen gab es in Hьlle und Fьlle. Die franzцsischen Lastwagenfahrer brachten groЯe Mengen ihrer Orangen in das Hotel. Sie waren eine raue Bande, bei ihnen waren einige auffдllige spanische Mдdchen und ein riesiger Lastentrдger in einer schwarzen Bluse. Zu jeder anderen Zeit hдtte der ziemlich snobistische Hoteldirektor sein Bestes getan, sie zu schneiden, ja er hдtte sich geweigert, sie ьberhaupt in das Hotel zu lassen. Aber jetzt waren sie beliebt, denn sie hatten im Gegensatz zu den ьbrigen von uns einen privaten Vorrat Brot, und jeder versuchte, ihnen etwas abzubetteln.

Ich verbrachte jene letzte Nacht auf dem Dach, und am nдchsten Tag sah es tatsдchlich so aus, als kдmen die Kдmpfe zu einem Ende. Ich glaube nicht, dass an jenem Tag, es war Freitag, viel geschossen wurde. Niemand schien genau zu wissen, ob die Truppen aus Valencia wirklich kдmen. Tatsдchlich kamen sie am gleichen Abend an. Die Regierung verbreitete teils beruhigende, teils drohende Botschaften ьber den Rundfunk und forderte jeden auf, nach Hause zu gehen. Sie erklдrte, dass diejenigen, die man nach einer gewissen Zeit noch mit Waffen antreffe, verhaftet wьrden. Man schenkte den Verlautbarungen der Regierung wenig Aufmerksamkeit, aber ьberall entfernten sich die Leute von den Barrikaden. Ich habe keinen Zweifel, dass hauptsдchlich die Lebensmittelknappheit dafьr verantwortlich war. Von allen Seiten hцrte man die gleiche Bemerkung: »Wir haben kein Essen mehr, wir mьssen an die Arbeit zurьck.« Andererseits konnten die Zivilgardisten, da sie damit rechnen konnten, ihre Rationen zu erhalten, solange es noch Lebensmittel in der Stadt gab, auf ihrem Posten bleiben. Am Nachmittag waren die StraЯen fast schon normal, obwohl die verlassenen Barrikaden noch standen. Die Rambla war gedrдngt voll von Menschen, nahezu alle Geschдfte hatten geцffnet, und das beruhigendste von allem war, dass die StraЯenbahnen, die so lange wie eingefroren gestanden hatten, anruckten und wieder fuhren. Die Zivilgardisten hielten immer noch das Cafe >Moka< besetzt und hatten ihre Barrikaden noch nicht abgerissen. Aber einige von ihnen brachten Stьhle heraus und saЯen mit den Gewehren ьber den Knien auf dem Bьrgersteig. Ich winkte einem zu, als ich vorbeiging, aber er schenkte mir nur ein unfreundliches Grinsen; natьrlich erkannte er mich. Die anarchistische Flagge war auf dem Telefonamt niedergeholt worden, und nun flatterte dort nur die katalonische Flagge. Das hieЯ also, man hatte die Arbeiter endgьltig ьberwдltigt. Ich erkannte wegen meiner politischen Unwissenheit vielleicht nicht so klar, wie ich sollte, dass die Regierung in dem Augenblick, da sie sich sicherer fьhlte, VergeltungsmaЯnahmen ergreifen wьrde. Aber damals interessierte ich mich fьr diese Seite der Geschichte noch nicht. Ich empfand nur tiefe Erleichterung darьber, dass das teuflische Getцse der SchieЯerei vorbei war, dass man einige Lebensmittel kaufen und sich vor der Rьckkehr zur Front ein wenig Ruhe und Frieden gцnnen konnte.

Es muss spдt an jenem Abend gewesen sein, als die Truppen aus Valencia zum ersten Male auf der StraЯe erschienen. Es waren Sturmgardisten, eine weitere Truppe дhnlich den Zivilgardisten und den Carabineros (also eine Einheit, die hauptsдchlich fьr Polizeidienste vorgesehen war). AuЯerdem waren sie die Elitetruppe der Republik. Sie schienen ganz plцtzlich aus dem Boden zu schieЯen. Man sah sie ьberall zu Zehnergruppen durch die StraЯen patrouillieren, groЯe Mдnner in grauen oder blauen Uniformen, mit langen Gewehren ьber den Schultern und einer Maschinenpistole in jeder Gruppe. Unterdessen mussten wir noch eine heikle Aufgabe erledigen. Die sechs Gewehre, die wir bei der Wache in den Observatoriumstьrmen benutzt hatten, lagen immer noch dort, und auf Biegen oder Brechen mussten wir sie in das P.O.U.M.-Gebдude zurьcktransportieren. Die Frage war nur, wie man sie ьber die StraЯe bringen konnte. Sie gehцrten zur regulдren Ausrьstung des Gebдudes, aber es wдre gegen die Anordnung der Regierung gewesen, sie auf die StraЯe zu bringen. Hдtte man uns mit den Waffen in der Hand erwischt, wдren wir sicherlich verhaftet worden, und, schlimmer noch, man hдtte die Gewehre beschlagnahmt. Wir konnten es uns nicht leisten, von nur einundzwanzig Gewehren im Haus sechs zu verlieren. Nach einer langen Diskussion ьber die beste Methode begannen ein rothaariger spanischer Bursche und ich selbst, sie hinauszuschmuggeln. Es war recht leicht, den Patrouillen der Sturmgardisten zu entgehen. Die Gefahr drohte von den Zivilgardisten im >Moka<, die alle wussten, dass wir Gewehre im Observatorium hatten und uns hдtten verraten kцnnen, wenn sie gesehen hдtten, wie wir sie hinьbertrugen. Wir beide entkleideten uns zunдchst halbwegs und schnallten uns den Gewehrriemen ьber die linke Schulter, hielten den Kolben unter der Armhцhle und den Lauf in das Hosenbein hinunter. Unglьcklicherweise waren es lange Mausergewehre. Selbst ein langer Mann wie ich kann ein langes Mausergewehr im Hosenbein nicht ganz ohne Unbequemlichkeit tragen. Es war eine unausstehliche Arbeit, mit einem vollstдndig steifen linken Bein die Wendeltreppe des Observatoriums hinunterzusteigen. Als wir erst in der StraЯe waren, erkannten wir, dass die einzige Mцglichkeit, sich fortzubewegen, darin bestand, дuЯerst langsam zu gehen, so langsam, dass man das Knie nicht zu bewegen brauchte. Vor dem Kino sah ich eine Menschengruppe, die mir mit groЯem Interesse nachstarrte, als ich mit der Geschwindigkeit einer Schildkrцte an ihnen vorbeikroch. Ich habe mich oft gefragt, was sie wohl gedacht haben, dass mit mir los sei. Vielleicht, dass ich im Krieg verwundet worden wдre. Aber auf jeden Fall schmuggelten wir die Gewehre ohne einen Zwischenfall hinьber.

Am nдchsten Tag waren die Sturmgardisten ьberall. Sie schlenderten wie Eroberer die StraЯen entlang. Ohne Zweifel demonstrierte die Regierung einfach ihre Macht, um die Bevцlkerung einzuschьchtern, von der man schon wusste, dass sie keinen Widerstand mehr leisten wьrde. Hдtte man wirklich weitere Feindseligkeiten erwartet, wдren die Sturmgardisten sicherlich in den Kasernen zurьckgehalten und nicht in kleinen Gruppen in der Stadt zerstreut worden. Es waren ausgezeichnete Truppen, bei weitem die besten, die ich in Spanien gesehen habe. Obwohl sie vermutlich in einem gewissen Sinne der >Feind< waren, konnte ich mir nicht helfen, sie ein wenig zu bewundern. Aber ich betrachtete sie bei ihren Spaziergдngen mit einer gewissen Verblьffung. Ich war an die zerlumpte, kaum bewaffnete Miliz der aragonischen Front gewцhnt und wusste nicht, dass die Republik ьber solche Truppen verfьgte. Sie waren nicht nur besonders krдftige, ausgesuchte Leute, am meisten staunte ich ьber ihre Waffen. Alle waren mit nagelneuen Gewehren bewaffnet, mit einem Typ, den man »das russische Gewehr« nannte (diese Gewehre wurden von der UdSSR nach Spanien geschickt; ich glaube aber, sie wurden in Amerika hergestellt). Ich untersuchte eins, sicherlich war es kein perfektes Gewehr, aber sehr viel besser als die fьrchterlichen, alten Donnerbьchsen, die wir an der Front hatten. Die Sturmgardisten waren mit je einer Maschinenpistole und einer Selbstladepistole auf je zehn Mann ausgerьstet. An der Front hatten wir hцchstens ein Maschinengewehr fьr fьnfzig Mann, Pistolen und Revolver konnten wir uns nur auf illegale Weise beschaffen. Tatsдchlich war das in allen Einheiten das gleiche, obwohl ich es bis jetzt nicht bemerkt hatte. Die Zivilgardisten und die Carabineros, die ьberhaupt nicht an die Front sollten, waren besser bewaffnet und viel besser eingekleidet als wir selbst. Ich argwцhne, das ist in allen Kriegen so — immer der gleiche Kontrast zwischen der feinen Polizei in der Etappe und den zerlumpten Soldaten an der Front. Aufs Ganze gesehen, kamen die Sturmgardisten nach den ersten ein oder zwei Tagen sehr gut mit der Bevцlkerung aus. Am ersten Tag gab es einen gewissen Дrger, weil einige der Sturmgardisten sich, vermutlich auf Befehl, sehr herausfordernd benahmen. Sie stiegen truppweise in die StraЯenbahnen, durchsuchten die Passagiere, und wenn sie eine Mitgliedskarte der C.N.T. in ihren Taschen hatten, wurde sie zerrissen und darauf herumgetreten. Das fьhrte zu Handgreiflichkeiten mit bewaffneten Anarchisten, und ein oder zwei Leute wurden getцtet. Sehr bald aber gaben die Sturmgardisten ihre Erobererhaltung auf, und die Beziehungen wurden freundlicher. Es war beachtlich, dass die meisten von ihnen schon nach ein oder zwei Tagen ein Mдdchen hatten.

Die Kдmpfe in Barcelona gaben der Regierung in Valencia den lang gesuchten Vorwand, sich eine stдrkere Kontrolle ьber Katalonien anzumaЯen. Die Miliz der Arbeiter sollte zerbrochen und unter die Einheiten der Volksarmee aufgeteilt werden. Ьberall in Barcelona flatterte die republikanische Fahne. Hier sah ich sie vermutlich zum ersten Mal nicht ьber einem faschistischen Schьtzengraben. In den Stadtvierteln der Arbeiterklasse wurden die Barrikaden niedergerissen, allerdings nur Stьck fьr Stьck, denn es ist einfacher, eine Barrikade zu bauen, als die Steine wieder zurьckzubringen. Man lieЯ zu, dass die Barrikaden vor den P.S.U.C.-Gebдuden stehen blieben, und tatsдchlich standen einige sogar noch im Juni. Die Zivilgarde hielt die strategischen Punkte noch besetzt. In den Widerstandsnestern der C.N.T. wurden umfangreiche Waffenmengen erbeutet, obwohl ich keinen Zweifel daran habe, dass viele Waffen fortgeschmuggelt wurden. La Batalla erschien noch, aber sie wurde zensiert, bis die Titelseite fast leer war. Die P.S.U.C.-Zeitun-gen wurden nicht zensiert und verцffentlichten aufreizende Artikel, worin die Unterdrьckung der P.O.U.M. gefordert wurde. Man erklдrte, die P.O.U.M. sei eine getarnte faschistische Organisation, und Agenten der P.S.U.C. verteilten in der ganzen Stadt eine Karikatur, auf der die P.O.U.M. als ein Mann dargestellt wurde, der seine mit Hammer und Sichel gezeichnete Maske abnimmt und darunter ein hдssliches, wahnsinniges, mit einem Hakenkreuz entstelltes Gesicht enthьllt. Offensichtlich hatte man sich auf die offizielle Version der Kдmpfe in Barcelona schon geeinigt: sie sollten als der Aufstand der faschistischen >Fьnften Kolonne< dargestellt werden, der nur von der P.O.U.M. bewerkstelligt worden war.

Nachdem die Kдmpfe vorbei waren, hatte sich im Hotel die abscheuliche Atmosphдre des Misstrauens und der Feindseligkeit noch verschlimmert. Es war unmцglich, angesichts der Anschuldigungen, die man sich gegenseitig vorwarf, neutral zu bleiben. Die Post arbeitete wieder, und die ersten auslдndischen kommunistischen Zeitungen kamen an. Ihre Berichte ьber die Kдmpfe nahmen nicht nur ungestьm Partei, sondern waren in der Wiedergabe der Tatsachen selbstverstдndlich дuЯerst ungenau. Ich glaube, dass einige Kommunisten, die hier gesehen hatten, was sich tatsдchlich ereignete, durch die Auslegung der Ereignisse erschreckt wurden, aber sie mussten natьrlich zu ihrer eigenen Sache stehen. Unser kommunistischer Freund nдherte sich noch einmal und fragte mich, ob ich nicht zur Internationalen Brigade ьberwechseln wolle.

Ich war ziemlich ьberrascht. »Ihre Zeitungen erklдren, ich sei ein Faschist«, sagte ich. »Sicherlich sollte ich politisch verdдchtig sein, wenn ich von der P.O.U.M. komme.«

»Oh, das macht nichts. SchlieЯlich haben Sie ja nur auf Befehl gehandelt.«

Ich musste ihm sagen, dass ich mich nach diesem Vorfall nicht mehr einer kommunistisch kontrollierten Einheit anschlieЯen kцnne. Denn frьher oder spдter kцnne es bedeuten, dass ich gegen die spanische Arbeiterklasse eingesetzt wьrde. Es lieЯe sich nicht sagen, wann eine дhnliche Geschichte wieder ausbrechen wьrde. Wenn ich aber mein Gewehr in einer derartigen Auseinandersetzung ьberhaupt benutzen mьsse, wollte ich es auf der Seite der Arbeiterklasse und nicht gegen sie tun. Er war sehr anstдndig in der Angelegenheit. Aber von jetzt an hatte sich die ganze Atmosphдre geдndert. Man konnte nicht wie frьher »ьbereinstimmen, dass man anderer Meinung war« und ein Glas Wein mit einem Mann trinken, der angeblich ein politischer Gegner war. In der Hotelhalle gab es einige hдssliche Streitereien. Die Gefдngnisse waren inzwischen schon voll und quollen ьber. Nachdem die Kдmpfe vorbei waren, hatten die Anarchisten natьrlich ihre Gefangenen entlassen. Die Zivilgardisten jedoch hatten ihre Gefangenen nicht entlassen, die meisten wurden ins Gefдngnis geworfen und dort ohne Verhandlung festgehalten, in manchen Fдllen sogar monatelang. Wie gewцhnlich wurden auf Grund der Ungeschicklichkeit der Polizei vцllig unschuldige Menschen verhaftet. Ich habe vorher erwдhnt, dass Douglas Thompson etwa Anfang April verwundet wurde. Spдter hatten wir die Verbindung mit ihm verloren, wie es normalerweise geht, wenn ein Mann verwundet wird, denn die Verwundeten werden hдufig von einem Krankenhaus zum anderen gebracht. Tatsдchlich war er, gerade als die Kдmpfe begannen, in einem Hospital in Tarragona und wurde nach Barcelona zurьckgeschickt. Als ich ihn am Dienstag morgen auf der StraЯe traf, war er von der SchieЯerei, die ringsum im Gange war, betrдchtlich verwirrt. Er fragte mich, was jeder wissen wollte:

»Zum Teufel, worum geht es hier eigentlich?«

Ich erklдrte es ihm, so gut ich konnte. Thompson erwiderte prompt:

»Ich werde mich da 'raushalten. Mein Arm ist immer noch nicht in Ordnung. Ich werde zu meinem Hotel zurьckgehen und dort bleiben.«

Er ging in sein Hotel zurьck, aber unglьcklicherweise lag es in einem Stadtteil, der von den Zivilgardisten kontrolliert wurde (wie wichtig ist es bei StraЯenkдmpfen, die цrtlichen Verhдltnisse zu kennen!). Man machte dort eine Razzia, Thompson wurde verhaftet, ins Gefдngnis geworfen und acht Tage lang in einer Zelle festgehalten, die so mit Menschen voll gestopft war, dass niemand Platz hatte, sich hinzulegen. Es gab viele дhnliche Fдlle. Zahlreiche Auslдnder, die eine undurchsichtige politische Vergangenheit hatten, waren auf der Flucht. Die Polizei war hinter ihnen her, und sie lebten in stдndiger Furcht vor einer Denunziation. Am schlimmsten war es fьr die Italiener und Deutschen, die keine Pдsse hatten und die meistens von der Geheimpolizei ihrer eigenen Lдnder gesucht wurden. Falls sie verhaftet wurden, konnte es ihnen passieren, dass man sie nach Frankreich abschob. Das hieЯ aber, man wьrde sie nach Italien oder Deutschland zurьckschicken, wo Gott weiЯ welche Grдuel auf sie warteten. Ein oder zwei auslдndische Frauen sicherten ihre Lage schleunigst ab, indem sie einen Spanier >heirateten<. Ein deutsches Mдdchen, das ьberhaupt keine Papiere hatte, entkam der Polizei, indem es einige Tage lang die Mдtresse eines Mannes spielte. Ich erinnere mich noch an den Ausdruck der Scham und der Verzweiflung auf dem Gesicht des armen Mдdchens, als ich ihm zufдllig ьber den Weg lief, wдhrend es aus dem Schlafzimmer des Mannes kam. Natьrlich war sie nicht seine Mдtresse, aber zweifellos dachte sie, ich glaubte es. Man hatte dauernd das hдssliche Gefьhl, dass ein bisheriger Freund einen jetzt bei der Geheimpolizei verraten kцnne. Der lange Alptraum der Kдmpfe, der Lдrm, der Mangel an Nahrung und Schlaf, die Mischung aus Anstrengung und Langeweile beim Wacheschieben auf dem Dach und die Ungewissheit, ob ich in der nдchsten Minute selbst erschossen wьrde oder gezwungen sein wьrde, jemand anders zu erschieЯen, hatten meine Nerven auf das дuЯerste angespannt. Ich hatte den Punkt erreicht, wo ich jedes Mal nach meiner Pistole griff, wenn eine Tьr knallte. Am Samstagmorgen ging drauЯen eine Knallerei los, und jedermann schrie: »Es geht wieder los!« Ich rannte auf die StraЯe und sah, dass einige Sturmgardisten nur einen verrьckten Hund erschossen hatten. Niemand, der damals oder ein paar Monate spдter in Barcelona war, wird die abscheuliche Atmosphдre vergessen, die das Ergebnis der Furcht, des Misstrauens und des Hasses war, der zensierten Zeitungen, der ьberfьllten Gefдngnisse, der riesigen Schlangen der nach Lebensmitteln anstehenden Leute und der herumstreifenden bewaffneten Burschen.

Ich habe versucht, einen Eindruck davon zu geben, wie man sich in der Mitte der Kдmpfe in Barcelona fьhlte. Aber ich glaube nicht, dass es mir gelungen ist, etwas von der Eigenartigkeit jener Zeit zu vermitteln. Wenn ich zurьckschaue, erinnere ich mich beispielsweise an die zufдlligen Begegnungen, die man damals hatte, die plцtzlichen Blicke der Nichtkдmpfer, fьr die die ganze Geschichte einfach ein sinnloser Aufstand war. Ich erinnere mich an die elegant gekleidete Frau, die ich mit einem Einkaufskorb am Arm und einem weiЯen Pudel an der Leine die Rambla hinunterspazieren sah, wдhrend ein oder zwei StraЯen weiter die Gewehre krachten und knallten. Es ist denkbar, dass sie taub war. Oder der Mann, den ich ьber die vollstдndig leere Plaza de Cataluna laufen sah, wobei er in jeder Hand ein weiЯes Taschentuch schwenkte. Oder die groЯe Gesellschaft schwarzgekleideter Leute, die eine Stunde lang versuchten, die Plaza de Cataluna zu ьberqueren, und denen es nicht gelang. Jedes Mal, wenn sie aus der SeitenstraЯe an der Ecke auftauchten, erцffneten die Maschinengewehrschьtzen der P.S.U.C. im Hotel >Colon< das Feuer und trieben sie zurьck. Ich weiЯ nicht warum, denn sie waren offensichtlich nicht bewaffnet. Ich habe mir spдter gedacht, dass es vielleicht eine Beerdigung war. Oder der kleine Kerl, der Hausmeister des Museums ьber dem >Poliorama<, der die ganze Geschichte wie ein geselliges Ereignis zu betrachten schien. Er freute sich so, dass die Englдnder ihn besuchten, er sagte, die Englдnder seien so simpdtico. Er hoffte, dass wir, wenn die Unruhen vorbei wдren, alle wiederkдmen und ihn besuchten. Und tatsдchlich ging ich wieder hin und besuchte ihn. Oder der andere kleine Mann, der im Torweg Schutz suchte, seinen Kopf vergnьgt in Richtung des hцllischen Gewehrfeuers auf der Plaza de Cataluna schwenkte und sagte (als ob er sich ьber den schцnen Morgen unterhalte): »So haben wir also den neunzehnten Juni wieder zurьck!« Oder die Leute in dem Schuhgeschдft, die meine Marschstiefel herstellten. Ich ging vor den Kдmpfen dorthin, dann nachdem sie vorbei waren und am 5. Mai fьr ein paar Minuten wдhrend des kurzen Waffenstillstandes. Es war ein teures Geschдft, und die Angestellten gehцrten der U.G.T. an und waren vermutlich Mitglieder der P.S.U.C. Jedenfalls waren sie politisch auf der anderen Seite, und sie wussten, dass ich in der P.O.U.M. diente. Aber sie verhielten sich vollstдndig neutral. »Ein wahrer Jammer diese Geschichte, nicht wahr? Und so schlecht fьr das Geschдft. Was fьr ein Jammer, dass es nicht aufhцrt! Als ob es nicht an der Front schon genug von diesen Geschichten gдbe!« und so weiter, und so weiter. Es muss eine Menge Leute in Barcelona gegeben haben, vielleicht war es sogar die Mehrzahl der Einwohner, die die ganze Angelegenheit ohne einen Funken Interesse betrachteten oder mit nicht mehr Interesse als einen Luftangriff.

In diesem Kapitel habe ich nur meine persцnlichen Erlebnisse beschrieben. Im nдchsten muss ich, so gut ich kann, die eigentlichen Streitfragen beschreiben — was sich wirklich ereignete und mit welchen Ergebnissen, wer recht oder unrecht hatte und wer, wenn ьberhaupt, verantwortlich war. Es ist so viel politisches Kapital aus den Kдmpfen in Barcelona geschlagen worden, dass es wichtig ist, den Versuch zu machen, eine abgewogene Meinung zu gewinnen. Sehr viel ist schon ьber das Thema geschrieben worden, genug, um viele Bьcher zu fьllen. Ich nehme an, dass ich nicht ьbertreibe, wenn ich sage, dass neun Zehntel davon nicht wahr sind. Fast alle Zeitungsberichte, die man damals verцffentlichte, wurden fern vom Geschehen von Journalisten fabriziert. Sie waren nicht nur im Hinblick auf die Tatsachen ungenau, sondern absichtlich falsch. Wie gewцhnlich lieЯ man nur eine Seite der Frage in eine breitere Цffentlichkeit gelangen. Ich selbst sah, wie jeder, der damals in Barcelona war, nur das, was sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ereignete. Aber ich sah und hцrte genug, um in der Lage zu sein, vielen der in Umlauf gesetzten Lьgen zu widersprechen. Wer nicht an politischen Kontroversen und dem Durcheinander der Parteien und Zweigparteien mit ihren verwirrenden Namen (дhnlich wie die Namen der Generдle im chinesischen Krieg) interessiert ist, sollte, wie weiter oben, die nдchsten Seiten ьberschlagen. Es ist eine scheuЯliche Sache, sich mit Details innerparteilicher Auseinandersetzungen zu befassen, es ist so, als ob man in eine Senkgrube tauche. Aber es ist notwendig, den Versuch zu unternehmen, die Wahrheit soweit wie mцglich festzustellen. Dieser schmutzige Streit in einer weit entfernten Stadt ist wichtiger, als es im ersten Augenblick erscheinen mag.

Es wird niemals mцglich sein, eine vollstдndig genaue und unvoreingenommene Darstellung der Kдmpfe in Barcelona zu erhalten, da die notwendigen Unterlagen nicht vorhanden sind. Zukьnftige Historiker werden nichts auЯer einer Menge Anschuldigungen und Parteipropaganda haben, wonach sie sich richten kцnnen. Ich selbst habe zusдtzlich zu dem, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe oder was ich von Augenzeugen erfuhr, wenig Unterlagen, die ich fьr glaubwьrdig halte. Ich kann jedoch einige der besonders schamlosen Lьgen widerlegen und dazu beitragen, die Ereignisse in das richtige Licht zu rьcken.

Zunдchst also, was geschah wirklich?

Schon seit einiger Zeit war es zu Spannungen in ganz Katalonien gekommen. In den vorangegangenen Kapiteln dieses Buches habe ich ьber die Auseinandersetzung zwischen Kommunisten und Anarchisten berichtet. Im Mai 1937 hatten die Dinge einen Punkt erreicht, an dem man einen heftigen Ausbruch als unvermeidlich ansehen musste. Der unmittelbare Anlass fьr die Reiberei war ein Befehl der Regierung, alle verborgenen Waffen abzuliefern. Dieser Befehl erfolgte gleichzeitig mit der Entscheidung, eine schwer bewaffnete >unpolitische< Polizeimacht aufzubauen, von der die Gewerkschaftsmitglieder ausgeschlossen werden sollten. Die Bedeutung dieser Anordnung war jedem klar. Es war ebenso einleuchtend, dass der nдchste Schritt darin bestehen werde, einige von der C.N.T. kontrollierte Schlьsselindustrien zu ьbernehmen. AuЯerdem herrschte unter der Arbeiterklasse ein gewisser Verdruss ьber den wachsenden Gegensatz zwischen Wohlstand und Armut sowie das allgemeine, unbestimmte Gefьhl, die Revolution sei sabotiert worden. Viele Leute waren angenehm ьberrascht, als es am 1. Mai keine Ausschreitungen gab. Am 3. Mai entschloss sich die Regierung, das Telefonamt zu ьbernehmen, das seit Kriegsbeginn hauptsдchlich von Arbeitern der C.N.T. in Betrieb gehalten worden war. Man behauptete, es werde schlecht geleitet und amtliche Gesprдche wьrden abgehцrt. Der Polizeichef Salas, der vielleicht seine Anweisungen ьberschritt, vielleicht aber auch nicht, entsandte drei Lastwagen mit bewaffneten Zivilgardisten, um das Gebдude zu besetzen, wдhrend die StraЯen drauЯen von bewaffneter Polizei in Zivil gesдubert wurden. Zur gleichen Zeit etwa besetzten Trupps der Zivilgarde verschiedene andere Gebдude an strategischen Stellen. Was auch die wirklichen Absichten gewesen sein mцgen, man glaubte allgemein, dies sei das Signal fьr einen Generalangriff der Zivilgardisten und der P.S.U.C. (Kommunisten und Sozialisten) auf die C.N.T. In der Stadt verbreitete sich in Windeseile die Nachricht, dass man die Gebдude der Arbeiter angreife. Bewaffnete Anarchisten erschienen in den StraЯen, die Arbeit wurde niedergelegt, und sofort brachen Kдmpfe aus. In der Nacht und am nдchsten Morgen wurden in der ganzen Stadt Barrikaden errichtet, und die Kдmpfe gingen ununterbrochen bis zum Morgen des 6. Mai weiter. Auf beiden Seiten waren die Kдmpfe aber hauptsдchlich defensiv. Die Gebдude wurden zwar belagert, aber, soviel ich weiЯ, nicht gestьrmt, und man setzte keine Artillerie ein. Grob gesprochen hielten die Streitkrдfte der C.N.T.-F.A.I. und P.O.U.M. die Vorstдdte der Arbeiterklasse und die bewaffneten Polizeikrдfte sowie die P.S.U.C. die zentralgelegenen Teile der Stadt und die Regierungsviertel. Am 6. Mai kam es zu einem Waffenstillstand, aber die Kдmpfe brachen bald wieder aus, wahrscheinlich wegen der voreiligen Versuche der Zivilgardisten, die Arbeiter der C.N.T. ZU entwaffnen. Am nдchsten Morgen aber verlieЯen die Leute aus eigenem Antrieb die Barrikaden. Ungefдhr bis zur Nacht des 5. Mai behielt die C.N.T. die Oberhand, und eine groЯe Zahl Zivilgardisten hatte sich ergeben. Aber es gab keine allgemein anerkannte Fьhrung und keinen festen Plan; ja, soweit man urteilen konnte, ьberhaupt keinen Plan auЯer der vagen Entschlossenheit, sich den Zivilgardisten zu widersetzen. Die Parteifьhrer der C.N.T. beschworen gemeinsam mit der Spitze der U.G.T. die Bevцlkerung, an die Arbeit zurьckzugehen; vor allem wurden die Lebensmittel knapp. Unter diesen Umstдnden war niemand von der Wichtigkeit der Streitpunkte genьgend ьberzeugt, um weiterzukдmpfen. Am Nachmittag des 7. Mai waren die Verhдltnisse fast normal. An diesem Abend trafen sechstausend Sturmgardisten ein, die man von Valencia ьber das Meer geschickt hatte, und ьbernahmen die Kontrolle der Stadt. Die Regierung erlieЯ den Befehl, alle Waffen abzuliefern, die sich nicht im Besitz der regulдren Streitkrдfte befanden, und wдhrend der nдchsten Tage wurden groЯe Waffenmengen beschlagnahmt. Offiziell wurden die Verluste wдhrend der Kдmpfe mit vierhundert Toten und etwa tausend Verwundeten angegeben. Vierhundert Tote sind wahrscheinlich ьbertrieben, aber da es keine Mцglichkeit gibt, die Wahrheit zu ьberprьfen, muss man diese Angabe als richtig hinnehmen.

Zweitens nun, was waren die Folgen der Kдmpfe? Offensichtlich ist es unmцglich, mit einiger Sicherheit zu sagen, wozu sie fьhrten. Es gibt keinen Beweis dafьr, dass der Ausbruch der Unruhen irgendeinen direkten Einfluss auf den Verlauf des Krieges hatte, obwohl das der Fall gewesen wдre, wenn die Kдmpfe noch lдnger gedauert hдtten. Die Unruhen dienten als Entschuldigung, Katalonien unter die direkte Kontrolle Valencias zu bringen, die Auflцsung der Milizeinheiten voranzutreiben, die P.O.U.M. ZU unterdrьcken, und ohne Zweifel hatten sie auch einen Einfluss auf den Sturz der Regierung Caballero. Aber wir kцnnen mit Sicherheit annehmen, dass diese Dinge auf jeden Fall geschehen wдren. Die eigentliche Frage lautet, ob die Arbeiter der C.N.T., als sie auf die StraЯe gingen, durch ihre Bereitschaft, aus diesem Anlass zu kдmpfen, etwas gewannen oder verloren. Nach meiner Meinung, einer reinen MutmaЯung, gewannen sie mehr, als sie verloren. Die Besetzung des Telefonamtes von Barcelona war nicht mehr als ein Zwischenfall in einer langen Kette von Ereignissen. Seit dem vorangegangenen Jahr hatte man die direkte Macht allmдhlich den Hдnden der Syndikate entrungen. Die allgemeine Tendenz lief nicht mehr auf eine Kontrolle durch die Arbeiterklasse hinaus, sondern zielte auf die Verwirklichung einer zentralisierten Kontrolle. Das musste zum Staatskapitalismus oder mцglicherweise zur Wiedereinfьhrung des privaten Kapitalismus fьhren. Wahrscheinlich wurde diese Entwicklung durch den damaligen Widerstand verlangsamt. Ein Jahr nach Kriegsausbruch hatten die katalanischen Arbeiter viel von ihrer Macht verloren, aber vergleichsweise war ihre Stellung immer noch vorteilhaft. Sie wдre wahrscheinlich viel ungьnstiger gewesen, hдtten sie klar zu erkennen gegeben, dass sie sich auch gegenьber der grцЯten Herausforderung ruhig verhalten wьrden. Es gibt Gelegenheiten, bei denen es sich besser bezahlt macht, zu kдmpfen und geschlagen zu werden, als ьberhaupt nicht zu kдmpfen.

Drittens aber, welche Absicht lag dem Ausbruch der Unruhen zugrunde, gab es ьberhaupt eine? War es ein coup d'Etat oder der Versuch einer Revolution? Zielte er tatsдchlich auf den Sturz der Regierung? Hatte man vorher ьberhaupt irgendwelche Absprachen getroffen?

Nach meiner Meinung waren die Kдmpfe nur insoweit vorher abgesprochen, als jeder sie erwartete. Es gab auf keiner Seite irgendein Zeichen eines sehr bestimmten Planes. Auf Seiten der Anarchisten war der Aufstand ziemlich sicher spontan, denn er entsprang hauptsдchlich der Initiative der einfachen Mitglieder. Die Leute gingen auf die StraЯe, und ihre politischen Fьhrer folgten ihnen zцgernd, oder sie folgten ihnen ьberhaupt nicht. Die einzigen Leute, die sich zumindest in ihren Reden eines revolutionдren Tones bedienten, waren die >Freunde Durrutis<, eine kleine extreme Gruppe innerhalb der F.A.I. und der P.O.U.M. Aber auch sie folgten den Ereignissen und fьhrten sie nicht an. Die >Freunde Durrutis< verteilten ein revolutionдres Flugblatt, aber es kam nicht vor dem 5. Mai heraus. Man kann also nicht sagen, dass die Kдmpfe dadurch ausgelцst wurden, die schon zwei Tage vorher von selbst angefangen hatten. Die Parteifьhrer der C.N.T. weigerten sich von Anfang an, den Aufruhr als ihre eigene Sache anzuerkennen. Dafьr gab es viele Grьnde. Zunдchst einmal war es sicher, dass die Anfьhrer der C.N.T. konservativer waren als ihre Gefolgsleute, weil die C.N.T. immer noch in der Regierung und der Generalidad vertreten war. Zweitens war es das Hauptziel der Anfьhrer der C.N.T., ein Bьndnis mit der U.G.T. ZU schlieЯen. Die Kдmpfe aber mussten die Spaltung zwischen der C.N.T. und der U.G.T. erweitern, zumindest in diesem Augenblick. Drittens fьrchteten die anarchistischen Fьhrer — obwohl das damals nicht allgemein bekannt war —, dass eine auslдndische Intervention erfolgen kцnne, falls die Dinge ьber einen gewissen Punkt hinausgingen, wenn also etwa die Arbeiter die Macht in der Stadt an sich rissen, wie sie es vielleicht am 5. Mai hдtten tun kцnnen. Ein britischer Kreuzer und zwei britische Zerstцrer hatten sich vor den Hafen gelegt, und ohne Zweifel waren andere Kriegsschiffe nicht weit entfernt. Die englischen Zeitungen meldeten, diese Schiffe seien nach Barcelona gekommen, um »britische Interessen zu schьtzen«. In Wirklichkeit aber unternahmen sie nichts fьr diesen Zweck, das heiЯt, sie landeten keine Soldaten und nahmen keine Flьchtlinge auf. Es ist nicht sicher, aber mindestens sehr gut mцglich, dass die britische Regierung, die keinen Finger gerьhrt hatte, um die spanische Regierung vor Franco zu retten, sehr schnell eingegriffen haben wьrde, um sie vor ihrer eigenen Arbeiterklasse zu retten. Die Anfьhrer der P.O.U.M. taten nichts, um den Aufruhr zu verleugnen, sie ermutigten in der Tat ihre Gefolgsleute, auf den Barrikaden zu bleiben, und gaben in La Batalla vom 6. Mai sogar ihre Zustimmung zu dem extremen Flugblatt, das die >Freunde Durrutis< verцffentlicht hatten. (Es besteht groЯe Ungewissheit ьber die Existenz dieses Flugblattes, und niemand scheint in der Lage zu sein, ein Exemplar zur Verfьgung zu stellen.) In einigen auslдndischen Zeitungen wurde es als ein »aufrьhrerisches Plakat« beschrieben, das man in der ganzen Stadt angeklebt habe. Ein derartiges Plakat gab es mit Sicherheit nicht. Wenn ich die verschiedenen Berichte vergleiche, mцchte ich sagen, dass das Flugblatt die folgenden Forderungen stellte: 1. die Bildung eines Revolutionsrates (Junta); 2. die ErschieЯung aller derjenigen, die fьr den Angriff auf das Telefonamt verantwortlich waren; 3. die Entwaffnung der Zivilgardisten.

Es ist weiterhin ungewiss, wieweit La Batalla eine Ьbereinstimmung mit dem Flugblatt ausdrьckte. Ich selbst habe weder das Flugblatt noch La Batalla von jenem Datum gesehen. Der einzige Handzettel, den ich wдhrend der Kдmpfe sah, wurde am 4. Mai von einer Splittergruppe der Trotzkisten (>Bolschewistische Leninisten<) herausgegeben. Darauf stand: »Jeder auf die Barrikaden — Generalstreik aller Industrien, auЯer der Kriegsindustrie.« (Es wurde mit anderen Worten nur verlangt, was gerade schon geschah.) In Wirklichkeit aber nahmen die Anfьhrer der P.O.U.M. eine zцgernde Haltung ein. Sie hatten sich nie fьr einen Aufstand ausgesprochen, bevor der Krieg gegen Franco gewonnen war. Andererseits waren die Arbeiter auf die StraЯe gegangen, und darum folgten die Anfьhrer der P.O.U.M. der ziemlich pedantischen marxistischen Interpretation, dass es die Pflicht der revolutionдren Parteien ist, mit den Arbeitern solidarisch zu sein, wenn sie auf die StraЯe gehen. Gleichzeitig taten sie aber ihr Bestes, trotz ihrer revolutionдren Schlagworte vom »Wiedererwachen des Geistes vom 19. Juli« und дhnlicher, das Eingreifen der Arbeiter auf die Verteidigung zu beschrдnken. Sie befahlen beispielsweise niemals einen Angriff auf irgendein Gebдude. Sie befahlen ihren Mitgliedern nur, wachsam zu sein und, wie ich im vorhergehenden Kapitel erwдhnte, wenn es sich vermeiden lieЯe, nicht zu schieЯen. La Batalla verцffentlichte auch Weisungen, dass keine Truppeneinheit die Front verlassen dьrfe (Anm.: Eine der jьngsten Nummern des Inprecor behauptet genau das Gegenteil, nдmlich La Batalla habe den P.O.U.M.-Truppen befohlen, die Front zu verlassen! Dieses Argument kann man leicht entkrдften, wenn man La Batalla von jenem Datum nachschlдgt.). Soweit man alles abschдtzen kann, mцchte ich sagen, die Verantwortung der P.O.U.M. habe darin bestanden, alle Arbeiter aufgefordert zu haben, auf den Barrikaden zu bleiben. Wahrscheinlich ьberredete sie auch eine gewisse Anzahl, lдnger dort zu bleiben, als sie es sonst getan hдtten. Diejenigen, die damals in persцnlichem Kontakt mit den Anfьhrern der P.O.U.M. standen (ich selbst hatte ihn nicht), haben mir erzдhlt, dass sie in Wirklichkeit ьber die ganze Geschichte bestьrzt waren. Aber sie hatten das Gefьhl, sie mьssten sich damit solidarisch erklдren. Hinterher wurde natьrlich in der gewohnten Art politisches Kapital daraus geschlagen. Gorkin, einer der Anfьhrer der P.O.U.M., sprach spдter sogar von »den glorreichen Maitagen«. Aus Propagandagrьnden mag diese Haltung richtig gewesen sein. Gewiss stieg die Mitgliederzahl der P.O.U.M. wдhrend der kurzen Periode vor ihrer Unterdrьckung etwas an. Taktisch aber war es wahrscheinlich ein Fehler, das Flugblatt der >Freunde Durrutis< auf diese Weise zu unterstьtzen, denn sie waren eine kleine, der P.O.U.M. normalerweise feindlich gesinnte Organisation.

In Anbetracht der allgemeinen Aufregung und der Dinge, die man auf beiden Seiten gesagt hatte, bedeutet das Flugblatt tatsдchlich nicht mehr als: »Bleibt auf den Barrikaden.« Aber dadurch, dass sich die Anfьhrer der P.O.U.M. den Anschein gaben, diesem zuzustimmen, wдhrend die anarchistische Zeitung Solidaridad Obrera es verwarf, machten sie es der kommunistischen Presse einfach, nachher zu sagen, die Kдmpfe seien nur ein von der P.O.U.M. durchgefьhrter Aufstand gewesen. Wir kцnnen sicher sein, dass die kommunistische Presse das auf jeden Fall gesagt hдtte. Diese Vorwьrfe waren nichts im Vergleich zu den Anschuldigungen, die sowohl vorher wie auch hinterher mit geringeren Beweismitteln aufgestellt wurden. Auch die Anfьhrer der C.N.T. gewannen durch ihre vorsichtigere Haltung nicht viel. Sie wurden fьr ihre Loyalitдt gelobt, aber man drдngte sie, sobald sich die Mцglichkeit dazu bot, sowohl aus der Regierung als auch aus der Generalidad hinaus.

Soweit man damals die Reden aller Leute beurteilen konnte, gab es nirgendwo eine wirklich revolutionдre Absicht. Die Leute hinter den Barrikaden waren normale Arbeiter der C.N.T., wahrscheinlich waren auch ein paar Arbeiter der U.G.T. dazwischen. Sie versuchten nicht, die Regierung zu stьrzen, sondern sich nur dem zu widersetzen, was sie zu Recht oder Unrecht als einen Angriff der Polizei betrachteten. Ihr Kampf war hauptsдchlich defensiv, und ich bezweifle, dass man ihn einen »Aufstand« nennen sollte, wie es fast in allen auslдndischen Zeitungen geschah. Zu einem Aufstand gehцren Angriffshandlungen und ein bestimmter Plan. Genauer gesagt, war es ein Aufruhr — ein sehr blutiger Aufruhr —, denn beide Seiten besaЯen Gewehre und waren entschlossen, sie zu benutzen.

Aber welche Absichten hatte die Gegenseite? Wenn es schon kein anarchistischer coup d'Etat war, konnte es vielleicht ein kommunistischer coup d'Etat sein — ein wohlьberlegter Versuch, die Macht der C.N.T. mit einem Schlag zu zerschlagen.

Ich glaube nicht, dass es so war, obwohl gewisse Anzeichen diese Vermutung nahe legen kцnnen. Es ist bezeichnend, dass sich etwas sehr Дhnliches zwei Tage spдter in Tarragona ereignete (die Eroberung des Telefonamtes durch bewaffnete Polizei, die auf Befehl aus Barcelona handelte). Auch in Barcelona war der Ьberfall auf das Telefonamt keine isolierte Handlung. In verschiedenen Teilen der Stadt bemдchtigten sich Trupps der Zivilgarde und P.S.U.C.-Anhдnger der Gebдude an strategisch wichtigen Stellen. Sie machten das mit ьberraschender Schnelligkeit, wenn auch vielleicht nicht, bevor die Kдmpfe ьberhaupt anfingen. Man muss sich vergegenwдrtigen, dass sich diese Dinge in Spanien und nicht in England ereigneten. Barcelona ist eine Stadt mit einer langen Geschichte voller StraЯenkдmpfe. An solchen Orten ereignen sich die Dinge schnell, die Parteien sind schon vorbereitet, jeder kennt die цrtlichen Gegebenheiten, und wenn die Kanonen zu schieЯen beginnen, nehmen die Menschen ihre Plдtze fast wie bei einem Feueralarm ein. Vermutlich erwarteten die fьr die Besetzung des Telefonamtes Verantwortlichen die Unruhen — aber sicher nicht in dem AusmaЯe, wie sie sich tatsдchlich abspielten. Sie hatten GegenmaЯnahmen vorbereitet, aber daraus folgert nicht, dass sie einen allgemeinen Angriff auf die C.N.T. planten. Es gibt zwei Grьnde fьr meine Vermutung, dass keine der Parteien irgendwelche Vorbereitungen fьr umfangreiche Kдmpfe getroffen hatte:

1. Keine der Parteien hatte vorher Truppen nach Barcelona gebracht. Die Kдmpfe fanden nur zwischen den Leuten statt, die schon in Barcelona waren, hauptsдchlich Zivilisten und Polizei.

2. Lebensmittel wurden fast sofort knapp. Jeder, der in Spanien gedient hat, weiЯ, dass die einzige Kriegshandlung, welche die Spanier wirklich gut bewerkstelligen, die Versorgung ihrer Truppen mit Lebensmitteln ist. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine der Parteien ein- oder zweiwцchige StraЯenkдmpfe und zusдtzlich einen Generalstreik geplant hдtte, ohne vorher genьgend Lebensmittel gelagert zu haben.

SchlieЯlich noch die Frage nach Recht oder Unrecht.

In der auslдndischen antifaschistischen Presse wurde viel Staub aufgewirbelt, aber wie ьblich schenkte man nur einer Seite des Falles Gehцr. So wurden die Kдmpfe in Barcelona als ein Aufstand illoyaler Anarchisten und Trotzkisten dargestellt, die »der spanischen Regierung in den Rьcken fielen« und so weiter. So einfach war die Streitfrage aber nicht. Wenn man mit einem Todfeind Krieg fьhrt, ist es zweifellos besser, sich nicht untereinander zu streiten. Man sollte sich jedoch daran erinnern, dass zu einem Streit zwei gehцren und das Volk nicht beginnt, Barrikaden zu bauen, bevor es nicht der Ansicht ist, provoziert worden zu sein.

Natьrlich hat die Aufforderung der Regierung an die Anarchisten, ihre Waffen abzuliefern, zu diesen Unruhen gefьhrt. In der englischen Presse ьbersetzte man diese Tatsache in englische Begriffe. Das klang dann so: Man habe an der aragonischen Front verzweifelt Waffen benцtigt und sie nicht dorthin senden kцnnen, da die unpatriotischen Anarchisten sie zurьckhielten. Wer die Ereignisse so darstellt, ьbersieht die in Spanien tatsдchlich herrschenden Zustдnde. Jeder wusste, dass sowohl die Anarchisten als auch die P.S.U.C. Waffen hamsterten, und als die Kдmpfe in Barcelona ausbrachen, wurde das noch deutlicher, denn beide Seiten kamen nun mit groЯen Waffenmengen zum Vorschein. Die Anarchisten wussten sehr genau, dass, selbst wenn sie ihre Waffen ablieferten, die P.S.U.C. als wichtigste politische Macht in Katalonien immer noch ihre eigenen behalten wьrde. So geschah es tatsдchlich, als die Kдmpfe vorbei waren. Unterdessen sah man sogar in den StraЯen groЯe Waffenmengen, die an der Front bitter benцtigt wurden, die aber die >nichtpolitische< Polizeimacht in der Etappe zurьckgehalten wurden. Alles wurde aber beherrscht von dem unьberbrьckbaren Gegensatz zwischen Kommunisten und Anarchisten, der frьher oder spдter zu einer Auseinandersetzung fьhren musste. Die Kommunistische Partei Spaniens war seit Kriegsbeginn enorm an Zahl gewachsen und hatte den grцЯeren Teil der politischen Macht an sich gerissen. AuЯerdem waren Tausende auslдndischer Kommunisten nach Spanien gekommen, die offen verkьndeten, sie wollten den Anarchismus »liquidieren«, sobald der Krieg gegen Franco gewonnen sei. Unter diesen Umstдnden konnte man kaum erwarten, dass die Anarchisten ihre Waffen ausliefern wьrden, die sie im Sommer 1936 in die Hдnde bekommen hatten.

Die Besetzung des Telefonamtes bedeutete einfach das Streichholz, das die schon vorhandene Bombe zьndete. Es lieЯe sich vielleicht gerade noch vorstellen, dass die Verantwortlichen glaubten, das werde nicht zu Unruhen fьhren. Es heiЯt, dass der katalanische Prдsident Companys einige Tage frьher lachend erklдrt habe, die Anarchisten wьrden sich mit allem abfinden (Anm.: New Statesman (vom 14. Mai).).

Sicher war das Ganze keine kluge Handlung. Wдhrend des vergangenen Monats hatte es schon eine lange Reihe bewaffneter Zwischenfдlle in verschiedenen Teilen Spaniens zwischen Kommunisten und Anarchisten gegeben. Katalonien, und besonders Barcelona, befand sich in einem Zustand der Spannung, der schon zu StraЯenkдmpfen, Ermordungen und dergleichen gefьhrt hatte. Plцtzlich machte in der Stadt die Nachricht die Runde, dass bewaffnete Soldaten jene Gebдude angriffen, die die Arbeiter in den Julikдmpfen erobert hatten und auf deren Besitz sie einen groЯen, gefьhlsmдЯigen Wert legten. Man muss sich daran erinnern, dass die Zivilgardisten von der arbeitenden Bevцlkerung nicht geliebt wurden. Generationen lang war la guardia nur ein Instrument des Landherren und des Bosses gewesen. Zweifellos wurden die Zivilgardisten doppelt stark gehasst, weil sie ganz zu Recht verdдchtigt wurden, eine sehr fragwьrdige Loyalitдt gegenьber den Faschisten an den Tag gelegt zu haben (Anm.: Bei Ausbruch des Krieges hatten sich die Zivilgardisten ьberall auf die Seite der stдrkeren Partei geschlagen. Im Verlaufe des Krieges gingen spдter die цrtlichen Zivilgardisten bei mehreren Gelegenheiten, zum Beispiel in Santander, geschlossen zu den Faschisten ьber.). Es ist wahrscheinlich, dass das Volk in den ersten Stunden von den gleichen Gefьhlen auf die StraЯe getrieben wurde, die es bei Beginn des Krieges dazu gefьhrt hatten, den aufstдndischen Generдlen zu widerstehen. Natьrlich kann man sich darьber streiten, ob die Arbeiter der C.N.T. das Telefonamt ohne Protest hдtten ausliefern sollen. Das eigene Urteil wird in diesem Falle davon beeinflusst, welche Stellung man zur Frage Zentralregierung oder Kontrolle durch die Arbeiterklasse einnimmt. Es ist vielleicht zutreffender, wenn man sagt: »Ja, mit ziemlicher Sicherheit hatte die C.N.T. gute Grьnde. Aber trotzdem war Krieg, und es gab keine Entschuldigung dafьr, einen Kampf hinter der Front anzufangen.« Hiermit stimme ich vollstдndig ьberein. Jede innere Unruhe musste Franco helfen. Aber was lцste die Kдmpfe eigentlich aus? Es mag stimmen und auch nicht stimmen, dass die Regierung ein Recht hatte, das Telefonamt zu besetzen, entscheidend ist, dass dies unter den herrschenden Umstдnden zum Kampf fьhren musste. Es war eine herausfordernde Handlung, eine Geste, die eigentlich sagte und vermutlich auch sagen sollte: »Eure Macht ist zu Ende — jetzt kommen wir an die Reihe.« Der gesunde Menschenverstand musste einem sagen, dass es darauf nur Widerstand geben kцnne. Mit ein wenig Gefьhl fьr Proportionen muss man erkennen, dass die Schuld nicht vollstдndig auf einer Seite lag, dass sie in einer solchen Angelegenheit auch gar nicht allein dort liegen konnte. Der Grund fьr die Billigung dieser einseitigen Version liegt einfach darin, dass die spanischen Revolutionsparteien keine Unterstьtzung in der auslдndischen Presse gefunden haben. Besonders in der englischen Presse mьsste man lange suchen, ehe man zu irgendeiner Zeit des Krieges einen zustimmenden Hinweis auf die spanischen Anarchisten fдnde. Sie wurden systematisch angeschwдrzt, und es ist fast unmцglich, wie ich aus meiner eigenen Erfahrung weiЯ, dass man irgend jemand findet, der etwas zu ihrer Verteidigung druckt.

Ich habe versucht, ьber die Kдmpfe in Barcelona objektiv zu schreiben, obwohl offensichtlich niemand in einer derartigen Frage vollstдndig objektiv sein kann. Man muss praktisch Stellung nehmen, und es muss deutlich geworden sein, auf welcher Seite ich stand. Natьrlich ist es unvermeidlich, dass ich Fehler in der Darstellung der Tatsachen gemacht habe, nicht nur hier, sondern auch in anderen Teilen dieser Erzдhlung. Wegen des Mangels an nicht propagandistisch gefдrbten Dokumenten ist es sehr schwierig, fehlerfrei ьber den Spanischen Krieg zu schreiben. Ich warne jeden vor meinem Vorurteil, und ich warne jeden vor meinen Fehlern. Aber dennoch habe ich mein Bestes getan, um ehrlich zu sein. Es wird aber zu erkennen sein, dass meine Schilderung vцllig anders ist als die, welche in der auslдndischen, besonders in der kommunistischen Presse erschien. Es ist notwendig, die kommunistische Version zu untersuchen, denn sie wurde in der ganzen Welt verцffentlicht, seither in kurzen Abstдnden ergдnzt und ist wahrscheinlich die weitestgehend akzeptierte.

In der kommunistischen und prokommunistischen Presse wurde die ganze Schuld an den Kдmpfen in Barcelona der P.O.U.M. zugeschoben. Die Unruhen wurden nicht als ein spontaner Aufruhr geschildert, sondern als eine ьberlegte und geplante Revolution gegen die Regierung, die ausschlieЯlich von der P.O.U.M. mit Hilfe einer Handvoll verfьhrter Unkontrollierbarem arrangiert wurde. Mehr noch, sie war sicherlich eine faschistische Verschwцrung, die unter faschistischem Befehl ausgefьhrt wurde, um einen Bьrgerkrieg in der Etappe anzuzetteln und so die Regierung zu lдhmen. Die P.O.U.M. war >Francos Fьnfte Kolonne<, eine >trotzkistische< Organisation, die im Bьndnis mit den Faschisten arbeitete.

Nach den Worten des Daily Worker (11. Mai):

Die deutschen und italienischen Agenten, die nach Barcelona strцmten, um angeblich den berьchtigten »Kongress der 4. Internationale« vorzubereiten, hatten eine groЯe Aufgabe. Sie lautete:

Sie sollten zusammen mit den цrtlichen Trotzkisten einen Zustand der Unordnung und des BlutvergieЯens herbeifьhren, der es der deutschen und italienischen Regierung ermцglichte zu erklдren, dass sie »wegen der in Barcelona herrschenden Unordnung nicht in der Lage wдren, eine wirksame Kontrolle der katalonischen Kьsten durch die Kriegsmarine auszuьben« und deshalb »nichts anderes tun kцnnten, als Truppen in Barcelona zu landen«.

Mit anderen Worten, es wurde eine Situation vorbereitet, auf Grund deren die deutsche und die italienische Regierung ganz offen Truppen oder Marinesoldaten an der katalonischen Kьste landen und dazu erklдren konnten, sie tдten das, »um die Ordnung aufrechtzuerhalten« ...

Das Instrument hierfьr lag in Gestalt der trotzkistischen Organisation, der P.O.U.M., fьr die Deutschen und die Italiener bereit. In Zusammenarbeit mit bekannten kriminellen Elementen und gewissen anderen, irregefьhrten Personen in den anarchistischen Organisationen plante, organisierte und fьhrte die P.O.U.M. den Angriff in der Etappe, der zeitlich genauso festgelegt war, dass er mit dem Angriff an der Front von Bilbao zusammenfiel.

Im Verlauf des Artikels werden die Kдmpfe in Barcelona zum »Angriff der P.O.U.M.«, und in einem anderen Artikel in der gleichen Ausgabe heiЯt es, dass »ohne Zweifel die Verantwortung fьr das BlutvergieЯen in Katalonien vor der Tьr der P.O.U.M. liegt«. Der Inprecor (vom 29. Mai) erklдrt, dass diejenigen, die die Barrikaden in Barcelona errichteten, »nur Mitglieder der P.O.U.M. waren, die von der Partei eigens fьr diesen Zweck zusammengebracht wurden«. Ich kцnnte noch viel mehr zitieren, aber das ist schon klar genug. Die P.O.U.M. war allein verantwortlich, und die P.O.U.M. handelte auf faschistischen Befehl. Ich werde noch einige andere Auszьge aus den Berichten zitieren, die in der kommunistischen Presse erschienen. Es wird sich zeigen, dass sie sich derartig selbst widersprechen, dass sie vollstдndig wertlos sind. Aber ehe ich das tue, lohnt es sich, auf einige Vernunftgrьnde hinzuweisen, wonach sie die Version, die Maikдmpfe seien eine von der P.O.U.M. durchgefьhrte faschistische Revolution gewesen, als nahezu unglaublich erweist.

1. Die P.O.U.M. hatte nicht genьgend Mitglieder oder einen entsprechend weitreichenden Einfluss, um eine Unruhe dieses AusmaЯes zu provozieren. Noch weniger war sie stark genug, einen Generalstreik auszurufen. Sie war eine politische Organisation ohne genьgenden Rьckhalt in den Gewerkschaften. Sie wдre genauso unfдhig gewesen, einen Streik in ganz Barcelona auszulцsen, wie etwa die englische kommunistische Partei einen Generalstreik in ganz Glasgow ausrufen kцnnte. Wie ich schon vorher sagte, mag die Haltung der Anfьhrer der P.O.U.M. die Verlдngerung der Kдmpfe bis zu einem gewissen Grade unterstьtzt haben, aber sie hдtten sie nicht anzetteln kцnnen, selbst wenn sie es gewollt hдtten.

2. Die angeblich faschistische Verschwцrung beruht nur auf reinen Annahmen, jeder Beweis zeigt in die andere Richtung. Es wird uns von Plдnen erzдhlt, nach denen die deutsche und die italienische Regierung in Katalonien Truppen landen sollten, aber kein deutsches oder italienisches Truppenschiff nдherte sich der Kьste. Der >Kongress der Vierten International und die >deutschen und italienischen Agenten< sind eine reine Erfindung. Soviel ich weiЯ, hat man niemals von einem Kongress der Vierten Internationale gesprochen. Es gab gewisse Plдne fьr einen Kongress der P.O.U.M. und ihrer Schwesterparteien (der englischen I.L.P., der deutschen S.A.P. und so weiter). Dieses Treffen war versuchsweise irgendwann fьr den Juli festgelegt worden, also zwei Monate spдter, und noch nicht ein einziger Delegierter war bisher angekommen. AuЯerhalb der Seiten des Daily Worker gab es keine »deutschen und italienischen Agenten«. Jeder, der zu jener Zeit die Grenze ьberquerte, weiЯ, dass es nicht leicht war, nach Spanien hinein- oder herauszukommen.

3. Weder in Lerida, dem Hauptstьtzpunkt der P.O.U.M., noch an der Front ereignete sich irgend etwas. Hдtten die Anfьhrer der P.O.U.M. die Faschisten unterstьtzen wollen, so hдtten sie natьrlich ihrer Miliz befohlen, die Front zu verlassen, um die Faschisten durchzulassen. Aber nichts Derartiges ereignete sich oder wurde vorgeschlagen. Vorher wurden nicht einmal irgendwelche Soldaten von der Front zurьckgebracht, obwohl es leicht gewesen wдre, sagen wir tausend oder zweitausend Leute unter verschiedenen Vorwдnden nach Barcelona zurьckzuschmuggeln. An der Front wurde nicht einmal der Versuch einer indirekten Sabotage unternommen. Der Transport von Nahrungsmitteln und Munition und so weiter ging wie ьblich weiter. Ich fand das spдter durch Befragung bestдtigt. Vor allem aber hдtte eine vorausgeplante Revolution, so wie sie behauptet wurde, viele Monate zur Vorbereitung benцtigt; zum Beispiel unterminierende Propaganda innerhalb der Miliz und so weiter. Aber dafьr gab es weder ein дuЯeres Zeichen noch irgendein Gerьcht. Die Tatsache, dass die Miliz an der Front mit dem Aufruhr nichts zu tun hatte, sollte die Frage eindeutig beantworten. Hдtte die P.O.U.M. tatsдchlich einen coup d'Etat geplant, ist es undenkbar, dass sie nicht die ungefдhr zehntausend Soldaten eingesetzt haben wьrde, die ihre einzige bewaffnete Streitmacht darstellten. Aus diesen Ьberlegungen geht eindeutig hervor, dass es fьr die kommunistische These von einem >Aufstand< der P.O.U.M. auf faschistischen Befehl auch nicht den geringsten Beweis gibt. Ich mцchte noch einige Auszьge aus der kommunistischen Presse hinzufьgen. Die kommunistischen Berichte ьber den ersten Zwischenfall, den Ьberfall auf das Telefonamt, sind sehr aufschlussreich. Sie stimmen einzig darin ьberein, dass sie alle Vorwьrfe auf die gegnerische Seite abladen. Es ist bemerkenswert, dass sich die Vorwьrfe in den englischen kommunistischen Zeitungen zunдchst gegen die Anarchisten und erst spдter gegen die P.O.U.M. richteten. Dafьr gibt es einen ziemlich einleuchtenden Grund. Nicht jeder Leser in England hat etwas von >Trotzkismus< gehцrt, aber jeder Englisch sprechende Mensch zittert, wenn er das Wort >Anarchist< hцrt. Hat sich einmal herumgesprochen, dass >Anarchisten< beteiligt sind, ist die richtige Atmosphдre fьr ein Vorurteil geschaffen. Dann kann man die Schuld spдter mit Sicherheit auf die >Trotzkisten< abwдlzen. So beginnt der Daily Worker (am 6. Mai):

Eine in der Minderheit befindliche Bande der Anarchisten eroberte am Montag und Dienstag die Gebдude des Telefon- und Telegrafenamtes, versuchte sie zu verteidigen und begann eine SchieЯerei in den StraЯen.

Nichts ist besser, als gleich zu Beginn die Rollen zu vertauschen. Die Zivilgardisten greifen ein Gebдude an, das von der C.N.T. besetzt ist. So geht man also hin und sagt, die C.N.T. habe ihr eigenes Gebдude, also sich selbst, angegriffen. Am 11. Mai hingegen erklдrte der Daily Worker:

Der linksgerichtete katalonische Minister fьr цffentliche Sicherheit, Aiguade, und der den Vereinigten Sozialisten angehцrende Generalkommissar fьr цffentliche Ordnung, Rodrigue Salas, schickten die bewaffnete republikanische Polizei in das Telefonica-Gebдude, um die Angestellten dort zu entwaffnen, die zum grцЯten Teil Mitglieder der C.N.T.-Gewerkschaft waren.

Das scheint nicht sehr gut mit der ersten Erklдrung ьbereinzustimmen. Trotzdem enthдlt der Daily Worker kein Eingestдndnis, dass die erste Behauptung falsch war. Der Daily Worker vom n. Mai erklдrt, dass die Flugblдtter der >Freunde Durrutis<, die von der C.N.T. abgelehnt wurden, wдhrend der Kдmpfe am 4. und 5. Mai erschienen. Der Inprecor (vom 22. Mai) erklдrt, dass sie am 3. Mai erschienen — also vor den Kдmpfen —, und fьgte dann hinzu, was »in Anbetracht dieser Tatsachen« (des Erscheinens verschiedener Flugblдtter) geschah:

Die Polizei, die vom Polizeiprдfekten persцnlich gefьhrt wurde, besetzte das zentrale Telefonamt am Nachmittag des 3. Mai. Wдhrend die Polizisten ihrer Pflicht nachgingen, wurden sie beschossen. Das war das Signal fьr die Provokateure, mit SchieЯereien und Krawallen in der ganzen Stadt zu beginnen.

Und hier der Inprecor vom 29. Mai:

Nachmittags um drei Uhr begab sich der Kommissar fьr die цffentliche Sicherheit, Kamerad Salas, zum Telefonamt, das in der vorhergehenden Nacht von fьnfzig Mitgliedern der P.O.U.M. und anderen unkontrollierbaren Elementen besetzt worden war.

Das klingt doch recht seltsam. Man muss ja wohl die Besetzung des Telefonamtes durch fьnfzig Mitglieder der P.O.U.M. als einen ziemlich auffдlligen Zwischenfall bezeichnen, und man hдtte erwartet, dass damals jemand etwas bemerkt hдtte. Es scheint aber, dass dieser Zwischenfall erst drei oder vier Wochen spдter entdeckt wurde. In einer anderen Ausgabe des Inprecor werden aus den fьnfzig Mitgliedern der P.O.U.M. fьnfzig P.O.U.M.-Milizsoldaten. Es wдre schwierig, noch mehr Widersprьche zusammenzupacken, als schon in diesen wenigen, kurzen Passagen enthalten sind. Gerade greift die C.N.T. das Telefonamt an, und schon werden sie selbst dort angegriffen. Ein Flugblatt zirkuliert vor der Eroberung des Telefonamtes und ist die Ursache dafьr oder aber genau umgekehrt, es erscheint hinterher und ist das Ergebnis davon. Abwechselnd sind die Mдnner im Telefonamt Mitglieder der C.N.T. oder der P.O.U.M. und so weiter. In einer noch spдteren Ausgabe, des Daily Worker (vom 3. Juni) informiert uns Mr. J. R. Campbell, dass die Regierung nur deshalb das Telefonamt besetzte, weil die Barrikaden schon errichtet worden waren!

Aus Platzmangel habe ich nur die Berichte ьber einen Zwischenfall wiedergegeben, aber in allen Berichten der kommunistischen Presse finden sich die gleichen Widersprьche. Zusдtzlich gibt es verschiedene Erklдrungen, die offensichtlich reine Erfindungen sind. Hier ist zum Beispiel eine Meldung aus dem Daily Worker (vom 7. Mai), die angeblich von der spanischen Botschaft in Paris verцffentlicht wurde:

Es war ein bezeichnender Zug des Aufstandes, dass die alte monarchistische Fahne auf den Balkons verschiedener Hдuser in Barcelona gezeigt wurde. Dies geschah zweifellos in dem Glauben, dass die Beteiligten schon Herren der Lage seien.

Sehr wahrscheinlich druckte der Daily Worker diese Erklдrung im guten Glauben ab. Aber die Verantwortlichen fьr diese Meldung in der spanischen Botschaft mьssen ganz absichtlich gelogen haben. Jeder Spanier musste die heimischen Verhдltnisse besser kennen. Eine monarchistische Fahne in Barcelona! Das wдre das einzige gewesen, was die sich bekдmpfenden Parteien augenblicklich vereinigt hдtte. Selbst die Kommunisten an Ort und Stelle mussten lдcheln, als sie davon lasen. Das gleiche gilt fьr die Berichte in verschiedenen kommunistischen Zeitungen ьber Waffen, die angeblich von der P.O.U.M. wдhrend des >Aufstandes< eingesetzt wurden. Diese Berichte sind nur fьr den glaubwьrdig, der absolut gar nichts ьber die Tatsachen weiЯ. Im Daily Worker vom 17. Mai erklдrt Mr. Frank Pitcairn:

Wдhrend des Aufruhrs wurden tatsдchlich alle mцglichen Waffen eingesetzt. Es handelte sich um Waffen, die seit Monaten gestohlen und versteckt worden waren, darunter auch Tanks, die gleich zu Beginn des Aufruhrs aus den Kasernen gestohlen wurden. Es ist klar, dass Dutzende von Maschinengewehren und einige tausend Gewehre noch immer im Besitz der Aufstдndischen sind.

Der Inprecor (vom 29. Mai) erklдrt auЯerdem: Am 3. Mai standen der P.O.U.M. einige Dutzend Maschinengewehre und einige tausend Gewehre zur Verfьgung. Auf der Plaza d'Espana brachten Trotzkisten >75er<-Kanonen in Stellung, die fьr die Front in Aragonien bestimmt waren und die die Miliz sorgfдltig in ihren Kasernen versteckt gehalten hatte.

Mr. Pitcairn erzдhlt uns nicht, wie und wann es bekannt wurde, dass die P.O.U.M. Dutzende von Maschinengewehren und einige tausend Gewehre besaЯ. Nach meiner Schдtzung waren, wie ich berichtet habe, etwa achtzig Gewehre, einige Handgranaten und keine Maschinengewehre in drei der wichtigsten Gebдude der P.O.U.M. Das heiЯt also, gerade genug fьr die bewaffneten Wachen, die damals alle politischen Parteien vor ihren Gebдuden aufstellten. Es scheint ungewцhnlich zu sein, dass hinterher, nachdem die P.O.U.M. unterdrьckt und ihre sдmtlichen Gebдude besetzt wurden, diese vielen tausend Waffen niemals ans Tageslicht kamen; besonders die Tanks und die Feldkanonen, denn das sind Gegenstдnde, die man nicht einfach in einem Kamin verstecken kann. In den beiden oben zitierten Erklдrungen zeigt sich aber deutlich die vцllige Unkenntnis der цrtlichen Verhдltnisse. Nach Mr. Pitcairn stahl die P.O.U.M. Tanks »aus den Kasernen«. Er sagt uns nicht, aus welchen Kasernen. Die Milizsoldaten der P.O.U.M., die in Barcelona waren (jetzt vergleichsweise wenig, da die direkte Rekrutierung fьr die Parteimilizen aufgehцrt hatte), teilten die Lenin-Kaserne mit einer betrдchtlich grцЯeren Anzahl Truppen der Volksarmee. So erzдhlt uns also Mr. Pitcairn, dass die P.O.U.M. die Tanks mit Einwilligung der Volksarmee stahl. Das gleiche gilt fьr die >Цrtlichkeiten<, wo die Fьnfundsiebzig-Millimeter-Kanonen verborgen wurden. Er erwдhnt nicht, wo diese >Цrtlichkeiten< waren. Viele Zeitungen berichteten, dass diese Artillerie-Batterien von der Plaza de Espana aus feuerten. Aber ich glaube, wir kцnnen mit Gewissheit sagen, dass sie nie existierten. Wie ich schon vorher erwдhnte, hцrte ich wдhrend der Kдmpfe kein Artilleriefeuer, obwohl die Plaza de Espana nur etwa eineinhalb Kilometer weit entfernt lag. Einige Tage spдter schaute ich mir die Plaza de Espana gut an und konnte keine Gebдude finden, die Granateinschlдge aufwiesen. Auch ein Augenzeuge, der wдhrend der ganzen Kдmpfe in der Nachbarschaft war, erklдrte, dass die Kanonen dort niemals auftauchten. (Ьbrigens, die Geschichte von den gestohlenen Kanonen mag von Antonov-Ovseenko, dem russischen Generalkonsul, stammen. Er hat sie jedenfalls einem bekannten englischen Journalisten erzдhlt, der sie hinterher in gutem Glauben in einer Wochenzeitung wiederholte. Antonov-Ovseenko ist inzwischen der >Sдuberung< zum Opfer gefallen. Wie das seine Glaubwьrdigkeit beeinflusst, weiЯ ich nicht.) In Wahrheit wurden diese Erzдhlungen von Tanks, Feldkanonen und so weiter nur erfunden, weil es sonst schwierig gewesen wдre, das AusmaЯ der Kдmpfe in Barcelona mit der geringen Anzahl der P.O.U.M.-Leute in Einklang zu bringen. Man musste behaupten, die P.O.U.M. sei alleine fьr die Kдmpfe verantwortlich. AuЯerdem musste man behaupten, sie sei eine unbedeutende Partei mit wenig Anhдngern und nur »einigen tausend Mitgliedern«, wie es im Inprecor stand. Die einzige Mцglichkeit, beide Erklдrungen glaubwьrdig erscheinen zu lassen, bestand in der Behauptung, die P.O.U.M. hдtte ьber alle Waffen einer modernen Armee verfьgt.

Wenn man die Berichte in der kommunistischen Presse durchliest, ist es unmцglich, an der Tatsache vorbeizugehen, dass sie absichtlich fьr ein Publikum geschrieben wurden, das die Tatsachen nicht kannte. Diese Berichte hatten also keinen anderen Zweck, als Vorurteile zu erwecken. So erklдren sich zum Beispiel Behauptungen wie die von Mr. Pitcairn im Daily Worker vom 11. Mai, dass der »Aufstand« von der Volksarmee unterdrьckt wurde. Hiermit wurde die Absicht verfolgt, den AuЯenstehenden den Eindruck zu vermitteln, ganz Katalonien stehe geschlossen gegen die »Trotzkisten«. Aber wдhrend der ganzen Kдmpfe blieb die Volksarmee neutral. Jeder in Barcelona wusste das, und es ist schwer zu glauben, dass Mr. Pitcairn es nicht auch wusste. Oder beispielsweise die Gaukelei mit Toten und Verwundeten in der kommunistischen Presse, die nur unternommen wurde, um das AusmaЯ der Unruhen zu ьbertreiben. Diaz, der Generalsekretдr der spanischen kommunistischen Partei, der in der kommunistischen Presse ausfьhrlich zitiert wurde, nannte Zahlen von 900 Toten und 2 500 Verwundeten. Der katalonische Propagandaminister, der sie kaum zu niedrig schдtzen wьrde, nannte Zahlen von 400 Toten und 1000 Verwundeten. Die kommunistische Partei verdoppelte das Angebot und fьgte auf gut Glьck noch einige hundert hinzu.

Im allgemeinen machten die auslдndischen kapitalistischen Zeitungen die Anarchisten fьr die Kдmpfe verantwortlich, aber es gab auch einige, die der kommunistischen Version folgten. Eine davon war die englische News Chronicle, deren Korrespondent Mr. John Langdon-Davies zu jener Zeit in Barcelona war. Ich zitiere hier Abschnitte seines Artikels »Eine trotzkistische Revolte«:

... Das war kein anarchistischer Aufruhr. Es handelt sich um den vereitelten Putsch der >trotzkistischen< P.O.U.M., die mit den von ihr kontrollierten Organisationen der >Freunde Durrutis< und der Freien Jugend arbeitete ... Die Tragцdie begann am Montag nachmittag, als die Regierung bewaffnete Polizei in das Telefongebдude schickte, um die dortigen Arbeiter zu entwaffnen, von denen die meisten Anhдnger der C.N.T. waren. Schon seit einiger Zeit hatten schwere UnregelmдЯigkeiten im Dienst zu einem Skandal gefьhrt. DrauЯen auf der Plaza de Cataluna versammelte sich eine groЯe Menge, wдhrend die Anhдnger der C.N.T. Widerstand leisteten und sich von Stockwerk zu Stockwerk bis zum Dach des Gebдudes zurьckzogen ... Der Zwischenfall war sehr undurchsichtig, aber es hieЯ, die Regierung sei hinter den Anarchisten her. Die StraЯen waren voller bewaffneter Mдnner ... Bei Anbruch der Nacht war jedes Zentrum der Arbeiter und jedes Regierungsgebдude verbarrikadiert. Gegen zehn Uhr wurden die ersten Gewehrsalven gefeuert und klingelten die ersten Ambulanzen durch die StraЯen. Bei Tagesanbruch wurde in ganz Barcelona geschossen .. . Wдhrend sich der Tag hinzog und die Zahl der Toten auf ьber hundert anschwoll, konnte man ahnen, was sich ereignete. Theoretisch waren die anarchistische C.N.T. und die sozialistische U.G.T. nicht »auf die StraЯe gegangen«. Solange sie hinter den Barrikaden blieben, warteten sie nur aufmerksam, das aber schloss das Recht ein, auf jeden zu schieЯen, der sich bewaffnet auf offener StraЯe zeigte ... (die) allgemeinen ZusammenstцЯe wurden durch pacos noch schlimmer gemacht — dabei handelte es sich um einzelne Mдnner, gewцhnlich Faschisten, die sich auf den Dдchern versteckten und einfach in die Gegend schossen und so die allgemeine Panik steigerten ... Am Mittwoch abend aber wurde es klar, wer hinter der Revolte stand. Alle Wдnde waren mit aufrьhrerischen Plakaten beklebt worden, die die sofortige Revolution und die ErschieЯung aller republikanischen und sozialistischen Anfьhrer forderten. Sie waren unterzeichnet von den >Freunden Durrutis<. Am Donnerstag morgen leugnete die anarchistische Tageszeitung jegliche Kenntnis oder Sympathie mit diesem Plakat, aber La Batalla, die Zeitung der P.O.U.M., druckte das Dokument, begleitet von hцchstem Lob, ab. Als erste Stadt in Spanien wurde Barcelona durch agents provocateurs in ein Blutbad gestьrzt, indem sie sich dieser umstьrzlerischen Organisation bedienten.

Das stimmt nicht ganz mit den kommunistischen Ansichten ьberein, die ich vorher hier zitiert habe, aber man wird sehen, dass dieser Bericht in sich selbst Widersprьche enthдlt. Zunдchst wird die Auseinandersetzung als >eine trotzkistische Revolte< beschrieben. Dann wird sie als Folge des Angriffes auf das Telefongebдude hingestellt, und gleichzeitig wird behauptet, man habe allgemein geglaubt, die Regierung habe es auf die Anarchisten abgesehen. Die Stadt ist verbarrikadiert, und sowohl die C.N.T. wie auch die U.G.T. stehen hinter den Barrikaden. Zwei Tage spдter erscheint das aufrьhrerische Plakat (in Wirklichkeit ein Flugblatt), und damit wird stillschweigend der eigentliche Grund der ganzen Geschichte erklдrt — also Wirkung vor Ursache. Hier findet sich noch eine andere falsche Erklдrung. Mr. Langdon-Davies beschreibt die >Freunde Durrutis< und die Freie Jugend als von der P.O.U.M. >kontrollierte Organisationen<. Beide waren anarchistische Organisationen und hatten keine Verbindung mit der P.O.U.M. Die Freie Jugend war die Jugendliga der Anarchisten und entsprach der J.S.U. in der P.S.U.C. und so weiter. Die >Freunde Durrutis< waren eine kleine Organisation in der F.A.I. und erbitterte Gegner der P.O.U.M. Soweit ich beurteilen kann, gab es niemanden, der in beiden gleichzeitig Mitglied war. Es wдre genauso richtig zu sagen, dass die Sozialistische Liga eine von der englischen liberalen Partei >kontrollierte Organisation< sei. Wusste Mr. Langdon-Davis das nicht? Wenn ja, sollte er mit grцЯerer Vorsicht ьber dieses sehr komplexe Thema geschrieben haben.

Ich mцchte den guten Glauben des Mr. Langdon-Davies nicht in Abrede stellen, aber er gab selbst zu, dass er, sobald die Kдmpfe vorbei waren, Barcelona verlieЯ, also in dem Augenblick, da er ernsthafte Nachforschungen hдtte anstellen kцnnen. In seinem ganzen Bericht finden sich deutliche Zeichen dafьr, dass er die offizielle Version von der >trotzkistischen Revolte< ohne ausreichende Beweise ьbernommen hat. Das wird sogar in dem von mir zitierten Auszug deutlich. Die Barrikaden werden »bei Anbruch der Nacht« gebaut, und die ersten Gewehrsalven werden »gegen zehn Uhr gefeuert«. Das sind nicht die Worte eines Augenzeugen. Hiernach wьrde man annehmen, dass es ьblich ist zu warten, bis der Feind eine Barrikade baut, ehe man beginnt, auf ihn zu schieЯen. Er erweckt den Eindruck, dass zwischen dem Bau der Barrikaden und den ersten Gewehrsalven einige Stunden vergingen, wдhrend es natьrlich umgekehrt war. Ich und viele andere sahen, wie die ersten Gewehrsalven am frьhen Nachmittag gefeuert wurden. Wieder einmal ist die Rede von einzelnen Mдnnern, »gewцhnlich Faschisten«, die von den Dдchern schieЯen. Mr. Langdon-Davies erklдrt nicht, woher er wusste, dass diese Mдnner Faschisten waren. Vermutlich kletterte er nicht auf die Dдcher, um sie zu fragen. Er wiederholte einfach, was man ihm erzдhlt hatte, und da es mit der offiziellen Version ьbereinstimmte, stellte er es nicht in Frage. Ja, er deutete sogar eine wahrscheinliche Quelle seiner Informationen an, wenn er zu Beginn seines Artikels einen unvorsichtigen Hinweis auf den Propagandaminister macht. Die auslдndischen Journalisten in Spanien waren dem Propagandaministerium hoffnungslos ausgeliefert, obwohl man glauben sollte, dass allein der Name dieses Ministeriums eine ausreichende Warnung gewesen wдre. Der Propagandaminister gab natьrlich mit der gleichen Wahrscheinlichkeit eine objektive Darstellung der Unruhen in Barcelona, wie, sagen wir, der verstorbene Lord Carsen eine objektive Darstellung des Aufstandes von 1916 in Dublin gegeben haben wьrde.

Ich habe einige Grьnde dafьr angefьhrt, warum ich glaube, dass die kommunistische Version der Kдmpfe in Barcelona nicht ernst genommen werden kann. AuЯerdem muss ich etwas gegen den allgemeinen Vorwurf sagen, dass die P.O.U.M. eine von Franco und Hitler bezahlte geheime faschistische Organisation gewesen sei.

Dieser Vorwurf wurde in der kommunistischen Presse dauernd wiederholt, besonders nach dem Beginn des Jahres 1937. Es war ein Teil der weltweiten Kampagne der kommunistischen Partei gegen den >Trotzkismus<, fьr dessen spanische Vertretung die P.O.U.M. gehalten wurde. Nach Frente Ro'jo (dem kommunistischen Blatt in Valencia) »ist Trotzkismus nicht eine politische Doktrin. Trotzkismus ist eine offizielle kapitalistische Organisation; eine faschistische Terrorbande, die sich nur mit Verbrechen und Sabotage gegen das Volk beschдftigt«. Die P.O.U.M. war also eine mit den Faschisten verbьndete, >trotzkistische< Organisation und ein Teil der >Fьnften Kolonne Francos<. Es ist bemerkenswert, dass von Anfang an kein Beweis zur Unterstьtzung dieser Anklage vorgebracht wurde. Man verbreitete den Vorwurf einfach mit dem Brustton voller Ьberzeugung, gleichzeitig wurde der Angriff mit einem HцchstmaЯ an persцnlicher Verleumdung vorgetragen und in vollstдndiger Verantwortungslosigkeit gegenьber den Auswirkungen, die sie auf den Verlauf des Krieges haben kцnnten. Viele kommunistische Publizisten haben anscheinend den Verrat militдrischer Geheimnisse im Vergleich zu der Aufgabe der Verleumdung der P.O.U.M. fьr unbedeutend gehalten. So erlaubte man zum Beispiel einer Journalistin (Winifred Bates), in einer Februar-Nummer des Daily Worker zu erklдren, die P.O.U.M. habe an ihrem Frontabschnitt nur die Hдlfte der Truppen, die sie angeblich dort eingesetzt habe. Das war nicht richtig, aber vermutlich glaubte die Journalistin, es sei wahr. So willigten sie und der Daily Worker also ein, dem Feind eine der wichtigsten Informationen zu liefern, die man ihm in den Zeilen einer Zeitung geben kann. In der New Republic schrieb Mr. Ralph Bates, die Truppen der P.O.U.M. »spielten mit den Faschisten im Niemandsland FuЯball«. In Wirklichkeit aber erlitten die P.O.U.M.-Truppen zu dieser Zeit schwere Verluste, und eine Anzahl meiner persцnlichen Freunde wurde getцtet oder verwundet. Nun tauchte auch die verleumderische Karikatur auf, die zuerst in Madrid und spдter in Barcelona ьberall herumgereicht wurde. Sie zeigte die P.O.U.M., die eine mit Hammer und Sichel gezeichnete Maske fallenlieЯ und darunter ein Gesicht mit dem Hakenkreuz zeigte. Hдtte die Regierung nicht praktisch unter kommunistischer Kontrolle gestanden, wьrde sie niemals erlaubt haben, etwas Derartiges wдhrend des Krieges zu verbreiten. Es war ein vorsдtzlicher Schlag nicht nur gegen die Moral der P.O.U.M.-Miliz, sondern gegen jeden anderen, der in ihrer Nдhe lag. Denn es ist nicht gerade ermutigend, wenn man an der Front hцrt, dass die benachbarten Truppeneinheiten Verrдter sind. Ich bezweifle allerdings, dass die Beschimpfungen aus dem Hinterland die Miliz der P.O.U.M. spьrbar demoralisierten, aber sie waren sicherlich darauf angelegt. Jedenfalls mьssen die Verantwortlichen politische Boshaftigkeit hцher gewertet haben als antifaschistische Einheit.

Die Anschuldigungen gegen die P.O.U.M. liefen auf folgendes hinaus: Eine Partei von mehreren zehntausend Menschen, die sich nahezu vollstдndig aus Arbeitern zusammensetzte, auЯerdem ihre zahlreichen auslдndischen Helfer und Freunde, hauptsдchlich Flьchtlinge aus faschistischen Lдndern, dazu noch Tausende von Milizsoldaten, sollten einfach ein riesiger, von den Faschisten bezahlter Spionagering sein. Das widersprach jedem gesunden Menschenverstand, und allein die Vorgeschichte der P.O.U.M. genьgt, diesen Vorwurf unglaubwьrdig zu machen. Sдmtliche Anfьhrer der P.O.U.M. konnten auf eine revolutionдre Vergangenheit zurьckblicken. Einige von ihnen waren an der Revolte von 1934 beteiligt, und die meisten waren unter der Regierung Lerroux oder der Monarchie wegen sozialistischer Tдtigkeit eingekerkert worden. 1936 gehцrte der damalige Parteichef Joaquin Maurin zu den Abgeordneten, die im Cortes vor Francos drohender Revolte warnten. Einige Zeit nach Kriegsausbruch wurde er von den Faschisten gefangen genommen, als er versuchte, Widerstand hinter Francos Linien zu organisieren. Als die Revolte ausbrach, spielte die P.O.U.M. unter den Widerstand leistenden Krдften eine wesentliche Rolle, besonders in Madrid wurden viele ihrer Anhдnger in den StraЯenkдmpfen getцtet. Sie war eine der ersten Parteien, die Milizeinheiten in Katalonien und Madrid aufstellten. Es scheint nahezu unmцglich, diese Ereignisse als Handlungen einer von den Faschisten bezahlten Partei zu erklдren. Eine von den Faschisten bezahlte Partei wьrde sich einfach der anderen Seite angeschlossen haben.

Auch wдhrend des Krieges gab es kein Anzeichen fьr eine profaschistische Tдtigkeit. Man kцnnte einwenden — obwohl ich letztlich nicht zustimme —, die P.O.U.M. habe durch ihre Forderung einer revolutionдren Politik die Krдfte der Regierung aufgespalten und damit den Faschisten geholfen. Ich gebe zu, dass jede Regierung mit reformistischen Ansichten gerechtfertigt ist, eine Partei wie die P.O.U.M. als ein Дrgernis zu betrachten. Das ist aber etwas vцllig anderes als direkter Verrat. Es gibt beispielsweise keine Erklдrung dafьr, warum die Miliz loyal blieb, wenn die P.O.U.M. in Wirklichkeit eine faschistische Partei gewesen wдre. Hier handelte es sich um acht- oder zehntausend Soldaten, die unter den unertrдglichen Bedingungen des Winters 1936/37 wichtige Abschnitte der Front hielten. Viele von ihnen lagen vier oder fьnf Monate hintereinander im Schьtzengraben. Es ist schwer einzusehen, warum sie nicht einfach die Front verlieЯen oder zum Feind ьberliefen. Sie waren jederzeit in der Lage dazu, und die Folgen hдtten damals den Krieg entscheiden kцnnen. Sie setzten jedoch den Kampf fort. Kurz nach der Unterdrьckung der P.O.U.M. als politischer Partei, das Ereignis war noch frisch in jedermanns Erinnerung, beteiligte sich die Miliz — die noch nicht auf die Volksarmee aufgeteilt worden war — an dem mцrderischen Angriff цstlich von Huesca, wo einige tausend Soldaten in ein oder zwei Tagen getцtet wurden. Man hдtte damals zumindest eine Verbrьderung mit dem Feind oder einen stдndigen Strom von Fahnenflьchtigen erwarten kцnnen. Wie ich aber schon vorher sagte, war die Zahl der Fahnenflьchtigen sehr niedrig. Man hдtte auch profaschistische Propaganda >Defдtismus< und дhnliche Reaktionen erwarten kцnnen. Aber auch dafьr gab es nicht das geringste Anzeichen. Sicher gab es einige faschistische Spione und agents provocateurs in der P.O.U.M., sie finden sich in allen linksgerichteten Parteien. Aber es gibt keinen Beweis dafьr, dass in der P.O.U.M. mehr waren als anderswo. Es stimmt, dass in einigen kommunistischen Beschuldigungen etwas widerwillig behauptet wurde, nicht die einfachen Mitglieder, sondern nur die Anfьhrer der P.O.U.M. wьrden von den Faschisten bezahlt. Dabei handelte es sich jedoch nur um den Versuch, einen Keil zwischen die einfachen Mitglieder und die Parteileitung zu treiben. Diese Art der Vorwьrfe unterstellte aber in Wirklichkeit, dass alle einfachen Mitglieder, Milizsoldaten und so weiter in die Verschwцrung verwickelt waren. Denn wenn Nin, Gorkin und die anderen wirklich von den Faschisten bezahlt wurden, musste es doch klar sein, dass ihre Anhдnger, die mit ihnen zusammen waren, dies eher wussten als die Journalisten in London, Paris und New York. Nach der Unterdrьckung der P.O.U.M. handelte die von den Kommunisten kontrollierte Geheimpolizei jedenfalls unter der Annahme, dass alle gleich schuldig waren. Sie verhaftete jeden, der mit der P.O.U.M. etwas zu tun hatte und den sie erwischen konnte, darunter auch Verwundete, Lazarettschwestern und Frauen der P.O.U.M.-Mitglieder, in einigen Fдllen sogar Kinder.

Am 15./16. Juni schlieЯlich wurde die P.O.U.M. unterdrьckt und zur illegalen Organisation erklдrt. Es war eine der ersten Anordnungen der Regierung Negrin, die im Mai ihr Amt antrat. Nachdem das Parteikomitee der P.O.U.M. ins Gefдngnis geworfen worden war, berichtete die kommunistische Presse ьber die angebliche Aufdeckung einer riesigen faschistischen Verschwцrung. Eine Zeitlang hallte die kommunistische Presse der ganzen Welt von diesen Geschichten wider (der Daily Worker vom 21. Juni fasste die Berichte verschiedener spanischer kommunistischer Blдtter zusammen):

Verschwцrung der spanischen Trotzkisten mit Franco

Nach der Verhaftung einer groЯen Anzahl fьhrender Trotzkisten in Barcelona und anderen Stдdten ... wurden am Wochenende Einzelheiten des gespenstischsten Spionageunternehmens bekannt, von dem man je in Kriegszeiten gehцrt hat. Es ist bis heute die hдsslichste Enthьllung eines Verrates der Trotzkisten ... Die Dokumente im Besitz der Polizei und die vollen Gestдndnisse von mehr als zweihundert verhafteten Personen beweisen ... und so weiter, und so weiter.

Diese Enthьllungen >beweisen<, dass die Anfьhrer der P.O.U.M. General Franco durch Funk militдrische Geheimnisse ьbermittelt hatten, mit Berlin in Verbindung standen und mit der geheimen faschistischen Organisation in Madrid zusammenarbeiteten. Ferner brachte man sensationelle Einzelheiten ьber geheime, mit unsichtbarer Tinte geschriebene Botschaften, geheimnisvolle Dokumente, die den Buchstaben N. als Unterschrift trugen (als Abkьrzung fьr Nin) und so weiter, und so fort.

Das endgьltige Ergebnis aber lautete: Sechs Monate nach den Ereignissen, wдhrend ich diesen Bericht schreibe, sind die meisten Anfьhrer der P.O.U.M. zwar immer noch im Gefдngnis, aber keiner ist bisher vor ein Gericht gestellt worden. Die Anschuldigungen ьber die Funkverbindung mit Franco und so weiter sind nicht einmal zu einer Anklageschrift formuliert worden. Wдren sie wirklich der Spionage schuldig gewesen, hдtte man sie innerhalb einer Woche verurteilt und erschossen, wie es mit vielen faschistischen Spionen vorher geschehen war. Aber nicht ein Fetzen Beweis wurde jemals vorgewiesen, auЯer den unbewiesenen Erklдrungen in der kommunistischen Presse. Von den zweihundert »vollen Gestдndnissen« aber, die, wenn sie vorhanden gewesen wдren, ausgereicht hдtten, jeden zu ьberfьhren, hцrte man nie wieder etwas. Sie waren in Wirklichkeit nur zweihundert Hirngespinste eines Schreiberlings.

Darьber hinaus haben die meisten Mitglieder der spanischen Regierung erklдrt, sie glaubten den Anschuldigungen gegen die P.O.U.M. nicht. Kьrzlich hat das Kabinett mit fьnf gegen zwei Stimmen entschieden, die antifaschistischen politischen Gefangenen zu entlassen, die zwei Gegenstimmen kamen von den kommunistischen Kabinettsmitgliedern. Im August reiste eine internationale Kommission unter Fьhrung des Unterhausabgeordneten James Maxton nach Spanien, um die Anschuldigungen gegen die P.O.U.M. und das Verschwinden von Andres Nin zu untersuchen. Prieto, der Minister fьr Nationale Verteidigung, Irujo, der Justizminister, Zugazagoitia, der Innenminister, Ortega y Gasset, der Generalanwalt, Prat Garcia und einige andere erklдrten alle, sie glaubten nicht, dass die Anfьhrer der P.O.U.M. der Spionage schuldig seien. Irujo fьgte hinzu, er habe die Dossiers des Falles gelesen, und keins der so genannten Beweisstьcke kцnne einer Untersuchung standhalten. Das Dokument, das angeblich von Nin unterzeichnet wurde, sei »wertlos«, das heiЯt eine Fдlschung. Prieto glaubte zwar, dass die Anfьhrer der P.O.U.M. fьr die Maikдmpfe in Barcelona verantwortlich waren, lehnte aber die Unterstellung ab, sie seien faschistische Spione. »Es ist besonders schwerwiegend«, fьgte er hinzu, »dass die Verhaftung der P.O.U.M.-Fьhrer nicht von der Regierung beschlossen wurde, sondern die Polizei diese Verhaftungen aus eigener Machtvollkommenheit durchfьhrte. Die Verantwortlichen sind nicht unter den obersten Polizeichefs zu finden, sondern unter ihrem Gefolge, das von den Kommunisten entsprechend ihren ьblichen Gepflogenheiten infiltriert wurde.« Er fьhrte noch andere Fдlle illegaler Verhaftung durch die Polizei an. Irujo erklдrte ebenfalls, die Polizei sei »quasi unabhдngig« geworden und stьnde in Wirklichkeit unter der Kontrolle auslдndischer kommunistischer Elemente. Prieto deutete der Delegation offen an, dass die Regierung es sich nicht leisten kцnne, die kommunistische Partei zu beleidigen, solange die Russen Waffen lieferten. Als eine andere Delegation unter der Fьhrung des Unterhausabgeordneten John McGovern im Dezember nach Spanien reiste, erhielt sie ziemlich die gleiche Antwort wie zuvor. Ja, der Innenminister Zugazagoitia wiederholte Prietos Andeutungen noch klarer. »Wir erhielten Hilfe von Russland und mussten bestimmte MaЯnahmen zulassen, die uns nicht gefielen.« Es mag interessant sein, zur Illustration fьr die Unabhдngigkeit der Polizei zu erfahren, dass selbst McGovern und seine Begleiter mit einem vom Direktor der Gefдngnisse und vom Justizminister unterschriebenen Befehl keinen Zutritt zu den von der kommunistischen Partei in Barcelona unterhaltenen geheimen Gefдngnissen< erhielten (Anm.: Fьr Berichte ьber die zwei Delegationen vergleiche: Le Populaire (7. September), La Fleche (18. September), Bericht ьber die Maxton-Delegation, verцffentlicht durch Independent News (219, Rue St-Denis, Paris) und das Heft von McGovern, Terror in Spanien.).

Ich glaube, das genьgt, um die Sprache zu klдren. Die Anschuldigung, die P.O.U.M. habe Spionage getrieben, beruhte allein auf den Artikeln der kommunistischen Presse und der Tдtigkeit der von den Kommunisten kontrollierten Geheimpolizei. Die Anfьhrer der P.O.U.M. und Hunderte oder Tausende ihrer Anhдnger sind immer noch im Gefдngnis, wдhrend die kommunistische Presse seit sechs Monaten nicht aufhцrt, die Hinrichtung der »Verrдter« zu fordern. Aber Negrin und die anderen haben sich nicht einschьchtern lassen und weigerten sich, ein generelles Massaker der Trotzkisten< durchzufьhren. Man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie das nicht getan haben, wenn man den Druck berьcksichtigt, der auf sie ausgeьbt worden ist. Angesichts dessen, was ich oben zitiert habe, fдllt es sehr schwer zu glauben, dass die P.O.U.M. wirklich eine faschistische Spionageorganisation war. Es sei denn, man glaubt auch, dass Maxton, McGovern, Prieto, Iruja, Zugazagoitia und alle anderen von den Faschisten bezahlt werden.

Nun noch ein Wort zu der Anschuldigung, die P.O.U.M. sei >trotzkistisch<. Das ist ein Wort, mit dem man sehr freizьgig um sich wirft und das in einer Art und Weise gebraucht wird, die дuЯerst irrefьhrend ist und oft irrefьhren soll. Es lohnt sich, ein wenig Zeit auf die Definition zu verwenden. Das Wort Trotzkist wird gebraucht, um drei voneinander verschiedene Dinge zu bezeichnen:

1. jemand, der wie Trotzki, »Weltrevolution« statt »Sozialismus in einem einzelnen Land« befьrwortet, oder etwas allgemeiner, ein revolutionдrer Extremist;

2. ein Mitglied der Organisation, deren Anfьhrer Trotzki ist;

3. ein verkappter Faschist, der sich als Revolutionдr ausgibt und als Saboteur in der UdSSR wirkt, der ьberhaupt versucht, die Krдfte der Linken zu zersplittern und unterminieren.

Nach der Definition Nummer eins kцnnte man wahrscheinlich die P.O.U.M. trotzkistisch nennen, genauso aber auch die englische I.L.P., die deutsche S.A.P., die Linkssozialisten in Frankreich und so weiter. Aber die P.O.U.M. hatte keine Verbindung mit Trotzki oder der trotzkistischen Organisation (»Bolschewistische Leninisten«). Als der Krieg ausbrach, unterstьtzten die nach Spanien gekommenen auslдndischen Trotzkisten (etwa fьnfzehn oder zwanzig) zunдchst die P.O.U.M., ohne Parteimitglieder zu werden. Die P.O.U.M. war einfach die Partei, die ihren eigenen Ansichten am nдchsten stand. Spдter befahl Trotzki seinen Anhдngern, die Politik der P.O.U.M. anzugreifen, und die Trotzkisten wurden aus den Parteiдmtern entfernt, obwohl einige in der Miliz blieben. Nin, der nach Marins Gefangennahme durch die Faschisten die Fьhrung der P.O.U.M. ьbernommen hatte, war frьher einmal ein Sekretдr Trotzkis gewesen. Aber er hatte ihn ein paar Jahre vorher verlassen und die P.O.U.M. durch die Verschmelzung verschiedener oppositioneller, kommunistischer Gruppen mit einer ehemaligen Partei, dem Arbeiter- und Bauern-Block, gebildet. Die ehemalige Verbindung Nins mit Trotzki wurde von der kommunistischen Presse benutzt, um zu zeigen, dass die P.O.U.M. wirklich trotzkistisch sei. In der gleichen Weise kцnnte man beweisen, dass die englische kommunistische Partei in Wirklichkeit eine faschistische Organisation ist, weil Mr. John Strachey frьher Verbindung zu Sir Oswald Mosley hatte.

Nach der Definition Nummer zwei, der einzig exakten Definition des Wortes, war die P.O.U.M. bestimmt nicht trotzkistisch. Es ist wichtig, diese Unterscheidung zu machen, da die Mehrheit der Kommunisten es als selbstverstдndlich annimmt, dass ein Trotzkist der zweiten Definition auch immer ein Trotzkist entsprechend der dritten Definition ist; das heiЯt, die ganze trotzkistische Organisation ist einfach ein faschistischer Spionageapparat. Das Wort >Trotzkismus< wurde erst zur Zeit der russischen Spionageprozesse allgemein bekannt. Seit damals ist die Bezeichnung >Trotzkist< praktisch gleichbedeutend mit der Bezeichnung >Mцrder<, >agent provocateur< und so weiter. Gleichzeitig steht jeder, der die kommunistische Politik nach einem linksgerichteten Gesichtspunkt kritisiert, in Gefahr, als Trotzkist verschrien zu werden. Wird damit also behauptet, dass jeder, der dem revolutionдren Extremismus huldigt, von den Faschisten bezahlt wird?

In der Praxis legt man es jedenfalls je nach den Umstдnden aus. Als Maxton, wie ich oben erwдhnte, mit seiner Delegation nach Spanien ging, brandmarkten Verdad, Frente Rojo und andere spanische kommunistische Zeitungen ihn sofort als einen »trotzkistischen Faschisten«, einen Spion der Gestapo und so weiter. Aber die englischen Kommunisten hьteten sich, diese Anschuldigung zu wiederholen. In der englischen kommunistischen Presse ist Maxton nur ein »reaktionдrer Feind der Arbeiterklasse«, das ist gerade so unbestimmt, wie man es braucht. Der Grund hierfьr liegt selbstverstдndlich in der einfachen Tatsache, dass mehrere harte Lektionen der englischen kommunistischen Presse eine gesunde Furcht vor dem Gesetz gegen Verleumdung eingeflцЯt haben. DaЯ die Anschuldigung in einem Lande, wo man sie vielleicht beweisen muss, nicht wiederholt wurde, ist ein ausreichender Beweis dafьr, dass sie eine Lьge war.

Es mag den Anschein haben, als hдtte ich die Anschuldigung gegen die P.O.U.M. ausfьhrlicher als nцtig erцrtert. Im Vergleich zu dem ungeheuren Elend eines Bьrgerkrieges mag dieser mцrderische Parteienstreit mit seinen unvermeidlichen Ungerechtigkeiten und falschen Anschuldigungen trivial erscheinen. Das ist aber in Wirklichkeit nicht so. Ich bin der Ansicht, dass derartige Verleumdungen, Pressekampagnen und die Denkgewohnheiten, die sich in ihnen manifestieren, der antifaschistischen Sache einen дuЯerst tцdlichen Schaden zufьgen kцnnen.

Wer sich mit der Materie befasst hat, weiЯ, dass diese kommunistische Taktik der Bekдmpfung politischer Gegner mit aufgebauschten Anschuldigungen nichts Neues ist. Heute heiЯt die Parole »trotzkistischer Faschist«, gestern lautete sie »sozialistischer Faschist«. Es ist erst sechs oder sieben Jahre her, dass in den russischen Staatsprozessen >bewiesen< wurde, dass die Anfьhrer der Zweiten Internationale, einschlieЯlich Leon Blums und prominenter Mitglieder der britischen Labour-Partei, eine riesige Verschwцrung zur militдrischen Invasion der UdSSR ausheckten. Aber heute sind die franzцsischen Kommunisten glьcklich, Blum als Fьhrer anzuerkennen, und setzen die englischen Kommunisten Himmel und Hцlle in Bewegung, in die Labour-Partei hineinzukommen. Ich bezweifle, ob sich das auszahlt, wahrscheinlich tut es das nicht einmal fьr die Auseinandersetzung mit einer Splittergruppe. Es gibt jedoch keinen Zweifel darьber, wie viel Hass und Zwiespalt die Anschuldigung >trotzkistischer Faschist verursacht. Ьberall werden die einfachen Kommunisten verfьhrt, eine sinnlose Hexenjagd auf >Trotzkisten< zu veranstalten. Parteien wie die P.O.U.M. werden in die vцllig unfruchtbare Position zurьckgetrieben, als rein antikommunistische Parteien zu gelten. Schon zeigt sich der Anfang einer gefдhrlichen Spaltung in der Weltarbeiterbewegung. Noch ein paar Verleumdungen ьberzeugter Sozialisten, noch einige Intrigen, wie die Anschuldigungen gegen die P.O.U.M., und die Spaltung wird unьberbrьckbar sein. Die einzige Hoffnung besteht darin, die politische Auseinandersetzung auf einer Ebene zu halten, auf der eine erschцpfende Diskussion mцglich ist. Es besteht ein echter Gegensatz zwischen den Kommunisten und denjenigen, die links von ihnen stehen oder diese Position beanspruchen. Die Kommunisten behaupten, der Faschismus kцnne durch ein Bьndnis mit Gruppen der kapitalistischen Klasse geschlagen werden (die Volksfront). Ihre Gegner behaupten, dieses Manцver schaffe nur neue Brutstдtten fьr den Faschismus. Diese Frage muss gelцst werden. Wenn wir die falsche Entscheidung treffen, kцnnten wir fьr Jahrhunderte in halber Sklaverei enden. Solange aber kein anderes Argument vorgebracht wird als der Schrei >trotzkistischer Faschist<, kann die Diskussion nicht einmal anfangen. Fьr mich wдre es zum Beispiel unmцglich, mit einem kommunistischen Parteimitglied ьber Recht oder Unrecht der Kдmpfe in Barcelona zu debattieren. Denn kein Kommunist — das heiЯt kein >guter< Kommunist — kцnnte zugeben, dass ich eine wahrhaftige Schilderung der Ereignisse gegeben habe. Wьrde er pflichtgemдЯ seiner Partei->Linie< folgen, mьsste er erklдren, ich lьge, oder bestenfalls, ich sei, hoffnungslos verfьhrt worden. Er mьsste sagen, dass jeder, der, viele tausend Kilometer vom wahren Geschehen entfernt, flьchtig die Schlagzeilen des Daily Worker liest, mehr ьber das Geschehen in Barcelona weiЯ als ich. Unter diesen Umstдnden gibt es keine Argumente, das notwendige Minimum fьr ein Einverstдndnis lдsst sich nicht erzielen. Welchen Zweck hat es zu sagen, Leute wie Maxton wьrden von den Faschisten bezahlt; dadurch wird jede ernsthafte Diskussion unmцglich. Das ist genauso, als ob ein Spieler mitten in einem Schachwettkampf plцtzlich laut schreiend behauptete, sein Gegner sei ein Brandstifter oder Bigamist. Der eigentliche Streitpunkt bleibt dabei unberьhrt, durch Verleumdung kann man nichts entscheiden.

Etwa drei Tage nach dem Ende der Kдmpfe in Barcelona kehrten wir an die Front zurьck. Nach den Kдmpfen — besonders nach der Verleumdungskampagne in den Zeitungen — war es schwer, diesen Krieg in der gleichen naiven, idealistischen Weise wie vorher zu betrachten. Ich glaube, es gibt niemand, der nicht in einem gewissen Umfang seine Illusionen verloren hat, wenn er lдnger als einige Wochen in Spanien gewesen ist. In Gedanken sah ich den Zeitungskorrespondenten, den ich am ersten Tag in Barcelona getroffen hatte und der mir sagte: »Dieser Krieg ist genau wie jeder andere ein Betrug.« Diese Bemerkung hatte mich tief erschьttert, und ich glaubte damals im Dezember nicht, dass sie richtig sei. Sie stimmte nicht einmal jetzt im Mai, aber sie kam der Wahrheit immer nдher. In Wirklichkeit unterliegt jeder Krieg mit jedem Monat, den er lдnger dauert, einer gewissen sich steigernden Entartung. Begriffe wie individuelle Freiheit und wahrhafte Presse kцnnen einfach nicht mit dem militдrischen Nutzeffekt konkurrieren.

Es war jetzt mцglich, sich Gedanken darьber zu machen, was weiter geschehen wьrde. Man konnte leicht erkennen, dass die Regierung Caballero gestьrzt und durch eine stдrker rechtsgerichtete Regierung unter grцЯerem kommunistischem Einfluss ersetzt werden wьrde (was tatsдchlich ein oder zwei Wochen spдter geschah). Diese Regierung wьrde es sich zur Aufgabe machen, die Macht der Gewerkschaften ein fьr allemal zu brechen. Auch spдter, nach dem Sieg ьber Franco, wьrden die Aussichten nicht rosig sein, selbst wenn man einmal die gewaltigen Probleme auЯer acht lieЯ, die sich aus der Neugestaltung Spaniens ergaben. Die Darstellungen in der Zeitung vom »Krieg fьr die Demokratie« waren leeres Gewдsch. Kein vernьnftiger Mensch nahm an, dass es in einem bei Kriegsende so geteilten und erschцpften Land wie Spanien noch eine Hoffnung fьr die Demokratie geben kцnne, selbst nicht so, wie wir sie in England oder Frankreich kennen. Eine Diktatur musste kommen, und es war klar, dass die Chancen einer Diktatur der Arbeiterklasse vorbei waren. Das hieЯ, dass die allgemeine Entwicklung in die Richtung einer Spielart des Faschismus gehen wьrde. Dieser Faschismus wьrde zweifellos eine hцflichere Bezeichnung haben und, da es sich um Spanien handelte, menschlicher und weniger wirkungsvoll ausfallen als die deutschen und italienischen Abarten. An weiteren Alternativen gab es nur eine unendlich schlimmere Diktatur unter Franco oder die Beendigung des Krieges durch die schon immer vorhandene Mцglichkeit der Aufteilung Spaniens, entweder entlang den tatsдchlichen Fronten oder nach wirtschaftlichen Zonen.

Das war eine bedrьckende Aussicht, wie immer man es auch sehen mochte. Aber daraus lieЯen sich nicht folgern, es sei nicht wert, fьr die Regierung gegen den offenen und weiter entwickelten Faschismus Francos und Hitlers zu kдmpfen. Mochte die Nachkriegsregierung groЯe Fehler haben, Francos Regime wьrde sicherlich schlimmer sein. Fьr die Arbeiter, das Proletariat in den Stдdten, mochte es am Ende wenig ausmachen, wer gewann, denn Spanien ist vor allem ein Agrarland, und die Bauern wьrden mit ziemlicher Gewissheit aus einem Sieg der Regierung Nutzen ziehen. Zumindest ein Teil des eroberten Landes wьrde in ihrem Besitz bleiben, das aber hieЯ, dass auch in den Gebieten, die unter Francos Herrschaft gestanden hatten, Land verteilt wьrde. Es war auch nicht anzunehmen, dass die tatsдchlich in einigen Gebieten — Spaniens vorher vorhandene Knechtschaft wiederhergestellt wьrde. Jedenfalls mьsste die bei Kriegsende herrschende Regierung antiklerikal und antifeudal sein. Sie wьrde, zumindest fьr eine gewisse Zeit, die Kirche unter Kontrolle halten und das Land modernisieren mьssen, zum Beispiel StraЯen bauen, die Erziehung und die цffentliche Gesundheit fцrdern. Schon wдhrend des Krieges hatte man bis zu einem gewissen Grade etwas in dieser Richtung unternommen. Franco dagegen war fest an die groЯen feudalen Landbesitzer gebunden und vertrat eine engstirnige klerikal-militдrische Reaktion, soweit er nicht lediglich eine Marionette Italiens oder Deutschlands war. Mцglicherweise war die Volksfront ein Betrug, aber Franco war ein Anachronismus. Nur Millionдre oder Romantiker konnten sich seinen Sieg wьnschen.

AuЯerdem ging es um die Frage des internationalen Prestiges des Faschismus. Dieses Problem hatte mich seit ein oder zwei Jahren wie ein Alpdruck verfolgt. Seit 1930 hatten die Faschisten nur Siege errungen, so war es an der Zeit, dass sie einmal geschlagen wurden, und es kam kaum darauf an, von wem. Trieben wir Franco und seine auslдndischen Sцldner ins Meer, wьrde das die Weltsituation gewaltig verbessern, selbst wenn Spanien unter einer Diktatur daraus hervorginge und seine besten Leute ins Gefдngnis kдmen. Allein schon eine Niederlage des Faschismus war es wert, den Krieg zu gewinnen.

So sah ich die Dinge damals. Ich sollte hinzufьgen, dass ich heute besser ьber die Regierung Negrin denke als bei seinem Amtsantritt. Sie hat den schwierigen Kampf mit prдchtigem Mut durchgehalten und mehr politische Toleranz bewiesen, als irgend jemand erwartete. Aber ich glaube immer noch, dass eine Nachkriegsregierung eine faschistische Neigung haben wird, es sei denn, Spanien wьrde mit allen unvorhersehbaren Konsequenzen geteilt. Wieder einmal lasse ich diese Ansicht stehen, wie sie ist, und nehme das Risiko auf mich, dass die Zeit mit mir machen wird, was sie mit den meisten Propheten getan hat.

Wir waren gerade an der Front angekommen, als wir hцrten, dass Bob Smillie auf seinem Weg zurьck nach England an der Grenze verhaftet, nach Valencia gebracht und in ein Gefдngnis geworfen worden sei. Smillie war seit dem vergangenen Oktober in Spanien gewesen. Einige Monate lang hatte er im Bьro der P.O.U.M. gearbeitet. Als dann die anderen I.L.P.-Mitglieder ankamen, war er mit der Absicht in die Miliz eingetreten, drei Monate an die Front zu gehen, ehe er nach England zurьckkehrte, um sich dort an einer Propagandatour zu beteiligen. Es dauerte einige Zeit, ehe wir ausfindig machen konnten, warum er verhaftet worden war. Man hielt ihn incomunicado, so dass nicht einmal ein Rechtsanwalt zu ihm konnte. In Spanien gibt es kein Habeas corpus, jedenfalls nicht in der Praxis, und man kann monatelang ununterbrochen im Gefдngnis festgehalten werden, ohne dass Anklage erhoben wird, geschweige denn ein Urteil ergeht. SchlieЯlich hцrten wir von einem entlassenen Gefangenen, dass Smillie verhaftet worden sei, weil er »Waffen trug«. Wie ich zufдllig wusste, waren diese »Waffen« zwei Handgranaten primitivster Art, wie sie bei Kriegsbeginn benutzt wurden. Zusammen mit Granatsplittern und anderen Souvenirs hatte er sie mit nach Hause nehmen wollen, um bei seinen Vortrдgen ein wenig damit anzugeben. Die Ladung und die Zьnder waren entfernt worden, so blieben nur die vollstдndig harmlosen Stahlzylinder ьbrig. Das war aber offensichtlich nur ein Vorwand, und man hatte ihn vielmehr wegen seiner bekannten Verbindung mit der P.O.U.M. verhaftet. Die Kдmpfe in Barcelona waren gerade zu Ende, und die Behцrden bemьhten sich in diesem Augenblick sehr, niemand aus Spanien herauszulassen, der in der Lage gewesen wдre, der offiziellen Version zu widersprechen. So wurden also Menschen unter mehr oder weniger nichtigen Vorwдnden an der Grenze verhaftet. Es ist sehr gut mцglich, dass anfangs nur beabsichtigt war, Smillie einige Tage festzuhalten. Unglьcklicherweise bleibt man aber in Spanien mit oder ohne Urteil fьr lдngere Zeit im Gefдngnis, wenn man erst einmal dort ist.

Wir lagen immer noch vor Huesca, aber man hatte uns weiter nach rechts, gegenьber der faschistischen Feldschanze, aufgestellt, die wir einige Wochen vorher vorьbergehend erobert hatten. Ich fungierte jetzt als teniente, das entspricht dem Leutnant der britischen Armee, soviel ich weiЯ. Ich fьhrte das Kommando ьber dreiЯig Mдnner, Englдnder und Spanier. Mein Name war zur Bestдtigung einer regulдren Offiziersstelle gemeldet worden. Ob ich sie erhalten wьrde, war ungewiss. Bisher hatten sich die Milizoffiziere geweigert, regulдre Offiziersstellen einzunehmen, da dies hцheren Sold bedeutete und sie in Konflikt mit der Gleichheitsidee in der Miliz brachte. Aber sie mussten sich jetzt dazu bequemen. Benjamin war schon offiziell zum Hauptmann ernannt worden, und Kopp sollte zum Major befцrdert werden. Natьrlich konnte die Regierung nicht auf die Milizoffiziere verzichten, aber sie bestдtigte keinen von ihnen in einem hцheren Rang als dem des Majors. Wahrscheinlich tat sie das, um die hцheren Kommandoposten fьr regulдre Armeeoffiziere oder die neuen Offiziere der Kriegsschule freizuhalten. Als Ergebnis gab es in unserer 29. Division und zweifellos in vielen anderen Einheiten zeitweilig die seltsame Situation, dass der Divisionskommandeur, die Brigadekommandeure und die Bataillonskommandeure alle nur Major waren.

An der Front ereignete sich nicht viel. Die Schlacht um die StraЯe nach Jaca war erloschen und flammte vor Mitte Juni nicht wieder auf. Scharfschьtzen waren das Hauptьbel in unserer Stellung. Die faschistischen Schьtzengrдben lagen mehr als hundertfьnfzig Meter entfernt, aber auf hцherem Gelдnde und zu beiden Seiten unserer Stellung, die hier einen rechten Winkel bildete. Die Ecke des Winkels war eine gefдhrliche Stelle. Dort hatte es schon mehrere Verluste durch Scharfschьtzen gegeben. Von Zeit zu Zeit feuerten die Faschisten einen Gewehrgranatwerfer oder eine дhnliche Waffe auf uns ab. Sie machte einen schauderhaften Krach und war entnervend, denn man konnte sie nicht rechtzeitig genug hцren, um ihr auszuweichen. Aber sie war in Wirklichkeit nicht gefдhrlich. Sie schlug nur ein Loch von der GrцЯe eines Waschfasses in die Erde. Die Nдchte waren angenehm warm, die Tage glьhend heiЯ. Die Moskitos wurden unertrдglich, und trotz der sauberen Kleidung, die wir aus Barcelona mitgebracht hatten, waren wir fast sofort wieder verlaust. In den verlassenen Obstgдrten drauЯen im Niemandsland wurden die Kirschen schon hell. Zwei Tage lang hatten wir Regenfдlle, die Unterstдnde wurden ьberflutet, und die Brustwehr sank dreiЯig Zentimeter ein. Danach mussten wir wieder einige Tage den klebrigen Ton mit den elenden spanischen Spaten, die sich wie Blechlцffel verbiegen, ausgraben.

Fьr jede Kompanie war uns ein Grabenmцrser versprochen worden, und ich wartete schon mit Freude darauf. Nachts gingen wir wie gewцhnlich auf Spдhtrupp, nur war es jetzt gefдhrlicher als frьher, denn die faschistischen Schьtzengrдben waren besser besetzt und sie waren jetzt vorsichtiger geworden. Sie hatten Blechbьchsen direkt vor die Drahtverhaue gelegt und schossen sofort mit Maschinengewehren, wenn sie nur einen Ton hцrten. Wдhrend des Tages schossen wir aus einem Scharfschьtzennest im Niemandsland auf ihre Stellungen. Wenn man hundert Meter vorwдrtskroch, kam man zu einem Graben, der hinter hohem Gras verborgen lag und eine Lьcke in der faschistischen Brustwehr beherrschte. In diesem Graben hatten wir ein Gewehrnest eingerichtet. Wenn man lange genug wartete, konnte man regelmдЯig eine in Khaki gekleidete Figur hinter der Lьcke schnell vorbeischlьpfen sehen. Ich schoss verschiedene Male. Ich weiЯ nicht ob ich jemand traf; es ist sehr unwahrscheinlich, denn ich bin ein sehr schlechter Gewehrschьtze. Aber es war immerhin ein ziemlicher SpaЯ, da die Faschisten nicht wussten, woher die Schьsse kamen, und ich war sicher, dass ich einen von ihnen frьher oder spдter erwischen wьrde. Aber der Jдger wurde zum Gejagten — ein faschistischer Scharfschьtze erwischte statt dessen mich. Ich war etwa zehn Tage wieder an der Front, als es geschah. Das ganze Erlebnis, von einer Kugel getroffen zu werden, ist sehr interessant, und ich glaube, dass es sich lohnt, die nдheren Einzelheiten zu beschreiben.

Um fьnf Uhr morgens stand ich an der Ecke der Brustwehr. Das war immer eine gefдhrliche Zeit, denn wir hatten die Morgendдmmerung hinter unserem Rьcken, und wenn man den Kopf ьber die Brustwehr hinaussteckte, hob er sich deutlich gegen den Himmel ab. Vor dem Wachwechsel sprach ich mit dem Wachtposten. Plцtzlich, mitten im Satz, spьrte ich — nun, es ist sehr schwer zu beschreiben, was ich spьrte, obwohl ich mich mit дuЯerster Anschaulichkeit daran erinnere.

Grob gesprochen hatte ich das Gefьhl, mich im Zentrum einer Explosion zu befinden. Es war wie ein lauter Knall und ein blendender Lichtblitz, der mich ganz umschloss, zugleich fьhlte ich einen gewaltigen StoЯ — keinen Schmerz, nur einen heftigen Schock, wie man ihn bei einem elektrischen Schlag bekommt. Dabei hatte ich ein Gefьhl дuЯerster Schwдche, als ob ich zerschlagen werde und zu einem Nichts einschrumpfte. Die Sandsдcke vor mir traten in eine unendliche Entfernung zurьck. Ich glaube, man fьhlt dasselbe, wenn man von einem Blitz getroffen wird. Ich wusste sofort, dass ich getroffen worden war, aber wegen des Knalles und Blitzes dachte ich, es sei von einem Gewehr, das zufдllig in der Nдhe losgegangen war. Alles ereignete sich in einem Zeitraum von weniger als einer Sekunde. Im nдchsten Augenblick wurden meine Knie weich und ich fiel, dabei schlug mein Kopf mit einem heftigen Schlag auf den Boden, was ich zu meiner Erleichterung aber nicht spьrte. Ich hatte ein dumpfes, betдubendes Gefьhl, das Bewusstsein, dass ich sehr schwer verwundet worden war, aber keinen Schmerz in normalem Sinne.

Der amerikanische Wachtposten, mit dem ich mich unterhalten hatte, stьrzte auf mich zu. »Bei Gott! Bist du getroffen?« Die Mдnner kamen herbei. Es gab die ьbliche Aufregung: »Hebt ihn auf! Wo hat es ihn erwischt? Macht sein Hemd auf!« Der Amerikaner fragte nach einem Messer um mein Hemd aufzuschneiden. Ich wusste, dass ich eins in meiner Tasche hatte, und versuchte es herauszunehmen, aber dann entdeckte ich, dass mein rechter Arm gelдhmt war. Ich hatte eine gewisse Genugtuung, dass ich keine Schmerzen fьhlte, und ich dachte, darьber wird sich meine Frau freuen. Sie hatte sich immer gewьnscht, dass ich verwundet wьrde, denn sie sagte, dadurch werde mir erspart, in der groЯen Schlacht getцtet zu werden. Erst jetzt begann ich mich zu fragen, wo ich getroffen worden war und wie schlimm. Ich konnte nichts fьhlen, aber ich war mir bewusst, dass die Kugel irgendwo vorne am Kцrper getroffen hatte. Als ich versuchte zu sprechen, merkte ich, dass ich keine Stimme hatte, nur ein schwaches Gurgeln. Aber beim zweiten Versuch gelang es mir zu fragen, wo ich getroffen worden sei. Sie sagten, am Hals. Harry Webb, der unsere Tragbahre versorgte, brachte ein Verbandspдckchen und eine kleine Flasche mit Alkohol, die man uns fьr die Erste Hilfe gegeben hatte. Als sie mich aufhoben, stьrzte eine Menge Blut aus meinem Mund, und ich hцrte, wie ein Spanier hinter mir sagte, die Kugel sei genau durch meinen Hals hindurchgegangen. Ich fьhlte, wie der Alkohol, der normalerweise wie die Hцlle brennen wьrde, mit angenehmer Kьhle auf meine Wunde spritzte.

Sie legten mich wieder hin, wдhrend einige Mдnner die Tragbahre holten. Sobald ich wusste, dass die Kugel meinen Hals glatt durchschlagen hatte, war ich davon ьberzeugt, dass es mit mir zu Ende sei. Ich hatte noch nie von einem Mann oder einem Tier gehцrt, dem eine Kugel mitten durch den Hals geschossen wurde und der dann am Leben blieb. Aus meinem Mundwinkel tropfte Blut. Ich glaubte, die Arterie sei durchschlagen. Ich wunderte mich, wie lange man wohl noch lebt, wenn die Halsschlagader durchschnitten ist. Vermutlich nicht viele Minuten. Alles war sehr verschwommen. Zwei Minuten lang etwa muss ich angenommen haben, dass ich schon tot sei, und auch das war sehr interessant; ich meine, es ist interessant zu wissen, was fьr Gedanken man in solch einem Augenblick hat. Mein erster Gedanke beschдftigte sich konventionell genug mit meiner Frau. Mein zweiter Gedanke war ein leidenschaftlicher Widerspruch dagegen, dass ich die Welt verlassen sollte, die mir alles in allem ganz gut gefiel. Ich hatte Zeit genug, das sehr lebhaft zu empfinden. Dieses dumme Unglьck machte mich richtig wьtend. So eine sinnlose Geschichte! Wegen der Sorglosigkeit eines Augenblickes nicht einmal in der Schlacht, sondern in der muffigen Ecke eines Schьtzengrabens umgelegt zu werden! Ich dachte auch an den Mann, der mich erschossen hatte, und fragte mich, wie er wohl aussehen mцge, ob er ein Spanier oder ein Auslдnder sei und ob er wisse, dass er mich getroffen habe. Eigentlich konnte ich ihn nicht richtig hassen. Ich dachte mir, dass ich ihn, da er ja ein Faschist war, auch getцtet hдtte, wenn es mir mцglich gewesen wдre. Und hдtte man ihn gefangen und zu uns gebracht, hдtte ich ihm nur zu seinem guten Schuss gratuliert. Es mag natьrlich sein, dass man ganz andere Gedanken hat, wenn man wirklich stirbt.

Sie hatten mich gerade auf die Tragbahre gelegt, als mein gelдhmter Arm wieder lebendig wurde und verdammt schmerzte. Zunдchst aber ermutigten mich die Schmerzen, denn ich wusste, dass Gefьhle nicht heftiger werden, wenn man stirbt. Ich fьhlte mich wieder etwas normaler, und die vier armen Teufel taten mir leid, die unter der Tragbahre auf ihren Schultern schwitzten und ausglitten. Die Entfernung zum Ambulanzwagen betrug etwa zweieinhalb Kilometer, und es war ein ziemlich ьbler Weg ьber holprige, glitschige Pfade. Ich wusste, wie sehr man darunter schwitzt, denn ein oder zwei Tage vorher hatte ich selbst geholfen, einen verwundeten Mann hinunterzutragen. Die Blдtter der Silberpappeln, die an einigen Stellen unseren Schьtzengraben einsдumten, wischten ьber mein Gesicht. Ich dachte nun, wie gut es doch sei, noch in einer Welt zu leben, in der Silberpappeln wuchsen. Wдhrend der ganzen Zeit aber hatte ich einen hцllischen Schmerz in meinem Arm. Ich fluchte und versuchte dann wieder, nicht zu fluchen, denn jedes Mal, wenn ich tief atmete, schдumte das Blut aus meinem Mund.

Der Doktor verband die Wunde neu, gab mir eine Morphiumspritze und schickte mich nach Sietamo. Das Lazarett in Sietamo bestand aus schnell errichteten Holzhьtten, wo man in der Regel die Verwundeten nur ein paar Stunden lieЯ, ehe sie nach Barbastro oder Lerida geschickt wurden. Ich war vom Morphium benommen, hatte aber noch immer groЯe Schmerzen, konnte mich praktisch nicht bewegen und schluckte dauernd Blut. Es war typisch fьr die Methoden in einem spanischen Lazarett, dass die ungeьbte Krankenschwester versuchte, mir in diesem Zustand das normale Lazarettessen einzutrichtern. Es bestand aus einem riesigen Teller Suppe, Eiern, einem fetten Stew und so weiter, sie schien ьberrascht zu sein, dass ich es nicht zu mir nahm. Ich fragte nach einer Zigarette, aber es war gerade eine jener Zeiten, in denen es keinen Tabak gab, und im ganzen Lazarett war keine einzige Zigarette aufzutreiben. Dann kamen zwei Kameraden an mein Bett, denen man erlaubt hatte, die Front einige Stunden zu verlassen.

»Hallo! Du lebst? Wie geht's? Gut. Wir mцchten deine Uhr und deinen Revolver und deine elektrische Taschenlampe haben. Und dein Messer, wenn du eins hast.«

Sie machten sich mit meinem gesamten beweglichen Besitz davon. So ging es jedes Mal, wenn ein Mann verwundet wurde. Alles, was er besaЯ, wurde sofort aufgeteilt, und das war richtig, denn Uhren, Revolver und дhnliches waren an der Front sehr kostbar, und wenn sie im Gepдck eines Verwundeten mit zurьckgingen, wurden sie ganz gewiss irgendwo am Wege gestohlen.

Am Abend waren genug Kranke und Verwundete zusammengekommen, um einige Ambulanzwagen zu fьllen, und man sandte uns nach Barbastro. Was fьr eine Reise! Es hieЯ, man genese in diesem Kriege nur, wenn man an einem der дuЯeren Glieder verwundet wurde, man mьsse aber immer sterben, wenn man eine Wunde im Inneren des Leibes habe. Ich wusste jetzt, warum. Niemand mit inneren Blutungen hдtte diese kilometerlange Fahrt im holpernden Wagen ьber eine SchotterstraЯe, die durch schwere Lastwagen vцllig ausgefahren und seit Kriegsbeginn nicht mehr ausgebessert worden war, ьberstehen kцnnen. Peng! Bum! Holterdiepolter! Diese Fahrt versetzte mich in meine frьhe Kindheit zurьck, und ich erinnerte mich an einen schrecklichen Apparat, das so genannte Wiggle-Woggle in der Ausstellung der >WeiЯen Stadt<. Man hatte vergessen, uns auf der Tragbahre festzubinden. Ich hatte noch genug Kraft in meinem linken Arm, um mich festzuhalten, aber ein armer Kerl flog auf den Boden und litt Gott weiЯ was fьr Schmerzen. Ein anderer, der noch gehen konnte, saЯ in der Ecke der Ambulanz und erbrach sich im ganzen Umkreis. Das Lazarett in Barbastro war ьberfьllt. Die Betten standen so nahe aneinander, dass sie sich fast berьhrten. Am nдchsten Morgen wurde eine Anzahl von uns in den Lazarettzug geladen und nach Lerida hinabgeschickt.

Ich blieb fьnf oder sechs Tage in Lerida. Es war ein groЯes Lazarett, in dem Kranke, Verwundete und normale Zivilpatienten mehr oder weniger durcheinander lagen. Einige Mдnner in meiner Abteilung hatten abscheuliche Wunden. Im Bett neben mir lag ein Bursche mit schwarzem Haar, der unter irgendeiner Krankheit litt und der eine Medizin bekam, die seinen Urin so grьn wie Smaragd fдrbte. Seine Bettflasche war eine Sehenswьrdigkeit in der ganzen Abtei-

lung. Ein Englisch sprechender hollдndischer Kommunist hatte gehцrt, dass ein Englдnder im Lazarett liege, und brachte mir englische Zeitungen und freundete sich mit mir an. Er war in den Oktoberkдmpfen schrecklich verwundet worden und hatte es irgendwie geschafft, sich im Lazarett von Lerida anzusiedeln und eine der Krankenschwestern zu heiraten. Sein Bein war durch die Wunde so eingeschrumpft, dass es nicht dicker als mein Arm war. Zwei Milizsoldaten, die ich in der ersten Woche an der Front kennenlernte, hatten Urlaub und kamen, um einen verwundeten Freund zu besuchen. Sie erkannten mich. Die Jungens waren etwa achtzehn Jahre alt. Sie standen unbeholfen an meinem Bett und versuchten, etwas zu sagen. Um zu zeigen, wie leid es ihnen tat dass ich verwundet worden war, nahmen sie plцtzlich ihren ganzen Tabak aus der Tasche, gaben ihn mir und rannten davon, ehe ich ihn zurьckgeben konnte. Wie typisch spanisch! Ich erfuhr spдter, dass man in der ganzen Stadt keinen Tabak kaufen konnte und sie mir die Ration einer vollen Woche gegeben hatten.

Nach einigen Tagen konnte ich aufstehen und mit dem Arm in der Binde umherspazieren. Wenn der Arm herabhing, schmerzte er jedoch sehr. Gleichzeitig hatte ich auch ziemlich heftige innere Schmerzen, die durch meinen Fall verursacht worden waren. Meine Stimme war fast vollkommen verschwunden. Aber nicht einen Augenblick verspьrte ich Schmerzen von der Wunde selbst. Das ist anscheinend der Normalfall. Der ungeheure Schlag der Kugel verhindert ein direktes Gefьhl in der Wunde. Der Splitter einer Granate oder Handgranate, der sehr ausgezackt ist und der einen normalerweise weniger schwer trifft, wьrde wahrscheinlich wie der Teufel schmerzen. Auf dem Lazarettgelдnde gab es einen netten Garten mit einem Teich mit Goldfischen und kleinen dunkelgrauen Fischen; ich glaube, es waren Ukeleie. Ich saЯ stundenlang und beobachtete sie. Durch die Behandlung in Lerida erhielt ich einen Einblick in das Lazarettwesen an der aragonischen Front. Ob es an anderen Fronten auch so ist, weiЯ ich nicht. Die Lazarette waren schon sehr gut. Die Дrzte waren fдhige Leute, und es schien keinen Mangel an Medizin oder Ausrьstung zu geben. Aber man machte zwei schlimme Fehler, wodurch zweifellos Hunderte oder Tausende von Mдnnern gestorben sind, die man hдtte retten kцnnen.

Der eine Fehler bestand darin, dass alle Lazarette im weiten Umkreis hinter der Front mehr oder weniger nur als Feldlazarett und Durchgangsstation benutzt wurden. Folglich wurde man dort nur dann behandelt, wenn die Verwundung zu schwer und ein Transport unmцglich war. Theoretisch wurden die meisten Verwundeten direkt nach Barcelona oder Tarragona geschickt, aber wegen des mangelnden Transportraums dauerte es oft eine Woche oder zehn Tage, bis sie nach dort kamen. Man lieЯ sie in Sietamo, Barbastro, Monzon, Lerida und anderen Orten warten. Wдhrend dieser Zeit erhielten sie keine Behandlung, auЯer gelegentlich einem sauberen Verband, manchmal aber nicht einmal das. Mдnner mit abscheulichen Granatwunden und zerschmetterten Knochen wurden in eine Art Verschalung aus Verbandmull und Gips eingehьllt. Die Bezeichnung der Wunde wurde mit Bleistift auЯen aufgeschrieben, und normalerweise wurde die Verschalung nicht entfernt, ehe der Mann zehn Tage spдter in Barcelona oder Tarragona ankam. Unterwegs war es nahezu ausgeschlossen, dass die Wunden untersucht wurden. Die wenigen Дrzte konnten mit der Arbeit nicht fertig werden. Sie gingen einfach schnell an den Betten vorbei und sagten: »Ja, ja, sie werden euch in Barcelona behandeln.« Wir hцrten nur jeden Tag das Gerьcht, dass der Lazarettzug manana nach Barcelona abfahre. Der zweite Fehler bestand im Mangel an guten Krankenschwestern. Anscheinend gab es nicht genug ausgebildete Schwestern in Spanien, vielleicht weil diese Arbeit vor dem Kriege hauptsдchlich von Nonnen getan wurde.

Ich kann mich nicht ьber die spanischen Schwestern beklagen, sie behandelten mich immer mit der grцЯten Gьte, aber sie waren zweifellos schrecklich unwissend. Alle konnten die Temperatur messen, und einige wussten auch, wie man einen Verband anlegt, das war aber auch alles. So geschah es, dass die Mдnner, die zu krank waren, um fьr sich selbst zu sorgen, oft in schmachvoller Weise vernachlдssigt wurden. Die Krankenschwestern lieЯen einen Mann mit Darmverstopfung eine Woche lang liegen, ohne dass sie sich um ihn kьmmerten. Nur selten wuschen sie diejenigen, die zu schwach waren, um sich selbst zu waschen. Ich erinnere mich an einen armen Teufel mit einem zerschmetterten Arm, der mir erzдhlte, dass er drei Wochen lang gelegen hatte, ohne dass sein Gesicht gewaschen wurde. Selbst die Betten wurden tagelang nicht gemacht. Das Essen war in allen Hospitдlern gut, tatsдchlich zu gut. In Spanien schien es noch mehr als anderswo eine Tradition zu sein, die Kranken mit schwerem Essen voll zu stopfen. In Lerida waren die Mahlzeiten unglaublich. Das Frьhstьck, ungefдhr um sechs Uhr morgens, bestand aus Suppe, einem Omelette, Stew, Brot, WeiЯwein und Kaffee. Und das Mittagessen war noch umfangreicher. Diese Verpflegung gab es zu einer Zeit, als der grцЯere Teil der Zivilbevцlkerung ziemlich unterernдhrt war. Die Spanier scheinen von leichter Diдt nicht viel zu halten. Sie geben Kranken wie Gesunden das gleiche Essen — die reiche, fette Kьche und alles in Olivenцl getrдnkt.

Eines Morgens wurde bekannt gegeben, die Leute in meiner Abteilung sollten heute nach Barcelona geschickt werden. Es gelang mir, meiner Frau ein Telegramm zu senden, in dem ich ihr mitteilte, dass ich komme. Schon wurden wir in Busse gepackt und zum Bahnhof hinabgefahren. Erst als der Zug wirklich abfuhr, sagte mir ganz beilдufig der mitfahrende Sanitдter, wir fьhren nun doch nicht nach Barcelona, sondern nach Tarragona. Ich glaube, der Lokomotivfьhrer hatte es sich anders ьberlegt. »Das ist typisch Spanien!« dachte ich. Aber es war auch typisch spanisch, dass man den Zug festhielt, bis ich noch ein zweites Telegramm abgeschickt hatte. Und es war noch typischer spanisch, dass dieses Telegramm niemals ankam.

Sie steckten uns in normale Wagen dritter Klasse mit hцlzernen Bдnken, obwohl viele Leute schwer verwundet und heute erst aus dem Bett gekommen waren. Es dauerte bei der Hitze und der polternden Fahrt nicht lange, bis die Hдlfte einem Kollaps nahe war und viele sich auf den Boden erbrachen. Der Sanitдter stapfte mit einer groЯen Wasserflasche aus Ziegenfell ьber die wie Leichen herumliegenden Verwundeten und spritzte hier oder dort etwas Wasser in einen Mund. Es war ein scheuЯliches Wasser, ich habe den Geschmack immer noch auf der Zunge. Als die Sonne schon niedrig stand, kamen wir nach Tarragona. Die Eisenbahnlinie fьhrte einen Steinwurf weit vom Meer an der Kьste entlang. Als unser Zug in den Bahnhof einlief, fuhr gerade ein ganzer Zug mit Soldaten der Internationalen Brigade heraus, und eine Anzahl Leute auf der Brьcke winkte ihnen zu. Es war ein sehr langer Zug, der bis zum Bersten mit Soldaten voll gepackt war. Auf offenen Gьterwagen standen Feldkanonen, die dort festgebunden waren, und neben den Kanonen hockten noch weitere Soldaten. Ich erinnere mich mit besonderer Lebhaftigkeit an das Schauspiel, wie die beiden Zьge im gelben Abendlicht aneinander vorbeifuhren. Fenster auf Fenster voller dunkler, lдchelnder Gesichter, die langen, geneigten Rohre der Kanonen, die roten, flatternden Schals — alles glitt langsam vor der tьrkisfarbenen See an uns vorbei.

»Estranjeros — Auslдnder«, sagte jemand. »Es sind Italiener.«

Man konnte nicht ьbersehen, dass sie Italiener waren. Kein anderes Volk hдtte sich so anmutig gruppieren kцnnen, und niemand hдtte die GrьЯe der Menge mit so viel Grazie beantworten kцnnen, eine Grazie, die auch dadurch nicht weniger echt wirkte, dass vielleicht die Hдlfte der Soldaten auf dem Zuge aus hochgehaltenen Weinflaschen trank, Wir hцrten hinterher, dass sie ein Teil der Truppen waren, die im Mдrz den groЯen Sieg in Guadalajara errungen hatten Sie waren auf Urlaub gewesen und wurden jetzt an die aragonische Front versetzt. Ich befьrchte, dass die meisten von ihnen einige Wochen spдter bei Huesca getцtet wurden. Die Mдnner, die nicht so schwer verwundet waren und stehen konnten, waren auf die andere Seite des Waggons gegangen und grьЯten die Italiener, als wir an ihnen vorbeikamen. Eine Krьcke winkte aus dem Fenster, bandagierte Arme grьЯten mit der geballten Faust den roten Salut. Es war ein allegorisches Bild des Krieges, eine Zugladung frischer Leute glitt stolz zur Front, die Verwundeten glitten langsam zurьck. Und wenn man die Kanonen auf den offenen Wagen sah, schlug einem das Herz hцher, wie immer, wenn man Kanonen sieht. Wir alle unterlagen wieder einmal dem verderblichen Gefьhl, von dem man sich so schwer lцsen kann, dass der Krieg eben doch prдchtig ist.

Das Lazarett in Tarragona war sehr groЯ und voll Verwundeter von allen Fronten. Was fьr Wunden sah man dort! Man hatte hier, vermutlich in Ьbereinstimmung mit der jьngsten medizinischen Praxis, eine besondere Art, die Wunden zu behandeln, die aber besonders schrecklich anzusehen war. Sie bestand darin, dass man die Wunden vollstдndig offen und unverbunden lieЯ und nur durch ein Netz aus Mull, das ьber Drдhte gelegt wurde, vor den Fliegen schьtzte. Unter dem Mull konnte man die rote Gallerte der halbverheilten Wunden sehen. Ich sah einen Mann, der im Gesicht und am Hals verwundet worden war und dessen Kopf unter einem kugelfцrmigen Helm aus Mull steckte. Sein Mund war verschlossen, und er atmete durch eine kleine Rцhre, die zwischen seinen Lippen befestigt war. Der arme Teufel schaute so verlassen aus, wenn er hin und her wanderte und jeden aus seinem Mullkдfig anguckte und doch nicht sprechen konnte. Ich lag drei oder vier Tage in Tarragona. Meine Krдfte kehrten zurьck, und eines Tages gelang es mir, langsam gehend bis an den Strand zu wandern. Es war seltsam zu sehen, wie der Badebetrieb fast wie normal ablief. Die feinen Cafes an der Promenade, die plumpen Bьrger der Stadt, die badeten und sich sonnten, als gдbe es im Umkreis von anderthalbtausend Kilometer keinen Krieg. Trotzdem sah ich, wie das manchmal so geschieht, dass ein Badender ertrank. Das hдtte ich bei der flachen und lauwarmen See fьr unmцglich gehalten.

Acht oder neun Tage nachdem ich die Front verlassen hatte, wurden endlich meine Wunden untersucht. Die neuangekommenen Fдlle wurden in der Chirurgie untersucht. Дrzte hackten mit groЯen Scheren die Brustplatten aus Gips in Stьcke, in die man die Mдnner mit ihren zerschlagenen Rippen und Halswirbeln auf den Verbandsplдtzen hinter der Front eingehьllt hatte. Da sah man zum Beispiel ein дngstliches, schmutziges Gesicht mit dem struppigen Bart einer Woche, das aus der Halsцffnung einer groЯen, ungefьgen Brustplatte hervorlugte. Der Doktor, ein frischer, gut aussehender dreiЯigjдhriger Mann, setzte mich auf einen Stuhl, griff meine Zunge mit einem rauen Stьck Gaze, zog sie so weit, wie es ging, heraus, schob einen Zahnarztspiegel in meinen Rachen und forderte mich auf, »Ah!« zu sagen. Nachdem ich das so lange getan hatte, bis meine Zunge blutete und meine Augen ьberliefen, sagte er mir, eins meiner Stimmbдnder sei gelдhmt.

»Wann werde ich meine Stimme wiederbekommen?« sagte ich.

»Ihre Stimme? Ach, Sie werden Ihre Stimme nie zurьckbekommen«, sagte er heiter.

Wie es sich spдter herausstellte, hatte er aber unrecht. Zwei Monate lang konnte ich kaum wispern, dann wurde meine Stimme plцtzlich normal, das andere Stimmband hatte sich >angepasst<. Der Schmerz in meinem Arm wurde dadurch verursacht, dass die Kugel ein Nervenbьndel hinten an meinem Hals durchschlagen hatte. Der Schmerz stach wie Neuralgie und dauerte etwa einen Monat, besonders nachts, so dass ich nicht viel Schlaf bekam. Auch die Finger meiner rechten Hand waren halb gelдhmt. Selbst heute, fьnf Monate spдter, ist mein Zeigefinger noch empfindungslos, eine seltsame Folge fьr eine Halswunde.

Die Wunde war gewissermaЯen eine Kuriositдt, und verschiedene Дrzte untersuchten sie mit viel Zungenschnalzen und »Que suerte! Que suerte!« Einer sagte mir mit dem Gefьhl der Autoritдt, die Kugel habe die Schlagader nur »um einen Millimeter« verfehlt. Ich weiЯ nicht, woher er das wusste. Niemand, den ich damals traf — Дrzte, Schwestern, practicantes oder verwundete Kameraden —, unterlieЯ es, mir zu sagen, dass ein Mann, der einen Schuss durch den Hals bekommen habe und das ьberlebte, die glьcklichste Kreatur auf Erden sei. Mir kam es so vor, als ob man noch glьcklicher ist, wenn man ьberhaupt nicht getroffen wird.

Wдhrend der letzten Wochen, die ich in Barcelona verbrachte, lag ein eigentьmliches, bцses Gefьhl in der Luft, es war eine Atmosphдre des Misstrauens, der Furcht, der Ungewissheit und des verhьllten Hasses. Die Maikдmpfe hatten unausrottbare Folgen hinterlassen. Mit dem Fall der Regierung Caballero waren die Kommunisten endgьltig an die Macht gekommen. Die Verantwortung fьr die innere Ordnung war kommunistischen Ministern ьbertragen worden, und niemand zweifelte daran, dass sie ihre politischen Rivalen zerschmettern wьrden, sobald sie auch nur einen Zipfel der Gelegenheit zu fassen kriegten. Bisher war noch nichts geschehen, und ich selbst hatte nicht einmal eine Idee davon, was geschehen wьrde. Dennoch hatte man das Gefьhl stдndiger, unbestimmter Gefahr, die Ahnung eines bevorstehenden, schlimmen Ereignisses. Obwohl man sich in Wirklichkeit nicht an einer Verschwцrung beteiligte, zwang einen doch die Atmosphдre, sich wie ein Verschwцrer zu fьhlen. Es hatte den Anschein, als verbrдchte man seine Zeit damit, geflьsterte Unterhaltungen in den Ecken der Cafes zu fьhren, wдhrend man sich gleichzeitig fragte, ob die Person am Nebentisch nicht ein Polizeispion sei.

Auf Grund der Pressezensur machten alle mцglichen finsteren Gerьchte die Runde. Nach einem dieser Gerьchte plante die Regierung Negrin-Prieto, den Krieg durch einen Kompromiss beizulegen. Damals war ich geneigt, daran zu glauben, denn die Faschisten umzingelten gerade Bilbao, und offensichtlich tat die Regierung nichts, um es zu retten. In der ganzen Stadt wurden zwar baskische Fahnen gehisst, Mдdchen gingen mit Sammelbьchsen in die Cafes, und man hцrte die ьblichen Rundfunksendungen ьber die »heroischen Verteidiger«, doch eine wirkliche Unterstьtzung gab man den Basken nicht. Man konnte fast glauben, die Regierung fьhre ein doppeltes Spiel. Spдtere Ereignisse bewiesen, dass ich in diesem Fall vцllig unrecht hatte. Aber es hat den Anschein, als wдre Bilbao zu retten gewesen, hдtte man nur ein wenig mehr Energie gezeigt. Selbst eine erfolglose Offensive an der aragonischen Front hдtte Franco gezwungen, einen Teil seiner Armee abzuziehen. Die Regierung jedoch startete keinerlei Offensivhandlungen, bis es viel zu spдt war, ja bis Bilbao schon fiel. Die C.N.T. verteilte eine groЯe Anzahl Flugblдtter, auf denen »Seid wachsam!« stand und auf denen angedeutet wurde, dass eine gewisse Partei (also die Kommunisten) einen coup d'Etat planten. Weit verbreitet war auch die Furcht, Katalonien kцnnte angegriffen werden. Schon vorher, als wir an die Front zurьckkehrten, hatte ich gesehen, dass viele Kilometer hinter der Front starke Befestigungen gebaut wurden und man ьberall in Barcelona neue, bombensichere Unterstдnde aushob. Es gab hдufig Fliegeralarm und Warnung vor BeschieЯung von der See aus. Meistens aber war es ein falscher Alarm; jedes Mal wenn die Sirenen heulten, wurden jedoch die Lichter der ganzen Stadt stundenlang ausgelцscht, und die furchtsame Bevцlkerung tauchte in die Keller. Ьberall gab es Polizeispione. Die Gefдngnisse waren noch mit Gefangenen aus den Maikдmpfen voll gestopft, und weitere Menschen - immer Anarchisten und P.O.U.M.-Anhдnger -verschwanden einzeln oder zu zweit im Gefдngnis. Soviel man erfahren konnte, wurde bisher niemand verurteilt oder angeklagt, nicht einmal eines so eindeutigen Vergehens wie des >Trotzkismus<. Man wurde einfach ins Gefдngnis geworfen und dort meistens incomunicado gehalten. Bob Smillie lag immer noch in Valencia im Gefдngnis. Wir konnten nichts ausfindig machen, nur dass weder dem цrtlichen Vertreter der I.L.P. noch dem Rechtsanwalt, den man genommen hatte, erlaubt wurde, ihn zu sehen. Immer mehr Auslдnder aus der Internationalen Brigade und anderen Milizeinheiten wurden ins Gefдngnis gesteckt. Normalerweise wurden sie unter dem Vorwand der Fahnenflucht verhaftet. Es war typisch fьr die allgemeine Lage, dass niemand genau wusste, ob ein Milizsoldat ein Freiwilliger oder ein regulдrer Soldat war. Einige Monate frьher hatte man jedem gesagt, der sich der Miliz anschloss, er sei ein Freiwilliger und kцnne jederzeit, wenn er wolle, seine Entlassungspapiere erhalten, sobald er wieder mit Urlaub an der Reihe sei. Jetzt schien es so, als habe die Regierung ihre Meinung geдndert. Ein Milizmann war ein regulдrer Soldat und galt als fahnenflьchtig, wenn er versuchte, nach Hause zu gehen. Aber selbst hierьber war sich niemand sicher. An einigen Abschnitten der Front gaben die Vorgesetzten immer noch Entlassungspapiere aus. Manchmal wurden sie an der Grenze anerkannt, manchmal auch nicht. Geschah es nicht, wurde man sofort ins Gefдngnis geworfen. Spдter schwoll die Zahl der auslдndischen Fahnenflьchtigem im Gefдngnis zu Hunderten an. Aber die meisten von ihnen wurden nach Hause entlassen, als man sich in ihren eigenen Lдndern darьber aufregte.

Bewaffnete Sturmgardisten durchstreiften ьberall die StraЯen, die Zivilgardisten hielten immer noch Cafes und andere Gebдude an strategisch wichtigen Stellen besetzt. Viele Gebдude der P.S.U.C. waren noch verbarrikadiert und mit Sandsдcken geschьtzt. An verschiedenen Stellen der Stadt hielten die Wachtposten der Zivilgardisten oder Carabineros die Vorьbergehenden an und verlangten ihre Papiere. Jeder warnte mich, meine P.O.U.M.-Milizkarte zu zeigen, ich sollte nur meinen Pass und meinen Lazarettschein vorweisen. Es war nдmlich sogar gefдhrlich, wenn sie erfuhren, dass man in der P.O.U.M.-Miliz gedient hatte. Milizsoldaten der P.O.U.M., die verwundet worden waren oder Urlaub hatten, wurden auf kleinliche Weise benachteiligt. So erschwerte man ihnen beispielsweise die Auszahlung ihrer Lцhne. La Batalla erschien noch, aber sie wurde derartig zensiert, dass fast nichts mehr darin stand. Auch Solidaridad und die anderen anarchistischen Zeitungen wurden in groЯem Umfang zensiert. Es gab eine Vorschrift, nach der die von der Zensur beanstandeten Abschnitte einer Zeitung nicht leer bleiben durften, sondern mit anderen Meldungen gefьllt werden mussten. Deshalb war es manchmal unmцglich zu sagen, wo etwas weggelassen worden war.

Die Lebensmittelknappheit, die wдhrend des ganzen Krieges stдndig wechselte, hatte eins ihrer schlimmsten Stadien erreicht. Das Brot war knapp, und die billigeren Sorten wurden mit Reis verfдlscht. In den Kasernen erhielten die Soldaten ein furchtbares Brot, es war wie Kitt. Auch Milch und Zucker waren sehr knapp, und Tabak gab es fast ьberhaupt nicht, nur die teuren geschmuggelten Zigaretten. Olivenцl, das die Spanier fьr ein halbes Dutzend verschiedener Zwecke benutzen, gab es ebenfalls nur selten. Berittene Zivilgardisten kontrollierten die Schlange stehenden Frauen, die Olivenцl kaufen wollten. Manchmal machten sich die Zivilgardisten ein Vergnьgen daraus, ihre Pferde rьckwдrts in die Schlange hineinzumanцvrieren, und versuchten, sie dazu zu bringen, den Frauen auf die FьЯe zu treten. Ein anderes, wenn auch kleineres Ьbel war damals der Mangel an Kleingeld. Silber war aus dem Verkehr gezogen worden, und bisher hatte man noch keine neuen Mьnzen ausgeliefert. So gab es zwischen dem Zehn-Centimo-Stьck und der Zweieinhalb-Peseten-Banknote kein anderes Wechselgeld, ja selbst alle Noten unter zehn Peseten waren sehr selten (Anm.: Die Kaufkraft einer Peseta betrug damals vier Pence.). Fьr die Дrmsten der Bevцlkerung bedeutete das eine zusдtzliche Verschдrfung der Lebensmittelknappheit. So konnte es geschehen, dass eine Frau mit einem Zehnpesetenschein stundenlang in einer Schlange vor einem Lebensmittelgeschдft warten musste und dann nicht in der Lage war, etwas zu kaufen, weil der Hдndler kein Wechselgeld hatte und sie es sich nicht leisten konnte, den ganzen Geldschein auszugeben. Es ist nicht leicht, die Atmosphдre jener Zeit wiederzugeben, die wie ein Alpdruck auf uns lastete; es war eine eigentьmliche Unruhe, das Ergebnis immer neuer Gerьchte, verstдrkt noch durch die Zensur der Zeitungen und die dauernde Anwesenheit von Soldaten. Diese Atmosphдre lдsst sich schwer schildern, weil in England auch heute eine wichtige Voraussetzung einer derartigen Situation fehlt. In England nimmt man politische Intoleranz noch nicht als selbstverstдndlich hin. Es gibt zwar eine kleinliche Art der politischen Verfolgung, so wьrde ich mich als Bergarbeiter hьten, den Boss wissen zu lassen, dass ich ein Kommunist bin. Aber der >gute Parteigдnger<, das Gangster-Grammophon kontinentaler-Politik, ist bei uns immer noch eine Seltenheit. Es scheint auch nicht gerade natьrlich zu sein, jeden, der mit der eigenen Meinung nicht ьbereinstimmt, einfach zu liquidieren oder >auszulцschen<. In Barcelona schien das nur leider allzu natьrlich zu sein. Die >Stalinisten< saЯen im Sattel, und darum war es eine Selbstverstдndlichkeit, dass jeder >Trotzkist< in Gefahr war. Nur, was jeder befьrchtete, geschah nicht — der erneute Ausbruch der StraЯenkдmpfe, die man dann wie beim letzten Mal der P.O.U.M. oder den Anarchisten zur Last gelegt hдtte. Zeitweilig ertappte ich mich dabei, wie ich auf die ersten Schьsse lauschte. Es war, als brьte ein riesiger, ьbler Geist ьber der Stadt. Jeder bemerkte es und sagte etwas darьber. Es ist seltsam, wie alle ihre Beobachtungen fast mit den gleichen Worten beschrieben: »Die Atmosphдre dieser Stadt — sie ist schrecklich. Wie in einer Irrenanstalt.« Ich sollte aber vielleicht nicht jeder sagen. Einige englische Besucher, die nur ganz kurz von Hotel zu Hotel durch Spanien huschten, scheinen nicht bemerkt zu haben, dass in der allgemeinen Situation ьberhaupt etwas nicht in Ordnung war. Ich bemerkte zum Beispiel, dass die Herzogin von Atholl schreibt (Sunday Express, 17. Oktober 1937):

Ich war in Valencia, Madrid und Barcelona ... In allen Stдdten herrschte vollstдndige Ordnung ohne die geringste Gewaltanwendung. Alle Hotels, in denen ich wohnte, waren nicht nur »normal« und »anstдndig«, sondern auch дuЯerst bequem, trotz des Mangels an Butter und Kaffee.

Es ist charakteristisch fьr englische Reisende, dass sie wirklich an nichts glauben, was auЯerhalb der feinen Hotels existiert. Hoffentlich fand man etwas Butter fьr die Herzogin von Atholl.

Ich lag im Sanatorium Maurin, einem der von der P.O.U.M. unterhaltenen Sanatorien. Es lag in den Vororten in der Nдhe von Tibidabo, dem eigentьmlich geformten Berg, der sich gleich hinter Barcelona erhebt und den man traditionsgemдЯ fьr den Hьgel hдlt, von dem aus Satan Jesus die Lдnder der Welt zeigte (daher stammt auch sein Name). Das Haus hatte frьher einem reichen Bьrger gehцrt und war wдhrend der Revolution beschlagnahmt worden. Die meisten Soldaten, die dort lagen, waren entweder als Invaliden von der Front entlassen worden oder hatten eine Wunde, die sie dauernd dienstunfдhig machte, zum Beispiel amputierte Glieder. Dort lagen auch einige Englдnder: Williams mit einem beschдdigten Bein und Stafford Cottman, ein achtzehnjдhriger Junge, der wegen Tuberkuloseverdacht aus den Schьtzengrдben zurьckgeschickt worden war, und Arthur Clinton, dessen zerschmetterter linker Arm immer noch in einer jener riesigen Drahtkonstruktionen lag, die die spanischen Lazarette benutzten und die man scherzhaft »Flugzeuge« nannte. Meine Frau wohnte noch im Hotel >Continental<, und ich kam normalerweise tagsьber nach Barcelona. Morgens ging ich gewцhnlich zum Allgemeinen Krankenhaus, um meinen Arm mit einer elektrischen Methode behandeln zu lassen. Das war eine komische Sache -durch eine Reihe prickelnder elektrischer Schocks lieЯ man

die einzelnen Muskelstrдnge auf- und abspringen —, aber es schien mir gut zu tun. Allmдhlich konnte ich wieder meine Finger bewegen, und der Schmerz lieЯ etwas nach. Wir hatten uns beide dazu entschlossen, so schnell wie mцglich nach England zurьckzugehen, das war das Beste, was wir tun konnten. Ich war дuЯerst schwach, und meine Stimme war anscheinend fьr immer verschwunden. Die Дrzte sagten mir, dass es selbst im gьnstigsten Falle mehrere Monate dauern wьrde, ehe ich wieder kampffдhig sei. Frьher oder spдter musste ich anfangen, wieder etwas Geld zu verdienen, und es schien wenig sinnvoll zu sein, in Spanien zu bleiben und Lebensmittel zu essen, die fьr andere Leute benцtigt wurden. Aber meine Motive waren hauptsдchlich selbstsьchtig. Ich hatte den ьberwдltigenden Wunsch, von allem wegzukommen. Weg von der scheuЯlichen Atmosphдre des politischen Misstrauens und Hasses, weg von den StraЯen, in denen sich bewaffnete Soldaten drдngten, weg von den Fliegerangriffen, Schьtzengrдben, Maschinengewehren, kreischenden StraЯenbahnen, dem Tee ohne Milch, dem in Цl gekochten Essen und dem Zigarettenmangel, kurzum von allem, was ich irgendwie mit Spanien in Verbindung zu bringen gelernt hatte.

Die Дrzte im Allgemeinen Krankenhaus hatten mir bescheinigt, dass ich nach дrztlichem Urteil frontuntauglich sei. Um aber meine Entlassung zu erhalten, musste ich eine Дrztekommission in einem der Lazarette in der Nдhe der Front aufsuchen und dann nach Sietamo gehen, damit dort meine Papiere im Hauptquartier der P.O.U.M.-Miliz abgestempelt wьrden. Kopp war gerade frohlockend von der Front zurьckgekommen. Er war eben in der Schlacht gewesen und sagte, Huesca wьrde nun endlich erobert. Die Regierung hatte Truppen von der Madrider Front gebracht und konzentrierte dreiЯigtausend Mann und eine groЯe Anzahl Flugzeuge an dieser Stelle. Die Italiener, die ich gesehen hatte, als sie von Tarragona zur Front gingen, hatten die StraЯen nach Jaca angegriffen, dabei aber schwere Verluste erlitten und zwei Tanks verloren. Kopp sagte aber, die Stadt mьsse fallen. (Leider fiel sie nicht! Der Angriff war ein scheuЯliches Durcheinander und fьhrte zu nichts, nur zu einer Lьgenorgie in den Zeitungen.) Nun musste Kopp zu einer Besprechung in das Kriegsministerium nach Valencia. Er hatte einen Brief von General Pozas, der jetzt die Armee am Ostabschnitt befehligte. Es war der ьbliche Brief, in dem Kopp als eine »Person vollsten Vertrauens« beschrieben und fьr eine besondere Aufgabe in der Pionierabteilung empfohlen wurde (Kopp war im Zivilleben Ingenieur gewesen). Er ging am gleichen Tage nach Valencia, als ich nach Sietamo ging — am 15. Juni.

Es dauerte fьnf Tage, ehe ich nach Barcelona zurьckkehrte. Auf einem Lastwagen erreichten wir mit einer Gruppe etwa gegen Mitternacht Sietamo, und als wir gerade im Hauptquartier der P.O.U.M. angekommen waren, trommelte man uns zusammen und hдndigte uns Gewehre und Patronen aus, bevor man ьberhaupt unsere Namen feststellte. Es hatte den Anschein, als ob der Angriff beginne und man jeden Augenblick Reserven anfordern kцnne. Ich hatte meinen Lazarettschein in der Tasche, aber ich konnte mich schlecht weigern, mit den anderen zusammen zu gehen. Ich schlief mit einem Patronenkasten als Kissen auf dem Boden und war in einer ziemlich bedrьckten Stimmung. Durch die Verwundung hatte ich meinen Mut verloren — ich glaube, das ist eine normale Reaktion —, jedenfalls hatte ich schreckliche Angst, wieder unter Beschuss zu geraten. Aber schlieЯlich gab es wie ьblich ein wenig manana, und wir wurden nicht hinausgerufen. Am nдchsten Morgen zeigte ich meinen Lazarettschein vor und kьmmerte mich um meine Entlassung; damit waren mehrere ermьdende und verworrene Reisen verbunden. Wie gewцhnlich wurde man von Lazarett zu Lazarett hin- und hergeschickt — Sietamo, Barbastro, Monzon, dann wieder zurьck nach Sietamo, damit meine kntlassungspapiere gestempelt wurden, dann ьber Barbastro und Lerida wieder an die Front hinunter. Die Truppenzusammenziehungen bei Huesca aber hatten alle Transportmittel in Anspruch genommen und alles durcheinander gebracht. Ich erinnere mich, wie ich an recht sonderbaren Stellen schlief, einmal in einem Bett in einem Lazarett, dann wieder in einem Graben, einmal auf einer sehr engen Bank, von der ich mitten in der Nacht herunterfiel, und dann in einer Pension der Stadtverwaltung von Barbastro. Sobald man von der Eisenbahn wegkam, gab es keine Reisemцglichkeiten. Man konnte nur einen der gelegentlich vorbeikommenden Lastwagen anhalten. Zusammen mit einem Haufen verzweifelter Bauern, die Enten und Kaninchen in Bьndeln mit sich trugen, musste man stundenlang, oft drei oder vier Stunden hintereinander, am StraЯenrand warten und Lastwagen um Lastwagen zuwinken. Erwischte man schlieЯlich einen Lastwagen, der nicht zum Bersten voller Menschen, Brot oder Munitionskisten war, schlug einen die holpernde Fahrt ьber die elenden StraЯen zu Brei. Niemals hat mich ein Pferd so hoch geworfen, wie uns die Lastwagen umherwarfen. Man konnte diese Reise nur durchhalten, wenn man sich zusammendrдngte und aneinander festhielt. Es war niederschmetternd fьr mich, dass ich immer noch zu schwach war, um ohne Hilfe auf den Lastwagen zu klettern.

Eine Nacht schlief ich im Lazarett von Monzon, wo ich die Дrztekommission aufsuchen musste. Im Bett neben mir lag ein Sturmgardist, der ьber dem linken Auge verwundet worden war. Er war sehr freundlich und gab mir Zigaretten. Ich sagte: »In Barcelona hдtten wir aufeinander schieЯen mьssen«, und wir lachten darьber. Eigentьmlich, wie sich die allgemeine Einstellung zu дndern schien, sobald man in die Nдhe der Front kam. Der ganze oder fast der ganze bцse Hass zwischen den politischen Parteien verflog. Ich kann mich aus der ganzen Zeit, die ich an der Front verbracht habe, nicht ein einziges Mal erinnern, dass sich ein Anhдnger der P.S.U.C. mir gegenьber feindselig zeigte, weil ich zur P.O.U.M. gehцrte. Das gab es eben nur in Barcelona oder an Orten, die noch weiter vom Kriegsschauplatz entfernt waren. In Sietamo lagen viele Sturmgardisten. Man hatte sie aus Barcelona hierhergeschickt, um am Angriff auf Huesca teilzunehmen. Die Sturmgardisten waren eigentlich nicht fьr den Einsatz an der Front bestimmt, und viele von ihnen hatten vorher noch nicht unter Beschuss gelegen. Unten in Barcelona waren sie die Herren der StraЯe, aber hier waren sie quintos (unerfahrene Rekruten), und ihre Kumpels waren die fьnfzehnjдhrigen Milizkinder, die schon monatelang an der Front gewesen waren.

Im Lazarett von Monzon zog der Arzt wie ьblich meine Zunge heraus, steckte seinen Spiegel in meinen Hals, versicherte mir in der gewohnten heiteren Weise wie seine Vorgдnger, dass ich meine Stimme nie zurьckbekomme, und unterschrieb meine Bescheinigung. Wдhrend ich auf diese Untersuchung wartete, wurde in der Chirurgie gerade eine schreckliche Operation ohne Betдubungsmittel durchgefьhrt - warum ohne Betдubungsmittel, weiЯ ich auch nicht. Sie dauerte endlos lange, und man hцrte einen Schrei nach dem anderen. Als ich hinterher hineinging, lagen Stьhle umher, und der Boden war voller Blut- und Urinlachen.

Die Einzelheiten dieser letzten Reise sind mit seltener Klarheit in meinem Gedдchtnis haftengeblieben. Ich war in einer anderen Stimmung, ich beobachtete die Dinge besser, als ich es wдhrend der letzten Monate getan hatte. Ich hatte meine Entlassungspapiere mit dem Stempel der 29. Division und die Bescheinigung des Arztes, in der man mich unbrauchbar erklдrt< hatte. Ich konnte frei nach England zurьckgehen und fьhlte mich deshalb eigentlich zum ersten Mal in der Lage, mir Spanien anzusehen. Fьr Barbastro blieb mir ein ganzer Tag, denn von dort fuhr der Zug nur einmal tдglich. Vorher hatte ich Barbastro nur wдhrend kurzer Augenblicke gesehen, und die Stadt war mir einfach wie ein Bestandteil des Krieges vorgekommen; ein grauer, schmutziger, kalter Ort, voll lдrmender Lastwagen und schдbiger Truppen. Jetzt sah es seltsam verдndert aus. Als ich durch die StraЯen wanderte, sah ich zum ersten Male mit Bewusstsein die freundlichen, gewundenen StraЯen, die alten Steinbrьcken, die Weinlдden mit dicken, schlammigen Fдssern, die so groЯ waren wie ein Mann, und die faszinierenden halb unter der Erde liegenden Werkstдtten, in denen Mдnner Wagenrдder, Dolche, hцlzerne Lцffel und Wasserflaschen aus Ziegenfell machten. Ich beobachtete einen Mann, wie er eine solche Flasche aus Fell herstellte, und entdeckte mit groЯem Interesse, was ich vorher nicht gewusst hatte. Die Flasche wird mit dem Fell nach innen hergestellt, und das Fell wird nicht entfernt, so dass man in Wirklichkeit destilliertes Ziegenhaar trinkt. Ich hatte monatelang aus solchen Flaschen getrunken, ohne das zu wissen. Hinter der Stadt strцmte ein flacher jadegrьner Fluss vorbei, und aus dem Flussbett stieg ein senkrechter Felsen empor. In den Felsen aber hatte man Hдuser hineingebaut, so dass man aus dem Schlafzimmerfenster direkt dreiЯig Meter tief hinunter ins Wasser spucken konnte. In den Lцchern der Felswand lebten unzдhlige Tauben. In Lerida sah ich dann die alten, zerfallenen Gebдude, auf deren Mauervorsprьngen Tausende von Schwalben ihre Nester gebaut hatten, so dass das verkrustete Muster der Nester aus einiger Entfernung aussah wie Blumenornamente der Rokokozeit. Es war seltsam, wie ich beinahe sechs Monate lang kein Auge fьr solche Dinge gehabt hatte. Mit den Entlassungspapieren in der Tasche fьhlte ich mich wieder wie ein menschliches Wesen und sogar wie ein Tourist. Eigentlich zum ersten Mal fьhlte ich, dass ich wirklich in Spanien war, in einem Land, das ich mein ganzes Leben lang hatte besuchen wollen. In den ruhigen SeitenstraЯen von Lerida und Barbastro schien ich in einem Augenblick das zu erfassen, was sich jeder vom Hцrensagen unter Spanien vorstellt. WeiЯe Berge, Ziegenherden, Verliese der Inquisition, maurische Palдste, schwarze Maultierzьge, die sich den Berg hinaufwinden, graue Olivenbдume und Zitronenhaine, Mдdchen in schwarzen Mantillas, der Wein von Malaga und Alicante, Kathedralen, Kardinдle, Stierkдmpfe, Zigeuner, Serenaden — kurzum Spanien. In ganz Europa war es das Land, das meine Phantasie am meisten beschдftigt hatte. Nachdem ich endlich Spanien erreicht hatte, war es schade, dass ich nur diese nordцstliche Ecke sah, dazu noch mitten in einem ziemlich verworrenen Krieg und grцЯtenteils im Winter.

Es war spдt, als ich nach Barcelona zurьckkam, und es fuhren keine Taxis mehr. Es hatte keinen Zweck zu versuchen, noch zum Sanatorium Maurin zu kommen, denn es lag ganz am Rande der Stadt. So machte ich mich auf den Weg zum Hotel >Continental< und aЯ unterwegs zu Abend. Ich erinnere mich noch an das Gesprдch mit einem sehr vдterlichen Kellner ьber die Becher aus Eichenholz, die mit Kupfer beschlagen waren und in denen der Wein aufgetragen wurde. Ich sagte, dass ich gerne einen Satz kaufen mцchte, um sie mit nach England zurьckzunehmen. Der Kellner hatte Verstдndnis dafьr. Ja, sie waren schцn, nicht wahr? Aber heutzutage nicht zu kaufen. Niemand fertigte sie mehr an — ьberhaupt stellte niemand mehr etwas her. Dieser Krieg — was fьr ein Elend! Wir waren uns einig, dass der Krieg ein Elend war. Wieder fьhlte ich mich wie ein Tourist. Der Kellner fragte mich freundlich, ob mir Spanien gefallen habe und ob ich nach Spanien zurьckkommen werde. O ja, ich wьrde nach Spanien zurьckkommen. Die friedliche Atmosphдre dieser Unterhaltung ist in meinem Gedдchtnis haftengeblieben, vor allem wegen der unmittelbar darauf folgenden Ereignisse.

Als ich in das Hotel kam, saЯ meine Frau in der Halle. Sie stand auf und kam in einer betont unbekьmmerten Weise auf mich zu, was mir auffiel. Dann legte sie einen Arm um meinen Hals und flьsterte mit einem sьЯen Lдcheln zu den anderen Leuten in der Halle in mein Ohr:

»Mach, dass du 'rauskommst!«

»Was?«

»Mach, dass du sofort hier 'rauskommst!«

»Was?«

»Bleib hier nicht stehen! Du musst schnell hinaus!«

»Was? Warum? Was willst du eigentlich?«

Sie fasste mich am Arm und fьhrte mich schon zur Treppe. Auf halbem Wege trafen wir einen Franzosen. Ich will hier seinen Namen nicht nennen, denn obwohl er keine Verbindung mit der P.O.U.M. hatte, war er doch wдhrend der ganzen Unruhen ein guter Freund fьr uns alle. Er schaute mich mit besorgtem Gesicht an.

»Hцr zu! Du musst hier nicht hereinkommen. Mach schnell, dass du hinauskommst, und verberge dich, ehe sie die Polizei anrufen!«

Und sieh da! Am FuЯe der Treppe schlьpfte einer der Hotelangestellten, ein P.O.U.M.-Mitglied (wovon vermutlich die Direktion nichts wusste), schnell aus dem Lift und sagte mir in seinem gebrochenen Englisch, ich solle machen, dass ich wegkomme. Selbst jetzt begriff ich noch nicht, was geschehen war.

»Zum Teufel, was bedeutet das alles?« sagte ich, sobald wir auf dem Bьrgersteig waren.

»Hast du denn nichts gehцrt?«

»Nein. Was gehцrt? Ich habe nichts gehцrt.«

»Die P.O.U.M. ist unterdrьckt worden. Sie haben alle Gebдude beschlagnahmt. Praktisch jeder ist im Gefдngnis. Und sie sollen schon Leute erschieЯen.«

Das war es also. Wir mussten einen Ort finden, wo wir uns unterhalten konnten. Alle groЯen Cafйs an der Rambla steckten voller Polizisten, aber wir fanden ein ruhiges Cafe in einer NebenstraЯe. Meine Frau erklдrte mir, was sich ereignet hatte, als ich weg war.

Am 15. Juni hatte die Polizei plцtzlich Andres Nin in seinem Bьro verhaftet, am gleichen Abend noch hatten sie das Hotel >Falcon< besetzt und alle Mдnner verhaftet, die dort waren, hauptsдchlich Milizsoldaten auf Urlaub. Das Gebдude wurde sofort in ein Gefдngnis verwandelt, und in kurzer Zeit war es randvoll mit Gefangenen aller Art. Am nдchsten Tage wurde die P.O.U.M. zur illegalen Organisation erklдrt und ihre sдmtlichen Bьros, Buchlдden, Sanatorien, Rote-Hilfe-Zentren und so weiter beschlagnahmt. AuЯerdem verhaftete die Polizei jeden, dessen sie habhaft werden konnte und von dem man wusste, dass er irgendeine Verbindung mit der P.O.U.M. hatte. Innerhalb von ein oder zwei Tagen befanden sich alle vierzig Mitglieder des Zentralkomitees im Gefдngnis. Ein oder zwei entkamen mцglicherweise und hielten sich versteckt, aber die Polizei bediente sich des Tricks, der in diesem Krieg auf beiden Seiten hдufig gebraucht wurde.

Wenn ein Mann verschwand, hielt man seine Frau als Geisel fest.

Es lieЯ sich nicht genau ьberprьfen, wie viele Leute verhaftet worden waren. Meine Frau hatte gehцrt, allein in Barcelona seien es vierhundert. Ich bin inzwischen zu der Ьberzeugung gekommen, dass es damals viel mehr gewesen sein mьssen. Man hatte ziemlich sinnlos Leute verhaftet. In einigen Fдllen hatte sich die Polizei sogar dazu hinreiЯen lassen, verwundete Milizsoldaten aus den Lazaretten herauszuzerren.

Das Ganze war zutiefst erschreckend. Was zum Teufel sollte es bedeuten? Ich konnte verstehen, dass sie die P.O.U.M. unterdrьckten, aber warum verhafteten sie die Leute? Soviel man entdecken konnte, wegen nichts. Wahrscheinlich hatte die Unterdrьckung der P.O.U.M. einen rьckwirkenden Effekt. Jetzt war die P.O.U.M. illegal, und deshalb hatte man das Gesetz gebrochen, wenn man ihr vorher angehцrt hatte. Wie ьblich, hatte man gegen keinen der Verhafteten Anklage erhoben. Die kommunistischen Zeitungen von Valencia jedoch waren nun voll mit Geschichten ьber eine riesige »faschistische Verschwцrung«, Funkverbindungen mit dem Feind, mit unsichtbarer Tinte unterschriebene Dokumente. Ich habe diese Geschichte schon vorher beschrieben. Es war bemerkenswert, dass diese Anschuldigungen nur in den Zeitungen von Valencia erschienen. Ich glaube, es stimmt, wenn ich sage, dass sowohl in den kommunistischen wie auch in den anarchistischen oder republikanischen Zeitungen von Barcelona nicht ein einziges Wort ьber die Unterdrьckung der P.O.U.M. oder die Verhaftungen stand. Die genauen Einzelheiten der Anschuldigungen gegen die Anfьhrer der P.O.U.M. erfuhren wir ьberhaupt nicht aus den spanischen Zeitungen, sondern aus den englischen Zeitungen, die ein oder zwei Tage spдter nach Barcelona kamen. Damals konnten wir noch nicht wissen, dass die Regierung fьr die Beschuldigungen wegen Verrats und Spionage nicht verantwortlich war und die Mitglieder der Regierung sie spдter zurьckweisen wьrden. Wir wussten nur ungenau, dass den Anfьhrern der P.O.U.M. und wahrscheinlich uns allen vorgeworfen wurde, wir stдnden in faschistischer Bezahlung. Schon machten Gerьchte die Runde, im Gefдngnis wьrden Leute insgeheim erschossen. Natьrlich wurde gewaltig ьbertrieben, aber sicherlich geschah es in einigen Fдllen, und es gibt wenig Zweifel, dass es im Fall von Nin geschah. Nin wurde verhaftet, dann nach Valencia gebracht und von dort nach Madrid. Schon am 21. Juni erreichte ein Gerьcht Barcelona, wonach er erschossen worden war. Spдter nahm das Gerьcht festere Formen an. Nin war im Gefдngnis von der Geheimpolizei erschossen worden, und man hatte seine Leiche auf die StraЯe geworfen. Diese Geschichte kam von verschiedenen Quellen, auch von Federica Montsenys, einem ehemaligen Regierungsmitglied. Von damals bis heute hat man nicht mehr gehцrt, dass Nin noch am Leben ist. Als die Regierung spдter von Delegationen verschiedener Lдnder befragt wurde, zцgerte sie mit der Antwort, und man sagte nur dass Nin verschwunden sei, man aber nichts ьber seinen Aufenthaltsort wisse. Einige Zeitungen berichteten, er sei in faschistisches Gebiet entkommen. Dafьr gab es aber keinen Beweis, und Irujo, der Justizminister, erklдrte spдter, die Nachrichtenagentur >Espagne< habe sein offizielles communique (Anm.: Vgl. die Berichte der Maxton-Delegation, auf die ich schon im elften Kapitel hingewiesen habe.) verfдlscht. Jedenfalls ist sehr unwahrscheinlich, dass man einem politischen Gefangenen von der Bedeutung Nins erlaubt hдtte zu entfliehen. Wenn er in Zukunft nicht wieder lebend zum Vorschein kommt, mьssen wir annehmen, dass er im Gefдngnis ermordet wurde.

Die Verhaftungen wurden monatelang fortgesetzt, bis die Zahl der politischen Gefangenen ohne die Faschisten auf einige tausend angeschwollen war. Es war besonders bemerkenswert, wie unabhдngig die unteren Rдnge der Polizei dabei handelten. Viele Verhaftungen waren zugegebenermaЯen illegal, und verschiedene Leute, deren Entlassung der Polizeichef angeordnet hatte, wurden am Tor des Gefдngnisses wieder verhaftet und in eins der >Geheimgefдngnisse< gebracht. Das Beispiel von Kurt Landau und seiner Frau ist typisch dafьr. Sie wurden am 17. Juni verhaftet, und Landau >verschwand< sofort. Fьnf Monate spдter war seine Frau immer noch ohne Gerichtsprozess und ohne Nachrichten von ihrem Mann im Gefдngnis. Sie unternahm einen Hungerstreik, worauf der Justizminister ihr mitteilte, ihr Mann sei tot. Kurz darauf wurde sie entlassen, um fast sofort wieder verhaftet und in ein Gefдngnis geworfen zu werden. Es ist auЯerdem bemerkenswert, dass die Polizei zumindest am Anfang gar keine Rьcksicht darauf zu nehmen schien, welche Folgen diese Verhaftungen auf den Kriegsverlauf haben kцnnten. Sie machten sich nichts daraus, selbst Offiziere auf wichtigen Posten ohne vorherige Erlaubnis zu verhaften. Etwa gegen Ende Juni wurde Josй Rovira, der Kommandierende General der 29. Division, in der Nдhe der Front von einer Gruppe Polizisten verhaftet, die man aus Barcelona geschickt hatte. Seine Leute schickten eine Protestdelegation zum Kriegsministerium. Hier entdeckte man, dass weder der Kriegsminister noch Ortega, der Polizeichef, jemals von Roviras Arrest informiert worden waren. Eine Einzelheit der ganzen Geschichte aber regte mich am meisten auf, obwohl sie vielleicht nicht so wichtig ist. Damit meine ich, dass die Nachricht von den Ereignissen den Truppen an der Front vorenthalten wurde. Wie man gesehen hat, hцrte weder ich noch sonst jemand an der Front irgend etwas ьber die Unterdrьckung der P.O.U.M. Alle Hauptquartiere der P.O.U.M.-Miliz, die Zentren der Roten Hilfe funktionierten wie ьblich, und selbst noch am 20. Juni wusste niemand, selbst so weit hinter der Front wie in Lerida, nur hundertsechzig Kilometer von Barcelona entfernt, was geschehen war. In den Zeitungen von Barcelona wurde nicht ein Wort ьber die ganze Geschichte erwдhnt. (Die Zeitungen aus Valencia, in denen die Spionagegeschichten standen, kamen nicht an die aragonische Front.) Ohne Zweifel war ein Grund fьr die Verhaftung der Urlauber der P.O.U.M.-Miliz in Barcelona, zu verhindern, dass sie mit der Nachricht an die Front zurьckkehrten. Die Abteilung, mit der ich am 15. Juni zur Front fuhr, muss ungefдhr die letzte gewesen sein. Ich wundere mich immer noch darьber, wie geheim die ganze Angelegenheit gehalten wurde, denn die Nachschublastwagen, und was dazu gehцrt, gingen immer noch hin und her. Aber es gibt keinen Zweifel, dass man es tatsдchlich geheim hielt, und wie ich spдter von vielen anderen erfuhr, erfuhren die Soldaten an der Front selbst mehrere Tage spдter nichts davon. Das Motiv hierfьr ist ganz klar. Der Angriff auf Huesca begann gerade, und die P.O.U.M.-Miliz war noch eine selbstдndige Einheit. So befьrchtete man vermutlich, dass die Mдnner sich weigern wьrden zu kдmpfen, wenn sie wьssten, was geschehen war. Tatsдchlich geschah nichts dergleichen, als die Nachricht schlieЯlich doch an die Front gelangte. In der Zwischenzeit mьssen viele Soldaten getцtet worden sein, ohne zu wissen, dass die Zeitungen in der Etappe sie Faschisten nannten. So etwas ist unverzeihlich. Ich weiЯ, dass es ьblich ist, schlechte Nachrichten von der Truppe fernzuhalten, und das ist in der Regel wohl auch richtig. Aber es ist etwas ganz anderes, Soldaten in die Schlacht zu schicken und ihnen nicht einmal zu sagen, dass ihre Partei hinter ihrem Rьcken unterdrьckt wird, ihre Anfьhrer des Verrates beschuldigt und ihre Freunde und Verwandte ins Gefдngnis geworfen werden.

Meine Frau erzдhlte mir, was mit unseren verschiedenen Freunden geschehen war. Einige der Englдnder und der anderen Auslдnder waren ьber die Grenze entkommen. Williams und Stafford Cottman waren nicht verhaftet worden, als man das Sanatorium Maurin besetzte, und versteckten sich in der Stadt. Dort hielt sich auch John McNair auf, der in Frankreich gewesen war und nach Spanien zurьckkam, als man die P.O.U.M. fьr ungesetzlich erklдrt hatte. Das war natьrlich ьbereilt gewesen, aber er wollte nicht in Sicherheit sein, wдhrend seine Kameraden in Gefahr waren. Der Rest war einfach eine Aufzдhlung: »Sie haben den und den erwischt«, und »sie haben den und jenen bekommen«. Es schien, als hдtten sie nahezu jeden erwischt. Es gab mir allerdings einen ziemlichen Schock, als ich hцrte, dass sie auch George Kopp erwischt hatten.

»Was! Kopp? Ich dachte, er sei in Valencia.« Anscheinend war Kopp nach Barcelona zurьckgekommen. Er hatte einen Brief des Kriegsministeriums fьr den Oberst der gesamten Pionierunternehmungen an der Ostfront. Er wusste, dass man die P.O.U.M. unterdrьckt hatte. Aber wahrscheinlich dachte er nicht, dass die Polizei so dumm sein kцnne, ihn zu verhaften, wenn er sich in einer dringenden militдrischen Mission auf dem Wege zur Front befand. Er war zum Hotel >Continental< gekommen, um seine Seesдcke zu holen. Meine Frau war gerade ausgegangen, und die Hotelleute hatten es fertig gebracht, ihn mit einer Lьgengeschichte aufzuhalten, wдhrend sie die Polizei anriefen. Ich muss zugeben, dass ich auЯer mir war, als ich von der Gefangennahme Kopps hцrte. Er war mein persцnlicher Freund, ich hatte monatelang unter ihm gedient, ich hatte zusammen mit ihm unter Beschuss gelegen, und ich kannte sein persцnliches Geschick. Er war ein Mann, der alles geopfert hatte — Familie, Nationalitдt und Lebensunterhalt —, und das nur, um nach Spanien zu kommen und gegen den Faschismus zu kдmpfen. Sollte er jemals in sein eigenes Land zurьckkehren, wьrde er viele Jahre Gefдngnis erhalten, denn er hatte Belgien verlassen und war einer fremden Armee beigetreten, obwohl er noch belgischer Armeereservist war. AuЯerdem hatte er geholfen, illegal Munition fьr die spanische Regierung herzustellen. Seit Oktober 1936 hatte er an der Front gelegen und sich vom Milizsoldaten zum Major hinaufgedient. Ich weiЯ nicht, wie oft er an einer Schlacht teilgenommen hatte, einmal war er auch verwundet worden. Ich hatte selbst gesehen, wie er wдhrend der Maiunruhen цrtliche Kдmpfe verhьtet und vermutlich zehn oder zwanzig Menschenleben gerettet hatte. Zum Dank fьr alles fand man nichts Besseres, als ihn ins Gefдngnis zu werfen. Natьrlich war es verlorene Zeit, wьtend zu sein, aber die dumme Bosheit dieser Geschichte stellte wirklich meine Geduld auf die Probe.

Meine Frau hatten sie allerdings nicht >verhaftet<. Obwohl sie im >Continental< geblieben war, hatte die Polizei nichts unternommen, um sie festzusetzen. Offensichtlich wurde sie als Lockvogel benutzt. Ein paar Nдchte vorher jedoch waren sechs Polizisten in Zivil frьhmorgens in ihr Hotelzimmer gekommen und hatten es durchsucht. Sie hatten jedes Stьckchen Papier, das wir besaЯen, beschlagnahmt, zum Glьck nur nicht unsere Pдsse und unser Scheckbuch. Sie hatten meine Tagebьcher, alle Bьcher und sдmtliche Zeitungsausschnitte, die ich monatelang aufbewahrt hatte, mitgenommen. (Ich habe mich oft gefragt, was sie mit den vielen Zeitungsausschnitten angefangen haben.) Sie hatten auch meine Kriegssouvenirs und meine Briefe mitgenommen. (Zufдllig war darunter auch eine Reihe von Briefen, die ich von meinen Lesern erhalten hatte. Einige hatte ich noch nicht beantwortet, und ich habe natьrlich die Adressen nicht mehr. Sollte mir jemand ьber mein letztes Buch geschrieben und keine Antwort erhalten haben und zufдllig diese Zeilen lesen, mцge er bitte auf diese Weise meine Entschuldigung entgegennehmen.) Hinterher erfuhr ich auch, dass die Polizei einige Habseligkeiten beschlagnahmte, die ich im Sanatorium Maurin gelassen hatte. Sie schleppten sogar ein Bьndel meiner schmutzigen Wдsche weg. Vielleicht dachten sie, darauf stьnden geheime Botschaften in unsichtbarer Tinte. Offensichtlich war es fьr meine Frau im Augenblick sicherer, im Hotel zu bleiben. Falls sie versuchte zu verschwinden, wьrde man ihr sofort nachspьren. Ich selbst aber musste direkt untertauchen. Der Gedanke daran empцrte mich. Trotz der unzдhligen Verhaftungen konnte ich eigentlich nicht glauben, dass ich in Gefahr war. Die ganze Angelegenheit schien so sinnlos zu sein. Ebenso weigerte ich mich, diesen idiotischen Zufall ernst zu nehmen, der Kopp ins Gefдngnis gebracht hatte. Ich ьberlegte dauernd, warum sollte mich denn jemand verhaften? Was hatte ich getan! Ich war nicht einmal Parteimitglied der P.O.U.M. Natьrlich hatte ich wдhrend der Maikдmpfe Waffen gefьhrt, aber das hatten schдtzungsweise vierzig- oder fьnfzigtausend Leute getan. AuЯerdem brauchte ich dringend eine Nacht anstдndigen Schlafes. Ich wollte es riskieren und zum Hotel zurьckgehen, aber meine Frau wollte nichts davon hцren. Geduldig erklдrte sie mir die ganzen Umstдnde. Es kam nicht darauf an, was ich getan oder nicht getan hatte. Es handelte sich nicht um eine Jagd auf Kriminelle, es war nur die Herrschaft des Terrors. Ich hatte mich nicht eines bestimmten Vergehens schuldig gemacht, sondern meine Schuld bestand darin, ein >Trotzkist< zu sein. Die Tatsache, dass ich in der Miliz der P.O.U.M. gedient hatte, war genug, um mich ins Gefдngnis zu bringen. Es hatte keinen Zweck, sich an die englische Auffassung zu klammern, wonach man sicher ist, solange man die Gesetze eingehalten hat. Praktisch gab es nur das Gesetz, das sich die Polizei ausgedacht hatte. Mir blieb nichts anderes ьbrig, als mich zu verbergen und geheim zu halten, dass ich irgend etwas mit der P.O.U.M. ZU tun hatte. Wir gingen die Papiere durch, die ich in der Tasche hatte. Meine Frau lieЯ mich den Milizausweis, auf dem in groЯen Buchstaben P.O.U.M. stand, zerreiЯen, auЯerdem auch ein Foto einer Gruppe Milizsoldaten, auf dem im Hintergrund eine P.O.U.M.-Flagge zu sehen war. Wegen so etwas wurde man jetzt verhaftet. Meine Entlassungspapiere allerdings musste ich behalten. Aber selbst sie waren gefдhrlich, denn sie trugen das Siegel der 29. Division, und die Polizei wusste sicher, dass die 29. Division zur P.O.U.M. gehцrte. Aber ohne diese Papiere konnte ich wegen Fahnenflucht verhaftet werden.

Wir mussten uns nun ьberlegen, wie wir aus Spanien herauskamen. Es hatte keinen Zweck mehr, hier zu bleiben, wo man mit Sicherheit frьher oder spдter verhaftet wьrde. Tatsдchlich wдren wir beide noch gerne hier geblieben, um zu sehen, was geschah. Aber ich konnte mir vorstellen, wie lausig die spanischen Gefдngnisse sein wьrden (sie waren tatsдchlich noch schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte). Wenn man aber erst einmal im Gefдngnis saЯ, wusste man nicht, wann man wieder herauskam. AuЯerdem befand ich mich in einem scheuЯlichen Gesundheitszustand, von den Schmerzen in meinem Arm ganz zu schweigen. Wir verabredeten, uns am nдchsten Tag im britischen Konsulat zu treffen, wohin auch Cottman und McNair kommen wollten.

Es wьrde wahrscheinlich einige Tage dauern, ehe unsere Pдsse in Ordnung waren. Bevor man Spanien verlieЯ, mussten die Pдsse an drei verschiedenen Stellen abgestempelt werden — vom Polizeichef, vom franzцsischen Konsul und von den katalonischen Einwanderungsbehцrden. Natьrlich war der Polizeichef eine Gefahr. Aber vielleicht konnte der britische Konsul die Sache so darstellen, dass man von meiner Verbindung mit der P.O.U.M. nichts erfuhr. Natьrlich musste es eine Liste verdдchtiger auslдndischer >Trotzkisten< geben, und sehr wahrscheinlich enthielt sie auch unsere Namen. Mit etwas Glьck konnten wir aber vor dieser Liste an die Grenze kommen. Sicherlich herrschten ein ziemlich groЯes Durcheinander und manana. Zum Glьck waren wir in Spanien und nicht in Deutschland. Die spanische Geheimpolizei hatte zwar etwas vom Geist der Gestapo, aber nicht viel von ihrer Geschicklichkeit.

So trennten wir uns. Meine Frau ging zum Hotel zurьck, und ich wanderte in die Dunkelheit, um ein Plдtzchen zum Schlafen zu finden. Ich erinnere mich, wie gelangweilt und mьrrisch ich mich fьhlte. Ich hatte mich so auf eine Nacht in einem Bett gefreut! Nirgends gab es etwas, wohin ich gehen konnte, kein Haus, wo ich unterschlьpfen konnte. Die P.O.U.M. hatte praktisch keine Untergrundorganisation. Ohne Zweifel hatten die Anfьhrer erkannt, dass die Partei wahrscheinlich unterdrьckt werden wьrde, aber sie hatten niemals mit einer derartig umfangreichen Hexenjagd gerechnet. Das hatten sie tatsдchlich so wenig erwartet, dass sie die Umbauten an dem P.O.U.M.-Gebдude bis zu dem Tag fortsetzten, an dem die P.O.U.M. unterdrьckt wurde (unter anderem errichteten sie ein Kino in ihrem Amtsgebдude, das vorher eine Bank gewesen war). So gab es keine Treffpunkte und Verstecke, die jede revolutionдre Partei selbstverstдndlich haben sollte. Gott weiЯ, wie viele Leute — Leute, deren Haus von der Polizei besetzt worden war — diese Nacht in den StraЯen schliefen. Ich hatte fьnf Tage einer ermьdenden Reise hinter mir, ich hatte an den unmцglichsten Orten geschlafen, mein Arm schmerzte sehr stark, und jetzt jagten mich diese Dummkцpfe hin und her, und ich musste wieder auf der Erde schlafen. So weit ungefдhr reichten meine Gedanken. Ich stellte keine korrekten politischen Ьberlegungen an. So etwas tue ich nie, wдhrend etwas geschieht. Wenn ich in einen Krieg oder in politische Auseinandersetzungen verwickelt bin, geht es mir anscheinend immer so. Ich weiЯ von nichts, auЯer den physischen Unannehmlichkeiten und dem tiefen Wunsch, dass dieser verdammte Unsinn bald vorbeigehen mцge. Hinterher sehe ich die Bedeutung der Ereignisse, aber wдhrend sie geschehen, habe ich nur den Wunsch, daraus wegzukommen — vielleicht ist das ein gemeiner Charakterzug.

Ich legte einen langen Weg zurьck und kam schlieЯlich in die Nдhe des Allgemeinen Krankenhauses. Ich suchte nach einem Ort, wo ich mich hinlegen konnte, ohne dass mich ein neugieriger Polizist fand und nach meinen Papieren fragte. Ich versuchte es in einem Luftschutzbunker, aber er war gerade frisch ausgehoben worden und tropfte vor Feuchtigkeit. Dann fand ich die Ruine einer Kirche, die wдhrend der Revolution geplьndert und in Brand gesteckt worden war. Sie war nur noch ein Skelett, vier Wдnde ohne Dach, die einen Haufen Schutt umgaben. Ich stцberte in der grauen Finsternis herum und fand eine Art Mulde, in die ich mich hinlegen konnte. Brocken von zerbrochenem Mauerwerk sind nicht gerade gut, um sich draufzulegen, aber glьcklicherweise war es eine warme Nacht, und es gelang mir, einige Stunden zu schlafen.

Wenn man in einer Stadt wie Barcelona von der Polizei gesucht wird, ist das schlimmste, dass ьberall so spдt geцffnet wird. Wenn man im Freien schlдft, wacht man immer mit dem Morgengrauen auf. In Barcelona цffnete aber keines der Cafes vor neun Uhr, so musste ich also Stunden warten, ehe ich mich rasieren lassen konnte oder eine Tasse Kaffee bekam. Es war recht eigenartig, im Friseurladen noch die anarchistische Bekanntmachung an der Wand zu finden, auf der erklдrt wurde, dass Trinkgelder verboten seien. Auf der Ankьndigung stand: »Die Revolution hat unsere Ketten zerschlagen.« Ich hдtte den Friseuren am liebsten gesagt, dass sie bald wieder Ketten haben wьrden, fьr den Fall, dass sie nicht gut aufpassten.

Ich wanderte zum Zentrum der Stadt zurьck. Die roten Flaggen ьber dem P.O.U.M.-Gebдude waren heruntergerissen worden, an ihrer Stelle wehten republikanische Fahnen. Ganze Gruppen bewaffneter Zivilgardisten drьckten sich in den Torwegen herum. Die Polizei hatte sich ein Vergnьgen daraus gemacht, die meisten Fensterscheiben des Zentrums der Roten Hilfe an der Plaza de Catalufia zu zerschlagen. Man hatte den Buchladen der P.O.U.M. leergerдumt; und das Anschlagbrett weiter unten an der Rambla war mit P.O.U.M.-feindlichen Karikaturen beklebt worden — der Karikatur mit der Maske und dem faschistischen Gesicht darunter. Am Ende der Rambla, in der Nдhe der Kais, sah ich etwas Seltsames. Dort saЯ eine Reihe Milizsoldaten, noch zerlumpt und schmutzig von der Front, erschцpft auf den Stьhlen der Schuhputzer. Ich wusste, wer sie waren - ja, ich erkannte sogar einen von ihnen. Sie waren Milizsoldaten der P.O.U.M., die am Tage vorher von der Front gekommen waren, um nun zu sehen, dass die P.O.U.M. unterdrьckt wurde. Sie hatten die Nacht auf der StraЯe verbringen mьssen, da man ihre Hдuser besetzt hatte. Jeder Milizsoldat der P.O.U.M., der in diesem Augenblick nach Barcelona kam, hatte die Wahl, sich entweder sofort zu verstecken oder ins Gefдngnis zu gehen. Das ist nach drei oder vier Monaten an der Front nicht gerade ein sehr angenehmer Empfang.

Wir waren in einer seltsamen Lage. Nachts wurde man wie ein Flьchtling gejagt, aber tagsьber konnte man fast ein normales Leben fьhren. Jedes Haus, von dem man wusste, dass in ihm Anhдnger der P.O.U.M. wohnten, wurde sicher oder doch mit ziemlicher Sicherheit bewacht. Es war unmцglich, in ein Hotel oder in eine Pension zu gehen, denn es bestand eine Anordnung, wonach der Hotelbesitzer die Ankunft jedes Fremden sofort der Polizei mitteilen musste. Das hieЯ praktisch, dass man die Nacht auf der StraЯe verbringen musste. Tagsьber jedoch war man in einer Stadt von der GrцЯe Barcelonas ziemlich sicher. Die StraЯen waren voller Zivilgardisten, Sturmgardisten, Carabineros und normaler Polizei, daneben Gott weiЯ welche Spione in Zivil. Aber trotzdem konnten sie nicht jeden anhalten, der an ihnen vorbeiging, und wenn man normal aussah, konnte man ihrer Aufmerksamkeit entgehen. Man musste vor allen Dingen vermeiden, sich in der Nдhe der P.O.U.M.-Gebдude aufzuhalten, und durfte nicht in jene Cafes und Restaurants gehen, wo einen die Kellner von Angesicht kannten. An diesem und dem nдchsten Tag verbrachte ich ziemlich viel Zeit mit einem Bad in einer der цffentlichen Badeanstalten. Das erschien mir damals als eine gute Mцglichkeit, mich verborgen zu halten. Leider hatten viele andere die gleiche Idee, und ein paar Tage nachdem ich Barcelona verlassen hatte, besetzte die Polizei eine der цffentlichen Badeanstalten und verhaftete eine Anzahl vцllig nackter >Trotzkisten<.

In der Mitte der Rambla begegnete ich einem Verwundeten aus dem Sanatorium Maurin. Wir wechselten einen jener unsichtbaren Blicke, mit denen sich die Leute damals grьЯten, und wir trafen uns unauffдllig in einem der Cafes etwas weiter oben an der StraЯe. Er war der Verhaftung entgangen, als das Maurin besetzt wurde, war aber wie viele andere auf die StraЯe getrieben worden. Er war nur in Hemdsдrmeln, denn er musste ohne Jacke fliehen und hatte kein Geld. Er schilderte mir, wie einer der Zivilgardisten das groЯe farbige Portrдt Maurins von der Wand herabgerissen und in Stьcke getreten habe. Maurin, einer der Grьnder der P.O.U.M., war Gefangener in den Hдnden der Faschisten, und man vermutete damals schon, dass er von ihnen erschossen worden sei.

Um zehn Uhr traf ich meine Frau auf dem britischen Konsulat. McNair und Cottman kamen kurze Zeit spдter auch dorthin. Als erstes erzдhlten sie mir, Bob Smillie sei tot. Er war in Valencia im Gefдngnis gestorben, aber niemand wusste mit Sicherheit, wie. Man hatte ihn sofort beerdigt, und man hatte David Murray, dem цrtlichen Vertreter der I.L.P., die Erlaubnis verweigert, seine Leiche zu sehen.

Natьrlich vermutete ich sofort, Smillie sei erschossen worden. Das glaubte damals jeder, aber inzwischen bin ich zu der Ьberzeugung gelangt, ich kцnne unrecht gehabt haben. Spдter wurde eine Blinddarmentzьndung als Todesursache angegeben, und wir hцrten hinterher von einem anderen, entlassenen Gefangenen, Smillie sei tatsдchlich im Gefдngnis krank gewesen. So war vielleicht die Geschichte von der Blinddarmentzьndung richtig. Vielleicht verweigerte man Murray aus Bosheit, die Leiche zu sehen. Ich muss jedoch etwas hinzufьgen. Bob Smillie war nur zweiundzwanzig Jahre alt und kцrperlich einer der zдhesten Leute, die ich je getroffen habe. Er war, glaube ich, der einzige Englдnder oder Spanier unter meinen Bekannten, der drei Monate in den Schьtzengrдben gelegen hatte und nicht ein einziges Mal krank gewesen war. So zдhe Leute sterben normalerweise nicht an Blinddarmentzьndung, wenn man sich um sie kьmmert. Wenn man aber erfuhr, wie die spanischen Gefдngnisse aussahen — die behelfsmдЯigen Gefдngnisse fьr politische Gefangene —, wusste man, wie wenig Aussichten ein Kranker hatte, dort anstдndig behandelt zu werden. Man kann die Gefдngnisse nur als Verliese bezeichnen. In England mьsste man bis ins achtzehnte Jahrhundert zurьckgehen, um etwas Vergleichbares zu finden. Die Menschen wurden in kleinen Rдumen zusammengepfercht, wo es fьr sie kaum genug Platz gab, um sich hinzulegen. Oft wurden sie auch in Kellern und anderen dunklen Orten festgehalten. Das war nicht nur eine vorьbergehende MaЯnahme, denn es gab Fдlle, in denen Menschen vier oder fьnf Monate gefangen gehalten wurden, ohne das Tageslicht gesehen zu haben. Man ernдhrte sie mit einer schmutzigen, unzureichenden Kost, die aus zwei Tellern Suppe und zwei Stьcken Brot pro Tag bestand. (Einige Monate spдter scheint sich jedoch die Ernдhrung ein wenig gebessert zu haben.) Ich ьbertreibe wirklich nicht, man frage nur einen politisch Verdдchtigen, der in Spanien im Gefдngnis gewesen ist. Ich habe aus einer Reihe verschiedener Quellen Berichte ьber die spanischen Gefдngnisse, und sie stimmen so sehr miteinander ьberein, dass es schwer fдllt, ihnen nicht zu glauben. AuЯerdem habe ich selbst einige Male in ein spanisches Gefдngnis hineingeschaut. Einer meiner anderen englischen Freunde, der spдter verhaftet wurde, schreibt, seine Erfahrungen im Gefдngnis »machten Smillies Fall leichter verstдndlich«. Smillies Tod kann man nicht so leicht vergeben. Er war ein tapferer und fдhiger Bursche, der seine Laufbahn an der Universitдt von Glasgow aufgegeben hatte, um gegen den Faschismus zu kдmpfen. Wie ich selbst gesehen hatte, tat er an der Front seine Pflicht mit untadeligem Mut und mit Bereitwilligkeit. Das einzige aber, was sie sich ausdenken konnten, bestand darin, ihn in ein Gefдngnis zu werfen und wie ein verlassenes Tier sterben zu lassen. Ich weiЯ, dass es keinen Zweck hat, mitten in einem groЯen, blutigen Krieg viel Aufhebens ьber einen einzelnen Tod zu machen. Eine Fliegerbombe, die in einer StraЯe voller Menschen explodiert, verursacht mehr Leiden als eine ganze Serie politischer Verfolgungen. Aber ich war wьtend ьber die vцllige Sinnlosigkeit dieses Todes. In der Schlacht getцtet zu werden — ja, das erwartet man. Aber nicht einmal wegen irgendeiner eingebildeten Anschuldigung, sondern einfach aus dummer blinder Bosheit ins Gefдngnis geworfen zu werden und dann in der Einsamkeit zu sterben, das ist etwas ganz anderes. Ich kann mir nicht vorstellen, wie so etwas den Sieg nдher brachte; es ist auch nicht so, dass Smillies Fall eine Ausnahme gebildet hдtte.

Am gleichen Nachmittag besuchten meine Frau und ich Kopp. Man durfte Gefangene besuchen, die nicht incomunicado gehalten wurden, obwohl es nicht gefahrlos war, mehr als ein- oder zweimal hinzugehen. Die Polizei beobachtete alle Leute, die kamen und gingen, und wenn man die Gefдngnisse zu oft besuchte, wurde man selbst als >Trotzkisten<-Freund abgestempelt und kam wahrscheinlich am Ende selbst ins Gefдngnis. Das war schon einer Reihe von Leuten passiert. Kopp wurde nicht incomunicado gehalten, und wir erhielten ohne Schwierigkeiten die Erlaubnis, ihn zu sehen. Als sie uns durch die Stahltore ins Gefдngnis hineinlieЯen, wurde ein spanischer Milizsoldat, den ich von der Front kannte, zwischen zwei Zivilgardisten hinausgefьhrt. Sein Auge traf meins, wieder dieses gespenstische Zwinkern. Der erste, den wir drinnen sahen, war ein amerikanischer Milizsoldat, der einige Tage vorher nach Hause abgereist war. Seine Papiere waren vollstдndig in Ordnung, aber trotzdem hatte man ihn an der Front verhaftet, wahrscheinlich weil er noch immer die Kordkniehosen trug und man ihn deshalb als Milizsoldaten identifizieren konnte. Wir gingen aneinander vorbei, als seien wir uns vцllig fremd. Das war furchtbar. Ich kannte ihn seit Monaten, ich hatte einen Unterstand mit ihm geteilt, er hatte geholfen, mich nach meiner Verwundung aus der Front zu tragen, und doch war es das einzige, was man tun konnte. Die blauuniformierten Wдchter schnьffelten ьberall herum. Es wдre fatal gewesen, zu viele Leute zu begrьЯen.

Das so genannte Gefдngnis war in Wirklichkeit das ErdgeschoЯ eines Geschдftes. Man hatte an die hundert Leute in zwei Rдume hineingepfercht, von denen jeder etwa sechs mal sechs Meter groЯ war. Das Gefдngnis sah aus wie das Newgate-Gefдngnis auf einem Kalenderbild aus dem achtzehnten Jahrhundert, vor allem der abstoЯende Schmutz, die zusammengedrдngten menschlichen Kцrper, die Rдume ohne Mцbel, nur mit blankem Steinboden, einer Bank, einigen zerlumpten Decken und in fahles Licht getaucht, da man die verrosteten Stahljalousien vor den Fenstern herabgelassen hatte. Auf den nackten Wдnden standen revolutionдre Parolen: »Visca P.O.U.M.!«, »Viva la Revoluciуn!« und so weiter. In den letzten Monaten hatte man dieses Gebдude als Abladeplatz fьr politische Gefangene benutzt. Es herrschte ein ohrenbetдubender Lдrm von Stimmen, denn es war Besuchsstunde, und das Gebдude war so voller Menschen, dass man sich nur schwer fortbewegen konnte. Fast alle gehцrten der дrmsten Arbeiterschicht der Bevцlkerung an. Man sah, wie Frauen erbдrmliche Lebensmittelpakete цffneten, die sie fьr ihre gefangenen Mдnner mitgebracht hatten. Unter den Gefangenen waren auch einige Verwundete aus dem Sanatorium Maurin. Zwei von ihnen hatten amputierte Beine, einen hatte man ohne Krьcken in das Gefдngnis gebracht, und er hьpfte auf einem FuЯ herum. Ich sah auch einen Jungen, der nicht дlter als zwцlf war; anscheinend verhafteten sie auch Kinder. Im Gebдude herrschte ein bestialischer Gestank, den man immer dort bemerkt, wo eine groЯe Menschenmenge ohne anstдndige hygienische Verhдltnisse zusammengepfercht wird.

Kopp bahnte sich einen Weg durch die Menge, um uns zu begrьЯen. Sein plumpes, frisches Gesicht sah nicht anders als sonst aus, und er hatte seine Uniform selbst in diesem schmutzigen Gebдude sauber gehalten und es sogar bewerkstelligt, sich zu rasieren. AuЯer ihm war noch ein zweiter Offizier in der Uniform der Volksarmee unter den Gefangenen. Als sie sich in der Menge aneinander vorbeidrьckten, grьЯten er und Kopp sich. Die Geste war irgendwie pathetisch. Kopp schien in glдnzender Verfassung zu sein. »Nun, ich vermute, wir werden alle erschossen!« sagte er gut gelaunt. Das Wort »erschieЯen« gab mir einen inneren Schauder. Es war noch nicht lange her, dass mein Kцrper von einer Kugel getroffen wurde, und ich erinnerte mich sehr lebhaft daran. Der Gedanke, dass es jemand passieren kцnne, den man gut kennt, ist nicht schцn. Damals hielt ich es fьr selbstverstдndlich, dass alle wichtigen Leute in der P.O.U.M. erschossen wьrden, unter ihnen natьrlich auch Kopp. Die ersten Gerьchte vom Tode Nins sickerten durch, und wir wussten, dass die P.O.U.M. des Verrates und der Spionage beschuldigt wurde. Alles deutete auf einen groЯen Schauprozess hin, dem ein Gemetzel der fьhrenden >Trotzkisten< folgen wьrde. Es ist schrecklich, wenn man einen Freund im Gefдngnis sieht und weiЯ, dass man selbst keine Macht hat, ihm zu helfen. Denn es gab nichts, was man tun konnte. Es war sogar nutzlos, sich an die belgischen Behцrden zu wenden, denn Kopp hatte die Gesetze seines eigenen Landes gebrochen, als er hierherkam. Das Sprechen musste ich vor allem meiner Frau ьberlassen. Mit meiner krдchzenden Stimme konnte ich mich bei dem groЯen Lдrm nicht verstдndlich machen. Kopp erzдhlte, dass er sich mit einigen anderen Gefangenen angefreundet habe. Er sagte uns, dass einige der Wachtposten gute Kerle seien, andere aber schlьgen und misshandelten die schьchterneren Gefangenen. Die Verpflegung, meinte er, sei nur ein >SchweinefraЯ<. Zum Glьck hatten wir daran gedacht, ihm ein Paket Lebensmittel und auch Zigaretten mitzubringen. Dann erzдhlte uns Kopp von den Papieren, die man ihm abgenommen hatte, als er verhaftet wurde. Darunter war auch ein Brief des Kriegsministers an den Kommandierenden Oberst der Pioniereinheiten der Ostarmee. Die Polizei hatte den Brief beschlagnahmt und sich geweigert, ihn zurьckzugeben. Angeblich sollte er im Bьro des Polizeichefs liegen. Vielleicht wьrde es sehr wichtig sein, den Brief zurьckzubekommen.

Ich erkannte sofort, wie wichtig das sein kцnnte. Vielleicht wьrde ein offizieller Brief dieser Art, mit einer Empfehlung des Kriegsministeriums und General Pozas, Kopps Ehrlichkeit bezeugen. Die Schwierigkeit bestand nur darin, die Existenz dieses Briefes zu beweisen. Wurde er im Bьro des Polizeichefs geцffnet, konnte man sicher sein, dass irgendein Schuft ihn vernichten wьrde. Es gab nur einen Menschen, der ihn vielleicht zurьckbekommen konnte. Das war der Offizier, an den der Brief adressiert war. Kopp hatte schon daran gedacht und einen Brief geschrieben, den ich aus dem Gefдngnis schmuggeln und zur Post geben sollte. Aber es war offensichtlich schneller und sicherer, persцnlich hinzugehen. Ich lieЯ meine Frau bei Kopp zurьck, stьrzte hinaus und fand nach langem Suchen ein Taxi. Ich wusste, dass Zeit alles war. Es war jetzt ungefдhr halb sechs, der Oberst wьrde wahrscheinlich sein Bьro um sechs Uhr verlassen, und morgen kцnnte der Brief Gott weiЯ wo sein. Vielleicht wдre er dann schon vernichtet oder unter einem Haufen anderer Dokumente verloren, die sich vermutlich zu Bergen hдuften, wдhrend ein Verdдchtiger nach dem anderen verhaftet wurde. Das Bьro des Obersten lag in der Heereskommandantur unten am Kai. Als ich die Treppe hinaufstьrzte, versperrte der wachhabende Sturmgardist am Tor den Weg mit seinem langen Bajonett und verlangte »Papiere«. Ich hielt ihm meinen Entlassungsschein vor die Nase. Offenbar konnte er nicht lesen und lieЯ mich passieren, beeindruckt von dem geheimnisvollen Wert der »Papiere«. Im Innern war das Gebдude ein riesiges, verschlungenes Gehege, das sich rund um einen zentralen Hof fьgte. Auf jedem Stockwerk gab es Hunderte von Bьros. Niemand hatte, da es in Spanien war, die leiseste Ahnung, wo das Bьro lag, das ich suchte. Ich wiederholte dauernd: »El coronel — jefe de ingenieros, Ejercito de Este!»Die Leute lдchelten und zuckten elegant mit ihren Schultern. Jeder, der irgendeine Vorstellung hatte, schickte mich in eine andere Richtung, diese Treppe hinauf, jene hinunter, durch endlose Gдnge, die sich als Sackgassen erwiesen. Die Zeit aber wurde immer kьrzer. Ich hatte das eigenartige Gefьhl, unter einem Alpdruck zu stehen: Ich lief Treppen hinauf und hinab; ich sah geheimnisvolle Leute, die kamen und gingen; ich blickte durch offene Tьren in chaotische Bьros, in denen ьberall Papier umherlag und Schreibmaschinen ratterten; die Zeit verrann, und vielleicht lag ein Leben auf der Waagschale. SchlieЯlich aber kam ich noch rechtzeitig an mein Ziel und wurde, ein wenig zu meiner Ьberraschung, sogar angehцrt. Ich sah den Oberst nicht, aber sein Adjutant oder Sekretдr, ein kleiner Offizier mit groЯen und schielenden Augen in einer feinen Uniform, kam heraus, um mich im Vorzimmer zu befragen. Ich stieЯ meine Geschichte hervor. Ich sei wegen meines mir vorgesetzten Offiziers, Major Jorge Kopp, gekommen, der eine dringende Mission an der Front habe und der irrtьmlich verhaftet worden sei. Der Brief an den Oberst sei vertraulicher Natur und mьsse ohne Verzцgerung wieder herbeigeschafft werden. Ich hдtte monatelang unter Kopp gedient, er sei ein дuЯerst anstдndiger Offizier, offensichtlich sei seine Verhaftung ein Irrtum, die Polizei habe ihn mit irgend jemand verwechselt. Ich wiederholte und betonte die Dringlichkeit der Mission Kopps an der Front, denn ich wusste, dass dies das krдftigste Argument war. Aber es muss sich in meinem abscheulichen Spanisch, das jedes Mal in einem kritischen Moment in Franzцsisch umschlug, wie eine recht sonderbare Geschichte angehцrt haben. Das schlimmste aber war, dass meine Stimme nahezu sofort aussetzte und ich nur mit grцЯter Anstrengung ein Krдchzen hervorbringen konnte. Ich befьrchtete, dass sie vollstдndig verschwinden kцnnte und es dem kleinen Offizier ьberdrьssig wьrde, mir zuzuhцren. Ich habe mich oft gefragt, was er sich wohl gedacht hat, wieso meine Stimme nicht in Ordnung sei. Ob er glaubte, ich sei betrunken, oder ich litte nur unter einem schlechten Gewissen. Aber er hцrte mir geduldig zu, nickte hдufig mit seinem Kopf und stimmte dem, was ich sagte, vorsichtig zu. Ja, es klдnge so, als sei ein Irrtum unterlaufen. Natьrlich solle man die Sache untersuchen. Manana -. Ich protestierte. Nicht manana! Die Sache war dringend; Kopp sollte schon an der Front sein. Wieder schien der Offizier zuzustimmen. Dann kam die Frage, die ich gefьrchtet hatte:

»Dieser Major Kopp — in welcher Einheit dient er?« Das schreckliche Wort musste gesagt werden: »In der P.O.U.M.-Miliz.«

»P.O.U.M.!«

Kцnnte ich dem Leser nur die erschrockene Bestьrzung in seiner Stimme vermitteln. Man muss sich vor Augen halten, was man in diesem Augenblick von der P.O.U.M. hielt. Die Furcht vor Spionen hatte ihren Hцhepunkt erreicht. Vermutlich glaubten alle guten Republikaner ein oder zwei Tage lang, dass die P.O.U.M. wirklich eine riesige, von den Deutschen bezahlte Spionageorganisation sei. Wenn man so etwas also einem Offizier der Volksarmee sagte, war es genauso, als ob jemand nach dem Schrecken der Roten-Brief-Affдre in den Kavallerieklub gekommen wдre und sich als Kommunist bezeichnet hдtte. Seine dunklen Augen musterten versteckt mein Gesicht. Nach einer weiteren langen Pause sagte er langsam:

»Und Sie sagten, dass Sie mit ihm an der Front zusammen waren. Dann haben Sie selbst also auch in der P.O.U.M.-Miliz gedient?«

»Ja.«

Er drehte sich um und verschwand im Bьro des Obersten. Ich konnte ein erregtes Gesprдch hцren. »Jetzt ist alles vorbei« dachte ich. Wir wьrden Kopps Brief niemals zurьckbekommen. AuЯerdem musste ich bekennen, dass ich selbst der

P.O.U.M. angehцrte, und zweifellos wьrden sie die Polizei anrufen, damit sie mich verhafte, um so noch einen Trotzkisten zur Strecke zu bringen. Da kam der Offizier aber schon wieder heraus, setzte sich seine Mьtze auf und bedeutete mir finster, ich solle ihm folgen. Wir gingen zum Amt des Polizeichefs. Es war ein langer Weg, wir mussten zwanzig Minuten gehen. Der kleine Offizier marschierte steif mit militдrischem Schritt vor mir her. Auf dem ganzen Weg wechselten wir nicht ein einziges Wort. Als wir am Amt des Polizeichefs ankamen, drьckte sich vor dem Tor ein Haufen recht abscheulich aussehender Halunken herum, vermutlich Polizeispitzel, Informanten und alle mцglichen Spione. Der kleine Offizier ging hinein, ich hцrte ein langes, erregtes Gesprдch. Man konnte laute, wьtende Stimmen hцren, und man konnte sich heftige Gesten vorstellen, Achselzucken und auf den Tisch geschlagene Fдuste. Offenbar weigerte sich die Polizei, den Brief herauszugeben. SchlieЯlich aber kam der Offizier wieder heraus, er war ganz rot im Gesicht, aber er hatte einen groЯen, offiziellen Umschlag in der Hand. Es war Kopps Brief. Wir hatten einen winzigen Sieg errungen, der aber nicht die geringste Bedeutung hatte, wie sich spдter herausstellte. Der Brief wurde pflichtgemдЯ abgeliefert, aber die militдrischen Vorgesetzten konnten Kopp keinesfalls aus dem Gefдngnis befreien.

Der Offizier versprach mir, den Brief dem Obersten auszuhдndigen. Was aber sollte mit Kopp geschehen? sagte ich. Konnten wir ihn nicht frei bekommen? Er zuckte mit der Schulter. Das war eine ganz andere Sache. Sie wussten nicht, warum Kopp verhaftet worden war. Er sagte mir nur, dass die geeigneten Untersuchungen durchgefьhrt wьrden. Es gab nichts mehr zu sagen, wir mussten uns trennen. Wir bei-

de verbeugten uns leicht. Und dann geschah etwas sehr Seltsames und Erregendes. Der kleine Offizier zцgerte einen Augenblick, dann trat er auf mich zu und schьttelte mir die Hand.

Ich weiЯ nicht, ob ich ьberzeugend genug schildern kann, wie sehr mich diese Geste ergriff. Es hцrt sich so unwichtig an. Aber das war es keinesfalls. Man muss sich vorstellen, welche Gefьhle man damals hatte — die schreckliche Atmosphдre des Misstrauens und des Hasses, der Lьgen und Gerьchte, die ьberall die Runde machten, die Plakate auf den Litfasssдulen, die laut verkьndeten, dass ich und jeder, der der gleichen Gruppe angehцrte, ein faschistischer Spion sei. Man muss sich auch vergegenwдrtigen, dass wir vor dem Amt des Polizeichefs standen, genau vor dem schmutzigen Gesindel der Kolporteure und agents provocateurs. Jeder einzelne von ihnen konnte vielleicht wissen, dass ich von der Polizei >gesucht< wurde. Es war das gleiche, als ob man wдhrend des Ersten Weltkrieges in der Цffentlichkeit einem Deutschen die Hand geschьttelt hдtte. Ich vermute, dass er sich wohl dazu durchgerungen hatte, dass ich wirklich kein faschistischer Spion sei. Aber es war dennoch sehr anstдndig von ihm, meine Hand zu schьtteln.

Ich beschreibe diese Szene, so trivial sie auch klingen mag, denn sie ist etwas typisch Spanisches — sie zeigt einen jener Augenblicke der GroЯzьgigkeit, die einem die Spanier unter den schlimmsten Umstдnden entgegenbringen. Ich habe die ьbelsten Erinnerungen an Spanien, aber ich habe nur wenige schlechte Erinnerungen an die Spanier. Ich kann mich nur an zwei Gelegenheiten erinnern, bei denen ich mit einem Spanier ernstlich bцse war. Beide Male aber hatte ich vermutlich selbst unrecht, wenn ich heute darьber nachdenke. Die Spanier sind ohne Zweifel groЯzьgig, sie haben einen gewissen Adel, der eigentlich nicht in das zwanzigste Jahrhundert gehцrt. Diese Haltung gibt uns die Hoffnung, dass in Spanien selbst der Faschismus eine verhдltnismдЯig lockere und ertrдgliche Form annehmen mag. Nur wenige Spanier besitzen die verdammenswerte Tьchtigkeit und Bestдndigkeit, die ein moderner totalitдrer Staat benцtigt. Als die Polizei einige Nдchte vorher das Zimmer meiner Frau durchsuchte, hatte sie dafьr eine eigentьmliche kleine Illustration geliefert. Diese Durchsuchung war tatsдchlich eine sehr interessante Sache, und ich hдtte sie gerne gesehen, obwohl es vielleicht genauso gut ist, dass ich sie nicht sah, denn ich hдtte mich wahrscheinlich nicht beherrschen kцnnen.

Die Polizei fьhrte die Durchsuchung im bekannten Stil der Ogpu oder Gestapo durch. In den frьhen Morgenstunden klopften sie an die Tьr, und sechs Mдnner marschierten herein, schalteten das Licht an und postierten sich sofort in verschiedenen Ecken des Zimmers, worьber sie sich offensichtlich schon vorher geeinigt hatten. Dann durchsuchten sie beide Zimmer mit unfassbarer Grьndlichkeit (nebenan war ein Badezimmer). Sie klopften die Wдnde ab, hoben die Lдufer auf, untersuchten den Boden, befьhlten die Vorhдnge, stocherten unter die Badewanne und die Heizungskцrper, leerten jede Schublade und jeden Koffer, betasteten alle Kleidungsstьcke und hielten sie gegen das Licht. Sie beschlagnahmten alle Papiere, einschlieЯlich dessen, was im Papierkorb lag, und obendrein unsere sдmtlichen Bьcher. Sie gerieten in eine Ekstase des Misstrauens, als sie herausfanden, dass wir eine franzцsische Ьbersetzung von Hitlers Mein Kampf besaЯen. Das hдtte unser Schicksal besiegelt, wenn es das einzige Buch gewesen wдre, das sie bei uns fanden. Es ist eindeutig, dass ein Mensch, der Mein Kampf liest, ein Faschist sein muss. Im nдchsten Augenblick jedoch fanden sie eine Ausgabe von Stalins Heft Wie man Trotzkisten liquidiert und mit anderen Verrдtern umspringen muss. Das brachte sie etwas zur Beruhigung. In einer Schublade lag eine Anzahl Pдckchen Zigarettenpapier. Sie nahmen jedes Pдckchen auseinander und untersuchten jedes Stьckchen Papier fьr sich, ob vielleicht eine Botschaft daraufgeschrie- ben sei. Insgesamt durchsuchten sie unsere Sachen fast zwei Stunden lang. Aber wдhrend der ganzen Zeit durchsuchten sie das Bett nicht. Wдhrend der ganzen Zeit lag meine Frau im Bett, und es hдtte bestimmt ein halbes Dutzend Maschinenpistolen unter der Matratze liegen kцnnen, gar nicht zu sprechen von einer Bibliothek trotzkistischer Dokumente unter dem Kissen. Aber die Geheimpolizisten dachten nicht daran, das Bett zu berьhren, ja, sie sahen nicht einmal darunter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies zur normalen Routine der Ogpu gehцrt. Man muss sich vorstellen, dass die Polizei fast vollstдndig unter kommunistischer Kontrolle stand und dass diese Leute wahrscheinlich kommunistische Parteimitglieder waren. Aber sie waren auch Spanier, und es wдre ein bisschen zu viel fьr sie gewesen, eine Frau aus dem Bett zu zerren. So wurde dieser Teil ihrer Aufgabe schweigend ьbergangen, und damit war die ganze Durchsuchung sinnlos.

In dieser Nacht schliefen McNair, Cottman und ich in hohem Gras am Rande eines verlassenen Baugelдndes. Die Nacht war fьr die Jahreszeit sehr kalt, und keiner von uns schlief sehr viel. Ich erinnere mich noch an die langen trostlosen Stunden, die wir herumlungerten, ehe wir eine Tasse Kaffee bekommen konnten. Zum ersten Mal, seit ich nach Barcelona gekommen war, sah ich mir die Kathedrale an. Es war eine moderne Kathedrale, aber gleichzeitig eines der hдsslichsten Gebдude der Welt. Sie hat vier mit Zinnen versehene Tьrme, die genau wie Rheinweinflaschen aussehen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kirchen in Barcelona war sie wдhrend der Revolution nicht beschдdigt worden. Die Leute sagten, man hдtte sie wegen ihres kьnstlerischen Wertes< verschont. Ich bin der Ansicht, dass die Anarchisten schlechten Geschmack bewiesen, als sie die Kirche nicht in die Luft sprengten, solange sie die Gelegenheit dazu hatten, obwohl sie ein rot-schwarzes Banner zwischen die Tьrme hдngten. An diesem Nachmittag besuchten meine Frau und ich Kopp zum letzten Mal. Wir konnten nichts, aber wirklich nichts fьr ihn tun, nur auf Wiedersehen sagen und etwas Geld bei spanischen Freunden lassen, die ihm Nahrung und Zigaretten bringen wьrden. Etwas spдter aber, wir hatten schon Barcelona verlassen, wurde er auch incomunicado gehalten, und man konnte ihm nicht einmal mehr Lebensmittel schicken. Als wir an diesem Abend die Rambla hinuntergingen, kamen wir am Cafe >Moka< vorbei, das immer noch von den Zivilgardisten besetzt gehalten wurde. Spontan ging ich hinein und sprach zwei von ihnen an, die an der Theke lehnten und ihre Gewehre ьber dem Rьcken trugen. Ich fragte sie, ob sie wьssten, wer von ihren Kameraden hier wдhrend der Maikдmpfe Dienst getan hдtte. Sie wussten es nicht und konnten mit der ьblichen spanischen Ungenauigkeit auch niemanden ausfindig machen, der es wusste. Ich sagte ihnen, mein Freund Jorge Kopp lдge im Gefдngnis und wьrde vielleicht fьr etwas, was mit den Maikдmpfen zusammenhing, vor Gericht gestellt. Die Leute aber, die hier Dienst getan hдtten, wьssten, dass er die Kдmpfe aufgehalten habe und einigen Leuten das Leben gerettet hдtte. Sie sollten sich vielleicht ьberwinden und Zeugnis dafьr ablegen. Einer der Leute, mit denen ich sprach, war ein stumpfer, schwerfдlliger Mann, der dauernd seinen Kopf schьttelte, weil er durch den Verkehrslдrm meine Stimme nicht hцren konnte. Aber der zweite war anders. Er sagte, er hдtte durch seine Kameraden von Kopps Aktion gehцrt; Kopp sei ein buen chico (ein guter Kerl). Aber selbst damals wusste ich schon, dass alles nutzlos war. Sollte Kopp wirklich vor Gericht gestellt werden, wьrde das wie in allen gleichartigen Prozessen auf Grund falscher Beweise geschehen. Wenn er inzwischen erschossen worden ist (ich befьrchte, das ist ziemlich sicher), so wird dies sein Nachruf sein: das buen chico des einfachen Zivilgardisten, selbst ein Teil des schmutzigen Systems, aber noch menschlich genug, um eine anstдndige Handlung als solche zu erkennen.

Wir fьhrten ein auЯergewцhnliches, verrьcktes Dasein. Wдhrend der Nacht waren wir Verbrecher, wдhrend des Tages waren wir wohlhabende, englische Besucher — so gaben wir uns jedenfalls. Selbst wenn man eine Nacht drauЯen verbracht hat, bewirken eine Rasur, ein Bad und frisch geputzte Schuhe ein Wunder in bezug auf das ДuЯere. Augenblicklich war es das sicherste fьr uns, so bьrgerlich wie mцglich auszusehen. Wir hielten uns in den vornehmen Wohnvierteln der Stadt auf, wo man unsere Gesichter nicht kannte, gingen in teure Restaurants und behandelten die Kellner auf eine typisch englische Art. Zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich auch etwas auf die Wдnde. In den Eingдngen verschiedener feiner Restaurants kritzelte ich »Visca P.O.U.M.!« so groЯ, wie ich es schreiben konnte, an die Wand. Wдhrend der ganzen Zeit war ich technisch auf der Flucht, fьhlte mich aber nicht in Gefahr. Das Ganze erschien so absurd. Ich hatte den unausrottbaren englischen Glauben, dass >sie< mich nicht verhaften kцnnten, es sei denn, ich hдtte ein Gesetz gebrochen. Das ist die gefдhrlichste Illusion, die man wдhrend eines politischen Pogroms haben kann. Der Befehl fьr die Verhaftung McNairs war erlassen worden, und es war durchaus mцglich, dass auch der Rest von uns auf der Liste stand. Die Verhaftungen, Ьberfдlle und Durchsuchungen gingen pausenlos weiter. Zu dieser Zeit war praktisch jeder, den wir kannten, im Gefдngnis, mit Ausnahme derjenigen, die an der Front waren. Die Polizei ging sogar auf die franzцsischen Schiffe, die von Zeit zu Zeit Flьchtlinge wegbrachten, und verhaftete verdдchtige >Trotzkisten<.

Wir verdanken es der Gefдlligkeit des britischen Konsuls, dass es uns gelang, unsere Pдsse in Ordnung zu bringen. Er muss in dieser Woche eine recht anstrengende Zeit verbracht haben. Je eher wir abreisten, desto besser. Der Zug nach Port Bou sollte um halb acht Uhr abends fahren, und man hдtte normalerweise erwarten kцnnen, dass er etwa um halb neun abfahren wьrde. Wir hatten verabredet, dass meine Frau vorher ein Taxi bestellen und ihre Koffer packen solle. Dann sollte sie im allerletzten Augenblick ihre Rechnung bezahlen und das Hotel verlassen. Erregte sie im Hotel zu viel Aufsehen, wьrde die Direktion sicherlich die Polizei benachrichtigen. Ich ging gegen sieben Uhr zum Bahnhof und erfuhr, dass der Zug schon abgefahren war. Er hatte um zehn vor sieben Barcelona verlassen. Wie ьblich, hatte es sich der Lokomotivfьhrer anders ьberlegt. Glьcklicherweise konnten wir meine Frau noch rechtzeitig warnen. Der nдchste Zug fuhr frьh am nдchsten Morgen. McNair, Cottman und ich aЯen in einem kleinen Restaurant in der Nдhe des Bahnhofs zu Abend und entdeckten durch vorsichtiges Fragen, dass der Besitzer des Restaurants Mitglied der C.N.T. und uns wohlgesinnt war. Er vermietete uns ein Dreibettzimmer und vergaЯ, die Polizei zu benachrichtigen. Es war das erste Mal seit fьnf Nдchten, dass ich ohne meine Kleider schlafen konnte.

Am nдchsten Morgen gelang es meiner Frau, ohne Aufsehen zu erregen, aus dem Hotel zu entwischen. Der Zug fuhr mit einer Stunde Verspдtung ab. Ich benutzte die Zeit, um einen langen Brief an das Kriegsministerium zu schreiben. Ich schilderte darin den Fall Kopps, wie er zweifellos irrtьmlicherweise verhaftet worden sei, wie dringend er an der Front benцtigt wьrde und wie viele Leute bescheinigen kцnnten, dass er sich nichts habe zuschulden kommen lassen. Ich weiЯ nicht, ob irgend jemand diesen Brief gelesen hat, den ich mit einer zittrigen Handschrift und einem noch unbeholfeneren Spanisch auf Blдtter schrieb, die ich aus meinem Notizbuch herausgerissen hatte; meine Finger waren immer noch halb gelдhmt. Jedenfalls hat weder dieser Brief noch sonst etwas eine Wirkung gehabt. Wдhrend ich heute, sechs Monate nach den Ereignissen, schreibe, ist Kopp (wenn er nicht erschossen worden ist) immer noch ohne Anklage und ohne Gerichtsurteil im Gefдngnis. Anfangs erhielten wir ein oder zwei Briefe von ihm, die von entlassenen Gefangenen hinausgeschmuggelt und in Frankreich aufgegeben worden waren. Alle berichteten uns das gleiche — Gefangenschaft in schmutzigen, dunklen Verliesen, schlechte und unzureichende Ernдhrung, ernste Erkrankung infolge der Verhдltnisse im Gefдngnis und der Verweigerung дrztlicher Pflege. Diese Angaben wurden mir von verschiedenen anderen englischen und franzцsischen Quellen bestдtigt. Kьrzlich verschwand er in einem der >Geheimgefдngnisse<, mit denen anscheinend ьberhaupt keine Verbindung mцglich ist. Sein Fall ist ein typisches Beispiel fьr Dutzende oder Hunderte von Auslдndern und wer weiЯ wie viele Tausende von Spaniern.

SchlieЯlich ьberschritten wir die Grenze ohne jeden Zwischenfall. Der Zug fьhrte die erste Klasse und hatte einen Speisewagen, den ersten, den ich in Spanien gesehen hatte. Bis vor kurzem gab es in Katalonien nur Zьge mit einer Klasse. Zwei Polizisten gingen durch den Zug und notierten die Namen der Auslдnder, aber als sie uns im Speisewagen sahen, schienen sie von unserer Anstдndigkeit ьberzeugt zu sein. Es war eigenartig, wie sich alles verдndert hatte. Noch sechs Monate vorher, als die Anarchisten an der Regierung waren, galt man dann als anstдndig, wenn man wie ein Proletarier aussah. Auf dem Wege von Perpignan nach Cerberes hatte ein franzцsischer Kaufmann in meinem Eisenbahnwagen in vollem Ernst zu mir gesagt: »Sie mьssen nicht so, wie Sie aussehen, nach Spanien gehen. Legen Sie Ihren Kragen und Ihre Krawatte ab. In Barcelona wird man sie Ihnen abreiЯen.« Er ьbertrieb, aber seine Bemerkung illustrierte, wie man ьber Katalonien dachte. An der Grenze hatten die anarchistischen Wachtposten einen vornehm gekleideten Franzosen und seine Frau zurьckgeschickt. Ich vermute, sie taten es nur deshalb, weil sie zu bьrgerlich aussahen. Jetzt war es genau umgekehrt; bьrgerlich auszusehen war die einzige Rettung. Im Passbьro prьften sie, ob wir im Verzeichnis der Verdдchtigen standen, aber dank der Nachlдssigkeit der Polizei waren unsere Namen dort nicht vermerkt, nicht einmal der von McNair. Man durchsuchte uns von Kopf bis FuЯ, aber wir besaЯen auЯer meinen Entlassungspapieren nichts, was uns in Verdacht bringen konnte. Die Carabineros, die mich durchsuchten, wussten aber nicht, dass die 29. Division zur P.O.U.M. gehцrte. So entwischten wir durch den Schlagbaum, und nach sechs Monaten war ich wieder auf franzцsischem Boden. Meine einzigen Souvenirs aus Spanien waren eine Wasserflasche aus Ziegenfell und eine der winzigen Eisenlampen, in denen die Bauern in Aragonien ihr Olivenцl brennen. Diese Lampen haben fast die gleiche Form wie die kleinen Terrakottalampen, die die Rцmer vor zweitausend Jahren benutzten. Ich hatte sie in einer zerstцrten Hьtte gefunden, und sie war in meinem Gepдck geblieben.

SchlieЯlich stellte sich aber heraus, dass wir keine Minute zu frьh entkommen waren. Im ersten Zeitungsblatt, das wir in die Hдnde bekamen, lasen wir, dass McNair wegen Spionage verhaftet worden sei. Die spanischen Behцrden hatten diese Verhaftung ein wenig zu frьh angekьndigt. Glьcklicherweise lдsst sich >Trotzkismus< nicht ausliefern.

Ich frage mich, was wohl angemessen ist, wenn man aus einem Land, in dem Krieg herrscht, kommt und seinen FuЯ auf friedlichen Boden setzt. Ich rannte damals zum nдchsten Tabakladen und kaufte so viel Tabak und Zigaretten, wie ich in meine Taschen stopfen konnte. Dann gingen wir alle an ein Bьfett und tranken eine Tasse Tee, den ersten Tee mit frischer Milch, den wir seit Monaten bekommen hatten. Es dauerte einige Tage, ehe ich mich daran gewцhnt hatte, dass ich meine Zigaretten kaufen konnte, wann ich wollte. Ich erwartete immer noch, die Tьr des Tabakladens verschlossen zu finden und ein Schild mit der Ankьndigung »No hay tobaco« im Fenster zu sehen.

McNair und Cottman gingen nach Paris, meine Frau und ich verlieЯen den Zug in Banyuls, der ersten Station an der Bahnlinie. Wir hatten das Gefьhl, dass wir uns ein bisschen erholen sollten. Wir wurden nicht gerade sehr freundlich empfangen, als man Banyuls erfuhr, wir kдmen aus Barcelona. Ich wurde hдufig in das gleiche Gesprдch verwickelt: »Sie kommen aus Spanien? Auf welcher Seite haben Sie gekдmpft? Der Regierung? Oh!« — und dann kam eine spьrbare Kьhle. Die kleinste Stadt schien vцllig fьr Franco eingenommen zu sein, zweifellos wegen der vielen spanischen faschistischen Flьchtlinge, die hier von Zeit zu Zeit ankamen. Der Kellner des Cafes, in das ich ging, war ein mit Franco sympathisierender Spanier und sah mich verдchtlich an, als er mir einen Aperitif brachte. In Perpignan war es anders. Diese Stadt steckte voller Parteigдnger der Regierung, und dort bekдmpften sich die verschiedenen Gruppen fast genauso heftig wie in Barcelona. Dort gab es ein Cafй, wo das Wort P.O.U.M. die Freundschaft zu den Franzosen anknьpfte und ein Lдcheln der Kellner hervorrief.

Ich glaube, wir blieben drei Tage in Banyuls. Es war eine eigentьmlich unruhige Zeit. Wir hдtten uns eigentlich in diesem ruhigen Fischerstдdtchen vollstдndig erleichtert und dankbar fьhlen sollen, da wir so weit von den Handgranaten entfernt waren, von den Maschinengewehren, den um Lebensmittel Schlange stehenden Leuten, der Propaganda und den Intrigen. Aber wir fьhlten nichts dergleichen. Was wir in Spanien gesehen hatten, fiel jetzt, nachdem wir uns davon gelцst hatten, nicht zurьck und verlor keinesfalls an Bedeutung. Die Erinnerung daran stьrzte vielmehr erst recht auf uns ein und war viel lebhafter als vorher. Ununterbrochen dachten, sprachen und trдumten wir von Spanien. Vorher hatten wir uns monatelang gesagt, dass wir an die Mittelmeerkьste gehen, uns ausruhen und vielleicht ein wenig fischen wьrden, »wenn wir aus Spanien hinauskommen«. Nachdem wir aber jetzt hier waren, empfanden wir nur Langeweile und Enttдuschung. Das Wetter war kьhl, vom Meer blies ein stдndiger Wind, das Wasser war bewegt und glanzlos, am Hafenrand schwappten Asche, Korken und Fischeingeweide gegen die Steine. Es mag wahnsinnig klingen aber wir wдren am liebsten wieder in Spanien gewesen. Obwohl es niemand genutzt, ja sogar ernsten Schaden angerichtet hдtte, wьnschten wir uns beide, mit den anderen im Gefдngnis zu sein.

Ich vermute, dass es mir nicht gelungen ist, mehr als eine Spur davon zu vermitteln, was diese Monate in Spanien fьr mich bedeuteten. Ich habe einige дuЯere Ereignisse berichtet, aber ich kann nicht die Gefьhle wiedergeben, die sie in mir hinterlassen haben. Sie vermischen sich unzertrennbar mit Erscheinungen, Gerьchen und Gerдuschen, die man nicht mit Worten ausdrьcken kann: der Geruch der Schьtzengrдben, die Morgendдmmerung in den Bergen, die sich in einer unfassbaren Entfernung verloren, das frostige Krachen der Kugeln, das Donnern und Blitzen der Handgranaten; das klare, kalte Licht der Morgenstunden in Barcelona, das Stampfen der Stiefel auf dem Kasernenhof, damals die Schlangen der Leute, die nach Lebensmitteln anstanden, die rot-schwarzen Fahnen und die Gesichter der spanischen Milizleute; vor allem die Gesichter der Milizleute, es waren Menschen, mit denen ich an der Front zusammen gewesen war und die nun Gott weiЯ wohin verstreut worden waren, einige waren in der Schlacht gefallen, einige zum Krьppel geschossen, einige im Gefдngnis; die meisten aber, hoffe ich, sind noch in Sicherheit und gesund. Ich wьnsche ihnen allen viel Glьck. Ich hoffe, dass sie den Krieg gewinnen werden und alle Auslдnder, ob Deutsche, Russen oder Italiener, aus Spanien vertreiben. Dieser Krieg, in dem ich eine so wirkungslose Rolle spielte, hat vor allem schlechte Erinnerungen in mir hinterlassen, und doch wьrde ich es bedauern, nicht daran teilgenommen zu haben. Wenn man nur einen Blick auf eine derartige Katastrophe geworfen hat, muss das Ergebnis nicht notwendigerweise Enttдuschung oder Zynismus sein. Wie auch der spanische Krieg enden mag, er wird sich jedenfalls als eine entsetzliche Katastrophe erweisen, ganz abgesehen von dem Gemetzel und den kцrperlichen Leiden. Seltsamerweise hat das ganze Erlebnis meinen Glauben an die Anstдndigkeit menschlicher Wesen nicht vermindert, sondern vermehrt. Ich hoffe deshalb, dass mein Bericht nicht zu irrefьhrend ist. Ich nehme an, dass in einer derartigen Angelegenheit niemand vollstдndig wahrhaftig ist oder sein kann. Man weiЯ nichts mit Sicherheit, auЯer dem, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Bewusst oder unbewusst schreibt jeder voreingenommen und nimmt Partei. Wenn ich es in diesem Buch nicht schon vorher gesagt habe, mцchte ich es jetzt aussprechen: Der Leser hьte sich vor meiner lebhaften Parteinahme, meinen Fehlern in der Darstellung der Fakten und der Verzerrung, die unausweichlich dadurch verursacht wird, dass ich nur eine Ecke des Geschehens gesehen habe. Der Leser sollte sich vor genau den gleichen Fehlern hьten, wenn er einen anderen Bericht ьber diesen Abschnitt des spanischen Krieges liest.

Wir verlieЯen Banyuls frьher, als wir beabsichtigt hatten, in dem Gefьhl, dass wir etwas tun sollten und es doch tatsдchlich nichts gab, was wir tun konnten. Mit jedem Kilometer, den wir weiter nach Norden fuhren, wurde Frankreich grьner und sanfter. Weg von Berg und Rebe, zurьck zu Wiese und Ulme. Als ich auf dem Weg nach Spanien durch Paris gekommen war, war es mir verfallen und dьster erschienen, ganz anders als das Paris, das ich acht Jahre vorher gekannt hatte, als das Leben noch billig war und man noch nichts von Hitler gehцrt hatte. Die Hдlfte aller mir bekannten Cafes hatte wegen Kundenmangels geschlossen, und jeder wurde geplagt von den hohen Lebenshaltungskosten und der Kriegsfurcht. Jetzt aber, nach der Armut Spaniens, erschien mir selbst Paris lustig und wohlhabend. Auch die Weltausstellung lief auf vollen Touren, trotzdem vermieden wir es, sie zu besuchen.

Dann kamen wir nach England — Sьdengland, das wahrscheinlich die einlullendste Landschaft der Welt ist. Wenn man diese Reise macht, ist es schwer zu glauben, dass ьberhaupt irgendwo etwas geschieht, besonders wenn man sich gerade mit den Plьschkissen im Eisenbahnwagen des Schiffszuges unter dem Hintern friedlich von der Seekrankheit erholt. Erdbeben in Japan, Hungersnцte in China, Revolution in Mexiko? Mach dir keine Sorgen, morgen frьh wird die Milch auf der Tьrschwelle stehen, und am Freitag wird der New Statesman herauskommen. Die Industriestдdte lagen weit weg, ein Schmutzfleck aus Qualm und Elend, der von der Rundung der Erdoberflдche verborgen wurde. Hier unten gab es immer noch das England, das ich in meiner Kindheit gekannt hatte: die Durchstiche der Eisenbahnlinie, die durch wilde Blumen verschцnert wurden, die weitlдufigen Weiden, auf denen groЯe, glдnzende Pferde grasen und meditieren, die langsam flieЯenden Bдche, die von Weiden gesдumt sind, die ьppigen grьnen Kronen der Ulmen, der Rittersporn in den Gдrten; dann die riesige, friedliche Wildnis am Rande von London, die Kдhne auf dem schmutzigen Fluss, die altgewohnten StraЯen, die Plakate mit den Ankьndigungen von Kricketspielen und kцniglichen Hochzeiten, die Mдnner mit ihren >Melonen<, die Tauben auf dem Trafalgar Square, die roten Autobusse, die blauen Polizisten — sie alle schliefen den tiefen, tiefen Schlaf Englands. Ich fьrchte, wir werden nie daraus erwachen, ehe uns nicht das Krachen von Bomben daraus erweckt.

1938

THE END

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Translated from English (?):
© xxxx Unknown

____BD____
GEORGE ORWELL: “HOMAGE TO CATALONIA”: A NOVEL
First published by Secker and Warburg, GB, London, in April 25, 1938.
____
GEORGE ORWELL: »MEIN KATALONIEN«: A NOVEL
Translation: Unknown
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Formatted by: O. Dag
E-mail: dag@orwell.ru
URL: http://orwell.ru/library/novels/Homage_to_Catalonia/
Last modified: 2015-09-24


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